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Göttliche Komödie

Dante: Göttliche Komödie - Kapitel 48
Quellenangabe
typeepos
authorDante
titleGöttliche Komödie
publisherPeter J. Oestergaard Verlag Berlin-Schöneberg
translatorPhilalethes
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070109
projectid10a64f4f
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Dreizehnter Gesang

Wir waren an dem Gipfel jetzt der Stiege,
Allwo zum zweitenmal ist eingeschnitten
Der Berg, der die Ersteigenden entsündigt.
Hier nun umschließet ringsumher die Höhe
Ein Sims, dem ersteren in allem ähnlich,
Nur daß sich zeitiger sein Bogen krümmet;
Nicht Schatten gibt's, noch Bilder hier zu schauen,
Einförmig deckt den Felshang, deckt die Straße
Die graulichbleiche Färbung des Gesteines.
»Wenn hier zu fragen erst wir Leut' erwarten,«
Begann der Dichter, »dann ist wohl zu fürchten,
Daß allzulang sich unsre Wahl verziehe.«
Drauf fest die Augen nach der Sonne richtend,
Nahm er zum Mittelpunkte der Bewegung
Die rechte Seit' und schwenkte seine Linke.
»O holdes Licht, dem trauend ich betrete
Die neue Bahn, so führe du uns,« sprach er,
»So wie sich's ziemt, hier durchgeführt zu werden.
Du wärmst die Welt, du bist's, das sie beleuchtet;
Treibt sonst ein Grund uns nicht in andrer Richtung.
So müssen stets uns leiten deine Strahlen.«
Wieviel man diesseits zählt für eine Meile,
So viel schon waren jenseits wir gegangen
In kurzer Zeitfrist ob des rüst'gen Willens,
Und gegen uns zu hörten, doch nicht sahen
Wir Geister schweben, mit holdsel'ger Rede
Einladung zu dem Mahl der Liebe bietend.
Die erste Stimme, die vorüberschwebte,
» Vinum non habent«, sprach sie ganz vernehmlich,
Es hinter uns aufs neue wiederholend;
Und eh' noch gar nicht mehr sie war zu hören
Ob der Entfernung, rief vorüberziehend
Die zweit': »Orest bin ich,« und sie nicht weilt' auch.
›O,‹ sagt ich, ›Vater, was für Stimmen sind das?‹
Und als ich solches fragte, horch, da sprach schon
Die dritte: »Liebet, die euch Böses taten.«
Der gute Hort jetzt: »Dieser Gürtel geißelt
Des Neids Verschuldung, und von Liebe werden
Geschwungen auch darum der Peitsche Stricke.
Von umgekehrtem Klange muß der Zaum sein;
Nach meiner Meinung wirst du's, denk' ich, hören,
Eh' du zu der Vergebung Paß gelangest.
Doch hefte fest den Blick jetzt durch die Lüfte,
Und Volk wirst du vor uns dort sitzen sehen,
Das insgesamt gereiht ist längs dem Felsen.«
Da tat ich weiter auf als erst die Augen
Und sah, vorschauend, Schatten dort mit Mänteln,
An Farbe nicht verschieden vom Gesteine.
Und als wir etwas weiter vorgekommen,
Da hört' ich: »Bitt' für uns, Maria,« hörte
Michael, Petrus, alle Heil'gen rufen.
Nicht glaub' ich, daß zur Stund' auf Erden wandelt
Ein Mann, so hart, daß er vom Mitgefühle
Ob des, was dann ich sah, bewegt nicht würde.
Denn als ich ihnen war so nah gekommen,
Daß deutlich mir sich jetzt ihr Treiben zeigte,
Da troffen mir von schwerem Leid die Augen.
Ein hären schlecht Gewand schien ihre Hülle,
Und einer stützt' den andern mit der Schulter,
Und alle wurden von dem Strand gestützet.
So stehn oft dürft'ge Blind' an Ablaßstätten,
Um das, was ihnen not tut, zu erbetteln,
Das Haupt der eine über'n andern neigend,
Mitleid in dritten desto mehr zu wecken,
Nicht durch der Worte Klang nur, nein, durch ihren
Anblick auch, der nicht minder brünstig flehet.
Und wie Erblindeten nichts hilft die Sonne,
Also gewähret keinen Teil den Schatten,
Die ich erwähnt, an sich das Licht des Himmels;
Denn aller Lid durchzieht ein Draht von Eisen
Und näht ihr Auge zu, wie Wildfangssperbern
Zu tun man pflegt, weil sonst sie still nicht bleiben.
Unrecht glaubt' ich zu tun, wenn ich vorbeiging,
