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Göttliche Komödie

Dante: Göttliche Komödie - Kapitel 46
Quellenangabe
typeepos
authorDante
titleGöttliche Komödie
publisherPeter J. Oestergaard Verlag Berlin-Schöneberg
translatorPhilalethes
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070109
projectid10a64f4f
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Elfter Gesang

»O, Vater unser, in den Himmeln wohnend,
Zwar nicht umschlossen, doch durch größre Liebe
Zu jenen ersten Wirkungen dort oben,
Gepriesen sein dein Nam' und deine Stärke
Von jeder Kreatur, wie sich's gebühret,
Daß deinen süßen Duft man dankend rühme.
Uns komme zu der Frieden deines Reiches,
Weil aus uns selbst wir zu ihm hin nicht können,
Wenn er nicht kommt, so viel wir immer sinnen.
Gleich wie den eignen Willen deine Engel,
Hosanna singend, dir zum Opfer bringen,
So sei's auch bei den Menschen mit dem ihren.
Das Manna gib, das tägliche, uns heute,
Da ohn' in dieser rauhen Wüste rückwärts
Nur geht, wer sich am meisten müht zu wandern.
Und wie das Übel, welches wir erlitten,
Wir jeglichem verzeihn, o so verzeihe
Auch du voll Güt' uns, aufs Verdienst nicht schauend.
Führ' unsre Tugend, die so leicht erlieget,
Nicht durch den alten Gegner in Versuchung,
Nein, mach' uns frei von ihm, der so sie quälet.
Die letzte Bitte, lieber Herr, verrichten
Wir für uns selbst nicht, die wir's nicht bedürfen,
Für jen' allein, die hinter uns geblieben.«
So gingen, sich und uns ein glücklich Pilgern
Erflehend, jene Schatten, von den Lasten
Gedrückt, gleich wie's im Traum uns manchmal vorkommt,
Verschiedentlich beängstet all' im Kreise,
Und müd' umher hier auf dem ersten Simse,
Sich von der Finsternis der Welt zu säubern.
Spricht jenseits uns zum Heil man stets, was können
Für sie wohl diesseits jene tun und sprechen,
Die da des Wollens gute Wurzel haben.
Zu helfen ziemt's, die Flecken abzuwaschen,
Die sie von dannen trugen, so daß rein sie
Und leicht enteilen zu den Sternenkreisen.
»O, wenn Gerechtigkeit euch und Erbarmen
Bald soll entlasten, so daß ihr die Schwinge
Bewegen könnt, die euch nach Wunsch erhebe,
Zeigt an, zu welcher Hand es zu der Stiege
Am nächsten, und wenn's mehr denn einen Pfad gibt,
Lehrt den, des Abfall minder schroff, uns kennen.
Denn ob der Wucht von Adams Fleisch, damit er
Sich kleidet, ist, der mit mir kommt, entgegen
Dem eignen Willen, karg im Aufwärtssteigen.«
Von wem die Worte kamen, die auf jene,
So der sprach, dem ich folgt', entgegnet wurden,
War nicht zu unterscheiden zwar, doch hörte
Man sagen: »Rechter Hand kommt auf dem Strande
Mit uns; dort werdet ihr den Aufgang finden,
Der zu ersteigen ist Lebend'gen möglich!
Und wenn ich nicht behindert wär' vom Felsen,
Der meinen stolzen Nacken niederzwinget,
Drob ich das Antlitz tiefgebeugt muß tragen,
Würd' ihn ich, der noch lebt und sich nicht nennet,
Betrachten, um zu sehn, ob ich ihn kenne,
Und Mitleid ob der Last in ihm zu wecken.
Lateiner war ich selbst; ein mächt'ger Tuscier,
Wilhelm Aldobrandesco mein Erzeuger;
Nicht weiß ich, ob sein Nam' euch je erreicht hat,
Das alte Blut, die ritterlichen Taten
Der Ahnherrn machten mich so übermütig,
Daß, unser aller Mutter schier vergessend,
Ich jeden so verachtete, daß drüber
Ich starb, wie die Sieneser wissen, wie es
In Campagnatico jedwedes Kind weiß.
Humbert bin ich, und Schaden hat der Hochmut
Mir nicht allein getan; denn all' die Meinen
