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Göttliche Komödie

Dante: Göttliche Komödie - Kapitel 60
Quellenangabe
typeepos
authorDante
titleGöttliche Komödie
publisherPeter J. Oestergaard Verlag Berlin-Schöneberg
translatorPhilalethes
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070109
projectid10a64f4f
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Fünfundzwanzigster Gesang

Die Stunde heischt' ein ungehemmtes Steigen,
Weil dem Skorpion die Nacht, dem Stier die Sonne
Den Mittagskreis schon überlassen hatte;
Drum gleich wie jener tut, der nimmer stillsteht,
Nein, seines Wegs geht, was ihm auch erscheine,
Weil er von dem Bedürfnis wird gestachelt,
So traten in die Kluft wir ein, erklimmend,
Der eine hinterm andern drein, die Stiege,
Die ob der Enge trennt der Steiger Paare.
Und gleich dem jungen Storch, der hebt den Flügel
Aus Lust, zu fliegen, und doch zu verlassen
Das Nest nicht wagend, wieder ihn läßt sinken,
Ward ich, weil erst entbrannt' und dann verlöschte
Des Fragens Lust in mir, drob bis zu dessen
Gebärd' ich kam, der sich zum Reden anschickt.
Nicht schwieg der süße Vater, ob auch eilig
Wir gingen hin, nein sprach: »Schnell' los den Bogen
Des Worts, den bis zum Eisen du gespannt hast!«
Drauf öffnete den Mund ich zuversichtlich
Und fing so an: ›Wie kann man mager werden,
Wo's kein Bedürfnis gibt, sich zu ernähren?‹
»Wenn du gedächtest, wie sich Meleager
Verzehrt', indem ein Feuerbrand verzehrt ward,
Dir würde dies,« sprach er, »so herb nicht dünken;
Und wenn du dann erwägst, wie euerm Zucken
Gemäß muß zucken euer Bild im Spiegel,
Erschiene weich dir, was jetzt hart dir scheinet.
Allein, damit du drin nach Lust verweilest,
So ist hier Statius, den ich ruf' und flehe,
Daß er ein Heiler jetzt sei deinen Wunden.«
»Wenn ich dort, wo du bist, des Ew'gen Rach' ihm,«
Sprach Statius, »erkläre, mag mich dieses
Entschuld'gen, daß ich nichts dir kann verweigern.«
Demnächst begann er so: »Wenn meine Worte,
O Sohn, dein Sinn begreift und faßt, so geben
Sie Licht dir ob des Wie, das du erwähntest.
Vollkommnes Blut, das nimmer eingesogen
wird von den durst'gen Adern und zurückbleibt
Gleich einer Speise, die vom Tisch man aufhebt,
Gestaltungskraft nimmt's an für alle Glieder
Des Menschen in dem Herzen, gleich dem andern,
Das, jene bildend, durch die Adern hinströmt.
Nochmals verwandelt sinkt's dorthin, darüber
Man besser schweigt als spricht, von wo's auf fremdes
Blut träuft, dann in natürliches Gefäße.
Hier nun vereinigt eins sich mit dem andern,
Zum Leiden dies geschickt, zum Schaffen jenes,
Ob des vollkommnen Orts, dem es entquillet;
Zu jenem jetzt gelangt, beginnt's sein Wirken,
Macht's erst gerinnen, und sodann belebt es,
Was es als seinen Stoff zur Ruh' erst brachte.
Die tät'ge Kraft, zur Seele jetzt geworden,
Von Pflanzenseelen nur so viel verschieden,
Daß unterwegs noch jen', am Land schon diese,
Schafft dann, daß es sich schon bewegt und fühlet
Dem Seeschwamm gleich, Werkzeuge jetzt zu bilden
Den Kräften, deren Keim sie ist, beginnend.
Jetzt nun entwickelt, Sohn, jetzt dehnet aus sich
Die Kraft, die aus des Zeugers Herzen stammet,
Wo die Natur Vorkehr für jedes Glied trifft.
Allein, wie's aus dem Tier zum Menschen werde,
Siehst du noch nicht; dies ist ein Punkt, der irre
Einst einen Weiseren als dich geführt hat,
So daß in seiner Lehr' er von der Seele
Geschieden ließ den möglichen Verstand sein,
