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Göttliche Komödie

Dante: Göttliche Komödie - Kapitel 70
Quellenangabe
typeepos
authorDante
titleGöttliche Komödie
publisherPeter J. Oestergaard Verlag Berlin-Schöneberg
translatorPhilalethes
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070109
projectid10a64f4f
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Zweiter Gesang

O ihr, die ihr in einem kleinen Nachen
Voll Sehnsucht zuzuhören nachfolget
Seid meinem Schiff, das mit Gesang einherzieht,
Kehrt um, daß wieder euern Strand ihr sehet!
Begebt euch nicht aufs hohe Meer, ihr möchtet
Verirrt dort bleiben, wenn ihr mich verlöret!
Nie ward die Flut beschifft, die ich berühre;
Minerva weht, es führet mich Apollo,
Neun Musen zeigen mir der Bären Sterne.
Ihr andern wenigen, die ihr bei Zeiten
Den Hals gewendet habt zum Engelsbrote,
Davon man lebet hier, doch nimmer satt wird,
Wohl könnt ihr euch aufs weite Salzmeer wagen
Mit euerm Fahrzeug, dicht an meine Furche
Euch haltend, eh' die Flut sich wieder glättet.
Die Ruhmgekrönten, die nach Colchis zogen,
Sie staunten so nicht, wie ihr werdet staunen,
Da Jason sie als Ackersmann erblickten.
Das ewige und einerschaffne Dürsten
Nach dem gottförm'gen Reich trug uns von dannen
So rasch beinah', als ihr den Himmel sehet.
Beatrix schaut' empor, und ich nach ihr hin,
Und so in kurzer Frist wohl, als ein Bolzen
Ankommt und fliegt und von der Nuß sich löset,
Sah ich mich angelangt, wo Wunderbares
Auf sich den Blick mir zog; darum auch jene,
Vor der mein Sorgen nie verdeckt sein konnte,
So schön als heiter gegen mich gewendet,
Begann: »Richt' aufwärts dankerfüllt die Seele
Zu Gott, der uns dem ersten Stern vereint hat!«
Mir deucht', als ob uns eine Wolke decke,
Helleuchtend, dicht und fest und sonder Makel,
Wie ein Demant, getroffen von der Sonne.
In ihrem Innern nahm die ew'ge Perle
Uns auf, wie Wasser einen Strahl des Lichtes
Wohl aufnimmt, unzertrennet selbst verbleibend.
War Leib ich, und man faßt hier nicht, wie eine
Ausdehnung kann die andr' in sich ertragen,
Was sein doch muß, wenn Körper kreucht in Körper,
So sollte mehr sich unser Wunsch entzünden,
Die Wesenheit zu schaun, in der man siehet,
Wie unsere Natur und Gott vereint sind.
Dort schaun wir einst, was gläubig fest wir halten,
Nicht durch Beweis es, nein, an sich erkennend,
Nach Art des ersten Wahren, das der Mensch glaubt.
Ich drauf zu ihr: ›‹ 0 Herrin, so voll Andacht,
Als ich es nur vermag, bring' ihm ich Dank dar,
Der mich der Welt der Sterblichkeit entrückt hat.
Doch saget mir, was sind die dunklen Flecken
An diesem Körper, drob auf Erden drunten
Von Kain durch manche fabelnd wird gesprochen?‹
Ein wenig lächelnd erst, sprach dann zu mir sie:
»Wenn sich die Meinung Sterblicher verirret,
Dort, wo der Sinne Schlüssel nicht kann öffnen,
Darf, traun, dich der Verwundrung Pfeil nicht stacheln
Fortan, da, wie du siehst, selbst in der Sinne
Gefolg' so kurze Schwingen die Vernunft hat.
Doch sprich, was von dir selbst du drüber denkest!«
Und ich: ›Was uns dort unten scheint verschieden,
Glaub' ich, entsteht, weil dünn und dicht die Körper.‹
Und sie: »Gewiß wirst du als falsch dein Dünken
Zugrunde gehn sehn, horchest du der Folge
Von Schlüssen recht, die ich entgegenstelle.
Die achte Sphäre zeigt euch viele Lichter,
An denen man verschiedentlich Erscheinen
Im Wie sowohl als im Wieviel gewahret.
Wenn dicht und dünn ausschließlich dies bewirkte,
So wär' nur eine Kraft allein in allen
Mehr oder minder demgemäß verteilet.
