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Göttliche Komödie

Dante: Göttliche Komödie - Kapitel 68
Quellenangabe
typeepos
authorDante
titleGöttliche Komödie
publisherPeter J. Oestergaard Verlag Berlin-Schöneberg
translatorPhilalethes
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070109
projectid10a64f4f
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Dreiunddreissigster Gesang

»Deus, venerunt gentes«, von den Frauen
Bald drei, bald vier im Wechselchor begannen
Den süßen Psalmensang anjetzt mit Tränen,
Und seufzend horcht' und mitleidsvoll auf jene
Beatrix, so gestaltet, daß verändert
Kaum unterm Kreuze mehr sich hat Maria.
Doch als die andern Jungfrau'n ihr zum Sprechen
Gegeben Raum, erhob sie aufrecht sich
Und gab zur Antwort, feuerrot gefärbet:
»Modicum et non videbitis me
Et iterum
, o ihr geliebten Schwestern,
Modicum et vos videbitis me.« \
Drauf setzte vor sich her sie alle sieben,
Und winkend ließ sie hinter sich einhergehn
Das Weib, mich und den Weisen, der zurückblieb.
Also ging fort sie, und nicht, mein' ich, war noch
Ihr zehnter Schritt gesetzet auf den Boden,
Als mit den Augen sie mir traf die Augen,
Und ruh'gen Angesichtes: »Komm geschwinder,«
Sprach sie zu mir, »daß, wenn mit dir ich rede,
Du wohl befähigt seist, mir zuzuhören.«
Als ich bei ihr jetzt war, so wie ich sollte,
Begann zu mir sie: »Bruder, was getraust du
Dich nicht zu fragen, wenn du mit mir gehest?«
Wie's jenen geht, die, sprechend vor den Obern,
Zu sehr voll Ehrfurcht sind, so daß die Stimme
Lebendig nicht bis zu den Zähnen dringet,
Ging mir's, weil ich, des vollen Lauts entbehrend,
Also begann: ›O Herrin, mein Bedürfnis
Ist Euch bekannt und was dafür mir gut ist.‹
Und sie darauf zu mir: »Ich will, daß endlich
Von Furcht und Scham du jetzt dich lösen mögest,
Damit gleich Träumenden nicht mehr du sprechest.
Wiss', das Gefäß, zerbrochen durch die Schlange,
War und ist nicht; doch wer dran Schuld hat, glaube,
Daß Gottes Rache sich nicht scheut vor Tunken.
Nicht alle Zeit wird sonder Erben bleiben
Der Adler, der die Federn ließ im Karren,
Drum er zum Untier ward und dann zur Beute;
Denn zweifellos seh' ich, und drum bericht' ich's,
Den Sternenstand sich nahn, der eine Zeit gibt,
Vor jedem Hindernis und Hemmnis sicher,
In welchem ein ›Fünfhundertzehn und fünfe‹ ,
Von Gott gesendet, wird die Vettel töten
Und jenen Riesen, welcher mit ihr sündigt.
Und wenn dich mein Bericht vielleicht, der dunkel
Wie Sphinx und Themis, minder überzeuget,
Weil er nach ihrer Art den Sinn verwirret,
So werden die Begegnis' als Najaden
Alsbald dir doch dies schwere Rätsel lösen
Ohn' allen Schaden an Getreid' und Herden.
Du merk' es an, und wie dir meine Worte
Ich bot, so lass' den Lebenden sie wissen
Des Lebens, das ein Laufen ist zum Tode;
Und denke dran, wenn du sie niederschreibest,
Daß du nicht bergest, wie den Baum du sähest,
Der jetzt zweimal hier ist beraubet worden.
Wer immer ihn beraubt, wer ihn verletzet,
Beleidigt Gott durch Lästerung in Taten,
Der heilig ihn sich zum Gebrauch erschuf nur.
Weil sie von ihm gebissen, wünschte sehnlich
Mit Schmerz den, der den Biß an sich gestrafet,
Mehr denn fünftausend Jahr' die erste Seele.
Dein Geist muß schlummern, wenn er nicht begreifet,
Daß aus besonderm Grund also erhaben
Er ist und so verkehrt an seinem Wipfel;
Und wären Elsa's Wässer nicht gewesen
Um deinen Sinn die eitelen Gedanken,
Und ihre Lust ein Pyram an der Maulbeer',
