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Göttliche Komödie

Dante: Göttliche Komödie - Kapitel 21
Quellenangabe
typeepos
authorDante
titleGöttliche Komödie
publisherPeter J. Oestergaard Verlag Berlin-Schöneberg
translatorPhilalethes
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070109
projectid10a64f4f
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Zwangzigster Gesang

Von neuer Pein zu dichten liegt mir ob jetzt,
Um Stoff dem zwanzigsten Gesang zu liefern
Des ersten Lieds, das von Versunknen meldet.
Schon hatt' ich ganz und gar mich angeschicket,
Zu schaun in die mir nun enthüllte Tiefe,
Die von so bangem Tränenstrom benetzt wird;
Da sah durchs zirkelförm'ge Tal ich Leute
Stillschweigend und in Zähren nah'n des Schrittes,
In dem in dieser Welt Bittgäng' umhergehn.
Als tiefer ich auf sie den Blick nun senkte,
Schien wunderbarlich jeglicher verdreht mir
Vom Kinn bis zu dem Anbeginn des Rumpfes;
Denn abgewandt war von der Lend' ihr Antlitz
Und rücklings mußten auf uns zu sie kommen,
Weil ihnen, vor sich her zu schaun, verwehrt war.
Vielleicht hat einmal durch Gewalt der Lähmung
Wohl ganz und gar sich einer so verdrehet,
Doch sah ich's nie, doch glaub' ich, daß es stattfand.
Wenn Gott dich, Leser, Frucht von deinem Lesen
Soll ernten lassen, so bedenk' im Innern,
Ob tränenlos mein Antlitz bleiben konnte,
Als in der Näh' die menschliche Gestalt ich
Also verwandt sah, daß des Auges Zähren
Die Hinterbacken durch den Spalt benetzten;
Gewiß, da weint' ich, an ein Horn mich lehnend
Der harten Klippe, so daß mein Begleiter
Mir sagte: »Gleichst auch du den andern Toren?
Hier lebt die Lieb' erst, wenn sie recht erstorben;
Denn wer ist frevelhafter wohl als jener,
Der nach des Ew'gen Ratschluß trägt Gelüsten.
Richt' auf dein Haupt, richt' auf! schau' ihn, dem einst sich
Die Erd' erschloß vor der Thebaner Augen,
Darob sie alle riefen: ›Wohin stürzest,
Was weichst du aus dem Kampf, Amphiaraus?‹
Und unaufhaltsam stürzt' er hin zu Tale,
Bis er zu Minos kam, der all' ergreifet.
Sieh, wie den Rücken er zur Brust gemacht hat,
Und weil zu weit er vorwärts blicken wollte,
Rückwärts nun schaut, verkehrten Pfades wandelnd.
Tiresias schau', der die Gestalt gewechselt,
Vom Mann zum Weibe werdend, als die Glieder
An seinem Leib sich insgesamt verändert,
Und erst mußt' wieder sie, die beiden Schlangen,
Die engverschlungnen, mit dem Stäbchen schlagen,
Eh' wieder ihr des Manns Behaarung wurde.
Der seinen Bauch dort nahet mit dem Rücken,
's ist Aruns, welcher einst in Lunis Bergen,
Wo, ihren Fuß bewohnend, der Carrarer
Das Feld baut zwischen weißen Marmorfelsen,
In einer Höhle haust', von wo die Aussicht
Aufs Meer und auf die Stern' ihm nicht gehemmt war.
Und jene, die mit den gelösten Zöpfen
Die Brüste, die du nicht erblickst, bedecket
Und alles Haarige nach jenseits kehret,
War Manto, die durch viele Länder streifte
Und dann sich niederließ, wo ich erzeugt ward;
Drob mir's beliebt, daß du mich kürzlich hörest.
Nachdem ihr Vater abtrat aus dem Leben
Und Bacchus' Stadt zur Sklavin war geworden,
Durchwallte lange Zeit hindurch die Welt sie.
