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Göttliche Komödie

Dante: Göttliche Komödie - Kapitel 66
Quellenangabe
typeepos
authorDante
titleGöttliche Komödie
publisherPeter J. Oestergaard Verlag Berlin-Schöneberg
translatorPhilalethes
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070109
projectid10a64f4f
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Einunddreißigster Gesang

»O du, der jenseits ist des heil'gen Stromes,«
Ihr Wort jetzt mit der Spitze nach mir richtend,
Das mit der Schneide schon mir herb erschienen,
Begann fortfahrend ungesäumt sie wieder,
»Sprich, sprich, ist solches wahr? denn zu so großer
Anklage muß doch dein Geständnis kommen.«
Also war meine Kraft erschüttert worden,
Daß zwar die Stimme sich bewegt', allein schon,
Eh' sie sich vom Organ gelöst, verlöschte.
Ein wenig harrend, sprach sie dann: »Was sinnst du?
Gib Antwort, denn des Übels Angedenken
Ist noch in dir vom Wasser nicht verletzet.«
Furcht und Verwirrung in Verbindung preßten
Ein solches ›Ja!‹ hervor mir aus dem Munde,
Das zu verstehn man des Gesichts bedurfte.
Gleichwie die Armbrust sprenget, wenn sie losgeht
Ob allzugroßer Spannung, Strang und Bogen
Und minder schnell das Ziel dann trifft der Bolzen,
Also, von jener schweren Last zersprenget,
Entlud ich mich durch Tränen und durch Seufzer,
Und meine Stimme stockt' in ihrem Ausgang.
Und sie darob zu mir: »In deinem Sehnen
Nach mir, das dich ein Gut zu lieben lehrte,
Darüber man nicht Höh'res kann erstreben,
Was fand'st für vorgezogne Gräben oder
Für Ketten du, die dich der Hoffnung, vorwärts
Zu dringen, also nur berauben durften?
Und welch erleichternd Wesen, welcher Vorteil
Hat auf der Stirn der andern sich gezeiget,
Daß du zu ihnen hinzuwandeln brauchtest?«
Nachdem ich ausgehaucht ein bittres Seufzen,
Konnt' ich zur Antwort kaum die Stimme finden,
Und mühsam gaben ihr Gestalt die Lippen,
Und weinend sprach ich: ›Meine Schritte wandten
Mit falscher Lust die gegenwärt'gen Dinge,
Sobald sich Euer Antlitz mir verborgen.‹
Und sie: »Wenn du verschwiegst auch oder läugnet'st,
Was du gestehst, nicht minder wüßte drum man
Um deine Schuld doch; solch ein Richter kennt sie.
Doch wenn aus eignem Angesicht der Sünde
Anklage bricht hervor, dann kehrt in unserm
Gericht das Schleifrad sich der Schneid' entgegen.
Indes, damit du besser Scham empfindest
Ob deines Irrtums und, wenn die Sirenen
Du hörst ein andermal, dich stärker zeigest,
Leg' ab der Tränen Samen jetzt und horche,
Daß du vernehm'st, wie mein begrabner Leib dich
In umgekehrter Richtung treiben sollte.
Nie bot Natur dir oder Kunst ein größres
Ergötzen als die schönen Glieder, drin ich
Verschlossen war, und die zerstreut als Staub jetzt.
Und wenn die höchste Lust dich so getäuscht hat
Durch meinen Tod, welch sterblich Wesen durfte
Dich ferner noch, sein zu begehren, locken?
Wohl solltest du dich bei dem ersten Streiche
Der trügerischen Dinge aufwärts schwingen
Mir nach, die nicht zu solchen mehr gehörte.
Nicht durfte dir die Flügel abwärts drücken,
Mehr Schläge zu erwarten, sei's ein Mägdlein,
Sei's andrer Tand vergänglichen Gebrauches.
Ein unerfahren Vöglein wartet's zweimal
Und dreimal ab; doch fruchtlos vor den Augen
Der Flüggen spannt' ein Netz man oder schösse.«
Den Kindlein ähnlich, die, voll Scham verstummend,
Die Augen an den Boden, stehn und horchen,
Die eigne Schuld erkennend und bereuend,
Also stand ich, und jene sprach: »Ob auch dich,
Was du vernommen, schmerzt, erheb' den Bart jetzt,