Du würdest schon allein an so viel Zeichen
Gottes Gerechtigkeit in dem Verbote
Am Baum erkennen im moral'schen Sinne.
Doch weil ich am Verstande ganz versteinert
Und durch die Sünde dich gefärbt erblicke,
So daß das Licht dich meiner Worte blendet,
Will ich, wenn nicht geschrieben, doch gemalet,
Daß du mit dir davon sie tragest, wie man
Den Pilgerstab mit Palmen bringt geschmücket.«
Und ich darauf: ›Gleichwie das Wachs vom Siegel,
Des Abbild jenes dann nicht mehr verändert,
So ward von Euch jetzt mein Gehirn gestempelt.
Doch weshalb flieget Euer heißersehntes
Wort so viel höher, als mein Blick kann reichen,
Der's mehr verliert, je mehr er ab sich mühet?‹
»Damit du,« sprach sie, »jene Schul' erkennest,
Der du gefolgt, und seh'st, wie ihre Lehre
Imstand ist, meinen Worten nachzufolgen,
Und seh'st, wie euer Weg von Gottes Wege
So weit abweichet, als die Erd' entfernt ist
Von jenem Himmel, der am höchsten eilet.«
Ich drauf zu ihr: ›Nicht kann ich mich erinnern,
Daß ich mich je von Euch entfremdet hätte,
Noch hab' ich des Bewußtsein, das mir's rüge.‹
»Und wenn du dessen dich nicht kannst entsinnen,«
Antwortete sie lächelnd: »so gedenke,
Daß eben erst von Lethe du getrunken;
Und wie vom Rauche man aufs Feuer schließet,
So zeigt solch ein Vergessen klar, daß schuldig
Du warst, als sich dein Wunsch auf andres wandte.
Von jetzt an werden wahrlich meine Worte,
Ganz unverhüllet sein, so weit sich's ziemet,
Daß ich sie deinem rohen Blick entdecke.«
Und glüh'nder schon und mit langsamern Schritten
Behauptete den Mittagskreis die Sonne,
Der unserm Standpunkt nach bald hier, bald dort ist,
Als jetzt die sieben Frau'n, wie einer stillhält,
Der einer Schar vorausgeht als Geleite,
Wenn Neues ihm auf seiner Spur begegnet,
Am Saum stillhielten eines blassen Schattens,
Wie unter grünem Laub und dunkeln Zweigen
Das Hochgebirg ihn trägt an kühlen Strömen.
Vor ihnen deuchten Euphrat mir und Tigris
Aus einer Quelle hier hervorzukommen
Und Freunden gleich nur zögernd sich zu trennen,
›0 Licht, o Ruhm des menschlichen Geschlechtes,
Welch Wasser ist dies, das von einem Ursprung
Sich breitet aus und von sich selbst sich trennet?‹
Auf solche Bitte ward gesagt mir: »Bitte
Mathilde, dir's zu sagen,« und zur Antwort
Gab, dem gleich, der die Schuld von sich hinwegwälzt,
Das schöne Weib: »Dies und noch andre Dinge
Hab' ich ihm schon gesagt, und sicher bin ich,
Daß Lethes Flut sie ihm nicht hat verborgen.«
Beatrix drauf: »Vielleicht hat größre Sorge,
Die oftmals der Erinnrung uns beraubet,
Jetzt für das Sehen seinen Geist verdunkelt;
Doch sieh Eunoe, welche dort entspringet,
Führ' ihn zu ihr, und, wie du immer pflegest,
Beleb' ihm die erstorbne Kraft aufs neue!«
Wie sich die edle Seele nicht entschuldigt,
Nein, zu dem seinen macht des andern Willen,
Sobald nach außen ihn ein Zeichen kundtut,
Also, nachdem sie mich erfaßt, bewegte
Das schöne Weib sich jetzt und sprach zu Statius
Auf adeliger Frauen Art: »Komm mit ihm!«
Wenn ich, o Leser, größern Raum zum Schreiben
Noch hätte, möcht' ich wohl zum Teil besingen
Den süßen Trank, dran nimmer satt ich würde;
Doch weil erfüllt schon sind die Blätter alle,
Gewoben für dies zweite Lied, so halten
Vom Weitergehn die Zügel mich der Kunst ab.
Zurück kehrt' ich von den hochheil'gen Fluten,
Ganz umgeschaffen gleich der jungen Pflanze,
Wenn sie mit jungem Laube sich verjünget,
Rein und bereit zum Aufstieg nach den Sternen.

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