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Göttliche Komödie

Dante: Göttliche Komödie - Kapitel 28
Quellenangabe
typeepos
authorDante
titleGöttliche Komödie
publisherPeter J. Oestergaard Verlag Berlin-Schöneberg
translatorPhilalethes
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070109
projectid10a64f4f
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Siebenundzwanzigster Gesang

Schon war die Flamme nach geschloßner Rede
Still und grad aufgerichtet und hinwegging
Sie mit Bewilligung des süßen Dichters,
Als hinter ihr einherkam eine andre,
Die unsern Blick nach ihrer Spitze hinzog
Ob des verworrnen Tons, der draus hervordrang.
Wie der sizil'sche Stier, der durch das Jammern
Des, der mit seiner Feil' ihn hergerichtet,
Zum erstenmal gebrüllt (also war's billig),
So durch die Stimme des Gequälten brüllte,
Daß, wenn er gleich von Erz nur war gebildet,
Er um nichts minder schien vom Schmerz durchbohret;
So wandelten sich in des Feuers Sprache,
Da weder Weg noch Ausgang draus sie fanden,
Im Anbeginn die jammervollen Worte.
Doch als sie Bahn sich droben durch die Spitze
Gebrochen drauf, mitteilend ihr die Schwingung,
Die ihnen selbst die Zunge gab beim Durchgang,
Vernahmen wir, wie folgt: »O du, an den ich
Mein Wort jetzt richte, der du auf Lombardisch
Erst sprachst: ›Gehst halt jetzt weg, i' aiz' di' nimmer',
Laß dich's, weil etwas spät ich wohl gekommen,
Nicht reu'n, mit mir zu weilen im Gespräche!
Du siehst, mich reut es nicht, obgleich ich brenne.
Wenn du erst kürzlich bist herabgestürzet
In diese finstre Welt aus jenem süßen
Lateinerland, wo meine Schuld sich herschreibt,
Sprich, hat Romagnas Volk Krieg oder Frieden?
Denn aus den Bergen bin ich, die Urbino
Vom Joche trennen, dem entquillt die Tiber.«
Ich stand annoch hinabgebeugt und lauschend,
Als leis mich in die Seite stieß mein Führer
Und sprach: »Hier rede du, 's ist ein Lateiner.«
Und ich, der schon bereit die Antwort hatte,
Begann drauf sonder Zögern so zu sprechen:
›O Seele, die versteckt du weilst dort unten,
Es ist nicht und war nimmer dein Romagna
In seiner Zwingherrn Herzen ohne Krieg noch;
Doch offenbar verließ ich dort jetzt keinen.
Ravenna steht, wie's stand seit vielen Jahren,
Es horstet da der Adler von Polenta,
So daß er Cervia deckt mit seinen Schwingen.
Die Stadt, die einst so lange standgehalten
Und der Franzosen blut'ge Leichen häufte,
Weilt unterm Schutz anjetzt der grünen Klauen!
Verucchios alten Fanghund und den neuen,
Der einst so schnöd verfahren mit Montagna,
Sieht man, wo sonst sie pflegten, bissig wüten.
Die Stadt' am Strand Lamones und Santernos
Regiert der junge Löw' aus weißem Lager,
Partei von Mitternacht zu Mittag wechselnd,
Und die vom Savio wird bespült zur Seite,
Gleich wie sie zwischen Ebne liegt und Bergen,
Schwankt zwischen Zwingherrschaft und freiem Wesen.
Jetzt fleh' ich an dich, wer du bist, zu künden,
Sei unerbittlicher nicht als die andern,
Wenn sich dein Nam' behaupten soll auf Erden.‹
Nachdem die Flamm' auf ihre Weis' ein wenig
Gebraust, bewegte sie die spitze Zunge
Bald hin, bald her und hauchte drauf dies Wort aus:
»Wenn meine Antwort ich gerichtet glaubte
An einen, der zur Welt zurück je kehrte,
So würde mehr nicht diese Flamm' erzittern;
Doch weil, wenn anders Wahrheit ich vernommen,
