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Göttliche Komödie

Dante: Göttliche Komödie - Kapitel 52
Quellenangabe
typeepos
authorDante
titleGöttliche Komödie
publisherPeter J. Oestergaard Verlag Berlin-Schöneberg
translatorPhilalethes
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070109
projectid10a64f4f
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Siebzehnter Gesang

Erinnre, Leser, dich, wenn in den Alpen
Dich je ein Nebel überfiel, durch den du
Nur, wie der Maulwurf durch sein Fell, konnt'st sehen,
Wie, wenn sodann die feuchten, dicken Dünste
Sich aufzuziehn beginnen, matten Glanzes
Der Sonne Kugel hinter ihnen durchdringt;
Und nur ein schwaches Abbild wirst du haben
Des, was ich sah, als ich zuerst aufs neue
Die Sonne, die schon unterging, erblickte.
So meinen Schritt dem trauten Schritt des Meisters
Gesellend, trat ich aus der Wolk' entgegen
Dem Strahl, der schon am tiefern Strand erstorben.
O Kraft der Einbildung, die so nach außen
Uns schließt zu Zeiten, daß der Mensch nichts merkte,
Und klängen rings auch tausend Erzdrommeten,
Wer regt dich an, wenn nichts der Sinn dir bietet?
Licht regt dich an, das sich im Himmel bildet,
Sei's von sich selbst, sei's weil's ein Will' entsendet.
Vom Frevel jener, die sich in den Vogel,
Der sich zumeist am Sang ergötzt, verwandelt,
Erschien in meiner Vision der Abdruck,
Und hier ward dergestalt zurückgezogen
Meist Geist in sich jetzt, daß, von außen kommend,
Kein Ding in ihn mehr aufgenommen wurde.
Dann fiel in die entzückte Phantasie mir
Hernieder ein Gekreuzigter, unwillig
Und stolz im Angesicht, und also starb er.
Assuerus stand um ihn, der Groß', und Esther,
Sein Weib, und der gerechte Mardochaeus,
Der so untadelhaft in Wort und Tat war.
Und als nun diese Vision von selber
Zersprang gleich einer Blase, der das Wasser
Entweichet, unter dem sie sich gebildet,
Taucht' im Gesicht ein Mägdelein empor mir,
Das heftig weint' und sprach: »Warum, o Fürstin,
Hast du aus Zorn vernichtet werden wollen?
Du starbst, um nicht Lavinien zu verlieren!
Jetzt hast du mich verloren, und ich, Mutter,
Bejammre deinen Fall noch vor dem seinen.«
Wie, wenn auf einmal die geschlossnen Augen
Ein neues Licht berührt, sich bricht der Schlummer,
Der schon gebrochen zuckt, eh' ganz er hinstirbt,
Also fiel meine Vision jetzt nieder,
Sobald das Antlitz mir ein Licht berührte,
Um vieles stärker, als wir's sonst gewohnt sind
Ich wandte mich, zu wissen, wo ich wäre,
Als eine Stimme sprach: »Hier steigt man aufwärts!«
Die von jedwedem andern Zweck mich abzog
Und mir so rüstiges Verlangen eingab,
Zu schaun, wer jener sei, der jetzt geredet,
Daß es geruht nicht hätte, bis er standhielt.
Doch wie die Sonne unsern Blick belästigt,
Durch übermäß'gen Glanz ihr Bild verschleiernd,
So mußte meine Kraft hier unterliegen.
»Ein Himmelsgeist ist dies, der uns die Straße
Zum Aufwärtssteigen weist unaufgefordert
Und mit dem eignen Licht sich selbst verhüllet.
Er macht's mit uns, wie's mit sich selbst der Mensch macht;
Denn wer die Not sieht und aufs Bitten wartet,
Der legt sich auch schon böslich aufs Verweigern.
Mög' unser Fuß jetzt solcher Ladung folgen!
Laßt uns zu steigen trachten, eh' es dunkelt;
Denn dann nicht geht's mehr, bis der Tag zurückkehrt.«
So sprach mein Führer, und wir beide wandten
Jetzt unsre Schritte hin zu einer Stiege,
