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Göttliche Komödie

Dante: Göttliche Komödie - Kapitel 16
Quellenangabe
typeepos
authorDante
titleGöttliche Komödie
publisherPeter J. Oestergaard Verlag Berlin-Schöneberg
translatorPhilalethes
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070109
projectid10a64f4f
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Fünfzehnter Gesang

Jetzt trägt der harten Ufer eins von dannen uns;
Und dunkel qualmt darüber, vor dem Feuer
Verwahrend Dämm' und Flut, der Rauch des Bächleins.
Wie zwischen Brügg' und Cadsand die Flamänder,
Die Flut, die gegen sie heranstürzt, fürchtend,
Sich eine Wehr' baun, der die Brandung weiche,
Und wie die Paduaner längs der Brenta
Sie baun zum Schirm der Villen und Kastelle.
Bevor noch Kärntens Höhn die Wärme fühlen,
Dem ähnlich waren jene hier gebildet,
Nur daß von gleicher Höhe nicht, noch Stärke,
Wer er auch war, der Meister sie errichtet.
Schon waren wir so weit vom Wald entfernet,
Daß, wo er stand, ich nicht mehr unterschieden,
Ob ich auch rückwärts mich gewendet hätte,
Als uns entgegenkam ein Haufen Seelen,
Herwandelnd längs dem Damm, und unter ihnen
Sah uns jedwede an, wie wohl des Abends
Beim Neumond einer auf den andern hinblickt,
Anblinzelnd also uns mit ihren Augen,
Wie auf das Nadelöhr ein alter Schneider.
So angestarrt von solcherlei Gesellschaft,
Ward ich erkannt von einem, der, beim Saum mich
Erfassend des Gewands, rief: »Welch ein Wunder!«
Und ich, da er den Arm nach mir gestrecket,
Hing mit dem Blick an dem verbrannten Antlitz
So, daß die von der Glut zerstörten Züge
Nicht wehrten meinem Geist, ihn zu erkennen,
Und hin mein Angesicht zu seinem neigend,
Antwortet' ich: ›Seid Ihr hier, Herr Brunetto?‹
Und er: »O lieber Sohn, laß dir's gefallen,
Daß, weichend von der andern Spur, Brunetto
Latini mit dir wandl' ein Stückchen rückwärts.«
Ich sprach zu ihm: ›Aus ganzer Seel' erfleh' ich's
Und setze mich mit euch, wenn ihr es wünschet,
Dafern es dem gefällt, denn mit ihm wandr' ich.‹
»O lieber Sohn,« sprach er, »wer aus der Schar hier
Sich irgend aufhält, liegt dann hundert Jahre,
Ob auch die Glut ihn senge, unbeweglich.
Drum geh' nur fort, ich folg' am Saum des Kleids dir
Und hole wieder ein dann meine Rotte,
Die weinend wallt ob ihres ew'gen Unheils.«
Ich wagt' es nicht, vom Damm herabzusteigen
Um mich ihm gleichzustellen, doch gebücket
Hielt ich das Haupt, wie wer voll Ehrfurcht wandelt.
Er nun begann: »Welch Schicksal oder Zufall
Führt vor dem letzten Tag dich hier hernieder,
Und wer ist dieser, der den Weg dir zeiget?«
›Dort oben über uns, im heitern Leben,‹
Entgegnet' ich, ›verirrt' in einem Tale
Ich mich, bevor erfüllt noch war mein Alter.
Erst gestern morgens wandt' ich ihm den Rücken,
Doch da zu ihm ich kehrt', erschien mir jener
Und führt' mich heim nunmehr auf diesem Pfade.‹
Und er zu mir: »Wenn deinem Stern du folgest,
Kannst des ruhmvollen Ports du nicht verfehlen,
Dafern ich recht gesehn im schönen Leben;
Und wär' ich so nicht vor der Zeit gestorben,
