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Göttliche Komödie

Dante: Göttliche Komödie - Kapitel 50
Quellenangabe
typeepos
authorDante
titleGöttliche Komödie
publisherPeter J. Oestergaard Verlag Berlin-Schöneberg
translatorPhilalethes
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070109
projectid10a64f4f
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Fünfzehnter Gesang

Soviel als von dem Anbeginn des Tages
Bis zu der dritten Stunde Schluß vom Kreise
Sich zeigt, der, einem Kind gleich, stets umherspielt,
Soviel schien bis zum Untergang der Sonne
Von ihrem Lauf schon übrig nur zu bleiben;
Dort war es Vesperzeit, und Mitternacht hier.
Und mitten traf der Strahl uns an der Nase,
Weil dergestalt den Berg umkreist wir hatten,
Daß grade schon gen Niedergang wir wallten,
Als ich die Stirne mir von Glanz beschweret
Weit mehr als früher fühlte, und Erstaunen
Ob solches nie gekannten Dings mich faßte,
Weshalb empor zum Gipfel meiner Brauen
Ich hob die Hand und einen Schirm mir machte,
Das Licht zu dämpfen, das von oben einfiel.
Wie, wenn der Strahl vom Wasser oder Spiegel
Abspringt nach der entgegenstehnden Seite,
In eben jener Weis', als er herabfiel,
Empor nun steigend, und auf gleiche Höhe
Vom Fall des Steines gleich entfernt sich haltend,
Wie Wissenschaft uns und Erfahrung zeiget;
So glaubt' ich, vom zurückgeprallten Lichte
Allhier vor mir getroffen mich zu fühlen,
Drob mein Gesicht behend zur Flucht sich wandte.
›Was, süßer Vater, ist's, vor dem das Aug' ich
Nicht so kann schirmen,‹ sprach ich, ›daß mir's helfe.
Und uns entgegen scheint sich's zu bewegen?‹
»Verwundere dich nicht, wenn noch dich blendet,«
Entgegnet' er, »die Dienerschaft des Himmels;
Ein Bote ist es, der zum Steigen ladet.
Bald wird's geschehn, daß, solcherlei zu schauen,
Nicht lästig mehr, nein, Lust dir wird, so viel als
Dich die Natur geschickt zu fühlen machte.«
Als jetzt wir zu dem heil'gen Engel kamen,
Sprach er mit heitrer Stimme: »Tretet ein hier
Zur Stiege, die so steil nicht als die andern.«
Drauf stiegen wir empor, von dort entfernt schon,
Da ward gesungen hinter uns: »Beati
Misericordes«
und: »Erfreu' dich, Sieger!«
Wir gingen aufwärts beide jetzt, mein Meister
Und ich allein, und wandernd so, gedacht' ich,
Aus seinen Worten Nutzen mir zu schaffen,
Und wandte mich an ihn, also ihn fragend:
›Was meinte jener Geist wohl aus Romagna
Von »nicht zulässig« sprechend und »Gemeinschaft«?‹
Und er zu mir drum: »Seines größten Fehlers
Nachteil erkennt er; drum ist's nicht zu wundern,
Wenn er ihn rügt, daß minder drob man weine.
Weil dorthin eure Wünsche sind gerichtet,
Wo durch Genossenschaft ein Teil muß schwinden,
Bewegt der Neid den Seufzern das Gebläse.
Doch wenn die Liebe zu dem höchsten Kreise
Nach oben richtete all euer Sehnen,
Würd' in der Brust euch diese Furcht nicht weilen;
Denn dort je mehr man unser nennt des Guten,
Um so viel mehr besitzt davon ein jeder,
Und glüht von größrer Lieb' in jenem Chore.«
›Mehr fühl' ich nach Befriedigung jetzt Hunger,‹
Sprach ich, ›als wenn ich erst geschwiegen hätte,
Und mehr des Zweifels eint in meinem Sinn sich.
Wie mag's geschehn, daß eines Guts Verteilung
Die mehreren Besitzer mehr bereichre
Durch selbes, als wenn's wen'ge nur besäßen?‹
Und er zu mir: »Weil du nun immer wieder
Den Sinn nur auf die ird'schen Dinge heftest.
So klaubst du Finsternis aus wahrem Lichte.
Das endlos', unnennbare Gut, das droben
Befindlich ist, eilt also zu der Liebe,
Wie sich der Strahl glanzvollem Körper einet,
