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Göttliche Komödie

Dante: Göttliche Komödie - Kapitel 83
Quellenangabe
typeepos
authorDante
titleGöttliche Komödie
publisherPeter J. Oestergaard Verlag Berlin-Schöneberg
translatorPhilalethes
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070109
projectid10a64f4f
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Fünfzehnter Gesang

Der gute Wille, der in jener Liebe
Sich immer zeigt, die rechterweise wehet;
Gleichwie Begehrlichkeit in der verderbten,
Stillschweigen hat er jener süßen Lyra
Geboten und gestillt die heil'gen Saiten,
Die da des Himmels Rechte spannt und nachläßt.
Wie würden taub wohl für gerechte Bitten
Die Wesen sein, die bloß, mir Lust zu geben,
Daß ich sie bitt' einträchtiglich geschwiegen?
Wohl ist es recht, daß der ohn' Ende leide,
Der einem Ding zu Liebe, welches ewig
Nicht dauert, jener Liebe sich entäußert.
Wie durch die Klarheit reiner stiller Nächte
Von Zeit zu Zeit ein plötzlich Feuer hinläuft,
Das Auge, das erst sicher stand, bewegend,
Und einem Sterne gleicht, der Stätte wechselt,
Nur daß am Ort, dran es entglommen, keiner
Verlorengeht, und selbst es kurz nur dauert;
Also vom Horne, das sich recht erstrecket,
Lief aus dem Sternbild, welches hier erglänzet,
Ein Stern hin zu dem Fuße jenes Kreuzes;
Und nicht vom Bande trennte der Juwel sich,
Nein, durch den Radiusstreif querüber laufend,
Glich einer Flamm' er hinter Alabaster.
So liebreich bot sich dar Anchises' Schatten,
Wenn Glauben heischt die größte unsrer Musen,
Als im Elysium er des Sohns gewahr ward.
»O sanguis meus, o super infusa
Gratia Dei, sicut tibi, cui

