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Göttliche Komödie

Dante: Göttliche Komödie - Kapitel 59
Quellenangabe
typeepos
authorDante
titleGöttliche Komödie
publisherPeter J. Oestergaard Verlag Berlin-Schöneberg
translatorPhilalethes
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070109
projectid10a64f4f
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Vierundzwanzigster Gesang

Das Gehn nicht ward durchs Wort, das Wort durchs Gehn nicht
Verzögert, nein, im Sprechen wallten rüstig
Wir hin, dem Schiff gleich, das ein guter Wind treibt.
Und Staunen sogen durch der Augen Höhlung
Die Schatten, die zweimal Gestorbnen glichen,
Aus mir, da sie gewahrten, daß ich lebe.
Und ich, fortfahrend jetzt in meiner Rede,
Sprach: ›Wohl langsamer wandelt er nach oben,
Als es aus anderm Grund geschehen möchte.
Doch sag' mir, wenn du's weißt, wo ist Piccarda?
Sag' an, ob unterm Volk, das mich so anblickt,
Jemand Bemerkenswertes ist zu schauen.‹
»Die Schwester mein, so schön und gut (nicht weiß ich,
Was sie von beidem mehr war), freut im hehren
Olymp sich schon siegprangend ihrer Krone.«
So sprach er erst und dann: »Hier ist's verwehrt nicht,
Zu nennen jedermann, weil also unsre
Gestalt ist ausgezogen durch das Fasten.
Dies ist« (mit Fingern zeigt' er) »Buonagiunta,
Buonagiunta von Lucc', und jenes Antlitz
Jenseits von ihm, verfallner als die andern,
Hielt einst die heil'ge Kirch' in seinen Armen.
Von Tours war er und büßt jetzt ab durch Hunger
Bolsenas Aal, im Firnewein gesotten.
Noch weiter zeigt' er einen nach dem andern,
Und jedem schien es recht, genannt zu werden,
So daß drob keine trübe Mien' ich wahrnahm.
Ich sah die Zähn' umsonst aus Hunger brauchen
Nebst Ubaldin von Pila Bonifazius,
Der in dem Priesterrock viel Volks geweidet.
Sah Herrn Marchese, zu Forli einst zechend
Gemächlicher mit minder trockner Kehle,
Der so war, daß er nimmer satt sich fühlte.
Doch dem gleich, der beschaut und eins dann vorzieht
Dem anderen, tat ich's mit dem von Lucca,
Der mehr von mir schien Kunde zu besitzen.
Er murmelt', und etwas, gleichwie Gentucca,
Hört' ich dort, wo die Wund' er fühlte jener
Gerechtigkeit, die so ihn abgezehret.
›O Geist,‹ sprach ich, ›der so begierig scheinet,
Mit mir zu reden, laß mich dich verstehen,
Dich selbst und mich befried'gend durch dein Reden.‹
»Geboren ist ein Weib, das keinen Schleier
Noch trägt, ob dem dir,« sprach er, »einst gefallen
Wird meine Stadt, wie man sie jetzt auch schelte.
Hingehst du, dies Voraussehn mit dir tragend,
Und ob mein Murmeln irre dich geführt hat,
Wird dir die Wirklichkeit dereinst noch dartun.
Doch sprich, seh' ich hier jenen, dem enttönten
Die Reime neuer Art, also beginnend:
›Ihr Frauen, die ihr Einsicht habt der Liebe‹ .«
Und ich drauf: ›Ich bin einer, der, wenn Liebe
Mich anweht, es bemerk' und in der Weise,
Als sie's im Innern vorspricht, dann verzeichne.‹
»O Bruder,« sprach er, »jetzt seh' ich den Knoten,
Der den Notar, Guitton und mich entfernt hielt
Vom neuen, süßen Stil, den ich vernehme.
Wohl seh' ich ein anjetzt, wie eure Federn
Dem, der da vorspricht, auf dem Fuße folgen,
Was bei den unsern wahrlich nicht der Fall war;
Und wer noch drüber 'naus sich müht zu schreiten,
Der sieht von einem Stil nicht bis zum andern.«
Und wie befriediget schwieg er nun stille.
Wie Vögel, wenn zum Winter sie enteilen
Dem Nile zu, bald sich zusammenscharen,
Bald wieder schnellern Flugs in Reihen hinziehn,
Also beschleunigte jetzt seine Schritte,
Das Antlitz von uns wendend, alles Volk hier,
Das leicht durch Hagerkeit und will'gen Sinn war.
Und jenem ähnlich, der, vom Laufe müde,
Vorausläßt die Genossen und so folget,
Bis daß der rasche Schlag der Brust sich mindert,
Ließ jetzt die heil'ge Schar vorbei Forese,
Und hinterdrein mit mir einhergeh'nd, sprach er:
