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Göttliche Komödie

Dante: Göttliche Komödie - Kapitel 71
Quellenangabe
typeepos
authorDante
titleGöttliche Komödie
publisherPeter J. Oestergaard Verlag Berlin-Schöneberg
translatorPhilalethes
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070109
projectid10a64f4f
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Dritter Gesang

Die Sonne, die mein Herz mit Lieb' erst wärmte,
Sie hatte schöner Wahrheit holdes Antlitz
Mir durch Beweis enthüllt und Widerlegung;
Und ich, berichtiget und überzeuget
Mich zu bekennen, hob das Haupt, soweit es
Zu sprechen nötig war, empor es richtend.
Doch eine Vision erschien, die also
An sich mich fesselte, sie zu betrachten,
Daß meiner Beicht' ich jetzt nicht mehr gedachte
Wie aus durchscheinend hellem Glase oder
Aus einem Wasser, glatt und unbeweglich,
Das nicht so tief ist, daß der Grund entschwinde,
Der Umriß unsers Angesichts zurückkehrt
So schwach, daß eine Perl' auf weißer Stirne
Nicht minder früh erreichet unsre Augen;
So sah ich wortbereit mehr als ein Antlitz,
Drob ich in einen Wahn fiel, dem entgegen,
Der zwischen Mensch und Quell hat Lieb' entzündet
Alsbald, als jener ich gewahr geworden,
Für Spiegelbilder nur sie haltend, wandt' ich
Die Augen, um zu sehen, wer sie wären,
Und sah dort nichts und kehrte wieder vor sie,
Zum Licht der süßen Führerin sie richtend,
Die, lächelnd, glüht' in ihren heil'gen Augen.
»Verwundre dich nicht, wenn ich lächle,« sprach sie,
»Ob deines kind'schen Einfalls, da den Fuß er
Noch auf die Wahrheit nicht zu setzen waget,
Nein, du dich, wie du pflegst, nach Leerem wendest.
Was du erblickst, sind wirkliche Substanzen,
Hierher ob Mangels an Gelübd' versetzet.
Drum sprich mit ihnen, höre sie und glaube;
Denn das wahrhaft'ge Licht, das sie befriedigt,
Läßt nimmermehr den Fuß von sich sie kehren.«
Und ich zum Schatten, der zumeist begierig
Mit mir zu sprechen schien jetzt, hin mich wendend,
Begann, wie wen zu großer Wunsch durchbebet:
›O wohlerschaffner Geist, der du genießest
Die Süßigkeit am Strahl des ew'gen Lebens,
Die ungekostet nimmer wird begriffen;
Erfreulich wird mir's sein, wenn deinen Namen
Und euer Los du mir gewährst zu wissen.‹
Drauf jene willig und die Augen lächelnd:
»Gerechtem Wunsch wird nimmer unsre Liebe
Verriegelen das Tor, nicht mehr als jene,
Die ihren ganzen Hof sich ähnlich sehn will.
Ich war auf jener Welt einst Klosterjungfrau;
Und wenn dein Geist mich recht betrachtet, wird mich,
Daß ich jetzt schöner bin, dir nicht verbergen;
Nein, in mir wirst Piccarda du erkennen,
Die, weilend hier mit diesen andern Sel'gen,
Ist selig in der langsamsten der Sphären.
All' unsere Empfindungen, die einzig
Entflammt sind von der Lust des heil'gen Geistes,
Freun sich in Harmonie mit seiner Ordnung;
Und dieses Los, das so tief unten scheinet,
Ward uns gegeben, weil versäumet unser
Gelübd' und ungeübt in einem Punkt blieb.«
Drauf ich: ›In eurem wunderbaren Antlitz
Erglänzt, ich weiß nicht wie, ein göttlich Etwas,
Das euch verwandelt von dem frühern Eindruck.
Darum war ich nicht schnell, mich zu erinnern.
