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Göttliche Komödie

Dante: Göttliche Komödie - Kapitel 51
Quellenangabe
typeepos
authorDante
titleGöttliche Komödie
publisherPeter J. Oestergaard Verlag Berlin-Schöneberg
translatorPhilalethes
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070109
projectid10a64f4f
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Sechzehnter Gesang

Der Hölle Dunkel selbst und solcher Nächte,
Wo kein Planet scheint, unter ödem Himmel,
Von Wolken, so viel möglich, noch verfinstert,
Nicht wär' sie meinem Angesicht ein Schleier
So dicht und dem Gefühl so rauh gewesen,
Als jener Dampf war, der uns hier bedeckte
Und uns das Auge ließ nicht offen halten;
Darum mein einsichtsvoll und treu Geleite
Mir näher trat und seine Schulter anbot.
Gleich wie der Blinde hinterm Führer hergeht,
Daß er sich nicht verirr' und stoß' an etwas,
Das ihn beläst'ge oder gar ihn töte,
Ging hin ich durch die herben schmutz'gen Lüfte,
Dem Führer horchend, der zu mir nur sagte:
»Gib acht, daß du von mir getrennt nicht werdest.«
Ich hörte Stimmen, und jedwede schien mir
Um Frieden und Barmherzigkeit zu flehen
Zum Lamme Gottes, das die Sünden hinnimmt.
Mit »Agnus Dei« hoben an sie sämtlich;
In allen war ein Wort und eine Weise,
So daß nur Eintracht alles schien bei ihnen.
›Das sind wohl Seelen, was ich, Meister, höre?‹
Sprach ich, und er zu mir drauf: »Recht bemerkst du,
Und also lösen sie des Zornmuts Bande.«
»Wer bist du nur, der, unsern Rauch durchschneidend,
Du so von uns doch redest, gleich als ob du
Die Zeit noch immer nach Kalenden teiltest?«
So sprach der Stimmen eine, drob mein Meister
Zu mir begann: »Antworte drauf und frage,
Ob man empor auf dieser Seite steiget.«
Und ich drauf: ›0 Geschöpf, das hier sich reinigt,
Um schön zu seinem Schöpfer heimzukehren,
Wenn du mir folgst, sollst Wunder du vernehmen.‹
»Ich folge dir, so weit es mir erlaubt ist,«
Antwortet' er, »und ob wir vor dem Rauch uns
Nicht sehn, hält uns vereint dafür das Hören.«
Drauf hob ich also an: ›Mit jenen Banden,
Davon der Tod uns löst, steig' ich nach oben,
Und durch die Angst der Hölle kam hierher ich,
Und da Gott also mich zu Gnaden aufnahm,
Daß schauen er mich seinen Hof will lassen
In einer Art, ganz neurer Sitt' entgegen,
Verbirg mir nicht, wer vor dem Tod du warest;
Nein, sag's und sag', ob recht zum Paß ich gehe;
Denn als Geleite wird dein Wort uns dienen.‹
»Ich war Lombard und hieß mit Namen Markus;
Die Welt kannt' ich und liebte jene Tugend,
Nach der jetzt niemand mehr den Bogen spannet.
Emporzusteigen gehst du rechten Weges,«
So gab zur Antwort er, beifügend: »Bitte
Für mich, ich bitte, wenn du droben sein wirst.«
Ich drauf: ›Ich binde mich bei Treu' und Glauben
Zu tun, was du verlangst; doch macht ein Zweifel
Mich bersten, wenn ich sein mich nicht entlade.
Erst war er einfach und ist jetzt verdoppelt
Durch deinen Spruch, der hier und anderswo mir
Des gibt Gewißheit, dran sich jener anknöpft.
Die Welt ist in der Tat also verödet
An jeder Tugend, wie du mir gekündet,
Und so geschwängert und bedeckt mit Bosheit.
Doch laß, bitt' ich, den Grund davon mich wissen,
Daß ich ihn seh' und andern zeigen möge;
Denn der sucht ihn im Himmel, der hinieden
Ein tiefes Seufzen, das in Ach zusammen
Der Schmerz zog, haucht' er aus und sprach drauf: »Bruder,
Die Welt ist blind, und wohl von ihr her kommst du.
Ihr, die ihr lebt, legt jede Ursach' immer
Dem Himmel droben bei, gleich als ob alles
Mit sich er durch Notwendigkeit bewege.
Wenn dem so wäre, würd' in euch zerstört sein