So hätt' ich, da ich dir des Himmels Zeichen
So günstig sah, zum Werke dich ermuntert.
Doch jenes Volk, so undankbar und boshaft,
Das niederstieg von Fiesole vor Alters
Und nach dem Berg und Schieferfels noch artet,
Wird dir zum Feind ob deines Rechttuns werden,
Und da, weil sich's nicht ziemt, daß zwischen herben
Spierlingen süßer Feigen Frucht gedeihe.
Blind nennt sie eine alte Sag' auf Erden,
Ein geiziges Geschlecht voll Stolz und Mißgunst.
Sieh zu, dich ihrer Sitten zu entschlagen.
So großen Ruhm bewahret dir dein Schicksal,
Daß beide Teil' einst Hunger nach dir fühlen,
Doch wird vom Mund dann fern der Bissen bleiben.
Wohl mögen selber sich zu Streu zertreten
Die Bestien Fiesoles, doch sollen nimmer
Die Pflanze sie berühren, wenn noch eine
Dem Wust entkeimt, in der der heil'ge Samen
Der Römer auflebt, die dort wohnhaft waren,
Als solches Nest voll Bosheit ward gegründet.«
›Wenn mein Begehren ganz erfüllt der Himmel,‹
Entgegnet' ich ihm drauf,›Ihr würdet jetzt noch
Nicht aus der menschlichen Natur verbannt sein.
Denn fest bewahrt mein Sinn, ob auch voll Schmerz jetzt
Das teure, liebe, väterliche Bild mir
Von Euch, da in der Welt Ihr Tag für Tag mich
Den Weg gelehrt, wie sich der Mensch verewigt,
Und wie ich dankbar drob, so lang' ich lebe,
Müßt Ihr an meinen Worten noch erkennen.
Was Ihr von meinem Lauf erzählt, bemerk' ich
Mit anderm Spruch, es zur Erläut'rung wahrend,
Bis ich ein Weib, das dies versteht, erschaue.
So viel indes will ich Euch offenbaren,
Daß, schilt mich anders nur nicht mein Gewissen,
Ich auf das Schicksal, wie's auch sei, gefaßt bin.
Nicht neu ist solch ein Vorklang meinen Ohren,
Drum mag Fortuna immer nach Gefallen
Ihr Rad umdrehn und seinen Karst der Landmann.‹
Da wandte auf die rechte Seite rückwärts
Mein Meister sich, ins Angesicht mir blickend,
Und sprach darauf: »Recht höret, wer es merket.«
Doch drob nicht minder wandl' ich im Gespräch hin
Mit Herrn Brunetto, wer von den Genossen
Am größten und berühmt'sten wohl? ihn fragend.
Und er zu mir drauf: »Manche ziemt's zu kennen,
Von andern wird es löblich sein zu schweigen,
Weil allzu kurz die Zeit für die Erzählung.
Wiss' überhaupt, daß Geistliche, Gelehrte
Sie alle waren, groß und weltberühmet,
Die gleiche Sünd' einst auf der Welt befleckte.
Dort wallt mit jener Unglücksschar Priscianus
Und Franz Accursius, auch erblicken kannst du,
Wenn dich gelüsten sollte solches Unflats,
Den, der vom Knecht der Knechte ward vom Arno
Versetzt zum Bacchiglione, wo die Nerven,
Zu schnöder Brunst mißbraucht, er hinterlassen.
Mehr würd' ich sagen, aber Red' und Wandrung
Darf nun nicht länger dauern, denn schon seh' ich
Dort neuen Dunst vom Sandmeer sich erheben;
Es nahet Volk, mit dem mir nicht zu weilen
Vergönnt. Laß meinen Schatz dir sein empfohlen,
In dem ich leb' annoch, und mehr nicht fordr' ich.«
Drauf wandt' er sich und schien von jenen einer,
Die zu Verona durch das Blachfeld laufen
Ums grüne Tuch, und schien von ihnen jener,
Der Sieger bleibt, nicht jener, der besiegt wird.

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