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Göttliche Komödie

Dante: Göttliche Komödie - Kapitel 22
Quellenangabe
typeepos
authorDante
titleGöttliche Komödie
publisherPeter J. Oestergaard Verlag Berlin-Schöneberg
translatorPhilalethes
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070109
projectid10a64f4f
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Einundzwanzigster Gesang

Von Brücke so gelangten wir zu Brücke,
Noch andres, das nicht wert ist, daß es meine
Komödie sing', besprechend, bis am Gipfel
Wir hielten, Übelbulgens nächste Spalte
Zu schaun und andr' umsonst geweinte Tränen,
Und wunderbarlich schien mir jene düster.
Wie in dem Arsenal der Venetianer
Im Winter kocht der zähe Teer, mit welchem
Die leck gewordnen Schiffe sie kalfatern; –
Denn nicht ist's Zeit zur Schiffahrt, und statt dessen
Baut der sein neues Fahrzeug, jener stopfet
Die Rippen dem, das öfters schon in See stach,
Der hämmert vorn am Schiff und jener hinten,
Der schnitzet Ruder zu, der windet Taue,
Der am Besan-, der flickt am Bugspritsegel:
So kocht' hier unten, nicht durch Feuersgluten,
Nein, durch des Schöpfers Kunst, ein dicker Pechbrei,
Der allerseits die Ufer überklebte.
Ich sah ihn (nichts erblickend von dem Inhalt
Als nur die Blasen, die das Kochen auftrieb),
Sah ihn sich heben und verdickt dann setzen.
Weil unverwandt dort unten hin ich blickte.
Zog mich mein Führer: »Schau' doch, schau' doch!« rufend,
Zu sich hin von dem Ort, wo ich gestanden.
Da wandt' ich um mich, ähnlich einem Manne,
Der, was er fliehn muß, gern erschauen möchte,
Doch übermannt vom jähen Furchtgefühle,
Ob er auch hinblickt, nicht die Flucht verzögert.
Und hinter uns sah ich in schnellem Laufe
Die Klipp' ersteigen einen schwarzen Teufel.
Weh'! wie so wild sein Antlitz war zu schauen,
Wie roh er schien in jeglicher Gebärde,
Die Schwingen ausgespannt und leichten Fußes.
Mit beiden Hüften lastete ein Sünder
Auf seinem hoh'n und spitz'gen Schulterpaare,
Und selbst hielt er umkrallt des Fußes Sehn' ihm.
»Ihr Grausetatzen unsrer Brücke,« rief er,
»Da ist der Ält'sten von Sankt Zita einer!
Steckt ihn hinunter, denn ich kehr' nun wieder
Zu jener Stadt, die wohl damit versehn ist,
Feil sind sie alle dort bis auf Buonturo;
Ums Geld pflegt man dort Nein aus Ja zu machen.«
Dort schmiß er ihn herab, durchs harte Riff sich
Zurück drauf wendend, hast'ger, als ein Hofhund,
Los von der Kette, je dem Dieb gefolgt ist.
Der sank zum Grund, doch schnell sich wendend, taucht' er
Empor, allein die Teufel, unterm Brücklein
Versteckt, schrien: »Hier frommt nicht das heil'ge Antlitz!
Hier schwimmt's gar anders sich als in dem Serchio!
Drum willst du nicht der Zinken Schärfe fühlen,
So wag's nicht, aus dem Pech hervorzutauchen.«
Mit mehr denn hundert Haken drauf ihn packend,
Begannen sie: »Du mußt verdeckt hier hüpfen,
Um heimlich noch, wo möglich, zu erkapern.«
Nicht anders läßt der Koch das Fleisch durch seine
Vasallen in des Kessels Mitte nieder
Mit Gabeln drücken, daß es auf nicht schwimme.
Zu mir der gute Meister drauf: »Damit sie
Dein Hiersein nicht bemerken, so verkrieche
Dich hinter einen Fels, der Schutz dir leihe,
Und daß mir irgend Leid hier widerfahre,
Befürchte nicht – ich bin bekannt mit allem,
Denn einmal schon war ich bei solchem Strauße.« –
Den Ausgang überschritt er drauf der Brücke,
Und als er an den sechsten Strand gelangt war,
Mußt' eine mut'ge Stirn er wohl bewähren;
