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Göttliche Komödie

Dante: Göttliche Komödie - Kapitel 81
Quellenangabe
typeepos
authorDante
titleGöttliche Komödie
publisherPeter J. Oestergaard Verlag Berlin-Schöneberg
translatorPhilalethes
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070109
projectid10a64f4f
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Dreizehnter Gesang

Vorstellen möge sich, wer recht zu fassen
Wünscht was ich jetzt gesehn, das Bild bewahrend,
Gleich einem festen Fels, indes ich spreche,
Fünfzehn der Sterne, die verschiedne Teile
Des Himmels mit so heiterm Licht beleben,
Daß jede Luftverdichtung sie besiegen;
Vorstellen mög' er dann sich jenen Karren,
Dem Nacht und Tag der Schoß gnügt unsres Himmels.
So daß nie müd' er wird, zu drehn die Deichsel;
Vorstellen mög' er sich des Hornes Mündung,
Das an dem Endpunkt anfängt jener Achse,
Darum der erste Umschwung sich beweget,
Und daß aus sich zwei Zeichen sie gebildet
Am Himmel, jenem gleich, daß Minos' Tochter
Gebildet, als des Todes Frost sie fühlte,
Und eins im andern seine Radien hätte,
Und beide sich in solcher Weise drehten,
Daß eines vorwärts ging, das andre rückwärts;
Und einen Schatten wird er von dem wahren
Sternbild und von dem Doppelreigen haben,
Der jenen Punkt, auf dem ich stand, umkreiste;
Denn um so viel besiegt er unsre Sitte,
So viel der Chiana Lauf wird übertroffen
Vom Himmel, der am schnellsten läuft vor allen.
Nicht Bacchus, nicht Päan, nein, drei Personen
In göttlicher Natur, klang's und in einer
Person sie und die menschliche vereinet.
Sein Maß vollendet hatte Sang und Reigen,
Und nach uns wandten sich die heil'gen Lichter,
Vor Sorge sich beseligend zu Sorge.
Das Schweigen brach einträcht'ger Götterwesen
Das Licht drauf, drin das wunderbare Leben
Des Armen Gottes mir berichtet worden,
Und sprach: »Wenn schon ein Stroh gedroschen, wenn schon
Sein Same aufbewahrt ist, ladet ein mich
Das andere zu schlagen süße Liebe.
Du glaubst, daß in die Brust, daraus die Rippe
Man nahm, die schöne Wange draus zu bilden,
Die durch den Gaum so viel der Welt gekostet,
Und in die, so, durchbohret von der Lanze,
Nachher und auch vorher so viel genug tat,
Daß sie von jeder Schuld aufwägt die Schale,
Was nur die menschliche Natur zu haben
An Licht ist fähig, eingeflößt sei worden
Von jener Kraft, die beide sie geschaffen,
Und staunst ob des drum, was ich droben sagte,
Als ich erwähnet, daß kein zweites hätte
Das Gut, das in dem fünften Licht umschlossen.
Auf meine Antwort schau' jetzt, so wirst sehn du
Dein Glauben und mein Reden in der Wahrheit,
Gleichwie der Kreis im Mittelpunkt, sich einend.
Das, was nicht sterben kann, und das, was sterblich,
Ist nur gleichwie der Widerglanz von jener
Idee, die liebend unser Herrscher zeuget;
Denn das lebend'ge Licht, das da hervorgeht
Von seinem Leuchtenden, von ihm enteint nie,
Noch von der Liebe, die das Dritt' in ihnen,
Vereiniget durch seine Güte, gleichsam
Sich spiegelnd, sein Gestrahl in neun Substanzen,
In alle Ewigkeit doch eins verbleibend.
Von hier steigt's zu den letzten Möglichkeiten
Herab, von Akt zu Akt, so tief sich senkend,
Daß es nur schafft zufäll'ge kurze Dinge;
Und unter solcherlei Zufälligkeiten
Versteh' ich das Erzeugnis, das des Himmels
Umschwung hervorbringt mit und ohne Samen.
Sein Stoff und wer ihn führet sind nicht immer
