Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Dante >

Göttliche Komödie

Dante: Göttliche Komödie - Kapitel 67
Quellenangabe
typeepos
authorDante
titleGöttliche Komödie
publisherPeter J. Oestergaard Verlag Berlin-Schöneberg
translatorPhilalethes
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070109
projectid10a64f4f
Schließen

Navigation:

Zweiunddreissigster Gesang

So fest und achtsam waren meine Augen,
Das Sehnen des zehnjähr'gen Dursts zu stillen,
Daß ganz erloschen jeder andre Sinn war;
Und jene hatten hier und dort wie Wände,
Drob nichts gewahr sie wurden; also lockte
Sie mit dem alten Netz das heil'ge Lächeln,
Als mit Gewalt das Angesicht zur Linken
Durch jene Göttinnen mir ward gewendet,
Weil ich ein »allzu starr!« vernahm von ihnen,
Und jene Stimmung, die zum Sehn in Augen
Sich findet, wenn sie eben trifft die Sonne,
Beraubt' auf kurze Zeit mich des Gesichtes.
Doch als ans Wenig sich mein Blick gewöhnet,
Ans Wenig sag' ich im Vergleich zum mächtig
Fühlbar'n, davon ich mich gewaltsam losriß,
Sah nach dem rechten Arm ich umgewendet
Das ruhmgekrönte Heer und rückwärtskehren,
Die sieben Flammen und die Sonn' im Antlitz.
Wie unter Schilden, die Gefahr zu meiden,
Sich kehrt der Trupp, abschwenkend um die Fahne,
Eh' er in sich die Stellung ganz gewechselt,
Also zog die Miliz des Himmelreiches,
Die da vorausging, ganz an uns vorüber,
Bevor das erste Holz noch bog der Karren.
Die Frau'n dann traten wieder an die Räder,
Und die gebenedeite Last zog weiter
Der Greif, an keiner Feder drob erschüttert.
Das schöne Weib, das mich die Furt hindurchzog,
Statius und ich, wir folgten jenem Rade,
Das sein Geleis in engerm Bogen krümmte.
So wallten durch den hohen Forst wir, öde
Durch jener Schuld noch, die geglaubt der Schlange,
Nach Engelstönen mäßigend die Schritte.
Es hinterlegt entfesselt in drei Flügen
Ein Pfeil so vielen Raum wohl, als entfernet
Wir uns schon hatten, da Beatrix abstieg,
Und insgesamt hört' ich sie »Adam« murmeln.
Dann kreisten sie um einen Baum, von Blüten
Und anderm Laub beraubt an allen Zweigen.
Sein Haupthaar, das sich um so mehr verbreitet,
Je höher man hinaufkommt, würden Indier
In ihren Wäldern ob der Höh' bewundern.
»Heil dir, o Greif, daß nichts du mit dem Schnabel
Von diesem Holz abstreifst, das süß dem Gaumen,
Weil schlimm darob der Bauch sich winden müßte!«
So riefen um den mächt'gen Baum die andern
Ringsum, und jenes Tier, zwiefach gezeuget:
»So wird der Samen alles Rechts erhalten!«
Und sich zur Deichsel wendend, die's gezogen,
Schleppt' es zum Fuß sie des verwaisten Baumes,
Sie, die von ihm war, dran gebunden lassend.
Wie unsre Bäume hier, wenn sich hernieder
Das große Licht ergießet, untermischet
Mit dem, das hintern Himmelskarpfen strahlet,
Anschwellen, und dann in der eignen Farbe
Sich jeglicher erneut, bevor die Sonne
Noch unter anderm Stern anschirrt die Rosse,
Nicht rot wie Rosen ganz, doch mehr denn Veilchen
Die Farb' entfaltend, ward verjüngt der Baum jetzt,
Des Äste so verödet erst gewesen.
Nicht konnt' ich sie verstehn, noch singet hier man
Die Hymne, die das Volk anjetzt gesungen,
Noch auch ertrug die Weis' ich bis zum Schlusse.
Könnt' ich beschreiben, wie, von Syrinx hörend,
Entschlummerten die mitleidslosen Augen,
Die Augen, längre Wacht so schwer einst büßend,
Dem Maler gleich, der malt nach einem Vorbild,
Abzeichnen würd' ich, wie ich eingeschlafen;
Doch das Entschlummern mag, wer will, recht schildern.
Darum geh' über ich zu dem Erwachen
Und sage, mir zerriß ein Glanz den Schleier
Des Schlummerns und der Ruf: »Steh auf, was tust du?«
Gleichwie, zu schaun des Apfelbaumes Knospen,
Nach dessen Frucht die Engel sind begierig,
Und der ein ewig Brautmahl beut im Himmel,
Geführet, Petrus, Jakob und Johannes
Aus ihrer Ohnmacht auf das Wort erwachten,