Dem er so viel an Glut gibt, als er findet,
So daß, je mehr die Liebe sich verbreitet,
Um desto mehr ihr wächst die ew'ge Stärke.
Und wenn sich droben mehr' verstehn, gibt's mehr dort
Des Guten auch zu lieben, und mehr liebt man,
Sich's Spiegeln gleich zurück einander strahlend.
Doch sollte mein Beweis dich nicht ersätt'gen,
So find'st Beatrix du, die gänzlich diesen
Und jeden andern Wunsch dir wird entnehmen.
Schaff' nur, daß insgesamt vertilgt bald werden,
Wie's zwei schon sind, die übrigen fünf Wunden,
Die sich dadurch nur schließen, daß sie schmerzen.«
Als grad ich sagen wollte: ›Du begnügst mich,‹
Sah ich mich angelangt am nächsten Kreise,
Drob Schweigen mir gebot der Augen Neugier.
Allhier glaubt' ich urplötzlich mich in eine
Verzückte Vision emporgezogen,
Und vieles Volk zu schaun in einem Tempel,
Und daß ein Weib mit süßer, mütterlicher
Gebärd' im Augenblick des Eintritts sage:
»Mein Sohn, warum hast dieses du getan uns?
Denn sieh, mit Schmerzen haben wir, dein Vater
Und ich, gesucht dich.« Und als drauf sie still ward,
Da war, was erst erschienen mir, verschwunden.
Drauf eine andr' ich sah, der jenes Wasser
Die Wang' herabfloß, das der Schmerz macht träufeln,
Wenn großer Unwill, ihn erzeugt auf andre.
Und also sprach sie: »Wenn du Herr der Stadt bist,
Um deren Namen so die Götter stritten,
Und der jedwede Wissenschaft entstrahlet,
So räche dich an den verwegnen Armen,
Die unser Kind, o Pisistrat, umfangen.«
Und der Gebieter schien mir mild und gütig,
Voll Mäßigung im Antlitz, zu entgegnen:
»Was sollen dem wir, der uns Böses wünschet,
Nur tun, wenn, wer uns liebt, von uns verdammt wird?«
Darauf erblickt' ich zornentbrannte Männer,
Die einen Jüngling töteten mit Steinen,
Einander laut zurufend: »Martert, martert!«
Und jenen sah gebeuget ich vom Tode,
Der ihn schon zu der Erde niederdrückte,
Doch stets der Augen Tor dem Himmel öffnend.
Zum höchsten Herrn in solchem Kampfe beten,
Daß denen er verzeih', die ihn verfolgten,
Mit jenem Blick, dem sich das Mitleid aufschließt.
Als sich mein Geist nach außen auf die Dinge,
Die außerhalb von ihm noch wahr sind, wandle,
Erkannt' ich meine Täuschung, die nicht falsch war.
Mein Hort, der sehn mich konnte, wie gleich jenem
Ich tat, der von dem Schlummer los sich windet,
Begann: »Was ist's, daß du dich nicht kannst halten,
Und gingst schon mehr als eine halbe Stunde
Geschlossnen Blicks, verwickelt mit den Beinen,
Wie der, den Wein macht oder Schlummer taumeln?«
›O süßer Vater, wenn du mich willst hören,
So sag' ich dir,‹ sprach ich, ›was mir erschienen,
Indes ich so nicht mächtig war der Beine.‹
Und er: »Wenn überm Antlitz hundert Larven
Du hättest auch, doch würden mir von deinen
Gedanken selbst die kleinsten nicht verhüllt sein.
Das, was du sahst, geschah, damit dein Herz du
Zu öffnen dich nicht weigerst jenen Wässern
Des Friedens, die dem ew'gen Quell entströmen.
›Was ist dir?‹ fragt' ich, nicht aus gleichem Grunde
Wie jener, der nur mit dem Auge schauet,
Das nicht mehr sehn kann, wenn entseelt der Leib liegt.
Ich fragt', um Stärke deinem Fuß zu geben;
So ziemt's, die Langsamträgen anzuspornen,
Ihr Wachsein zu benutzen, wenn es heimkehrt.«
Wir wallten durch den Abend, vorwärts merkend,
So weit hin, als entgegenschweifen konnte
Der Blick des Niederganges letzten Strahlen;
Und siehe, nach und nach erhob ein Rauch sich
Jetzt gegen uns, der dunkel gleich der Nacht war,
Und keine Stätte gab's, ihm zu entgehen;
Der raubt' das Aug' uns und die reinen Lüfte.

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