Die gleichen, drum erglänzet solches unterm
Marksteine der Idee bald mehr, bald minder;
Daher geschieht es, daß dieselbe Pflanze
Der Art nach bessre bald, bald schlechtre Frucht trägt,
Und ihr auch mit verschiednem Geist zur Welt kommt.
Wär' stets der Stoff zum rechten Punkt gediehen,
Und stets in seiner höchsten Kraft der Himmel,
So würde ganz des Siegels Licht erscheinen;
Doch immer mangelhaft gibt's die Natur nur,
Dem Künstler ähnlich handelnd, der die Übung
Der Kunst noch hat, indes die Hand ihm zittert.
Wo warme Liebe drum, wo klares Schauen
Der ersten Kraft befähiget und ausprägt,
Wird jegliche Vollkommenheit erworben.
Auf solche Weise ward die Erd' einst würdig
Der ganzen animalischen Vollendung,
Auf solche Weise ward die Jungfrau schwanger,
So daß ich billigen muß deine Meinung,
Daß nimmer so die menschliche Natur war,
Noch sein wird wie in diesen zwei Personen.
Jetzt wenn ich weiter hier nicht vorwärts schritte,
Wie denn ist sondergleichen der gewesen?
Also beginnen würden deine Worte;
Doch daß dir deutlich sei, was dir nicht deutlich,
Denk', wer er war, und welch ein Grund ihn antrieb,
Zu fordern, als ihm ward gesagt: ›Begehre!‹
Ich sprach nicht so, daß du nicht konnt'st ersehen,
Daß er ein König war, der Einsicht heischte,
Damit er ein vollkommner König würde;
Nicht um zu wissen, welche Zahl Beweger
Die obre Welt hier hat, noch ob Notwend'ges
Mit Möglichem Notwendiges je gebe,
Non si est dare primum motum esse;
Noch ob im halben Kreise man beschreiben
Ein Dreieck kann, das keinen Rechten habe.
Drum merkst du dies, und was ich sprach, so wirst du,
Im Schaun, das sondergleichen, königliche
Klugheit ersehn, drauf meiner Meinung Pfeil trifft.
Und wenn du aufs ›Erhob‹ mit klarem Blick schaust,
Wirst sehn du, daß es nur sich auf die Kön'ge
Bezieht, die zahlreich und die Guten selten.
Mit diesem Unterschiede nimm mein Wort auf,
Und so kann's wohlbestehn mit deinem Glauben
Vom ersten Vater und von unsrer Wonne.
Und dies sei immer Blei dir an den Füßen,
Dich langsam zu bewegen wie ein Müder,
Zu Ja und Nein, das du nicht kannst erschauen;
Denn unter Toren steht der wohl am tiefsten,
Der ohne Unterschied bejaht und leugnet,
So bei dem einen als dem andern Schritte;
Denn es geschieht, daß sich die rasche Meinung
Gar öfters nach der falschen Seite wendet,
Und dann den Intellekt die Neigung bindet.
Mehr als umsonst entfernt sich vom Gestade,
Da er nicht wiederkehrt, wie er gegangen,
Wer nach der Wahrheit fischt und nicht die Kunst hat.
Des sind auf Erden offene Beweise
Parmenides, Bryson, Meliß und viele,
Die gehend nicht gewußt, wohin sie gingen.
So tat Sabell, Arius nebst den Toren,
Die Schwertern gleich den heil'gen Schriften waren,
Indem ihr klares Antlitz sie verwirret.
Und jetzt auch mög' im Richten allzu sicher
Das Volk nicht sein, wie jener, der die Früchte
Abschätzet auf dem Feld, bevor sie reif sind;
Den Dornstrauch sah ich, der den ganzen Winter
Hindurch sich starr und wild gezeiget hatte,
Dann doch die Ros' auf seinem Gipfel tragen;
Und manches Schiff sah ich, das grad und eilig
Das Meer durchlief auf seinem ganzen Wege,
Zuletzt umkommen bei des Hafens Eingang.
Nicht glaube Meister Martin und Frau Berta,
Weil sie den stehlen sieht, den Opfer bringen,
Sie innerhalb des ew'gen Rats zu schauen;
Denn der kann steigen und der andre fallen.«

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