Weil kein Organ er sah, das diesem eigen.
Schließ auf der Wahrheit, die da kommt, den Busen
Und wisse, daß, sobald dem Embryone
Die Gliederung des Hirnes ist vollendet,
Ihm zu sich kehrt der Urbeweger fröhlich
Ob solches Kunstwerks der Natur, und neuen
Mit Kraft erfüllten Geist dann ein ihm hauchet,
Der in sein Wesen aufnimmt, was er Tätig's
Dort trifft und so wird eine einz'ge Seele,
Die lebt und fühlt und nach sich selbst sich wendet.
Und daß du minder anstaunst diese Worte,
Blick' auf die Sonnenwärme, die zu Wein wird,
Dem Saft vereint, der aus der Rebe quillet.
Und wenn's dann Lachesis gebricht am Leine,
Löst jene sich vom Fleisch und trägt im Keime
So Göttliches als Menschliches von dannen,
Die andern Kräfte allzumal verstummet,
Gedächtnis, Willen und Verstand um vieles
In Wirklichkeit geschärfter noch als früher.
Unaufgehalten fällt sie wunderbarlich
Von selber nun auf eins der beiden Ufer;
Hier wird zuerst sie kundig ihres Weges.
Sobald sie nur daselbst ein Ort umschränket,
Strahlt rings die Bildkraft aus nach Maß und Weise,
Gleich wie sie's tat in den lebend'gen Gliedern.
Und wie die Luft, wenn wohlgefüllt mit Regen
Sie ist, durch fremden Strahl in ihr sich spiegelnd,
Geschmückt sich zeiget mit verschiednen Farben,
So setzet hier die nachbarliche Luft sich
In jene Form anjetzt, die in ihr ausprägt
Durch innre Kraft die aufgehaltne Seele;
Und ähnlich dann dem Flämmchen, das dem Feuer
Stets folgt, wie's immer seinen Platz auch wechs'le,
Folgt jetzt auch seine neue Form dem Geiste.
Weil nun hierdurch sie äußerlich erscheinet,
Wird Schatten sie genannt und schafft für jede
Empfindung ein Organ, dem Aug' noch kennbar.
Daher kommt's, daß wir reden, daß wir lachen,
Daß Tränen wir und Seufzer von uns geben,
Die an dem Berg du kannst vernommen haben.
Nach dem, als uns ein Wunsch nun oder andres
Gefühl berührt, gestaltet sich der Schatten,
Und dies ist auch der Grund des, was du anstaunst.«
Und bei der letzten Marter angelanget
Schon waren wir und wandten uns zur Rechten,
Und andre Sorge hielt uns jetzt beschäftigt.
Hier schnellt aus sich hervor der Felshang Flammen,
Und Windeswehen haucht der Sims nach oben,
Das jene rückwärts biegt und von ihm trennet.
Drum mußten, eins auf einmal nur, wir wandeln
Am offnen Rand. Hier fürchtete vorm Feuer
Ich mich, dort fürchtet' ich hinabzustürzen.
Mein Führer sprach zu mir: »An dieser Stätte
Muß man die Augen streng im Zügel halten,
Weil's wenig nur bedarf, daß man verirrt sich.«
»Summae Deus clementiae« im Innern
Der großen Glut hört' ich anjetzo singen,
Drob hinzuschaun nicht minder ich bedacht ward.
Und Schatten sah ich in den Flammen wallen,
Drum ich auf ihre Schritt' und meine schaute,
Von Zeit zu Zeit verteilend meine Blicke.
Gleich nach dem Schlusse jener Hymne hörte
Man laut sie rufen: »Virum non cognosco« ;
Drauf sie den Hymnus leis aufs neu' begannen.
Und wieder riefen sie, da dies geendet:
»Zum Wald lief Dian', und Helike vertrieb sie,
Die da verspürt das Gift der Venus hatte.«
Dann kehrten zum Gesang sie wieder, riefen:
»Von Frau'n und Gatten dann, die keusch gewesen,
Wie's Eh' und Tugend ihnen auferleget.«
Und diese Weis' ist, mein' ich, ihnen gnügend
Die ganze Zeit durch, wo die Glut sie brennet;
Durch solche Kost muß und durch solche Pflege
Die letzte sich der Wunden auch noch schließen.

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