Aus diesem Grund noch niemand heimgekehrt ist,
Antwort' ich jetzt dir ohne Furcht vor Schande.
Ich war erst Kriegsmann und dann Franziskaner,
Vom Strick umgürtet, abzubüßen hoffend,
Und sicher war' erfüllt mein Hoffen worden,
Wenn nicht der Großpfaff war (bekomm's ihm übel),
Der mich in meine frühre Schuld zurückwarf.
Wie und warum, sollst du anjetzt vernehmen.
Solang als ich in Fleisch und Bein noch webte
Dem Erbteil meiner Mutter, übt' ich Taten,
Die löwenartig nicht, nein, füchsisch waren.
Die list'gen Streich' all' und geheimen Schliche
Verstand ich, ihre Kunst so trefflich treibend,
Daß drob mein Ruf drang zu der Erde Enden.
Doch als an jenem Zeitpunkt meines Alters
Ich angelangt mich sah, wo jeder sollte
Einziehn die Tau' und seine Segel streichen,
Ward, was mich erst erfreut, mir jetzt zuwider,
Und reuevoll bekennend meine Sünden,
Hätt' ich, (o Weh' mir Armen!) mich gerettet.
Das Oberhaupt der neuen Pharisäer, –
Ganz nah dem Lateran in Krieg verwickelt,
Und nicht mit Sarazenen, noch mit Juden;
Denn Christen nur allein hatt' es zu Feinden,
Und keiner war bei Acres Sturm gewesen,
Noch als ein Kaufmann in des Sultans Landen., –
Nicht achtet' er in sich die heil'ge Weihe,
Nicht das erhabne Amt, in mir den Strick nicht,
Durch den sonst magrer ward, wer ihn getragen.
Nein, wie einst Konstantin dort im Sorakte
Silvester rief, vom Aussatz ihn zu heilen,
Also begehrte dieser mich zum Meister,
Daß ich ihm stille seines Hochmuts Fieber,
Und fragt' mich drob um Rat; doch ich verstummte,
Denn eines Trunknen schien mir seine Rede.
Und jener drauf: ,Laß nicht dein Herz verzagen!
Ich sprech' dich los für jetzt; doch du belehr' mich,
Wie Penestrinos Burg ich brechen möge.
Den Himmel kann ich öffnen und verschließen,
Das weißt du ja; dazu gibt's zwei der Schlüssel,
Die jüngst mein Vorfahr nicht gar hochgehalten.'
Da trieben an mich die gewicht'gen Gründe,
Weil Schweigen hier mir schien der schlimmste Ratschluß.
Daß ich begann: ›Da du mich, Vater, reinigst
Von dieser Sünd', in die ich jetzt muß fallen –
Ein lang Versprechen und ein kurzes Halten
Wird auf erhabnem Stuhl dir Sieg verschaffen.'
Franziskus suchte drauf mich, als ich tot war,
Doch einer von den schwarzen Cherubinen‹
Sprach zu ihm: ›Hol' ihn nicht, tu' mir nicht Unrecht!
Der muß hinab zu meinen Sklaven kommen,
Weil er gegeben hat den Rat des Truges,
Seitdem ich stets im Haar ihm bin gelegen.
Wer nicht bereut, den kann man los nicht sprechen,
Und nicht kann man zugleich bereun und wollen,
Dieweil der Widerspruch es nicht gestattet.'
O weh' mir Jammerndem! wie ich erbebte,
Als er mich packt' und zu mir rief: ›Du dachtest
Vermutlich nicht, daß ich Logik verstände.'
Zu Minos trug er hin mich, und der schmiegte
Den Schweif achtmal sich an den harten Rücken.
Drauf, sich vor großer Wut in jenen beißend,‹
Sprach er: ›Der Flammenhüll' ist dieser schuldig.'
Drob hier, wo du mich siehst, ich bin verloren
Und so umwallt in Herzeleid einhergeh'.‹
Nachdem er seine Red' also vollendet,
Entfernte sich mit Wehgeklag die Flamme,
Das spitze Horn verneigend und bewegend.
Wir gingen weiter, ich drauf und mein Führer,
Am Riff hinan bis auf den andern Bogen,
Der überm Schlund schwebt; drin mit Pön belegt wird,
Wer, Spaltung stiftend, selbst sich Last bereitet.

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