Bis unquam coeli janua reclusa?«»O du, mein Blut, o du über dasselbe ergossene göttliche Gnade, wem
ward jemals, wie dir, die Pforte des Himmels zweimal geöffnet?«
So jenes Licht; drob ich auf solches merkte.
Drauf, wieder meiner Herrin zugewendet
Den Blick, ergriff so hier als dort mich Staunen;
Denn solch ein Lächeln glüht' in ihren Augen,
Daß meiner Gnad' ich, meines Paradieses
Grund mit den meinen zu berühren glaubte.
Darauf zu hören und zu schaun erfreulich,
Der Geist zu seinem Anfang Dinge fügte,
Die ich nicht faßte, so tiefsinnig sprach er.
Und nicht aus freier Wahl verbarg er mir sich,
Nein, aus Notwendigkeit, weil sein Gedanke
Jenseils der Grenze Sterblicher sich aufschwang.
Doch als der Bogen sich der glüh'nden Liebe
So weit entleeret, daß sein Wort herabstieg
Bis nach dem Markstein unsres Intellektes,
Da war das erste Ding, das ich verstanden:
»Gebenedeiet seist du, drei und einer,
Der du so gütig warst für meinen Samen.«
Drauf fuhr er fort: »Ein Sehnen lang und wonnig,
Geschöpft im Lesen aus dem größten Buche,
In dem sich Weißes nie, noch Schwarzes ändert,
Hast du gelöst, o Sohn, in jenem Lichte,
In dem ich mit dir spreche, Dank sei's jener,
Die dich zum hehren Fluge hat beschwinget.
Du glaubst, daß dein Gedanke zu mir komme
Vom Urgedanken, gleichwie von der Einheit,
Wenn man sie kennt, die fünf und sechs entstrahlet.
Drum, wer ich sei, nicht fragst du, noch warum ich
Mich freudiger dir zeig' als irgendeiner
Der anderen aus diesen heitern Scharen.
Du glaubest recht, denn Größre schaun und Kleinre
Aus diesem Leben in den Spiegel, drin sich,
Eh' du ihn denkst, enthüllet dein Gedanke.
Doch daß die heil'ge Lieb, in der ich wache
Mit ew'gem Schaun, und die mit süßen Sehnens
Durst mich erfüllt, befriedigt besser werde,
So spreche deine Stimme kühn und sicher
Und freudig aus den Willen, sprech' den Wunsch aus,
Darauf beschlossen schon ist meine Antwort.«
Ich wandte zu Beatrix mich, die, hörend,
Bevor ich sprach, zulächelt' einen Wink mir,
Drob meinem Willen noch die Schwingen wuchsen;
Drauf ich begann: ›Empfindung und Verständnis,
Seit euch die erste Gleichheit ist erschienen,
Sind jeglichem aus euch im Gleichgewichte;
Denn in der Sonne, die durch Licht und Wärm' euch
Erleuchtet und entzündet, sind so gleich sie,
Daß jede Ähnlichkeit dagegen karg ist.
Doch in dem Sterblichen sind Wunsch und Einsicht,
Ob eines Grundes, der euch wohlbekannt ist,
Verschiedentlich befiedert an den Schwingen.
Drum ich, der sterblich bin, mich fühl' in dieser
Ungleichheit, und daher nur mit dem Herzen
Dank sage für die väterliche Feier.
Doch fleh' ich dich, lebendiger Topas, an,
Von dem dies kostbare Geschmeide funkelt,
Daß du mit deinem Namen mich befriedigst.‹
»O du, mein Laub, an dem ich Wohlgefallen
Im Harren fand schon, deine Wurzel war ich.«
Solch einen Anfang macht' er seiner Antwort.
Dann sprach er: »Der, nach dem sich nennet deine
Verwandtschaft, und der hundert Jahr' und drüber
Den Berg umkreist hat auf dem ersten Simse,
Er war mein Sohn, und war dein Ältervater.
Wohl ziemt es sich, daß du die lange Mühe
Abkürzen ihm durch deine Werke mögest.
Florenz, im Umkreis seiner alten Mauern,
Von denen Terz und Non' annoch es hernimmt,
War keusch und mäßig damals, und im Frieden.
Noch keine Kettlein gab es, keine Kronen,
Nicht Frauen mit Sandalen, noch auch Gürtel,
Dran mehr als an der Trägerin zu sehn war.
Nicht machte, kaum geboren, schon dem Vater
Die Tochter Sorge, daß nicht Zeit und Mitgift
Sich hier und dort vom Maß entfernen möchten.
Noch gab's nicht Häuser, leer von Hausgenossen,
Noch war Sardanapalus nicht gekommen,
Zu zeigen, was in Kammern man vermöge.
Besiegt war Montemalo noch von eurem
Uccelatojo nicht, der, wie im Steigen
Er's ward, besiegt auch wird im Sinken werden.
Bellincion Berti sah ich gehn umgürtet
Mit Bein und Leder, und vom Spiegel kommen
Sein Weib mit ungeschminktem Angesichte;
Ich sah den von den Nerli, den von Vecchio
Sich mit dem unbedeckten Fell begnügen,
Und ihre Frauen mit dem Knaul und Spinnrad.
O Glückliche! und ihrer Grabesstätte
War jegliche gewiß, und noch war keine
Im Ehebett verwaist um Frankreichs willen.
Die eine wachte sorglich an der Wiege
Und brauchte, lullend, jene Redeweise,
An der zuerst sich Väter freun und Mütter;
Die andere, den Faden zieh'nd am Rocken,
Erzählte Märchen, in der Ihr'gen Mitte,
Von Rom und Fiesole, und den Trojanern.
Für solch ein Wunder hätte da gegolten
Eine Cianghell', ein Lapo Salterello,
Als jetzt Cornelia gilt und Cincinnatus,
So ungestörtem, schönem Bürgerleben,
So trauter Bürgerschaft und solcher süßen
Herberge hat Maria mich geschenket,
Da sie mit lautem Schrein ward angerufen,
Und dort in eurem alten Baptisterium
Ward ich ein Christ zugleich und Cacciaguida.
Moront' und Elisäus waren Brüder
Mir; aus dem Po-Tal kam mir meine Gattin,
Woher dann dein Zuname ist entstanden.
Dem Kaiser Konrad folgt' ich dann, und dieser
Umgürtete mich als sein Kriegsgefolge;
So sehr ward er mir hold ob meines Rechttuns.
Ich zog ihm nach, entgegen der Verruchtheit
Desjenigen Gesetzes, desen Anhang
Durch Schuld des Hirten euer Recht sich anmaßt.
Alldort ward ich durch solches schnödes Volk dann
Von jener trügerischen Welt gelöset,
Die durch ihr Lieben manche Seel' entadelt,
Und kam vom Märtyrium zu diesem Frieden.«

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