Das schwerern Schlummer schon gebrochen hatte,
Und ihre Brüderschaft vermindert sahen
Sowohl um Moyses als um Elias
Und das Gewand verändert ihres Meisters;
Also erwacht' ich jetzt, und jene Fromme
Sah über mir ich stehn, die erst am Flusse
War meiner Schritte Führerin gewesen.
›Wo ist Beatrix?‹ sprach ich ganz in Zweifel.
Doch jene drauf zu mir: »Schau, wie sie sitzet
Dort unterm neuen Laub an dessen Wurzel!
Schau die Genossinnen, die sie umgeben!
Dem Greif nachgehn die anderen nach oben
Mit süßerm Liede und von tieferm Sinne.«
Und ob noch weiter sich ihr Wort verbreitet,
Nicht weiß ich's; denn schon faßten meine Blicke
Sie, die den Sinn mir schloß für alles andre.
Sie saß allein hier auf dem echten Lande,
Zurückgeblieben als des Karrens Hüt'rin,
Den ich durchs Doppeltier befest'gen sehen.
Im Kreise bildeten um sie ein Gitter
Die sieben Nymphen, in der Hand die Lichter,
Die sicher sind vor Aquilo und Auster.
»Hier bleibst du nur auf kurze Zeit als Fremdling,
Und bist dann ewiglich mit mir ein Bürger
In jenem Rom, wo Christus ist ein Römer.
Darum zum Heil der Welt, die schlimm jetzt lebet,
Heft' auf den Karr'n die Blick', und was du schauest,
Wenn du von dort zurückkehrst, schreibe nieder.«
Beatrix so zu mir, und ich, der ihrem
Befehle lag demütig ganz zu Füßen,
Wandt' Aug' und Sinn dorthin, wo sie's begehrte.
Nie fiel mit solcher Schnelligkeit herab noch
Aus dichter Wolk' ein Feuer, wenn der Regen
Von der entferntsten Grenze niederströmet,
Als durch den Baum herab ich Jovis Vogel
Sah schießen, nicht allein die neuen Blätter
Und Blüten schädigend, nein, auch die Rinde;
Und mit der ganzen Kraft traf er den Karren,
Der wich wie's Schiff im Sturm, das bald am Backbord,
Am Steuerbord bald von der Flut besiegt wird.
Und in den Schoß darauf des sieggekrönten
Fuhrwerks sah einen Fuchs empor ich schleichen,
Der jeder guten Kost schien zu entbehren;
Doch häßliche Verschuldung vor ihm haltend,
Trieb dann in solche Flucht ihn meine Herrin,
So weit es möglich den entfleischten Knochen.
Drauf sah von dort ich, wo zuerst er herkam,
Den Adler in des Karrens Arche stürzen
Und sie bedeckt mit seinen Federn lassen.
Und wie's dem Herzen, das sich grämt, enttönet,
So kam vom Himmel eine Stimm' und sagte:
»Mein Schifflein, ach, was bist du schlimm beladen!«
Drauf schien's, als ob sich zwischen beiden Rädern
Die Erd' auftät und draus ein Drach' entstiege,
Der durch den Karr'n den Schwanz nach oben steckte;
Und gleich der Wespe, die den Stachel einzieht,
Zog er, mitschleppend einen Teil des Bodens,
Den schlimmen Schweif an und ging irren Schritts fort.
Was übrig blieb, bedeckte sich, wie Grasung
Fruchtbares Land bedeckt, mit dem Gefieder,
Aus reiner guter Absicht wohl geboten,
Und beide Räder und die Deichsel wurden
Davon bedeckt in solcher Frist, daß länger
Ein Seufzer mag den Mund erschlossen halten.
Dem heiligen Gebäude, so verwandelt,
Entsproßten Häupter aus verschiednen Teilen,
Drei auf'der Deichsel, eins in jeder Ecke.
Die ersten waren Stieren gleich gehörnet,
Doch nur ein Horn trug jede Stirn der viere;
Nie war zu schaun ein ähnlich Ungeheuer.
Voll Trotz gleich einer Burg auf hohem Berge
Schien mir entblößt auf jenem eine Hure
Zu sitzen, rings behend die Augen wendend;
Und daß man, schien's, ihm sie nicht rauben möge,
Sah neben ihr ich einen Riesen stehen,
Und mehr als einmal küßten sie einander.
Doch weil die Blicke sie, die lüstern schweiften,
Nach mir gewendet, geißelte vom Kopfe
Bis zu der Sohle sie der wilde Buhle,
Dann voll des Argwohns und im grimmen Zorne
Löst' er das Ungetüm und zog's so weit hin
Im Wald, daß der allein schon vor der Hure
Und vor dem neuen Untier mir zum Schild ward.

 << Kapitel 66  Kapitel 68 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.