Und angelangt dann bei der ersten Stufe,
Hört' ich mir nah wie Flügelschlag und fühlte
Ein Wehn im Antlitz und vernahm: »Beati
Pacifici, die frei von bösem Zorn sind!«
Schon waren über uns so weit erhoben
Die letzten Sonnenstrahlen, drauf die Nacht folgt,
Daß von verschiednen Seiten Stern' erschienen.
›O meine Kraft, wie schwind'st du also!‹ sagte
Ich zu mir selber, weil ich das Vermögen
Der Füß' in Ohnmacht mir versetzet fühlte.
Wir standen jetzt, wo ferner nicht emporsteigt
Die Stiege mehr, und waren festgebannet,
Dem Schiff gleich, das am Strand ist angelaufen.
Ein wenig merkt' ich auf, ob irgend etwas
Im neuen Kreis ich wohl vernehmen möchte;
Dann wandt' ich mich zum Meister hin und sagte:
›Sprich, süßer Vater, welcherlei Beleid'gung
Wird in dem Kreis hier, wo wir sind, getilget?
Steht gleich der Fuß, so steh doch still dein Wort nicht.‹
Und er: »Des Guten Lieb', in Pflichten säumig,
Wird hier gebessert; hier holt wieder ein man
Durch frischen Ruderschlag die schlimme Zögrung.
Doch daß du offenbarer dies erkennest,
So wende zu den Sinn mir, um in etwas
Doch vom Verweilen gute Frucht zu haben.
Der Schöpfer nicht, noch ein Geschöpf war jemals,
Mein Sohn,« begann er, »sonder Liebe, sei es
Natürlicher, sei's seelischer. Du weißt es,
Stets frei war die natürliche vom Irrtum;
Doch irren kann durch schlechtes Ziel die andre
Und durch zu viel und durch zu wenig Stärke.
Solang sie nach den ersten Gütern strebet
Und im Betreff der zweiten rechtes Maß hält,
Kann böser Lust sie nimmer Ursach' werden.
Doch kehrt sie sich zum Bösen, oder jaget
Mehr oder minder, als sie soll, nach Gutem,
Braucht das Geschöpf sie gegen seinen Schöpfer,
Hieraus kannst du begreifen, daß die Liebe
In euch der Same jeder Tugend sein muß,
Wie jeder Handlung, die der Strafe würdig.
Dieweil nun Liebe nimmermehr die Blicke
Abwenden kann vom Wohle des, der liebet,
So sind vor Eigenhaß die Dinge sicher;
Und weil man ferner sich getrennt vom ersten
Kein Wesen, noch für sich besteh'nd kann denken,
Ist jenes Haß fremd jeglichem Gefühle.
So bleibt drum, wenn ich recht geteilt, zu lieben
Des Nächsten Übel nur, und solche Liebe
Sprießt auf dreifache Weis' in eurem Schlamme.
Der hofft von seines Nachbars Unterdrückung
Auszeichnung für sich selbst und wünscht nur darum,
Daß jener werd' entsetzt von seiner Größe.
Der fürchtet, Macht, Gunst, Ruhm und Ehre, weil ihn
Ein andrer übertreffe, zu verlieren,
Und grollt drob so, daß er das Gegenteil liebt;
Und der glaubt durch Beleid'gung sich geschändet,
So daß nach Rach' er dürstet, und ein solcher
Muß nach dem Schaden dann des andern trachten.
Solch dreigestaltet Lieben wird beweinet
Dort unterhalb; doch jetzt vernimm vom andern,
Das auf verkehrte Weise strebt nach Gutem.
Es ahnet jeglicher ein Gut verworren,
In dem die Seele Ruhe find', und wünscht es,
Drum jeder auch es zu erreichen strebet.
Zieht träges Lieben nun euch hin, ein solches
Zu schaun und zu erwerben, dann bestrafet
Euch dieser Sims nach gnügendem Bereuen.
Noch andres Gut gibt's, Menschen nicht beglückend,
Das Seligkeit nicht, noch das wesenhafte
Gut ist, die Frucht und Wurzel alles Guten.
Die Liebe, die zu sehr sich jenem hingibt,
Wird über uns beweinet in drei Kreisen;
Doch wie sie dreifach eingeteilt zu denken,
Darüber schweig' ich, daß für dich du's suchest.«

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