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Göttliche Komödie

Dante: Göttliche Komödie - Kapitel 13
Quellenangabe
typeepos
authorDante
titleGöttliche Komödie
publisherPeter J. Oestergaard Verlag Berlin-Schöneberg
translatorPhilalethes
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070109
projectid10a64f4f
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Zwölfter Gesang

Der Ort, wo wir zum Niedergang gelangten,
War steinig und so graus ob seines Inhalts,
Daß jeder Blick zurückgeschaudert hätte.
Wie jener Bergfall ist, der eine Seite
Der Etsch diesseits Trient bedrängt, sei's, daß einst
Die Erd' erbebt, sei's, daß der Grund gewichen,
Denn von des Berges Höh', dem er entstürzte,
Zur Ebn' ist so herabgerollt das Steinwerk,
Daß es von oben einen Pfad gewähret;
So ging es an dem Abhang hier herunter,
Und auf dem Gipfel des geborstnen Schachtes
War Kretas Schandmal ausgestreckt zu schauen,
Das in dem falschen Bild der Kuh erzeugt ward.
Als es uns nun erblickt', biß es sich selber
Gleich einem, den der Zorn verzehrt im Innern.
Ihm rief mein weiser Führer zu: »Du meinest
Vielleicht, daß dies der Herzog von Athen sei,
Der oben in der Welt den Tod dir brachte.
Fort, Ungeheuer, denn nicht naht sich dieser,
Von deiner list'gen Schwester unterwiesen,
Er geht, um eure Qualen zu betrachten!«
Gleich wie der Stier, der sich dem Strick entrissen,
Nachdem er schon empfing den Stoß des Todes,
Nicht fähig mehr, zu wandeln, hin und her springt,
So sah ich hier den Minotaurus rasen.
Da rief der kluge Führer: »Eil' zum Passe,
Gut ist's, hinabzusteigen, weil er wütet.«
So ging es weiter abwärts durch den Umsturz
Des Steingerölls, das unter meinem Fuß oft
Sich ob der ungewohnten Last bewegte.
Nachdenkend schritt ich vor; doch er: »Du denkst wohl
Ob diesem Sturz nach, den des Untiers Wüten
Bewachet, das ich eben jetzt beschwichtigt.
Nun wisse, daß, als ich das andre Mal hier
Herniederstieg in diese tiefe Hölle,
Noch diese Felswand nicht hinabgestürzt war.
Doch kurz vorher, wenn ich mich recht erinnre,
Eh' jener kam, der aus dem obern Kreise
Dem Dis die große Beute abgenommen,
Zitterte so das tiefe Tal des Grausens
An allen Enden, daß ich meint', es fühle
Das All die Sympathie, die, wie geglaubt wird,
Schon oft die Welt ins Chaos umgewandelt;
Und damals war's auch, wo der alte Felsen
Hier und an andrer Stelle umgestürzt ward.
Doch werfe nun zu Tal den Blick, es naht sich
Der blut'ge Strom, wo jeglicher muß sieden,
Der durch Gewalttat andern Schaden zufügt.«
O blinde Gier! O unverständig Wüten,
Das uns so mächtig spornt im kurzen Leben
Und dann im Ewigen so schnöd' uns einweicht.
Ein breiter Graben war's, den ich erschaute,
Im Bogen rings die ganze Fläch' umfassend,
Wie mein Begleiter mir berichtet hatte,
Und zwischen diesem und der Felswand sprengten
Zentauren hint'reinander, pfeilbewaffnet,
Wie in der Welt sie auf die Jagd gezogen.
Stehn blieben all', da sie herab uns kommen
Gesehn, und drei nur, mit vorher erlesnem
Geschoß und Bogen, trennten aus der Schar sich.
Doch einer rief von weitem: »Welcher Marter
Seid ihr bestimmt, die ihr das Riff herabsteigt?
