Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Dante >

Göttliche Komödie

Dante: Göttliche Komödie - Kapitel 49
Quellenangabe
typeepos
authorDante
titleGöttliche Komödie
publisherPeter J. Oestergaard Verlag Berlin-Schöneberg
translatorPhilalethes
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070109
projectid10a64f4f
Schließen

Navigation:

Vierzehnter Gesang

»Wer ist es, der dort unsern Berg umkreiset,
Bevor ihn noch der Tod zum Flug beschwingt hat,
Und der nach Lust sein Aug' erschließt und zudeckt?
Nicht, wer er sei, doch, daß er nicht allein ist,
Weiß ich; frag' du ihn, denn du bist ihm näher,
Und grüß' ihn freundlich, daß er Red' uns stehe.«
Also besprachen sich hier rechts zwei Geister,
Einander zugeneigt, von mir und legten
Das Antlitz rücklings dann, mit mir zu reden.
Und einer sprach: »O, Seele, die, gebannt noch
Im Leib des Todes, du gen Himmel wallest,
Beruhig' uns aus Liebe und erklär' uns,
Woher du kommst und wer du bist; denn also
Macht staunen uns die dir erzeigte Gnade,
Wie sich's für etwas ziemt, das nie noch da war.«
Und ich drauf: ›Mitten durch Toskana wallet
Ein Flüßchen, das am Falteron' entspringet,
Und dem ein Lauf nicht gnügt von hundert Meilen;
Von seinem Strande bring' ich diesen Leib her.
Zu sagen, wer ich sei, wär' fruchtlos Reden;
Denn großen Klang nicht hat annoch mein Name.‹
»Dafern ich deine Meinung ganz durchdringe
Mit dem Verstand,« gab, wer zuerst gesprochen,
Zur Antwort dann, »so redest du vom Arno.«
Der andre drauf zu ihm: »Warum hat dieser
Den Namen jenes Flusses nur verborgen,
So wie man tut mit grauenvollen Dingen?«
Und jener Schatten, der befragt war worden,
Entlud sich so: »Ich weiß nicht, doch wohl ziemt sich's,
Daß dieses Tals Benennung untergehe;
Denn vom Beginn, wo so das Hochgebirge,
Davon Pelor' getrennt ward, ist geschwängert,
Daß wenig Stellen nur darüber reichen,
Bis wo er als Ersatz sich selbst zurückgibt
Für das, was aus dem Meer der Himmel sauget,
Draus, was in ihnen strömt, die Flüss' erhalten,
Wird von jedwedem, gleich der Schlang' als Feindin,
Die Tugend weggescheucht, sei's ob des Unsterns
Des Ortes, sei's weil böse Sitte reizet;
Darob des jammervollen Tals Bewohnern
Ihr Wesen so verkehrt ward, daß es scheinet,
Als habe Circe sie auf ihrer Weide.
An wüsten Schweinen hin, der Eicheln würd'ger
Als andrer Kost, für Menschen zubereitet,
Sieht ärmlich man zuerst den Lauf ihn richten.
Er findet Kläffer dann, wenn er hinabkommt,
Weit keifender, als ihre Stärke heischet,
Und wendet ab unwillig seine Schnauze.
Er sinkt noch weiter, und je mehr er anwächst,
Sieht um so mehr aus Hunden Wölfe werden
Der unglückselige, verfluchte Graben.
Wenn er darauf durch andre tiefe Schluchten
Entstürzt ist, trifft er Füchse, so voll Arglist,
Daß keinen Witz sie scheun, der sie besiege,
Und schweigen werd' ich nicht, ob man mich hör' auch;
Denn gut wird's dem sein, wenn er des einst denket.
Was ein wahrhaft'ger Geist mir jetzt enthüllet.
Ich sehe, wie dein Enkel, der zum Jäger
Wird jener Wölfe werden, dort am Ufer
Des grausen Stromes insgesamt sie aufschreckt;
Ihr Fleisch verkauft er bei lebend'gem Leibe,
Dann schlachtet er sie hin gleich altem Viehe,
Beraubt des Lebens viel' und sich der Ehre.
Bluttriefend kommt er aus dem Jammerwalde,
Verläßt ihn so, daß er in tausend Jahren
Von jetzt, nicht wie er war, sich neu bewaldet.«
Wie bei Verkünd'gung künft'gen Mißgeschickes
Das Antlitz wird verstört dem, der sie höret,
Von welcher Seit' auch die Gefahr ihn fasse,
So sah die andre Seel' ich, die zum Horchen
Gewendet war, verstört und traurig werden,
Als jenes Wort in sich sie aufgenommen.