Und größern Schmerz wirst aus dem Schaun du schöpfen.«
Mit minderm Widerstand wird eine mächt'ge
Zirneich' entwurzelt, sei es durch den Auster,
Sei's durch den Wind, der weht von Jarba's Lande,
Als ich auf ihr Gebot das Kinn emporhob;
Und da durch »Bart« sie das Gesicht bezeichnet,
Erkannt' ich wohl den Stachel des Gedankens.
Und als mein Angesicht ich aufwärts streckte,
Da sah mein Blick, daß inne jetzt gehalten
Mit Blumenstreun die Urgeschöpfe hatten;
Und meine Augen, noch unsicher, sahen
Beatrix nach dem Tier gewandt, das einzig
In einerlei Person faßt zwei Naturen.
Bedeckt vom Schlei'r, jenseits des grünen Strandes
Besiegte sie, wie einst sie war, sich selber
Mehr als, so lang sie hier noch war, die andern.
Da brannte mich so sehr der Reue Nessel,
Daß von dem andern all, was mich am meisten
Zu seiner Liebe zog, zumeist mir Feind ward.
Also ergriff mein Herz jetzt Selbsterkenntnis,
Daß übermannt ich hinsank, und wie jetzt ich
Geworden, weiß nur sie, die's hat verursacht.
Drauf, als mirs Herz nach außen Kraft zurückgab,
Sah ich das Weib, das ich allein gefunden,
Jetzt über mir, und »Fass' mich! fass' mich!« rief es,
Versenkt hatt's in den Fluß mich bis zum Schlunde,
Und hinter sich einher mich ziehend, ging es
Leicht wie ein Weberschiff hin auf dem Wasser.
Als nah' ich kam dem seligen Gestade,
Hört' ich » asperges me« so lieblich, daß ich's
Nicht wiederdenken kann, noch minder schreiben.
Die Arm' erschloß das schöne Weib, umarmte
Mirs Haupt und tauchte dann so tief mich unter,
Daß ich das Wasser hinterschlucken mußte.
Dann zog sie mich heraus, also gebadet
Darbietend mich dem Tanz der holden viere,
Davon mich jede mit dem Arm bedeckte.
»Hier sind wir Nymphen und am Himmel Sterne;
Eh' niederstieg zur Welt Beatrix, wurden
Zu ihren Dienerinnen wir bestimmet.
Wir führ'n zu ihren Augen dich, doch werden
Fürs heitre Licht, das drin ist, erst die dreie
Jenseits, die tiefer schaun, die deinen schärfen.«
Also begannen singend sie und führten
Mich dann mit sich hin zu der Brust des Greifen,
Wo nach uns zu Beatrix stand gewendet.
Sie sprachen: »Schone hier nicht deine Blicke,
Wir stellten den Smaragden dich genüber,
Draus Amor sein Geschoß auf dich einst schnellte.«
Wohl tausend Wünsche, heiß wie Flammen, zogen
Die Augen nach den glanzerfüllten Augen
Mir hin, die fest nur auf dem Greifen ruhten.
Gleich wie die Sonn' im Spiegel, also strahlte
Das Doppeltier darinnen, bald die einen
Und bald die anderen Gebärden zeigend.
Bedenke, Leser, ob ich mich verwundert,
Als ich die Sache selber unverrücket
Sah stehn, indes sich änderte ihr Abbild.
Weil, so erfüllt mit Staunen und beseligt,
Mein Geist von jener Speise kosten durfte,
Die, sättigend mit sich, nach sich gibt Hunger;
Sich von erhabnerem Geschlecht erweisend
Im Wesen, traten vor die andern dreie,
Nach ihren Engelsmelodien tanzend.
»Kehr', o Beatrix, kehr' die heil'gea Augen,«
Also war ihr Gesang, »nach deinem Treuen,
Der, dich zu sehn, so viel den Schritt bewegt hat.
Aus Gnaden gib die Gnad' uns, daß du deinen
Mund ihm entschleierst, so daß er erkenne
Die zweite Schönheit, die du hältst verborgen.«
O Widerglanz lebend'gen ew'gen Lichtes,
Wer machte unter des Parnassus Schatten
So bleich sich oder trank aus seinem Brunnen,
Daß sein Gedächtnis nicht behindert schiene,
Wollt' er dich schildern, wie du dich gezeiget,
Wo dich mit Harmonien umwebt der Himmel,
Als du den offnen Lüften dich enthülltest!

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