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Göttliche Komödie

Dante: Göttliche Komödie - Kapitel 31
Quellenangabe
typeepos
authorDante
titleGöttliche Komödie
publisherPeter J. Oestergaard Verlag Berlin-Schöneberg
translatorPhilalethes
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070109
projectid10a64f4f
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Dreißigster Gesang

Zu jener Zeit, als gegen Thebens Samen
Ob Semeles in Zorn entbrannt war Juno,
Wie zu verschiednen Malen sie gezeigt hat,
Ward Athamas vom Wahnsinn so ergriffen,
Daß, da, auf jeder Seite gleich beladen,
Sein Weib er kommen sah zusamt zwei Söhnen
Er rief: »Spannt aus die Netze, daß die Löwin
Mit ihren Jungen ich am Ausgang fange.«
Ausstreckend drauf die unbarmherz'gen Klauen,
Packt' er den einen, der Learch genannt ward,
Und schleudert' und zerschlug an einem Stein ihn,
Und jen' ertränkte mit der andern Last sich.
Und als Fortuna der Trojaner Größe,
Die alles sich vermaß, zu unterst kehrte,
So daß der König mit dem Reich zugrund ging,
Hört' die gefangne Hekuba man traurig
Und elend, da sie Polyxenen tot sah
Und ihres Polydors, die Jammervolle,
War inne worden an dem Strand des Meeres,
In Raserei gleich einem Hunde bellen,
Weil so viel Schmerz den Sinn verstört ihr hatte.
Doch nicht thebanische, nicht Trojas Furien
Sah je so wild man Tiere, noch viel minder
Anfallen je die Glieder eines Menschen,
Als, um sich beißend, nackt und bleich zwei Schatten
Ich jetzt herbei sah laufen gleich dem Schweine,
Das aus dem Kof ist losgelassen worden.
Anlangend bei Capocchio, packt der ein' ihn
So mit den Zähnen am Genick, daß hin er
Ihn zog am harten Grund, den Rauch ihm reibend.
Zu mir der Aretiner drauf, der zitternd
Noch stand: »Der Kobold, der umher so wütet,
Beschädigend die Geister, ist Hans Schicchi.«
›O,‹ sprach ich, ›soll der andre dir die Zähne
Nicht in den Rücken setzen, so verdrieße
Dich's nicht, eh' er entschlüpft, ihn mir zu nennen.‹
Und er zu mir: »Das ist die alte Seele
Myrrhas, der Frevlerischen, die dem Vater
Mit mehr denn rechter Liebe ward gewogen,
Und ihr gelang's, zu sündigen mit jenem,
In fremdes Äuß're trügerisch sich hüllend,
Wie jener, der dort hingeht, einst die Rolle
Buoso Donatis fälschlich durchgeführet,
Letztwillig so nach Form des Rechts verfügend,
Damit der Herde Fürstin er gewinne.«
Und als die beiden Rasenden vorüber
Nun waren, drauf geruht mein Auge hatte,
Wandt' ich's, die andern Schurken zu betrachten.
Da sah ich einen, ähnlich einer Laute
Gestaltet, hätt' ihm anders man die Weichen
Dort, wo der Mensch gespalten ist, verstutzet.
Die läst'ge Wassersucht, die durch die Säfte,
Die schlechtverdauten, so verzerrt die Glieder,
Daß das Gesicht nicht mehr entspricht dem Wanste,
Hielt ihm die Lippen aufgesperrt, wie sonst wohl
Schwindsücht'ge tun, die ob des Dursts die eine
Dem Kinne zu, aufwärts die andre ziehen.
»O ihr, die sonder Straf' ihr (und nicht weiß ich,
Warum) euch in der schlimmen Welt befindet,«
Begann er jetzt zu uns, »schaut und betrachtet
Das Elend Meister Adams; denn im Leben
Hatt' alles ich vollauf, was ich begehrte,
Und schmacht', ach! jetzt nach einem Tröpflein Wasser.
Die Bächlein, die, herab zum Arno wallend
Von Casentinos grünen Hügeln, Kühlung
Und Feuchtigkeit in ihrem Bett verbreiten,
Stehn vor dem Geist mir stets, und nicht vergebens,
Denn mehr noch dörrt mich aus ihr Bild als selber
Das Übel, das mich abzehrt im Gesichte;
Denn die Gerechtigkeit, die streng mich peinigt,
Nimmt Anlaß von dem Ort, wo ich gesündigt,
Um hastiger die Seufzer mir zu jagen.