Ein See liegt droben in dem schönen Welschland,
Am Fuß des Alpenstocks, der Deutschland schließet,
Nah' bei Tirol und wird genannt Benacus.
Aus tausend Quellen und wohl mehr benetzet
Inmitten Valcarnonicas und Gardas
Das Wasser den Pennin, das in dem See staut.
In seiner Mitte liegt ein Ort, wo Brescias,
Trients und auch Veronas Hirt zu segnen
Berechtigt wären, wenn des Wegs sie kämen.
Peschiera thront, ein Rüstzeug, stark und prächtig,
Die Stirn den Bergamasken und Brescianern
Zu bieten, wo am tiefsten rings der Strand sinkt.
Hierhin muß sämtlich sich das Wasser stürzen,
Was in Benacus' Schoß nicht bleiben kann,
Und strömt als Fluß dann ab durch grüne Triften.
Sobald die Flut hier ihren Lauf beginnt,
Heißt sie Benacus nicht mehr, sondern Mincio,
Bis bei Governo sie sich mischt dem Po.
Nach kurzem Lauf erreicht sie eine Niedrung,
In der sie, sich verbreitend, sie umsumpfet
Und oft verderblich pflegt zu sein im Sommer.
Die grause Jungfrau, hier vorüberziehend,
Erblickte Land in des Morastes Mitte,
Unangebaut und von Bewohnern ledig;
Dort blieb, der Menschen Umgang zu entfliehen,
Mit ihren Knechten sie und trieb ihr Wesen,
Und lebt' und ließ dort den entseelten Körper.
Die Leute drauf, die rings zerstreut hier lebten,
Vereinten an dem Ort sich, weil er fest war
Ob des Morasts, der allseits ihn umfaßte.
Die Stadt erbauten über dem Gebein sie,
Nach ihr sie, die den Ort zuerst erkiesen,
Ohn' andre Vorbedeutung Mantua nennend.
Zahlreicher war in ihr stets die Bevölkrung,
Bevor die Torheit des von Casalodi
Durch Pinamonte hintergangen worden.
Darum belehr' ich dich, daß, wenn du jemals
Den Ursprung meiner Stadt hörst anders deuten,
Die Wahrheit keine Lüg' entstellen möge.«
Und ich: ›So zuverlässig ist, o Meister!
Mir dein Bericht und heischt so meinen Glauben,
Daß leere Spreu mir wären all' die andern.
Doch sprich, von jenem Volk, das dort einherzieht,
Erkennst du einen, der bemerkenswert sei?
Denn nur darauf ist jetzt mein Sinn geheftet.‹
Drauf er: »Der, dem dort zu dem braunen Rücken
Der Bart herabwallt von der Wange, war einst
Augur, als Griechenland so männerleer war,
Daß ihrer kaum noch in den Wiegen blieben,
Und gab mit Calchas an die Sternenstunde
In Aulis, um das erste Tau zu kappen.
Er hieß Eurypylus, wie meine hohe
Tragödie von ihm singt in einem Verse;
Wohl weißt du ihn, du kennst sie ganz und gar ja.
Der andre mit den hagern Weichen war sonst
Michael Scotus und verstand wahrhaftig
Das trügerische Spiel der Zauberkünste.
Sieh dort Guido Bonatti, sieh Asdentel
Der sich mit Naht und Leder jetzt beschäftigt
Nur haben möchte, doch zu spät gereut's ihn.
Sieh die Erbärmlichen, die, Nadel, Spule
Und Schiff verlassend, Zauberinnen wurden
Und Hexerei mit Kraut und Wachsbild trieben.
Doch komm von dannen, denn es steht an beider
Halbkugeln Grenze und berührt die Fluten
Jenseits Sevilla Kain mit seinen Dornen.
Und daß der Mond zur Nacht schon gestern voll war,
Mußt du wohl wissen, denn im tiefen Walde
War er dir mehr als einmal gar willkommen.«
So redet' er, indes wir weitergingen.

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