Der einen Rede gab, der andern Anblick
Den Wunsch mir, ihre Namen zu erfahren,
Drob eine Frag' ich tat, gemischt mit Bitten,
Darauf der Geist, der erst mit mir gesprochen,
Aufs neu' begann: »Du willst dahin mich bringen,
Daß ich dir tue, was du mir nicht tun willst.
Doch da Gott seine Gnad' in dir so sehr will
Durchschimmern lassen, werd' ich dir nicht karg sein;
So wisse denn, ich bin Guido del Duca.
Vom Neid ist so verbrannt mein Blut gewesen,
Daß, hätt' ich jemand froh gesehn, so würdest
Mit Blässe du bedeckt gesehn mich haben.
Von meinem Samen ernt' ich solches Stroh hier;
O menschliches Geschlecht, was hängst dein Herz du
An das, wobei zulässig nicht Gemeinschaft!
Dies ist Rinier, dies ist der Preis, die Ehre
Des Hauses Calboli, aus dem dann keiner
Zum Erben seiner Tugend sich gemacht hat;
Und sein Geschlecht allein nicht ist beraubet
Vom Po zum Berg, vom Meeresstrand zum Reno
Der Güter, die zu Lust und Wahrheit dienen.
Denn zwischen jenen Grenzen wimmelt alles
Von gift'gen Sträuchern, so daß wohl der Anbau
Zu spät, sie auszuroden, jetzo käme.
Der gute Lizius, Peter Traversaro,
Heinrich Manard und Guido von Carpigna,
Wo sind sie? O, der Bastardbrut Romagnas,
Weil in Bologn' ein Fabbro, in Faenza
Treibt neue Wurzeln Bernardin von Fosco,
Ein edles Reis, aus niederm Keim entsprossen.
Verwundre dich nicht, daß ich weine, Tuscier,
Wenn ich gedenke nebst Guido da Prata
Ugolin's d' Azzo, der mit uns gelebt hat,
Friedrich Tignosos nebst der Schar, des Hauses
Der Traversara denk' und Anastagi,
Und dies Geschlecht wie jenes ist enterbt jetzt,
Der Ritter und der Frau'n, der Müh'n und Freuden,
Die Lieb' und adlig Wesen uns bereitet,
Wo jetzt die Herzen sind so schlimm geworden.
O Bertinoro, warum nicht entfleuchst du,
Da sich dein Haus von dannen hat gewendet
Und vieles Volk, nicht lasterhaft zu werden.
Wohl tut Bagnacaval, nicht mehr zu zeugen,
Und schlecht tut Castrocar, und schlimmer Conio,
Der ferner strebt, zu zeugen solche Grafen.
Wohl werden die Pagani tun, wenn fort einst
Ihr Teufel ist gegangen, doch nicht also,
Daß fürder unbefleckt ihr Leumund bliebe.
O Ugolin de' Fantolin, dein Name
Ist sicher, da man keinen mehr erwartet,
Der durch Entartung ihn verdunkeln könnte!
Doch geh von dannen, Tuscier; denn zu weinen
Gelüstet's jetzt weit mehr mich als zu sprechen,
So hat mir dies Gespräch das Herz beklemmet.«
Wir wußten, daß uns jene werten Seelen
Gehn hörten, und darum gab uns ihr Schweigen
Die Zuversicht, daß wir auf rechtem Wege.
Als wir fortschreitend nun allein uns fanden,
Kam gleich dem Blitze, der die Luft durchschneidet,
Entgegen eine Stimm' uns, also sprechend:
»Erschlagen wird mich jeder, der mich antrifft!«
Und schwand gleich einem Donner, der verhallet,
Nachdem die Wolke plötzlich er zerrissen,
Und als kaum unser Ohr Ruh' vor ihm hatte,
Horch! eine andre mit so mächt'gem Krachen,
Daß sie dem Donner glich, der Schlag auf Schlag folgt:
»Ich bin Aglauros, die zum Felsen wurde!« –
Darauf, mich an den Dichter anzuschmiegen,
Den Schritt ich rückwärts und nicht vorwärts setzte.
Schon waren allerseits gestillt die Lüfte,
Und jener: »Das Gebiß ist dies, das harte,
Das in den Schranken sollt' euch Menschen halten.
Doch ihr schnappt nach dem Köder, und so zieht euch
An sich des alten Gegners Angelhaken;
Drum helfen Zaum und Lockruf euch nur wenig.
Zu sich ruft euch der Himmel, euch umkreist er,
Euch seine ew'gen Herrlichkeiten zeigend,
Und doch schaut euer Auge nur zur Erde;
Drum züchtigt euch, der alles unterscheidet.«

 << Kapitel 48  Kapitel 50 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.