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Göttliche Komödie

Dante: Göttliche Komödie - Kapitel 72
Quellenangabe
typeepos
authorDante
titleGöttliche Komödie
publisherPeter J. Oestergaard Verlag Berlin-Schöneberg
translatorPhilalethes
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070109
projectid10a64f4f
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Vierter Gesang

Im Mittel zweier Speisen, gleich bewegend
Und gleich entfernt, stürb' Hungers eh' der freie
Mensch, als daß ein' er sich zum Munde führte.
So blieb' ein Lamm stehn zwischen zweier Wölfe
Grausamer Gier, gleichmäßig beide fürchtend;
Ein Hund so zwischen zweien Damhirschkühen.
Drum, wenn, von meinen Zweifeln gleicherweise
Gedrängt, ich schwieg, mag ich mich drob nicht schelten,
Noch preisen, da's Notwendigkeit so heischte.
Ich schwieg, allein im Angesicht gemalet
Trug meinen Wunsch ich und mit ihm das Fragen,
Viel glühender als durch die laute Rede.
Beatrix tat, wie Daniel getan hat,
Nabuchodonosor den Zorn zu stillen,
Der ungerechterweis' ihn grausam machte,
Und sprach: »Wohl seh' ich, wie dich nach sich ziehet
So der wie jener Wunsch, drob dein Bedürfen,
Sich selber bindend, nicht heraus kann wehen.
Du denkst so: wenn der gute Wille dauert,
Aus welchem Grund kann anderer Gewalttat
Das Maß mir des Verdienstes dann vermindern?
Auch gibt zum Zweifeln Stoff dir, daß es scheinet,
Als ob im Einklang mit der Meinung Plato's
Zurück die Seelen zu den Sternen kehrten.
Dies sind die beiden Fragen, die dein Wollen
Gleichmäßig drängen; drum will ich erst von jener
Ich handeln, die am meisten hat des Herben.
Der Seraphim selbst, der zumeist in Gott lebt,
Samuel, Moyses, und wen du von beiden
Johannes wählst, ja, auch Maria, sag' ich,
Sie thronten nicht in einem andern Himmel,
Als diese Geister, die dir jüngst erschienen,
Noch hat mehr oder wen'ger Jahr' ihr Weilen.
Nein, alle schmücken sie den ersten Umkreis
Und haben unterschiedlich süßes Leben,
Den ew'gen Hauch mehr oder minder fühlend.
Hier zeigten sie sich, nicht weil diese Sphäre
Für sie beschieden ward, nein, als ein Zeichen
Des weniger gestiegnen Himmelslebens.
So muß zu euerem Verstand man sprechen,
Weil nur vom Sinnlichen er kann entnehmen,
Was er dann würdig macht des Intellektes.
Deshalb läßt sich zu euern Fähigkeiten
Die Schrift herab, und schreibet Füß' und Hände
Gott zu und meint dabei doch etwas andres;
Die heil'ge Kirch' auch stellt mit Menschenantlitz
Euch Michael und Gabriel vor Augen
Und jenen, der Tobias wieder heilte.
Das, was Timäus in betreff der Seelen
Behauptet, ist nicht gleich dem, was man hier sieht,
Weil er's zu meinen scheint, wie er's gesprochen.
Zu ihrem Stern, sagt er, kehr' heim die Seele,
Und glaubt, von ihm sei abgetrennt sie worden,
Als die Natur zur Form sie hat gegeben;
Allein vielleicht ist anders seine Meinung
Beschaffen, als das Wort klingt, und wohl könnte
Sein Sinn so sein, daß er nicht zu belächeln.
Meint er, es kehre zu den Sternen ihres
Einflusses Ehr' und Tadel heim, so möchte
In etwas Wahres wohl sein Bogen treffen.
Dies mißverstandene Prinzip verführte
Einst schier die ganze Welt, daß sie dahin kam,
Mars, Jupiter, Merkurius zu vergöttern.
Der andere Zweifel, welcher dich beweget,
Hat mindres Gift in sich, weil seine Bosheit
Dich nicht aus meiner Näh' entführen könnte;
Daß Unrecht in der Menschen Augen unsre
Gerechtigkeit erscheinet, ist zum Glauben