Denn mit der Wut und mit dem Ungestüme,
Womit die Hunde auf den Armen fahren,
Der, wo er still hält, gleich zu betteln anfängt,
Entstürzten diese vor nun unterm Brücklein,
Die Haken sämtlich auf ihn zugewendet;
Er aber rief: »Zu freveln wage keiner !
Bevor mich eurer Zinken Spitz' ergreife,
Komm einer vor erst, der mich hör', und dann mögt
Ihr weiter denken dran, mich zu zerkrallen.«
Da schrien sie sämtlich: »Grauseschwanz mag gehen!«
Drob einer vortrat, weil die andern hielten,
Und hin zum Meister kam und sprach:
»Was schaffst du?« –
»Glaubst, Grauseschwanz, du, daß du mich hier unten
Erblicken würdest, der ich schon gesichert
Vor aller eurer Wehr bin,« sprach mein Meister,
»War's göttlich Wollen nicht und Gunst des Schicksals?
Laß mich drum ziehn, im Himmel ist's beschlossen,
Daß durch den wilden Pfad ich einen leite.«
Da ward der Stolz ihm dergestalt gebeuget,
Daß er zum Fuß sich ließ den Haken sinken
Und zu den andern sprach: »Den schlagt mir jetzt nicht!«
Drauf rief mir zu mein Führer: »Du, der zwischen
Der Brücke Felsenspitzen liegst verkrochen,
Kehr' ohne Furcht zu mir anjetzo wieder.«
Da kam ich eilends zu ihm hin, und vorwärts
Rückt' insgesamt der Teufel Schar, drob Furcht mich
Befiel, sie möchten den Vertrag nicht halten.
So sah ich einst die Lanzenknechte zittern,
Die durch Vertrag Capronas Burg verließen,
Als so viel Feinde sie um sich erblickten.
Ich schmiegte drum mich mit dem ganzen Leibe
Dem Führer an, die Augen nicht verwendend
Von ihrem Anblick, der mir gut nicht deuchte.
Die Haken neigten sie, und zu den andern
Sprach einer: »Soll ich auf die Krupp' ihn treffen?«
Der drauf: »Ja, sieh, daß du ihm eins versetzest!«
Doch jener Dämon, der mit meinem Führer
Sich unterredet, wandt' sich um behende
Und rief: »Gemach! gemach! o Raufefankel.«
Sodann sprach er zu uns: »Auf diesem Riffe
Kann man nicht weitergehn, weil an dem Grunde
Geborsten ganz der sechste Bogen daliegt.
Allein gefällt's euch mehr noch vorzudringen,
So geht nur immerhin auf jenem Felsdamm,
Wo bald ein andres Riff euch überführet.
Fünf Stunden später, als es jetzt ist, waren
Zwölfhundertsechsundsechsig Jahre gestern
Vollendet, seit der Weg zerstört hier worden.
Dorthin zu send' ich einige der Meinen,
Um nachzusehn, ob sich nicht einer lüfte.
Mit ihnen geht, sie werden euch nicht schaden.
Tritt vorwärts, Bückeschnurbs und Fröstetretel,«
Begann er jetzt, »und du auch, Reckelschnauzer,
Und Sudelbart du, führ' die Schar der Zehne.
Noch komm' auch Scharlachmohr und Drachennaser,
Schweinsborst mit seinen Hauern, Hundekraller,
Sausfleder und Karfunkelpolt, der Tolle,
Streift ringsum an dem glüh'nden Leim; und diese
Laßt sicher zu dem andern Riff gelangen,
Das unversehrt die Gruben überbrücket.« –
›Weh' mir, was muß ich sehn, mein Meister, ‹ rief ich,
›Laß uns allein gehn ohne Führung; mich nicht
Verlangt nach ihr, bist du des Wegs nur kundig.
Bist hier umsichtig du, wie sonst du pflegest.
So sieh doch, wie sie dort die Zähne fletschen
Und, Ränke drohend, mit den Brauen winken.‹
Und jener drauf zu mir: »Du darfst nicht beben,
Laß fletschen immerhin sie nach Gefallen,
Das gilt allein den jammernden Gesottnen.«
Dann wandten links sie auf den Damm, doch hatte
Ein jeder erst noch, drauf die Zähne setzend,
Die Zung' als Zeichen zugestreckt dem Obmann,
Und der gebraucht den Hintern als Trompete.

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