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Göttliche Komödie

Dante: Göttliche Komödie - Kapitel 56
Quellenangabe
typeepos
authorDante
titleGöttliche Komödie
publisherPeter J. Oestergaard Verlag Berlin-Schöneberg
translatorPhilalethes
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070109
projectid10a64f4f
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Einundzwanzigster Gesang

Von eingebornem Durst, der nie gestillt wird
Als mit dem Wasser, dessen Gnadengabe
Begehrte das samaritan'sche Weiblein,
Ward ich gequält, und vorwärts trieb mich Eile
Dem Führer nach auf vielgehemmtem Pfade,
Und Mitleid fühlt' ich ob gerechter Rache.
Und sieh, gleichwie von Lukas wird berichtet,
Daß Christus zwei'n erschien, die auf dem Wege,
Als er schon war der Grabeshöhl' entstiegen,
Erschien ein Schatten uns, der hinterdrein kam,
Die Schar, die ihm zu Füßen lag, betrachtend,
Und wir gewahrten ihn nicht, bis er also
Begann: »Gott geb' euch Frieden, meine Brüder!«
Stracks wandten wir uns um, und mit dem Zeichen,
Das dem entspricht, antwortete Virgil ihm.
Drauf hob er an: »Zum Kreis der Sel'gen sende
Dich des wahrhaft'gen Hofes Spruch in Frieden,
Der mich verweist in ewige Verbannung.«
»Wie,« sprach der andr' (und rüstig gingen fort wir),
»Wenn Schatten ihr, die Gott hinauf nicht würdigt,
Wer hat so weit geführt auf seiner Stieg' euch?«
Mein Lehrer drauf: »Wenn an du schaust die Male,
Die jener trägt und die der Engel zeichnet,
Siehst du wohl, daß mit Gutem er muß herrschen.
Allein da jene nicht, die Tag und Nacht spinnt,
Den Knäul ihm ganz noch ausgezogen hatte,
Den Clotho jedem auflegt und umwickelt,
So könnt' allein hieher nicht seine Seele,
Die dein' und meine Schwester ist, gelangen,
Weil sie nicht schaut die Ding' auf unsre Weise.
Drum ward entrückt dem weiten Schlund der Höll' ich,
Daß ich ihm alles zeig', und werd' es ferner,
So weit als meine Schule führt, ihm zeigen.
Doch sag' uns, wenn du's weißt, warum so bebte
Der Berg vorher, und weshalb all' auf einmal
Bis hin zum feuchten Fuß zu rufen schienen?«
So traf er durch sein Fragen meinem Wunsche
Grad' wie ins Nadelöhr, denn durch die Hoffnung
Allein schon ward der Durst mir minder brennend.
Und jener drauf: »Nichts ist, das außer Ordnung
Hier in die heil'ge Sitt' eingreifen könnte
Des Berges oder gegen Brauch geschehen.
Frei ist hier oben man von jeder Störung;
Das, was aus ihm in sich der Himmel aufnimmt,
Kann das bewirken, doch nicht andre Ursach',
Darum auch Regen nicht, noch Schnee, noch Hagel,
Noch Tau, noch Reif herabfällt weiter oben
Als bis zum kurzen Trepplein der drei Stufen.
Nicht dichte Wolken zeigen sich, noch dünne,
Nicht Wetterleuchten, noch des Thaumas Tochter,
Die jenseits oft die Himmelsgegend wechselt.
Auch trockner Dunst nicht steiget weiter aufwärts
Als zu der drei besagten Stufen Gipfel,
Drauf der Statthalter Petri setzt die Füße.
Wohl weiter unten bebt's viel oder wenig,
Doch nie hat es, ich weiß nicht, wie, durch Wind noch,
Der sich im Grund verbirgt, gebebt hier oben.
Es bebt nur, wenn sich rein fühlt eine Seele,
So daß sie aufsteht oder sich zum Steigen
Bewegt, und solches Rufen dann begleitet's.
Beweis der Rein'gung ist allein das Wollen,
Das voller Freiheit, ihren Stand zu wechseln,
Die Seel' ergreift, am Wollen Freud' ihr gebend.
Erst will sie wohl, doch hindert's die von ew'ger
