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Göttliche Komödie

Dante: Göttliche Komödie - Kapitel 38
Quellenangabe
typeepos
authorDante
titleGöttliche Komödie
publisherPeter J. Oestergaard Verlag Berlin-Schöneberg
translatorPhilalethes
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070109
projectid10a64f4f
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Dritter Gesang

Indes die Flucht, die plötzliche, durchs Blachfeld
Zerstreut die andern hatte, die zum Berge,
Wohin Vernunft uns spornt, sich wieder wandten,
Schloß ich mich an dem sicheren Geleite;
Und wie auch wär' ich sonder ihn gelaufen,
Wer hätte mich den Berg hinangezogen?
Vorwürfe schien er selber sich zu machen,
O würdevoll und fleckenlos Gewissen,
Welch herber Biß dir ist ein kleiner Fehler!
Als nun sein Fuß das Eilen ließ, worunter
Die Ehrsamkeit bei jedem Schritte leidet,
Erweiterte mein Sinn, der festgebunden
Erst war, sein Streben so, daß neubegierig
Empor zur Höh' ich richtete mein Antlitz,
Die von der See zumeist sich dehnt' gen Himmel.
Es unterbrach vor mir den Schein der Sonne,
Der rot im Rücken glomm, des Leibes Umriß,
Weil eine Stütz' ich darbot ihren Strahlen.
Ich wandte nach der Seite mich, verlassen
Zu sein befürchtend, als ich inne worden,
Daß nur vor mir allein der Grund war dunkel.
Und drauf begann also zu mir mein Tröster,
Ganz nach mir hingewandt: »Was hegst du Kleinmut?
Glaubst nicht, daß ich mit dir bin und dich führe?
Schon Abend ist's dort, wo begraben lieget
Mein Leib, in dem ich Schatten warf; Neapel
Besitzt ihn, sein beraubet ward Brundusium.
Drum wenn anjetzt vor mir nichts wird beschattet,
Darf's mehr dich wundern nicht, als daß ein Himmel
Dem andern nicht der Strahlen Durchgang hemmet.
Qual zu empfinden, Glut und Frost, befähigt
Dergleichen Körper jene Kraft, die nimmer,
Wie sie's vollbringt, uns will enthüllen lassen.
Tor ist, wer hofft, daß die Vernunft des Menschen
Die endlos weite Bahn durchlaufen könne
Der einen Wesenheit in drei Personen.
Begnügt euch mit dem ›Daß‹ , ihr Menschenkinder;
Denn konntet alles ihr durchschaun, so brauchte
Maria ja nicht Mutter erst zu werden,
Und fruchtlos saht ihr Manchen Sehnsucht fühlen,
Des Sehnen, das ihm ewiglich zum Leiden
Gegeben ist, sonst wär' befriedigt worden.
Den Aristoteles mein' ich und Plato,
Und viele andr'.« – Und hier beugt' er die Stirne,
Und sprach nichts weiter mehr und blieb verstöret.
Indes gelangten wir zum Fuß des Berges,
Wo wir so steil den Felsenabhang fanden,
Daß hier vergebens rasch die Füße wären.
Der wildeste, der öd'ste Bergsturz zwischen
Turbias Schloß und Lerici wär' eine
Bequem' und breite Stiege gegen jenen.
»Wer es nur wüßte jetzt, zu welcher Hand sich
Der Hang verflacht,« sprach still mein Meister haltend,
»Daß ihn, wer ohne Flügel, könn' ersteigen.«
Und während er, gesenkt den Blick zum Boden,
Den Pfad, im Geiste forschend, untersuchte,
Und ich ringsum empor zum Felsen spähte,
Erschien mir eine Seelenschar zur Linken,
Die gegen uns die Füße hinbewegte,
Und zwar so langsam, daß es nicht bemerkbar.
»Richt' jetzt das Aug' empor,« begann mein Meister,
»Sieh', dort ist jemand, der uns Rat kann geben,
Wenn du nicht aus dir selbst ihn weißt zu schaffen.«
Drauf an mich blickend, sprach mit offner Mien' er:
»Laßt uns dorthin gehn, denn sie kommen langsam,
Und du auch, lieber Sohn, bleib fest in Hoffnung.«
Noch war dies Volk so weit von uns entfernet,
Nachdem wir, mein' ich, tausend Schritt gegangen,
Als mit der Hand ein guter Werfer schleudert,
