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Göttliche Komödie

Dante: Göttliche Komödie - Kapitel 39
Quellenangabe
typeepos
authorDante
titleGöttliche Komödie
publisherPeter J. Oestergaard Verlag Berlin-Schöneberg
translatorPhilalethes
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070109
projectid10a64f4f
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Vierter Gesang

Wenn, sei's aus Lust nun, sei's aus Schmerz, von welchem
Eins unserer Vermögen ward ergriffen,
Die Seele recht nach diesem hin sich wendet,
So merkt sie, scheint es, sonst auf keine Kraft mehr,
Und solches widerspricht der irr'gen Meinung,
Daß mehr als eine Seel' in uns erglühe.
Drum wenn der Mensch ein Ding sieht oder höret,
Das mächtig hält die Seel' auf sich gerichtet,
So geht die Zeit dahin, und er verspürt's nicht;
Denn eine andre Kraft ist's die drauf lauschet,
Und eine andr' erfaßt jetzt ganz die Seele;
Dies' ist gebunden gleichsam, jene ledig.
Dies hab' ich in der Tat an mir erfahren,
Indem auf jenen Geist ich horcht' und staunend
Dann sah, daß fünfzig Grad' emporgestiegen
Die Sonne war, und ich's bemerkt nicht hatte,
Als hin wir kamen, wo die Schar der Seelen
Einstimmig rief: »Hier ist, wonach ihr fragtet.«
Wohl einen größern Spalt vermachet oftmals
Mit soviel Dornen, als die Forke fasset,
Der Landbewohner, wenn die Trauben dunkeln,
Denn jener Steig war, wo hinauf wir klommen,
Wir beid' allein, mein Hort und ich ihm folgend,
Als sich von uns getrennt die Seelen hatten.
Zu Fuß geht nach San Leo man, steigt nieder
Nach Noli und hinauf zum hohen Gipfel
Bismantova's, allein hier mußt' ich fliegen
Mit der gewalt'gen Sehnsucht raschen Schwingen
Und Federn, mein' ich, jenem nachgezogen,
Der Licht mir gab und Hoffnung mir gewährte.
Wir stiegen jetzt hinauf im Spalt des Felsens,
Beengt durch seinen Rand auf beiden Seiten,
Und Fuß und Rand heischt' unter uns der Boden.
Als wir empor drauf zu dem obern Saume
Der hohen Wand auf offnem Abhang kamen,
Sprach ich: ›Mein Meister, welches Wegs nun gehn wir?‹
Und er zu mir: »Laß keinen Schritt jetzt weichen,
Nur immer hinter mir hinauf zum Berge,
Bis irgend uns erscheint ein kluger Führer.«
Hoch war sein Gipfel, sich dem Aug' entziehend,
Und trotziger sein Hang, als von dem halben
Quadranten nach dem Mittelpunkt die Linie.
Schon war ich müd', als ich begann zu sagen:
›O süßer Vater, sieh dich um und schau doch,
Wie ich verlassen bleibe, stehst du still nicht.‹
»0 lieber Sohn,« sprach er, »bis hierher schlepp' dich!«
Auf einen Vorsprung, etwas höher, deutend,
Der ganz den Berg umkreist an dieser Stelle.
So ward ich angespornt durch seine Worte,
Daß ich mich mühte, hin zu ihm zu kriechen,
Bis unterm Fuß mir endlich jener Gurt war.
Zum Sitzen ließen hier wir beid' uns nieder
Nach Morgen hin, wo wir heraufgekommen,
Was immer ist erfreulich zu betrachten.
Den Blick wandt' ich zuerst zum tiefen Strande,
Hob ihn sodann zur Sonn' empor und staunte,
Uns links von ihr getroffen zu gewahren.
Der Dichter merkte wohl, wie voll Verwundrung,
Zum Wagen ich des Lichts hinstarrend, dasaß,
Weil zwischen uns er eintrat und dem Nordwind,
Und sprach zu mir: »Wenn Castor erst und Pollux
In der Gesellschaft jenes Spiegels wären,
Der aufwärts und herab sein Licht entsendet,
So würd'st den Tierkreis dort, wo rot er glühet,
Den Bären näher du noch kreisen sehen,
Dafern er nicht die alte Bahn verließe.