Dort liegt Romena, wo den Feingehalt ich,
Besiegelt mit des Täufers Bild, verfälschet,
Drum ich verbrannt den Leib zurückließ droben.
Doch sah' ich Guidos oder Alexanders
Verruchte Seel' hier oder ihres Bruders,
Für Brandas Born gäb' ich nicht hin den Anblick.
Drin ist die eine schon, wenn mich die Schatten,
Die ringsherum hier rasen, wahr berichtet,
Allein was hilft's mir mit gebundnen Gliedern!
Wär' ich so leicht nur, daß in hundert Jahren
Ich einen Zoll mich vorbewegen könnte,
So hätt' ich schon mich auf den Weg begeben,
Ihn unter dem entstellten Volk zu suchen,
Wenn es elf Meilen gleich im Kreis umherliegt
Und in der Breite mind'stens eine halbe.
Bei solcherlei Genossen bin durch jen' ich,
Da die Floren' sie mich verführt zu schlagen,
So drei Karat enthielten an Legierung.«
Ich drauf: ›Wer sind wohl die armsel'gen beiden,
Die dampfend, gleich der Hand, getaucht ins Wasser
Beim Winterfrost, dicht dir zur Rechten liegen?‹
»Hier fand ich sie, die nie seitdem sich wandten,«
Sprach er drauf, »als in diesen Spalt ich schneite,
Und werden's mein ich, nicht in Ewigkeiten.
Dies' ist die falsch' Anklägerin des Joseph,
Sinon von Troja der, der falsche Grieche,
Von Brodem qualmend beid' im hitz'gen Fieber.«
Und einer drauf von ihnen, dem's zuwider
Wohl war, verächtlich so genannt zu werden,
Schlug mit der Faust auf den gespannten Wanst ihm,
Der einem Trommelfell gleich widerdröhnte;
Doch Meister Adam gab ihm mit dem Arme,
Der minder hart nicht schien, eins ins Gesichte
Und sprach zu ihm: »Muß gleich ich die Bewegung
Entbehren durch die Schwere meiner Glieder,
Hab' ich doch frei zu solchem Zweck den Arm noch.«
Und jener drauf entgegnet': »Als zum Feuer
Du schrittest, war er dir nicht so behende,
Doch so und mehr noch war er's, als du prägtest.«
Der Wassersücht'ge jetzt: »Dran sprichst du Wahrheit,
Doch warst du nicht ein so wahrhaft'ger Zeuge,
Als man bei Troja dich nach Wahrheit fragte.« –
»Wenn falsch ich sprach, so fälschtest du die Münze,«
Rief Sinon, »und bin hier ob eines Fehls ich,
Bist du's ob mehr, denn irgend sonst ein Teufel.« –
»Erinn're dich, Meineidiger, des Pferdes,«
Gab der mit dem geschwoll'nen Wanst zur Antwort,
»Und Strafe sei dir's, daß es alle Welt weiß.« –
»Zur Strafe,« sprach der Grieche, »sei der Durst dir,
Drob dir die Zunge platzt, und vor den Augen,
Den Bauch dir türmend auf, das Eiterwasser.«
Der Münzer drauf: »So reißest du wie immer
Den Mund dann auf, Verkehrtes nur zu sprechen;
Denn dürst' ich auch, bin ich gefüllt mit Naß doch,
Dich aber plagt die Hitze samt dem Kopfschmerz,
Und lang' wird man dich nicht zu bitten brauchen,
Damit Narcissus' Spiegel du beleckest.«
Dieweil ich so gespannt auf jene horchte,
Begann zu mir mein Meister: »Sieh mir einer,
Es fehlt nur wenig, daß mit dir ich hadre!«
Als ich ihn jetzt im Zorn so sprechen hörte,
Wandt' ich mich gegen ihn so voll Beschämung,
Daß sie mir noch sich regt in der Erinn'rung.
Und jenem gleich, der, eignes Unglück träumend,
Im Traum zu träumen wünscht, sich das ersehnend,
Was wirklich ist, als ob es nicht so wäre,
Ward mir, da voll Begier, mich zu entschuld'gen,
Ich keine Worte fand, und bei dem allen
Mich doch entschuldigte, ohn' es zu wissen.
»Gering're Scham tilgt aus wohl größern Fehltritt.
Als deine ist gewesen,« sprach mein Meister,
»Darum entlade dich jedweden Trübsinns
Und denk' nur dran, daß ich dir immer nah' bin,
Wenn's je geschieht, daß dich der Zufall hinführt,
Wo Leut' in solcherlei Gezänk sich finden,
Denn niedrig ist der Wunsch, derlei zu hören.«

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