Auffordrung, nicht zu ketz'rischer Verruchtheit.
Allein weil eure Fassungskraft in diese
Wahrheit gar wohl vermag hineinzudringen,
Will ich, wie du es wünschest, dich befried'gen.
Wenn das Gewalt ist, wenn, der sie erduldet,
In keinem Stück dem mitwirkt, der Gewalt übt,
So sind durch sie nicht schuldfrei diese Seelen;
Denn nicht löscht man, wenn er nicht will, den Willen,
Nein, dem Naturtrieb tut er's gleich des Feuers,
Ob tausendmal Gewalt ihn ab auch lenke;
Drum, wenn er nachgibt, sei's viel oder wenig,
So folgt er der Gewalt, und so auch diese,
Da sie zum heil'gen Ort heimkehren konnten.
Wenn unversehrt ihr Wollen war' gewesen,
Wie das, was Lorenz festhielt auf dem Roste,
Und Strenge gab für seine Hand dem Mucius,
So hätte sie's, sobald sie frei, des Weges
Zurückgetrieben, drauf entführt sie worden;
Doch ein so sichrer Will' ist allzuselten.
Durch diese Worte, wenn du, wie sich's ziemet,
Sie aufnahmst, ist vernichtet das Bedenken,
Das öfters wohl dich noch belästigt hätte.
Doch jetzt sperrt dir den Weg ein andrer Engpaß
Vor deinen Augen, so daß durch dich selber
Du nicht herauskäm'st; eh' würd'st du ermüden.
Ich hab' als sicher dir ins Haupt befestigt,
Daß nimmermehr ein sel'ger Geist kann lügen,
Weil er der ersten Wahrheit immer nah' ist;
Und von Piccarda konntest dann du hören,
Daß Liebe zu dem Schlei'r bewahrt Konstanze,
So daß sie mir hier scheint zu widersprechen.
Gar öfters schon, o Bruder, ist's geschehen,
Daß, um Gefahr zu meiden, wenn auch ungern,
Man das getan, was sich zu tun nicht ziemte;
So wie Alkmäon, der, darum gebeten,
Vom Vater, tötete die eigne Mutter,
Um nicht unfromm zu sein, ruchlos geworden.
Dies ist der Punkt, den du durchdenken mögest.
Denn die Gewalt mischt sich dem Wollen also,
Daß unentschuldbar die Beleidigungen.
Der Will' an sich nicht willigt in das Übel,
Doch willigt insoweit er, als er fürchtet,
Durch Weigerung in größtes Leid zu fallen.
Darum, wenn also sich Piccarda ausdrückt,
Meint sie den Willen an sich selbst, ich aber
Den andern, so daß wahr zugleich wir sprechen.«
So war das Wallen jenes heil'gen Flusses,
Dem Quell, draus jede Wahrheit kommt, entspringend,
So setzt's in Frieden den und jenen Wunsch mir.
›0 Liebe des Urliebenden,‹ begann ich,
›O Göttliche, die so mich überströmet
Und wärmt, daß sie mich mehr und mehr belebet,
So tief ist mein Gefühl nicht, daß es gnüge,
Um Gabe dir für Gabe darzubringen;
Doch er, der sieht und kann, erfülle solches!
Wohl seh' ich ein, daß nie gesättigt unser
Verstand wird, wenn das Wahr' ihn nicht erleuchtet,
Aus dessen Umkreis keine Wahrheit schweifet.
Er ruht darin, gleichwie ein Wild im Dickicht,
Wie er's erreicht hat, und erreichen kann er's;
Sonst wäre fruchtlos ja jedwedes Wünschen.
Drum sprießt, dem Schößling gleich, am Fuß der Wahrheit
Der Zweifel auf, und unsere Natur ist's,
Die uns zum Gipfel treibt, von Höh' zu Höhe.
Dies fordert auf mich, dies gibt mir die Kühnheit,
Mit Ehrfurcht euch, o Herrin, zu befragen
Ob einer andern Wahrheit, die mir dunkel.
Gern wüßt' ich, ob man für verfehlt' Gelübde
Durch andres gute Werk so kann genug tun,
Daß es zu leicht nicht wieg' auf eurer Waage.‹
Beatrix blickte nach mir hin, mit Augen,
Von Liebesfunken angefüllt, so göttlich,
Daß ich, zu schwach an Kraft, mich rückwärts wandte
Und wie verloren stand, gesenkten Blickes.

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