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Göttliche Komödie

Dante: Göttliche Komödie - Kapitel 65
Quellenangabe
typeepos
authorDante
titleGöttliche Komödie
publisherPeter J. Oestergaard Verlag Berlin-Schöneberg
translatorPhilalethes
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070109
projectid10a64f4f
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Dreißigster Gesang

Als der Septentrio des ersten Himmels,
Der Aufgang nie, noch Untergang gekannt hat,
Doch andern Nebel als der Schuld Verschlei'rung,
Und der jedweden seine Pflicht hier lehrte,
So wie's der tiefre tut dem Steuermanne,
Damit das Schiff zum Port gelangen möge,
Still stand, da wandte das wahrhaft'ge Volk sich,
Das zwischen ihm erst und dem Greifen herkam,
Zum Wagen hin, gleichwie zu seinem Frieden;
Und einer draus, gleich einem Himmelsboten,
»Veni sponsa de Libano,« rief dreimal
Er singend, und nach ihm die andern sämtlich.
Wie einst beim jüngsten Aufgebot die Sel'gen
Schnell jeder aus der Gruft erstehn, mit wieder
Erlangter Stimme Alleluja rufend,
So hoben ob der göttlichen Basterne
Ad vocem tanti senis hundert Diener
Und Boten sich empor des ew'gen Lebens.
»Benedictus qui venis,« riefen alle
Und, ringsumher und drüber Blumen streuend,
»Manibus o date lilia plenis.«
Oft sah ich wohl beim Anbeginn des Tages
Die Morgenseite rosig ganz gefärbet,
Und schöne Heitre sonst den Himmel schmücken,
Und überschattet so aufgehn das Antlitz
Der Sonne, das, gesänftiget durch Dünste,
Es lange Zeit das Aug' ertragen konnte.
Also von einer Blumenwolk umgeben,
Die sich emporhob aus den Engelshänden
Und dann zurückfiel innerhalb und draußen,
Bekränzt mit Öllaub auf dem weißen Schleier,
Erschien ein Weib mir unter grünem Mantel,
Gekleidet in lebend'ger Flammen Farbe.
Und meine Seele, die so viele Jahre
Schon war verblieben, ohne daß von Schrecken
In ihrer Gegenwart durchbebt sie worden,
Nicht Kenntnis irgend durch das Aug' erlangend,
Nur durch geheime Kraft, die von ihr ausging,
Empfand die große Macht der alten Liebe.
Sobald ins Antlitz mich getroffen hatte
Die hohe Kraft, die einst schon mich durchbohret,
Eh' noch ich aus der Kindheit war getreten,
Wandt' ich zur Linken mich mit jener Demut,
Mit der das Kindlein sich zur Mutter flüchtet,
Wenn es sich fürchtet, oder wenn's betrübt ist,
Um zu Virgil zu sprechen: ›Nicht ein Quentchen
An Blut ist mir verblieben, das nicht bebet!
Der alten Flamme Zeichen kenn' ich wieder!‹
Allein Virgil hatt' uns verlassen, seiner
Beraubt, Virgil, der süßeste der Väter,
Virgil, dem ich zum Heile mich ergeben.
Nicht konnte, was die erste Mutter alles
Verlor, den taugewaschnen Wangen wehren,
Daß trüb aufs neue sie durch Tränen wurden.
»Dante, ob auch Virgil von dannen gehe,
Nicht weine, weine noch nicht, denn zu weinen
Ziemt's dir,« sprach sie, »von anderm Schwert verwundet.«
Dem Admiral gleich, der auf hohen Schiffen
Am Hinterteil und Schnabel die Bedienung
Besichtigt und zum Fleiße sie ermuntert,
Erblickt' ich an des Wagens linkem Rande,
Umwendend auf den Klang mich meines Namens,
Der aus Notwendigkeit hier wird verzeichnet,
Das Weib jetzt, das mir erst verschleiert unter
Dem Festgepräng' der Engel war erschienen,
Jenseits des Bachs nach mir das Auge richtend;
Obgleich der Schleier, von dem Haupt ihr wallend,
Der mit Minervas Laube war umkreiset,
Sie noch nicht offenbar mir ließ erscheinen.