Hat er mit sich ins Unglück fortgerissen.
Und hier muß seinethalb die Last ich tragen,
So lang ich Gott genuggetan nicht habe,
Weil ich's nicht lebend tat, hier bei den Toten.«
Mein Angesicht beugt' ich zuhorchend nieder,
Und einer (nicht der eben sprach) aus ihnen
Wandt' unter dem Gewicht sich, das ihn hemmte,
Und sah mich und erkannte mich und rufte,
Die Augen nur mit Müh' auf mich geheftet,
Mir zu, der ganz gebeugt mit ihnen hinging.
›O,‹ sprach ich jetzt, ›bist du nicht Oderisi,
Agubbios Stolz, die Ehre jener Kunst nicht,
Die zu Paris man nennt Illuminieren?‹
»O Bruder,« sprach er, »schöner lächeln Blätter,
Die Franco Bologneses Pinsel färbet;
Ganz ist jetzt sein die Ehre, mein nur teilweis.
Wohl wär' ich so bescheiden nicht gewesen,
Weil ich noch lebt', ob der gewalt'gen Gierde,
Die nach Vortrefflichkeit mein Herz erfüllte.
Für solchen Stolz bezahlt man hier die Buße,
Und noch war' hier ich nicht, hätt' ich, da sünd'gen
Ich könnt' annoch, mich nicht zu Gott gewendet.
O eitler Ruhm des menschlichen Vermögens,
Wie kurz das Grün an deinem Wipfel dauert,
Wenn eine rohe Zeit auf dich nicht folget!
Das Feld zu halten glaubte Cimabue
Als Maler, jetzt nennt alles Giottos Namen,
So daß den Ruhm des andern er verdunkelt.
So hat der Sprache Preis dem einen Guido
Der andere geraubt, und wohl geboren
Mag einer sein, der beide jagt vom Neste.
Der Lärm, den in der Welt man macht, nichts ist er
Als Windeswehn, bald hier-, bald dorther kommend,
Das Namen tauscht, weil's Himmelsgegend tauschet.
Bleibt dir mehr Ruhm, wenn alt das Fleisch du abstreifst,
Als wenn du wärst gestorben, eh' ›kling, kling‹ du
Und ›Happchen‹ noch verlernt, nach tausend Jahren,
Was im Vergleich zur Ewigkeit doch kürzer
Ist als ein Wimperschlag zu jenes Kreises
Umlauf, der sich am spät'sten krümmt im Himmel?
Der, welcher hier vor mir vom Weg so wenig
Zurücklegt, hat durchtönt einst ganz Toskana,
Und jetzt raunt kaum von ihm man in Siena,
Drin er geherrschet, als vernichtet worden
Die Florentinsche Wut, die stolz gewesen
Zu jener Zeit, wie jetzt sie ist verworfen.
Nachruhm bei euch ist gleich dem Grün des Grases,
Das kommt und geht, und das dieselbe Sonne
Entfärbt, durch die's der Erd' erst frisch entsproßte.«
Und ich zu ihm: ›Es flößt dein wahres Wort mir
Fein Demut ein, des Stolzes Blähn mir ebnend;
Doch wer ist der, von dem du grade sprachest?‹
Er drauf: »Es ist dies Provenzan Salvani,
Der hier zu finden, weil er sich vermessen,
Siena ganz in seine Hand zu bringen.
So ging er und geht jetzt noch sonder Ruhe,
Seitdem er starb; denn solche Münz' entrichtet
Als Sühnung, wer zu keck jenseits gewesen.«
Und ich: ›Wenn jener Geist, der bis zum Rande
Des Lebens mit der Reu' hat angestanden,
Dort unten weilt und nicht hierher gelanget,
Sofern ihm nicht ein fromm Gebet ist hilfreich,
Eh' so viel Zeit verstreicht, als er verlebet,
Wie ward dann dem gewährt, hierher zu kommen?‹
»Zu seines größten Ruhmes Zeit,« sprach jener,
»Geschah's, daß ungescheut er auf Sienas
Marktplatz sich setzte, jeder Scham entsagend,
Und dort, um aus der Qual den Freund zu retten,
Die er erduldete in Karls Gefängnis,
Tat er, was alle Puls ihm beben machte.
Mehr sag' ich nicht und weiß, ich spreche dunkel,
Doch wenig Zeit verläuft, eh' deine Nachbarn
So tun, daß du dir's wirst erklären können.
Dies Werk hat jenen Bann für ihn gehoben.«

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