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Göttliche Komödie

Dante: Göttliche Komödie - Kapitel 42
Quellenangabe
typeepos
authorDante
titleGöttliche Komödie
publisherPeter J. Oestergaard Verlag Berlin-Schöneberg
translatorPhilalethes
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070109
projectid10a64f4f
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Siebenter Gesang

Nachdem die biedre freudige Begrüßung
Drei- oder viermal war erneuert worden,
Trat jetzt Sordell zurück und sprach: »Wer seid ihr?« –
»Eh' zugewandt noch wurden diesem Berge
Die Seelen, wert, zu Gott emporzusteigen,
Ward mein Gebein durch Octavian begraben.
Ich bin Virgil, und andre Schuld als Mangel
Des Glaubens raubte nicht den Himmel mir.«
Also entgegnet' ihm anjetzt mein Führer.
Wie einer ist, der, unversehens ein Ding
Vor sich erblickend, drob er sich verwundert,
Glaubt und nicht glaubt, und spricht: »es ist – ist nicht;«
Schien jener mir, und drauf gesenkten Blickes
Kehrt er zurück demütiglich zum andern.
Umschlingend ihn, wo sich ein niedrer anschmiegt,
»O, der Lateiner Ruhm,« sprach er, »durch welchen,
Was sie vermag, gezeigt hat unsre Sprache,
O ew'ger Preis des Orts, aus dem ich stamme!
Welch ein Verdienst, welch eine Gnade zeiget
Dich mir, wenn wert ich bin, dein Wort zu hören,
Sprich, kommst du aus der Höll' und welcher Klause?«
»Durch alle Kreise hin des Reichs der Schmerzen,«
Antwortet' er, »bin ich hieher gekommen,
Es trieb mich Himmelskraft, und mit ihr komm' ich.
Durch Taten nicht, durch Nichttun nur verlor ich
Der hehren Sonne Schaun, nach der du schmachtest,
Und die zu spät von mir erkannt ist worden.
Ein Ort ist drunten, nicht durch Qualen traurig,
Durch Finsternis allein, wo wie Gejammer
Nicht tönen, nein, nur Seufzer sind die Klagen;
Alldort bin ich mit den unschuld'gen Kleinen,
Die von des Todes Zahn zermalmet worden,
Eh' frei sie waren von der Schuld der Menschheit.
Mit jenen bin ich dort, die, nicht gekleidet
In die drei heil'gen Tugenden, die andern
Erkannten all' und übten sonder Laster.
Doch wenn du's weißt und kannst, gib eine Weisung
Uns, wie dorthin am schnellsten wir gelangen,
Wo wirklich erst das Purgatorium anhebt.«
Er drauf: »Kein fester Ort ist uns bestimmet,
Empor darf und umher ich gehn; soweit ich
Zu gehn vermag, begleit' ich dich als Führer.
Doch sieh, wie schon der Tag sich senkt, und steigen
Kann man zur Nachtzeit nicht; drum wird es gut sein.
Auf einen schönen Aufenthalt zu sinnen.
Abseits hier findest Seelen du zur Rechten;
Wenn du mir beistimmst, führ' ich dich zu ihnen,
Die du nicht sonder Lust wirst kennen lernen.«
»Wie das?« sprach jener. »Wer heraufgehn wollte
Zur Nachtzeit, hinderte den wohl ein andrer
Dran, oder stieg' er nicht, weil er nicht könnte?«
Und mit dem Finger streift' am Grund der gute
Sordell und sprach: »Auch selber diesen Strich hier
Nicht überschritt'st du, wenn die Sonn' entschwunden;
Nicht daß das Aufwärtssteigen etwas andres
Als nur die Finsternis der Nacht erschwere,
Die durch Nichtkönnen dann das Wollen hemmet.
Wohl könnte man mit ihr herabwärts kehren
Und, irrend rings, den Bergeshang umwandern,
Solang der Horizont den Tag verdeckt hält.«
Drauf mein Gebieter, wie verwundert, anhob:
»So führ' uns denn dahin, wo du gesagt hast,
Daß Lust der Aufenthalt gewähren könne!«