Und königlich, annoch mit strenger Haltung
Fuhr jetzt sie fort gleich jenem, der da redet,
Allein die glüh'ndsten Worte noch zurückhält:
»Schau mich recht an, ich bin, ich bin Beatrix.
Wie, hältst du's wert, den Berg nun zu ersteigen?
Wußtest du nicht, daß hier der Mensch ist glücklich?«
Das Auge sank zum klaren Quell mir nieder,
Doch weil ich drin mich sah, wandt' ich's zum Grase;
So viele Scham beschwerte mir die Stirne.
Also erscheint die Mutter stolz dem Sohne,
Wie jene mir anjetzt erschien, weil bitter
Ist von Geschmack die Kost der herben Liebe.
Sie schwieg, und gleich begannen drauf die Engel
Zu singen: »In te Domine, speravi«,
Doch kamen sie nicht über »pedes meos«.
Gleichwie der Schnee langhin auf Welschlands Rückgrat
Gefrieret zwischen den lebend'gen Stämmen,
Wenn ihn Slavoniens Wind anhaucht und härtet,
Doch dann zergehend in sich selbst versickert,
Sobald's vom Land weht, das des Schattens bar wird,
Dem Feuer, das die Kerze schmelzet, ähnlich;
Also war sonder Tränen ich, noch Seufzer,
Eh' jene sangen, die mit ihren Tönen
Den Tönen stets der ew'gen Kreise folgen.
Doch als ich aus den süßen Melodien
Ihr Mitleid wahrnahm, mehr, als wenn gesaget
Sie hätten: »Weib, warum ihn so erschüttern?«
Da ward der Frost, der mir ums Herz sich drängte,
Zu Hauch und Wasser und entlud sich angstvoll
Durch Aug' und Mund zugleich aus meinem Busen.
Sie, fest annoch an der erwähnten Seite
Des Wagens stehend, richtet' ihre Worte
Also darauf an jene frommen Wesen:
»Ihr wacht im ewig wandellosen Tage,
So daß nicht Nacht noch Schlummer euch entziehet
Je einen Schritt der Zeit auf ihrem Wege;
Drum ich in meiner Antwort mehr besorgt bin,
Daß jener mich versteh', der jenseits weinet,
Damit von gleichem Maße Schuld und Schmerz sei.
Nicht durch das Werk allein der großen Kreise,
Die einem Ziel zuführen jeden Samen
Dem Sternenstand gemäß, der ihn begleitet,
Nein, durch Freigebigkeit der Gnade Gottes,
Die aus so hehren Dünsten ihren Tau zieht,
Daß unser Blick dorthin sich nicht kann nahen,
Ward dieser so in seinem neuen Leben
Befähiget, daß jede rechte Sitte
Sich wunderbar in ihm bewähret hätte.
Doch um so schlimmer wird das Land und wilder
Durch schlechten Samen und des Anbaus Mangel,
Je mehr's an guter Bodenkraft besitzet.
Aufrecht hielt ihn mein Antlitz eine Weile,
Und ihm die jugendlichen Augen zeigend,
Führt' ich mit mir ihn in gerader Richtung.
Sobald ich, auf des zweiten Alters Schwelle
Gelanget, Leben jetzt gewechselt hatte,
Entzog er mir sich und ergab sich andern.
Als ich vom Fleisch zum Geist emporgestiegen,
Und Schönheit mir und Tugend war gewachsen,
Ward ich ihm minder angenehm und teuer,
Und seinen Schritt wandt' er durch irre Pfade,
Die falschen Bilder eines Guts verfolgend,
Die das Versprochne nimmermehr erfüllen.
Nichts half's, Eingebungen ihm zu erflehen,
Mit denen ich zurück ihn rief in Träumen,
Und sonst, so wenig achtet' er auf solche,
So tief sank er hinab, daß alle Mittel
Zu seinem Heil schon unzureichend waren,
Als nur, ihm das verlorne Volk zu zeigen.
Deshalb besucht' ich selbst der Toten Ausgang
Und richtete an den, der hier herauf ihn
Geführet hat, mit Tränen meine Bitten.
Der hehre Ratschluß Gottes wär' gebrochen,
Wenn Lethe man durchschritt' und solche Speise
Gekostet würd', ohn' irgend zu entrichten
Der Reue Zoll, die Tränen macht vergießen.«

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