Gerechtigkeit entgegen jenem Willen
Gesetzte Lust an Qual, wie sonst am Sünd'gen.
Und ich, der mehr schon als fünfhundert Jahre
In diesem Leide lag, empfand erst jetzo
Das freie Wollen besserer Behausung.
Drum fühltest du den Erdstoß, hört'st am Berge
Umher der frommen Geister Lobgesänge,
Gebracht dem Herrn, der bald hinauf sie weise.«
So sprach er, und weil um so mehr des Trankes
Man sich erfreut, als groß der Durst gewesen,
Könnt' ich, wie sehr er mich erquickt, nicht sagen.
Der weise Führer: »Wohl seh' jetzt die Schling' ich,
Die hier euch hält, und wie man ab sie streifet,
Weshalb es bebt, und welche Freud' ihr teilet.
Jetzt, wer du seist, laß mich gefällig wissen,
Und weshalb der Jahrhunderte so viele
Du hier gelegen, deinem Wort entnehmen.«
»Zur Zeit, da mit des höchsten Königs Hilfe
Der gute Titus jene Wunden rächte,
Draus quoll das Blut, das Judas hat verkaufet,
Lebt' ich,« entgegnete der Schatten, »jenseits
Durch jenen Namen, der am meisten dauert
Und ehret, hochberühmt, doch noch nicht gläubig.
So süß ist meiner Stimme Hauch gewesen,
Daß Rom mich an sich zog, den Tolosaner,
Wo Myrtenschmuck den Schläfen ich verdienet.
Statius nennt immer noch das Volk mich jenseits.
Von Theben sang ich und Achill dem Großen,
Doch unterwegs fiel mit der zweiten Bürd' ich.
Erzeuget wurde meine Glut durch Funken,
Die mich erwärmet, jener Gottesflamme,
Dran mehr denn tausend schon entzündet worden;
Ich meine die Äneis, welche Mutter
Und Amme mir im Dichten ist gewesen;
Denn ohne sie setzt' ich nicht fest ein Quentchen,
Und um, indes Virgil noch lebte, jenseits
Gelebt zu haben, legt' ich zu dem Austritt
Vom Bann ein Jahr noch zu, mehr, als ich schulde.«
Es wandte nach mir hin dies Wort Virgilen
Mit einem Blick, der schweigend sagte: »Schweige!«
Doch alles nicht vermag die Eraft des Wollens,
Denn Lachen ist und Weinen im Gefolge
Des Eindrucks, dem's entsprang, so schnell, daß minder,
Je wahrer ist der Mensch, es folgt dem Willen.
Ich lächelte nur so, wie wer da blinzet;
Darob der Schatten schwieg und in die Augen,
Allwo zumeist der Ausdruck wohnt, mir blickte.
»Sollst glücklich du so große Müh' beenden,
Sag' an,« sprach er, »warum alsbald dein Antlitz
Das Blitzen eines Lächelns mir gezeigt hat.«
Jetzt werd' ich dies- und jenseits festgehalten;
Hier heißt's mich schweigen, dort werd' ich beschworen,
Zu sprechen, drob, so daß man's hört, ich seufze.
»Sprich,« sagte drauf mein Meister, »und zu reden
Nicht habe Furcht, nein, red' und laß ihn wissen,
Was er mit so viel Sorgfalt hat erfraget.«
›Vielleicht, daß du dich, alter Geist, verwunderst.‹
Versetzt' ich, ›ob des Lachens, das ich zeigte,
Doch mehr noch soll Erstaunen dich ergreifen;
Denn dieser, der nach oben meinen Blick lenkt,
Ist der Virgil, von welchem du so mächtig
Von Göttern und von Menschen singen lerntest,
Und hast geglaubt du, daß aus anderm Grund ich
Gelacht, so gelt' er dir als falsch, und glaube,
Daß nur das Wort dran schuld war, das du sprachest.‹
Schon beugt' er sich, daß meines Lehrers Füß' er
Umarme, doch der sagte: »Tu's nicht, Bruder;
Denn, Schatten selbst, siehst du hier einen Schatten.«
Und jener sich erhebend: »Die Wievielheit
Der Lieb' ersiehst du hier, davon ich glühe
Für dich, weil, unsre Nichtigkeit vergessend,
Ich Schatten wie ein fühlbar Ding behandle.«

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