Verschiedne Kräfte müssen Frucht formaler
Ursachen sein, und, bis auf eine, würden
In Wegfall die nach deiner Ansicht kommen.
Noch mehr, wenn Dünnsein jenes Dunkels Ursach',
Nach der du fragst, so müßt' entweder dieser
Planet teilweise durch und durch so spärlich
Am Stoff sein, oder, wie in einem Körper
Sich Fett und Mager teilen, so derselbe
In seinem Buche mit den Blättern wechseln.
Das erstre müßte sich bei Finsternissen
Der Sonne zeigen, weil durchschimmern würde
Das Licht, wie wenn sonst Dünnes eingesprengt ist.
Dies ist der Fall nicht; drum laßt nach dem andern
Uns sehn, und wenn's geschieht, daß ich's vernichte,
So ist als falsch bewiesen deine Meinung.
Wenn's nun gewiß, daß nicht das Dünne durchdringt,
Muß eine Grenz' es geben wohl, von wo an
Sein Gegenteil es durchzugehen hindert,
Und von woher sich drum zurückergießet
Der Strahl, gleichwie die Farbe aus dem Glase
Heimkehrt, das hinter sich hält Blei verborgen.
Jetzt wirst du sagen, dunkeler erscheine
Allhier der Strahl als an den andern Teilen,
Weil er hier weiter rückwärts wird gebrochen.
Von diesem Einwand kann dich die Erfahrung
Befrei'n, versuchst du sie, aus deren Quelle
Die Flüsse strömen euern Wissenschaften.
Drei Spiegel nimm zur Hand, und zwei entferne
Von dir gleichmäßig, doch den dritten finde
Dein Blick in größrer Ferne zwischen beiden.
Gewandt nach ihnen stelle hintern Rücken
Ein Licht dir, das erglüh'n macht die drei Spiegel
Und zu dir kehrt, zurückgestrahlt von allen.
Wenn auch so groß an Umfang nicht die fernste
Erscheinung ist, so wirst du hier doch sehen,
Daß sie auf gleiche Weise muß erglänzen.
Jetzt, wenn durch warmer Sonnenstrahlen Wirkung,
Was unterm Schnee gelegen hat, entblößet
Von seiner frühern Farbe bleibt und Kälte,
Will ich, da du im Geist also verblieben,
Mit so lebend'gem Lichte dich erleuchten,
Daß dir sein Anblick soll entgegenflimmern.
Es dreht im Himmel göttlicher Befriedung
Ein Körper sich, in dessen Kraft das Dasein
Der Dinge sämtlich ruht, die er umschließet.
Der nächste Himmel, der so reich an Bildern,
Verteilt dies Sein in mannigfache Wesen,
Von ihm verschieden und in ihm enthalten.
Die andern Kreise durch vielfachen Wechsel
Befäh'gen für ihr Ziel und ihren Samen
Das Unterschiedne, das in sich sie tragen.
Wie du jetzt siehest, reihen stufenweise
Sich diese Weltorgane also, daß sie
Von oben nehmen und nach unten wirken.
Aufmerksam blick' auf mich, wie hin ich gehe
Durch diesen Ort zur Wahrheit, die du wünschest,
So daß du selbst die Furt dann finden mögest.
Kraft und Bewegung jener heil'gen Kreise
Muß, gleichwie von dem Schmied die Kunst des Hammers,
Auswehen von den seligen Bewegern.
Der Himmel, der mit so viel Lichtern pranget,
Empfängt in sich das Bild des tiefen Geistes,
Der um ihn rollt, und wird zu seinem Siegel.
Und wie die Seel', in euren Staub gebannet,
Durch unterschiedne Glieder, angemessen
Den unterschiednen Kräften, sich verbreitet,
Also entwickelt ihre Güte jene
Intelligenz, vervielfacht durch die Sterne,
Auf ihrer eignen Einheit um sich drehend.
Verschiedne Kraft mit dem von ihr belebten
Kostbaren Körper schließt verschiednes Bündnis,
In ihm sich, wie in euch das Leben, bindend.
Der heiteren Natur nach, draus sie stammet,
Durchglänzt die beigemischte Kraft den Körper,
Wie Heiterkeit lebend'ge Augensterne.
Von ihr kommt her das, was von Licht zu Lichte
Verschieden scheint, und nicht von Dünn' und Dichtheit;
Sie ist's, die, ein Formalprinzip, hervorbringt,
Nach ihrer Güte Maß, das Hell und Dunkel.«

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