Die andern seh'nd und nicht gesehn von ihnen,
Drum ich nach meinem weisen Rat mich wandte.
Wohl wußt' er, was der Stumme sagen wollte,
Und darum wartet' er nicht ab mein Fragen,
Nein, sprach zu mir: »Red' und sei klug und bündig.«
Virgil ging neben mir an jenem Saume
Des Simses, wo herab man fallen konnte,
Weil er von keinem Rand dort wird unkränzet.
Zur andern Hand hatt' ich die fleh'nden Schatten,
Die's durch die grause Naht hervor so preßten,
Daß ihre Wangen drob gebadet wurden.
Zu diesen jetzt gewandt: ›O Volk, gesichert,‹
Begann ich, ›einst das hehre Licht zu schauen,
Um das allein sich euer Sehnen kümmert,
Wenn anders Gnade von dem Schaum soll euer
Gewissen lösen, so daß klar hindurch dann
Der Strom des Geistes sich ergießen möge,
Sagt mir (es wird mir dankeswert und lieb sein),
Ist von lateinschem Stamm hier eine Seele
Bei euch? Gut kann's ihr sein, wenn ich's erfahre.‹
»O lieber Bruder, Bürgerin ist jede
Von einer wahren Stadt; doch du willst sagen,
Daß sie als Gast gelebt hat in Italien.«
Solch eine Antwort, deuchte mir, vernahm' ich
Von etwas weiter vor, als wo ich weilte,
Drum ich mich mehr dorthin zu ließ vernehmen.
Hier sah ich unter andern einen Schatten,
Der harrend schien, und fragt'st du: wie? so sagt' ich,
Er hob das Kinn empor nach Blinder Weise.
›O Geist, der sich bezwingt, um aufzusteigen,‹
Sprach er, ›warst du's der Antwort mir gegeben,
Mach' dich durch Namen oder Stadt mir kenntlich,‹
Er drauf: »Ich war Sieneserin und rein'ge
Mit diesen mich von schlimmem Tun durch Zähren,
Geweinet dem, der sich uns schenken möge.
Nicht weise war ich, ob ich gleich Sapia
Mit Namen hieß, und wegen andrer Schaden
Freut' ich weit mehr mich als ob eignen Glückes.
Damit du nun nicht glaubst, daß ich dich täusche,
Hör', ob ich töricht war, wie ich dir sagte.
Als schon sich neigte meiner Jahre Bogen,
War nah bei Colle einst gestoßen meiner
Mitbürger Heer im Feld auf seine Gegner,
Und ich bat Gott um das, was selbst er wollte.
Geschlagen ward's hier und zum herben Pfade
Der Flucht gewandt, und als ich sah das Jagen,
Ergriff mich größre Freud' als irgendeine,
So daß ich, keck empor das Antlitz wendend,
Gott zurief: ›Fürderhin nicht fürcht' ich mehr dich,
Gleich wie die Amsel tat ob kurzer Milde.‹
Am Ende meines Lebens sucht' ich Friede
Mit Gott zu schließen, und es wär' noch meine
Verpflichtung abgezahlet nicht durch Buße,
Wenn meiner nicht im heiligen Gebete
Sich Peter Pettinajo hätt' erinnert,
Der Mitleid trug für mich aus Christenliebe.
Doch wer bist du, der, dich nach unserm Zustand
Erkund'gend, du einhergehst und die Augen
Gelöst hast, wie ich glaub', und atmend redest?«
›Der Augen werd' ich einst hier noch beraubt sein,
Doch kurze Zeit,‹ sprach ich, ›denn wenig Unrecht
Beging ich nur, umwendend sie aus Schelsucht.
Viel größer ist die Furcht, die meine Seele
In Spannung hält ob jener tiefern Marter,
Denn schon drückt mich die Last des untern Simses.‹
Und sie: »Wer führte dich herauf zu uns denn,
Wenn du hinunter wieder glaubst zu kehren?«
Und ich: ›Der hier mit mir ist und kein Wort spricht,
Und lebend bin ich, und von mir drum heische,
Erkorne Seele, willst du, daß ich künftig
Für dich den Fuß, den sterblichen, bewege.‹
»O,« sprach sie drauf, »das ist so neu zu hören,
Daß es gar sehr beweist, daß Gott dich liebe.
Drum hilf zuweilen mir mit deinen Bitten,
Und wenn du je betrittst Toskanas Boden,
So fleh' bei dem ich, was zumeist du wünschest,
Daß meinen Ruf du besserst bei den Meinen.
Du find'st sie unterm eitlen Volk, das, hoffend
Auf Talamone, mehr wird dran verlieren
An Hoffnung, als da's aufgesucht die Diana;
Doch mehr noch büßen ein die Admiräle.«

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