Der freie Will', und nicht Gerechtigkeit wär's
Wenn Gutem Wonne, Leid dem Bösen folgte.
Anstoß gibt euern Regungen der Himmel;
Nicht sag' ich allen, doch gesetzt, ich sagt' es,
Dennoch habt ihr ein Licht fürs Gut' und Böse
Und Willensfreiheit, die, wenn unermüdet
Den ersten Kampf sie mit dem Himmel aushält,
Dann, wohlgenährt, auch alles überwindet.
Ihr unterwerft euch größrer Kraft und bessrer
Natur aus freier Wahl, und diese schafft dann
Den Sinn in euch, den nichts der Himmel kümmert.
Drum wenn die gegenwärt'ge Welt verirrt ist,
Liegt nur der Grund in euch, in euch nur sucht ihn;
Des werd' ich jetzt dir sein ein treuer Späher.
Hervor kommt aus der Hand des, der mit Lust sie
Betrachtet', eh' sie ward, gleich einem Mägdlein,
Das kindisch tut beim Lachen wie beim Weinen,
Einfältiglich die Seele, die nichts weiß noch,
Als daß, vom heitern Schöpfer ausgegangen,
Sie gern nach dem sich kehrt, was sie ergötzet.
Geschmack erst findet sie an kleinem Gute;
Hier täuscht sie sich und jagt ihm nach, lenkt anders
Ein Führer oder Zaum nicht ab ihr Lieben.
Drum braucht's, Zaum anzulegen, der Gesetze,
Des Königes bedarf es, der die Türme
Zum mindesten der wahren Stadt erkenne.
Wohl sind Gesetze da; doch wer legt Hand dran?
Niemand; weil jener Hirte, der vorangeht,
Zwar wiederkau'n kann, doch den Huf nicht spaltet.
Drum auch das Volk, das seinen Führer zielen
Nach jenem Gut nur sieht, wonach es gierig,
Daran allein sich weidend, mehr nichts fordert.
So kannst du sehn denn, wie die schlimme Führung,
Und nicht, daß die Natur in euch verderbt sei,
Der Grund ist, drum die Welt so bös geworden.
Einst pflegte Rom, der guten Ordnung Gründ'rin,
Zwei Sonnen zu besitzen, welche diesen
Und jenen Weg, der Welt und Gottes, zeigten.
Verlöscht hat eine jetzt die andr'; es eint sich
Das Schwert dem Hirtenstab, und so verbunden
Muß sich notwendig beides schlecht behaben,
Dieweil vereint eins nicht das andre fürchtet.
Willst mir du glauben nicht, merk' auf die Ähren;
Denn jeglich Kraut erkennt man an dem Samen.
In jenem Land, das Etsch und Po bewässern,
War Mut und adeliger Sinn zu finden,
Eh' Händel Friederich bekommen hatte.
Jetzt kann mit Sicherheit dort jeder durchziehn,
Der es aus Scham vermeiden will, den Guten
Zu nahen und mit ihnen umzugehen.
Wohl gibt's drei Greise dort noch, drin das alte
Geschlecht das neue schilt, und ihnen dünkt's schon
Zu spät, daß Gott sie setz' in bessres Leben:
Der gute Gerhard, Konrad von Palazzo
Und Guido von Castell, genannt noch besser
Nach Franzmanns Art der einfache Lombarde.
Gesteh' mir also, daß die röm'sche Kirche,
Weil zwei Gestalten sie in sich vermengt hat,
In Schlamm versinkt, sich und die Last besudelnd.«
›Mein Markus,‹ sprach ich drauf, ›du folgerst richtig,
Und jetzt erst seh' ich ein, warum vom Erbe
Die Söhne Levis ausgeschlossen worden.
Doch, welch ein Gerhard ist's, der, wie du sagest,
Als Denkmal des erloschnen Volks zurückblieb,
Ein Vorwurf dem verwilderten Jahrhundert?‹
»Täuscht mich dein Wort wohl, oder will's mich prüfen,«
Antwortet' er, »daß du, toskanisch redend,
Vom guten Gerhard nichts zu wissen scheinest?
Beinamen wüßte sonst für ihn ich keinen,
Wär's nicht etwa nach seiner Tochter Gaja.
Gott sei mit euch, denn mehr mit euch nicht komm' ich.
Seht, wie weiß schimmernd durch den Rauch das Zwielicht
Dort glänzet schon, und mir geziemt's, zu scheiden,
Eh' noch der Engel, der dort steht, erscheinet.«
Sprach's, und nicht ferner wollt' auf mich er hören.

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