»Wann wird's geschehn, daß ich dich wiedersehe?«
Ich drauf: ›Wie lang' ich noch zu leben habe,
Nicht weiß ich's, doch sobald nicht kehr' ich wieder,
Daß früher nicht mein Wunsch den Strand erreiche;
Denn jener Ort, drin ich bestimmt zu leben,
Entblößt von Tag zu Tag sich mehr der Tugend
Und scheint zu grausem Untergang bereitet.‹
»Jetzt geh,« sprach er, »denn wer's zumeist verschuldet,
Den seh' geschleppt an eines Tieres Schweif ich
Dem Tale zu, wo nie man wird entsündigt.
Mit jedem Schritt geht schnell das Tier und schneller
In wachsend rascher Flucht, bis, ihn zertretend,
Es schnöd' entstellt läßt liegen seinen Körper.
Nicht viel mehr werden drehn sich diese Kreise«
(Und auf den Himmel blickt' er), »bis dir klar wird,
Was dir mein Wort nicht weiter kann erklären.
Du bleib zurück jetzt, denn die Zeit ist teuer
In diesem Reich, drum ich zuviel verliere,
Wenn ich mit dir so gleichen Schrittes wandle.«
Wie aus der Schar wohl, die geritten herkommt,
Ein Reiter manchmal im Galopp hervorsprengt,
Daß ihm der Ruhm des ersten Angriffs werde,
Ging jener von uns fort, doch schnellern Schrittes,
Und ich blieb mit den zweien, die so große
Marschäll' auf Erden waren, fernhin wandernd.
Und als fort von uns so weit er vorgedrungen,
Daß ihm mein Auge nicht mehr folgen konnte,
Als jüngst mein Sinn gefolget seinen Worten,
Erschienen eines andern Fruchtbaums Zweige
Mir, schwer belastet prangend, wenig fern nur,
Weil Wendung ich nach ihm erst jetzt genommen.
Darunter sah ich Volk die Händ' erheben,
Nicht weiß ich, was, hinauf zum Laube rufend,
Gleich Kindelein, die, töricht wünschend, bitten,
Und der gebeten wird, gibt nichts zur Antwort,
Nein, hält, um ihr Verlangen recht zu schärfen,
Was sie begehren, hoch empor und birgt's nicht.
Drauf gingen sie hinweg, Enttäuschten ähnlich,
Und zu dem großen Baum gelangten jetzt wir,
Der so viel Bitten von sich weist und Tränen.
»Geht hier vorüber, ohne dran zu rühren;
Ein Baum steht weiter droben, von dem Eva
Gepflückt, und dies Gewächs ward ihm entommen.«
So sprach, ich weiß nicht, wer, aus seinen Ästen,
Darob Virgil, Statius und ich gedrängter
Vorbei zur Seite gingen, wo's emporsteigt.
»Erinnert euch,« sprach's, »der Vermaledeiten,
Erzeuget aus der Wolke, die gesättigt
Mit zwiegestalter Brust Theseus bekämpften,
Und der Hebräer, weich beim Trunk sich zeigend,
Drob sie nicht Gedeons Genossen wurden,
Als gegen Madian er die Höh'n hinabstieg.«
Also dem einen nah'nd der beiden Säume,
Hingingen wir, von Kehlensünden hörend,
Die trauriger Erfolg vorlängst begleitet.
Dann, wieder uns verbreitend, wallten einsam,
Wohl tausend Schritt' und mehr des Wegs wir weiter,
Ein jeglicher stillschweigend in Betrachtung.
»Was geht allein ihr drei doch also sinnend?«
Sprach plötzlich eine Stimm', und schüttelnd tat ich
Drob gleich dem Roß, das fohlenhaft sich scheuet.
Aufrichtet' ich das Haupt, zu sehn, wer's wäre,
Und niemals ward gesehn in einem Ofen
Metall noch oder Glas so rot und leuchtend,
Als einen hier ich sah, der sprach: »Gefällt's euch,
Emporzusteigen, müßt ihr hier euch wenden,
Hierhin geht, wer zum Frieden will gelangen.«
Sein Anblick hatte des Gesichts beraubt mich,
Drum ich mich hinter meine Lehrer wandte,
Gleich einem, der dem nachgeht, was er höret.
Und wie, Verkünderin der Morgenhelle,
Die Mailuft bebt und duftet, vom Geruche
Der Blumen und des Grases ganz durchwürzet,
So spürt' ich, mitten auf die Stirn mich treffend,
Ein Wehn, und spürte wohl der Schwingen Fächeln,
Das mir ambrosisches Gedüft ließ spüren,
Und sagen hört' ich: »Selig, wen die Gnade
So sehr erleuchtet, daß in seinem Busen
Des Gaumens Lust nicht zu viel Wünsch' entzündet,
So daß er hungert stets, so viel es recht ist.«

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