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Göttliche Komödie

Dante: Göttliche Komödie - Kapitel 26
Quellenangabe
typeepos
authorDante
titleGöttliche Komödie
publisherPeter J. Oestergaard Verlag Berlin-Schöneberg
translatorPhilalethes
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070109
projectid10a64f4f
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Fünfundzwanzigster Gesang

Bei seiner Worte Schluß hob beide Hände
Der Dieb empor mit durchgesteckten Daumen
Und rief: »Nimm hin sie, Gott, dir ball' ich zu sie!«
Seitdem bin ich befreundet mit den Schlangen;
Denn eine wickelte sich um den Hals ihm,
Als ob sie spräche: »Mehr sollst du nicht sagen,«
Und um die Arm' ein' andre und umschlang ihn,
Sich vorn sodann dermaßen rückwärts krümmend,
Daß keinen Ruck er konnte tun mit ihnen.
Pistoja, o Pistoja, was doch säumst du,
Dich einzuäschern, daß du mehr nicht dauerst,
Da deine Brut im Bösetun du förderst.
Nicht einen Geist in all den finstern Kreisen
Der Hölle sah ich gegen Gott so trotzig;
Selbst der nicht war's, der fiel vor Thebens Mauern.
Und jener nun entfloh und sprach kein Wort mehr,
Drauf sah ich einen wütenden Centauren
Laut schreiend nah'n: »Wo ist, wo ist der Herbe?«
Maremma, glaub' ich, hat so viele Schlangen
Selbst nicht, als dieser trug auf seinem Kreuze,
Bis wo die menschliche Gestalt beginnet.
Ein Drache lag ihm hinten am Genicke
Mit ausgespannten Flügeln überm Rücken,
Endzündend jeglichen, dem er begegnet.
Zu mir begann mein Meister: »Dies ist Cacus,
Der unterm Fels des Aventin'schen Hügels
Oft einen ganzen See von Blut vergossen;
Nicht geht er gleichen Wegs mit seinen Brüdern,
Des Diebstahls wegen, den mit List er übte
An jener großen Herd', als sie ihm nah' kam.
Dort macht' ein Ende dem verkehrten Treiben
Die Keule Herkul's, der ihm hundert Schläge
Wohl gab, von denen er nicht zehn gefühlet.«
Weil er so sprach und jener flog vorüber,
Gelangten unter unsern Fuß drei Schatten,
Die weder ich gewahrte, noch mein Führer,
Als bis wir schrei'n sie hörten: »Wer doch seid ihr?«
Darob in unsrer Mär wir still nun hielten,
Auf jen' allein das Augenmerk gerichtet.
Nicht kannt' ich sie, doch es geschah, so wie es
Durch einen Zufall oft wohl zu geschehn pflegt,
Daß einer mußt' des andern Namen nennen,
Indem er sprach: »Wo mag nur Cianfa bleiben?«
Drob ich, daß aufmerksam mein Führer stände,
Den Finger mir vom Kinn zur Nase legte.
Wenn du jetzt, Leser, was ich sagen werde,
Zu glauben zögerst, nimmt es mich nicht wunder,
Da ich, der's sah, mir's selbst kaum eingestehe.
Weil ich auf sie den Blick hielt aufgeschlagen.
Fällt plötzlich eine Schlange mit sechs Füßen
Den einen vorn an, ganz an ihn sich klammernd;
Den Bauch umschlang sie mit den Mittelfüßen
Und packt' ihm mit den vorderen die Arme,
Drauf biß sie in die Wangen beiderseits ihn.
Die Hinterfüße nach den Schenkeln streckend,
Legt' ihren Schwanz jetzt hin sie zwischen beide,
Ihn hinten an den Lenden aufwärtsbiegend.
Nicht häkelte um einen Baum sich Efeu
Je so, wie das grau'nvolle Ungeheuer
Die eignen schlang um eines andern Glieder;
Drauf ineinanderschmelzend, gleich, als sei'n sie
Von warmem Wachs, vermischten sie die Farben,
Daß kein's von beiden schien, was es gewesen.
Also verbreitet aufwärts am Papiere
Sich vor dem Brande bräunlich eine Farbe,
Die noch nicht schwarz, erstirbt schon gleich das Weiße,
Die andern zwei sah'n zu und riefen beide:
»Weh' dir, Agnello, wie du dich veränderst,
Sieh doch, schon bist du zwei nicht mehr, noch einer!«
Schon waren die zwei Häupter eins geworden,
Als zwei Gestalten uns vermischt erschienen
In einem Antlitz, drin sich zwei verloren.