Als kaum ein wenig wir von dort entfernt uns,
Ward ich gewahr, daß eingesenkt der Berg war,
Wie hier sich Täler einzusenken pflegen.
»Dorthin,« sprach jener Schatten, »laßt uns gehen,
Wo sich zur Bucht der Bergesabhang bildet,
Da wollen wir den neuen Tag erwarten.«
Schräg liegend zwischen waag- und senkrecht zog sich
Ein Pfad hin, der zum Rand der Schlucht uns führte,
Wo mehr als halb ihr Seitenhang schon schwindet.
Gold, feines Silber, Scharlach selbst und Bleiweiß,
Und leuchtend Holz, und Indig, und der heitre
Smaragd, wenn er soeben frisch gebrochen,
Sie würden allzumal besiegt an Farbe
Vom Gras und von den Blumen dieses Tals sein,
Gleich wie vom Mehr besieget wird das Minder.
Und nicht gemalt nur hatte die Natur hier,
Nein, aus der Süßigkeit von tausend Düften
Schuf sie ein unbestimmt fremdartig Etwas.
»Salve Regina« singend, auf den Blumen
Und auf dem Grün sah Seelen hier ich sitzen,
Von außen ob des Tales nicht ersichtlich.
»Eh' noch zu Raste geht die wen'ge Sonne,«
Sprach, der uns hergelenkt, der Mantuaner,
»Verlangt nicht, daß ich unter jen' euch führe.
Von dieser Höh' herab erkennt ihr besser
An jeglichem aus seinem Tun und Antlitz
Als drunten in der Au', in ihrer Mitte.
Der dort am höchsten sitzt, dem man es ansieht,
Daß er versäumt, was er vollbringen sollte,
Und der den Mund nicht rührt zum Sang der andern,
Rüdolph, der Kaiser, war er, der die Wunden,
Die Welschland Tod gebracht, wohl heilen konnte,
So daß es spät erst neu belebt ein andrer.
Der, dessen Anblicks jener sich getröstet,
Herrscht' in dem Land, draus quillt das Wasser, welches
Der Elbe zu die Moldau, jen' ins Meer führt;
Man nannt' ihn Ottokar, und besser war er
In Windeln schon, als bärt'gen Kinns ist Wenzel,
Sein Sohn, an Trägheit sich und Wollust weidend.
Der mit der Stumpfnas', der in tiefem Rat scheint
Mit jenem, der so güt'gen Angesichtes,
Starb, flüchtig und die Lilien entblätternd,
Betrachtet, wie er dort sich auf die Brust schlägt,
Und seht den anderen, der seine Wange
Hat seufzend in die hohle Hand gebettet;
Von Frankreichs Pest sind Vater sie und Schwäher,
Sie kennen sein unflätig Lasterleben,
Daher kommt auch der Schmerz, der so sie stachelt.
Der dort so stark an Gliedern scheint und singend
Begleitet den, des Nase männlich raget,
War mit jedweder Tugend einst umgürtet,
Und wenn als König wär' nach ihm verblieben
Der Jüngling hinter ihm dort, traun, die Tugend
Hätt' von Gefäß sich zu Gefäß ergossen.
Doch solches gilt nicht von den andern Erben;
Die Reich' erhielten Jakob zwar und Friedrich,
Doch an dem bessern Erb' hat keiner Anteil.
Denn selten nur entsproßt aufs neu' den Zweigen
Der Menschheit Biederkeit, und solches wollte
Ihr Geber, daß man sein Geschenk sie nenne.
Auch den Benas'ten trifft mein Wort nicht minder,
Als es von Peter galt, der mit ihm singet,
Darob Provence schon und Apulien klagen.
So weit steht nach dem Samen hier die Pflanze,
Als sich annoch Konstanze des Gemahles
Mehr denn Beatrix rühmt und Margarete.
Seht, wie der König dort einfachen Wandels,
Heinrich von Engelland, für sich allein sitzt!
Dem ward ein bessrer Trieb an seinen Zweigen,
Und der, am tiefsten sitzend unter ihnen,
Am Boden, aufwärts blickt, ist Markgraf Wilhelm,
Der Monferrat und Canavese Tränen
Ob Alessandrias Fehde hat gekostet.«

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