Da drängten all' sie nach den harten Blöcken
Des hohen Rands sich, fest und starr dort bleibend,
Wie wer im Zweifel stillsteht, um zu schauen.
»0, wohlvollendet', auserkorne Geister!«
Begann Virgil darauf, »bei jenem Frieden,
Den insgesamt ihr, wie ich glaub', erwartet,
Sagt an, wo sich der Berg senkt, so daß möglich
Es ist, hinaufzugehn; denn Zeit verlieren
Ist jenem, der mehr weiß, auch mehr zuwider.«
Wie aus der Hürd' hervor die Schäflein kommen,
Bald eins, bald zwei, bald drei, indes die andern
Noch schüchtern stehn, so Maul als Aug' am Boden,
Und was das eine tut, die andern nachtun,
Sich, wenn es stehnbleibt, über jenes lehnend,
Einfältig-still und selbst den Grund nicht wissen,
So sah, sich gegen uns jetzt zu bewegen,
Die Spitz' ich der glücksel'gen Herde nahen,
Sittsam im Antlitz, ehrenhaften Schrittes.
Als unterbrochen mir zur rechten Seite
Das Licht am Boden jene nun erblickten,
So daß mein Schatten an dem Fels sich zeigte,
Verweilten sie, rückwärts ein wenig tretend,
Indes die andern all', die hinter ihnen,
Nicht wissend selbst, warum, ein gleiches taten.
»Auch ungefragt von euch, will ich bekennen,
Daß, was ihr seht, der Leib ist eines Menschen,
Darob am Grund das Sonnenlicht getrennt ist.
Verwundert euch darum nicht, sondern glaubet,
Daß ohne Kraft nicht, die vom Himmel kommet,
Er diese Wand zu übersteigen trachte.«
Der Meister so, – und jene würd'gen Seelen,
»Kehrt um,« begannen sie, »vor uns geht ein denn!«
Uns mit der äußern Hand ein Zeichen gebend.
Und einer unter ihnen sprach: »Wer immer
Du seist, so wandelnd, wende mir den Blick zu,
Besinn dich, ob du je mich jenseits sahest.«
Ich wandte mich nach ihm und sah ihn starr an:
Blond war er, schön und edlen Angesichtes,
Doch eine Brau' hatt' ihm ein Hieb gespalten,
Als ich darauf demütiglich geleugnet,
Daß ich ihn je gesehn, sprach er: »Schau hin jetzt!«
Mir auf der Höh' der Brust ein Wundmal zeigend.
Dann sagt' er lächelnd weiter: »Manfred bin ich,
Der Enkelsohn der Kaiserin Constanze;
Drum bitt' ich dich, wenn je zurück du kehrest,
Geh hin zur schönen Tochter, die geboren
Den Stolz Siziliens hat und Aragoniens,
Und künd' ihr, wenn man andres spricht, die Wahrheit.
Nachdem der Leib mir durch zwei Todeswunden
Gebrochen worden war, ergab mit Tränen
Ich jenem mich, der willig stets verzeihet.
Zwar graunvoll sind gewesen meine Sünden,
Doch Gottes Güte hat so weite Arme,
Daß sie das aufnimmt, was zu ihr sich wendet.
Und wenn Cosenzas Hirt, der auf die Fährte
Von Clemens mir gehetzt ward, zu der Stunde
Wohl dieses Blatt in Gott gelesen hätte,
So würden die Gebeine meines Leibes
Bei Benevent, am Ausgang dort der Brücke,
Vom schweren Steinhauf' noch behütet, liegen;
Jetzt wäscht der Regen und bewegt der Wind sie
Jenseits des Reiches Grenz' unweit des Verde,
Dorthin versetzet bei verlöschten Kerzen.
Durch jener Fluch wird so die ew'ge Liebe
Verwirkt nicht, daß zurück sie nicht kann kehren,
Solange Hoffnung noch ein wenig grünet.
Wahr ist es, wer dahinstirbt in dem Banne
Der heil'gen Kirch', ob er bereut am End' auch,
Muß dreißigmal so lange Zeit dann auswärts
Von diesem Felshang bleiben, als er früher
In seinem Trotz verharrt ist, wenn nicht solche
Bestimmung durch ein fromm Gebet verkürzt wird.
Sieh jetzt daraus, ob du mich kannst erfreuen,
Wenn du, wie du gesehn mich, meiner guten
Constanz' enthüllst, und dies Verbot ihr kündest:
Denn die noch jenseits, fördern hier uns mächtig.«

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