Allein jetzt hilft mir das, was du mir sagest,
So daß mir wird geläuf'ger das Erkennen.
Doch sage mir: Ihr, die ihr hier beglückt seid,
Begehrt ihr wohl nach einem höhern Orte,
Um mehr zu schaun und Freunde mehr zu werden?‹
Ein wenig lächelnd nebst den andern Schatten,
Antwortete sodann sie mir so freudig,
Als glühe sie von Lieb' im ersten Feuer:
»O Bruder, unsern Willen hält in Ruhe
Der Liebe Kraft, die nur, was wir besitzen,
Uns wollen läßt und nach nichts anderm dürsten.
Wenn wir uns sehnten, Höhere zu werden,
So wären unsre Wünsche nicht im Einklang
Mit dessen Willen, der uns hier gesondert,
Was, wie du siehst, nicht diese Kreise fassen,
Wenn's hier notwendig ist, zu sein in Liebe,
Und du auf ihre Wesenheit wohl achtest;
Nein, zu der Form des Seligseins gehört es,
Sich innerhalb des, was Gott will, zu halten,
So daß all unsre Willen einer werden.
Drum wie wir durch dies Reich von Grad zu Grad sind,
Gefällt's dem ganzen Reich und dessen König,
Der uns an seinem Wollen Lust läßt finden.
Und unser Friede ist sein Wille; er ist
Das Meer, zu dem sich alles hinbeweget,
Was er erschafft und was Natur hervorbringt.«
Da ward mir's klar, wie jede Stätt' im Himmel
Ist Paradies, wenn auch auf gleiche Weise
Des höchsten Gutes Gnade drauf nicht tauet.
Doch wie's geschieht, wenn, statt von einer Speise,
Man Lust annoch behält nach einer andern,
Daß diese man verlangt, für jene danket,
So macht' ich's jetzo durch Gebärd' und Worte,
Welch ein Geweb' es sei, von ihr zu hören,
Draus bis zu End' sie nicht das Schiff gezogen.
»Vollkommnes Leben, hehr Verdienst beseligt
Ein Weib mehr droben,« sprach sie, »dessen Norm nach
Man drunten Kleid und Schlei'r auf eurer Welt trägt,
Daß bis zum Tod man wachend weil' und schlafend
Beim Bräutigam, der kein Gelübd' verschmähet,
Das Lieb' im Einklang beut mit seinem Willen.
Ihr nachzufolgen, floh in jungen Jahren
Ich aus der Welt und hüllt' in ihr Gewand mich,
Zu ihres Ordens Wandel mich verpflichtend.
Doch Männer dann, an Böses mehr als Gutes
Gewöhnt, entrissen mich dem süßen Kloster;
Gott weiß es, wie mein Leben dann gewesen.
Und jener andre Glanz, der sich dir zeiget
Auf meiner rechten Seit' und mit der ganzen
Lichtfülle unsrer Sphäre sich entzündet,
Läßt, was von mir ich sprach, von sich auch gelten.
Auch sie war Nonn', und ihr auch ward vom Haupte
Der Schatten so geraubt der heil'gen Binde.
Doch, da sie zu der Welt gekehret worden,
So ihrem Wunsch als guter Sitt' entgegen,
Warf sie doch nie von sich des Herzens Schleier.
Die Lichtgestalt ist diese jener großen
Konstanze, die von Schwabens zweitem Sturmwind
Den dritten hat, die letzte Macht, geboren.«
So sprach zu mir sie und begann drauf »Ave
Maria«
zu singen, und im Singen schwand sie,
Gleichwie ein schweres Ding in tiefem Wasser.
Mein Auge, das, so lang' es ihm noch möglich,
Gefolgt ihr war, kehrt', als es sie verloren,
Zum Ziele sich des größeren Verlangens
Und wendete ganz hin sich nach Beatrix;
Doch diese blitzt' in das Gesicht mir also,
Daß es im Anfang nicht ertrug mein Auge,
Und dies ließ säumiger mich sein im Fragen.

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