Wenn du begreifen willst, wie dieses zugeht,
So stelle dir im Innern Sion vor
Also mit diesem Berg auf unserm Erdball,
Daß auf verschiednen Hemisphären sie
Bei gleichem Horizont stehn, und wenn deutlich
Sich dein Verstand dies denkt, wirst ein du sehn,
Wie diesem muß zu einer Seite laufen
Und jenem zu der anderen die Straße,
Drauf Phaethon so schlecht verstand zu fahren.«
›Gewiß, mein Meister,‹ sprach ich, ›nimmer ward mir
So klar noch, als ich alles jetzt erkenne,
Worin mir unzulänglich mein Verstand schien,
Daß jener Kreis am halben Himmelsumschwung,
Der in der Wissenschaft Äquator heißet
Und immer zwischen Sonn' und Winter einsteht,
Sich aus dem Grund, den du erwähnt, nach Norden
Von hier muß scheiden, während den Hebräern
Er nach der warmen Gegend zu sich zeigte.
Doch gern möcht' ich, wenn's dir gefällig, wissen,
Wie viel zu gehn uns bleibt; denn aufwärts dehnt sich
Die Höh' mehr, als mein Aug' sich kann erheben.
Und er zu mir: »Der Berg ist so beschaffen,
Daß unten beim Beginn er stets beschwerlich
Erscheint, doch minder quält, je mehr man steiget.
Drum, wenn er so gemächlich dann dir dünket,
Daß dir das Wandeln leicht wird, wie hinunter
Es mit dem Schiffe sich stromabwärts gleitet,
Dann wirst du dich am Ende dieses Pfades
Befinden, wo dein Ruh' harrt nach den Mühen.
Mehr nicht antwort' ich; doch dies weiß ich sicher.«
Und als er dieses Wort vollendet hatte,
Erklang's aus unsrer Näh: »Vielleicht, daß früher
Zu sitzen du Bedürfnis doch empfindest.«
Da beid' auf solchen Ton wir um uns wandten,
Sah'n links von uns wir einen großen Felsblock,
Den weder ich, noch er vorerst gewahret.
Dort schleppten wir uns hin, und Leute waren
Allda im Schatten hinterm Fels befindlich,
Wie man nachlässig an sich pflegt zu lehnen.
Und einer aus denselben, der mir müde
Zu sein schien, saß und hielt die Knie umfangen,
Tief das Gesicht gesenket zwischen diese.
›Mein süßer Meister,‹ sprach ich, ›blicke hin doch
Auf jenen, der nachlässiger sich zeiget,
Als wenn die Trägheit seine Schwester wäre.‹
Da merkt' er auf und wandte gegen uns sich,
Nur an der Hüft' empor das Antlitz richtend,
Und sprach: »Geh nur hinauf, denn du bist kräftig!«
Anjetzt erkannt' ich ihn, und die Erschöpfung,
Die noch etwas beschleunigte mein Atmen,
Hielt mich nicht ab, zu ihm zu gehn, und als ich
Bei ihm nun eintraf, hob er kaum das Haupt auf
Und sprach: »Hast du bemerkt recht, wie die Sonne
Zur linken Schulter uns herlenkt den Wagen?«
Sein träges Tun und seine kurzen Worte
Bewegten meine Lipp' etwas zum Lächeln,
Drob ich begann: ›Belacqua, nicht mehr schmerzt mich's
Um dich jetzt; doch sag' an, was hier du sitzest?
Harrst du auf den Begleiter, oder hat dich
Die altgewohnte Weis' aufs neu' ergriffen?‹
Und er: »O Bruder, wozu hilft das Steigen,
Da mich zur Pein doch nicht gelangen ließe
Der Pförtner Gottes, der am Tore sitzet.
Erst muß so lang hier außen, als im Leben
Er's tat, der Himmel mich umkreisen, weil ich
Die frommen Seufzer bis zuletzt verschoben.
Hilft früher mir, entsteigend einem Herzen,
Das in der Gnade lebet, ein Gebet nicht,
Was nützt mir andres, das nicht Gott genehm ist!«
Und schon stieg vor mir her empor der Dichter
Und sprach: »Komm jetzt, sieh, schon berührt die Sonne
Den Mittagskreis, und an dem äußern Rande
Bedeckt die Nacht mit ihrem Fuß Marokko.«

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