Zwei Arme bildeten sich aus vier Zweigen,
Und Rumpf und Bauch und Bein' und Schenkel wurden
Zu Gliedern, wie man nie sie noch gesehen;
Verlöscht war hier jedwedes frühre Ansehn,
Zwei schien und keins von beiden das verkehrte
Gebild und ging so fort langsamen Schrittes.
Wie unterm heft'gen Stich der Hundssterntage
Die Eidechs', wenn sie Zaun mit Zaun vertauschet,
Des Wandrers Weg durchschneidend scheint ein Blitzstrahl;
Dem ähnlich schien mir jetzt, den beiden andern
Sich stürzend nach dem Wanst, ein wütend Schlänglein,
Das braun und schwarz gleich einem Pfefferkorn war.
Und jenen Teil, durch den zuerst die Nahrung
Der Mensch empfängt, dem einen drauf durchstach es,
Dann fiel's vor diesem hingestreckt zu Boden.
An starrt' es der Gestochne und verstummte,
Doch still jetzt haltend, fing er an zu gähnen,
Als ob, sei's Schlaf, sei's Fieber, ihn befiele.
Die Schlange blickt' auf ihn, er auf die Schlange;
Sie dampfte durch den Mund, er durch die Wunde
Gewaltig, und es kreuzten sich die Dämpfe.
Lukan verstumme dort, wo er erwähnet
Das Elend des Sabellus und Nassidius,
Und hör' aufmerksam, was sich jetzt entwickelt;
Von Cadmus schweig' Ovid, von Arethusa,
Denn wenn er den zur Schlange, die zur Quelle
Verwandelt im Gedicht auch, nicht beneid' ich's;
Denn nie hat zwei Naturen gegenüber
Er so vertauscht, daß beide Bildungskräfte
Bereit sich zeigten, ihren Stoff zu wechseln.
In solcher Folg' entsprachen sie einander,
Daß, weil den Schweif die Schlange gablig spellte,
Die Fersen zog zusammen der Gebißne,
Die Beine nebst den Schenkeln miteinander
Verschmolzen so, daß keine Spur in kurzem
Von der Verbindung war zu unterscheiden.
Der so gespaltne Schweif nahm die Gestaltung
Drauf an, die dort verlorenging, und weich ward
Die Haut ihm hier, weil jenseits hart sie wurde.
Einkriechen sah ich durch die Achselhöhlen
Die Arm', indes des Untiers kurzes Beinpaar
Um so viel länger ward als jene kürzer.
Drauf bildeten, verschlungen miteinander,
Das Glied die Hinterbeine, das der Mann birgt,
Weil zwei der Arme aus den seinen spreizte.
Indes der Dampf mit neuer Farbe beide
Umhüllt' und, überm Leib auf einer Seite
Das Haar erzeugend, andrerseits es abstreift',
Stand jener auf, und dieser fiel zu Boden,
Nicht drum verwendend die ruchlosen Blicke,
In deren Schein sie tauchten die Gesichter.
Der Steh'nde zog es rückwärts nach den Schläfen,
Und von dem Überfluß des Stoffes traten
Hervor die Ohren aus den glatten Wangen;
Der Rest, der nicht zurückwich, sondern vorn blieb,
Gestaltete dem Antlitz sich zur Nase,
So viel die Lippen schwellend, als sich ziemte.
Der Liegende schiebt jetzo vor die Schnauze,
Einziehend durch das Haupt die beiden Ohren,
Gleich wie die Gartenschneck' ihr Fühlhorn einzieht,
Und seine Zunge, ganz erst und zum Reden
Stets fertig, spaltet sich, und die gespaltne
Des andern schließt sich und der Dampf hört auf jetzt.
Die Seele, so zum Ungeheuer worden,
Flieht mit Gezisch von dannen durch das Tal hin,
Weil hint'r ihr her der andre ruft und sprudelt.
Drauf wandt' er jenem zu den neuen Rücken
Und sprach zum andern: »Jetzt soll Buoso laufen
Wie ich sonst dieses Pfads auf allen Vieren.«
So sah ich's in der siebenten Kloake
Sich wandeln und verwandeln, und entschuld'gen
Mag mich der neue Stoff, schweift hier die Zung' ab;
Und waren gleich die Augen mir ein wenig
Getrübt und abgespannt des Geistes Stärke,
Doch konnten jen' im Flieh'n sich so nicht bergen,
Daß ich nicht wohl Puccio Sciancato kannte,
Der einzig unverändert war geblieben
Von den zuerst gekommnen drei Genossen.
Der andre war's, ob dem du weinst, Gaville.

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