Von dort aus sagt's, sonst schnell' ich los den Bogen!«
Zu ihm sprach drauf mein Meister: »Antwort werden
Dem Chiron dort wir in der Nähe geben;
Verderblich rasch ist stets dein Sinn gewesen.«
Er dann, mich leis berührend: »Das ist Nessus,
Der wegen Dejanira starb, der Schönen,
Und aus sich selber Rache sich bereitet.
Der mittelste, der auf die Brust herabschaut,
Ist Chiron, des Achilles großer Pfleger,
Der andr' ist Pholus, der so wuterfüllt war.
Zu Tausenden umkreisen sie den Graben,
Verwundend jeden Geist, der aus dem Blute
Mehr taucht empor, als seiner Schuld gebühret.«
Jetzt nahten wir dem flücht'gen Wild uns, Chiron
Nahm einen Pfeil zur Hand, und mit der Kerbe
Strich er den Bart sich hinter seine Kiefern;
Enthüllend so den weiten Mund, begann er
Zu den Genossen: »Merkt ihr wohl, wie jener,
Der dort zuletzt wallt, was er trifft, beweget;
Das ist dem Fuß der Toten sonst nicht eigen.«
Mein guter Hort, schon an der Brust ihm stehend,
Wo beiderlei Naturen sich vermählen,
Sprach: »Wohl ist er am Leben, und ich muß ihn
So ganz allein durchs düstre Tal geleiten,
Wohin Notwendigkeit, nicht Lust ihn führte.
Vom Hallelujasingen kam hernieder,
Die dieses neue Amt mir aufgetragen.
Er ist kein Räuber, ich kein Geist des Frevels.
Doch bei der hohen Kraft, die meine Schritte
Durch diese wilde Straße lenkt, gewähr' uns
Aus dem Gefolge einen zum Begleiter,
Daß er uns zeige, wo die Furt zu finden,
Und auf dem Rücken den hinübertrage,
Denn wie ein Geist nicht wallt er durch die Lüfte.«
Zur rechten Brust gewandt, sprach jetzt zu Nessus
Chiron: »Kehr' um und führ' sie so und wehre
Den andern Scharen, wenn auf sie du stoßest.«
Wir gingen mit dem sicheren Begleiter
Nun längs dem Rand hin des blutroten Sudes,
Wo der Gesottnen lautes Schrein ertönte.
Ich sah hier Volk, versenkt bis zu den Brauen.
»Tyrannen sind's, gewöhnt,« sprach drauf der große
Zentaur, »an blut'ge Tat und Räubergriffe.
Hier weint ob so erbarmungslosen Freveln
Mit Alexander Dionys der Harte,
Der Jahre schweren Drucks Sizilien brachte.
Und jene Stirne mit dem schwarzen Haare
Ist Ezzelino, und die andre blonde
Ist Obizzo von Este, der in Wahrheit
Vom Rabensohn auf Erden ward getötet.«
Da ich zum Dichter drauf mich wandte, sprach er:
»Der sei der erste jetzt dir, ich der zweite.«
Ein wenig weiter hielt bei anderm Volke
Nun der Zentaur still, das bis zu der Kehle
Hervor aus jenem glüh'nden Strudel ragte.
In einer Eck' allein zeigt' einen Schatten
Er, sprechend: »Der durchbohrt' im Schoße Gottes
Das Herz, das an der Themse noch geehrt wird.«
Drauf sah ich andre, nebst dem Haupt den Rumpf noch
Ganz aus dem Bach emporgetragen haltend,
Von denen ich gar manchen wiederkannte.
So wurde seichter stets Blut und seichter,
Bis daß es nur die Füße noch bedeckte,
Allwo den Graben nun wir überschritten.
»Gleich wie auf dieser Seite du gesehen,
Daß dieses Pfuhles Tiefe immer abnimmt,«
Sprach der Zentaur, »so wisse, daß auf jener
Sein Grund sich immer mehr und mehr herabsenkt,
Bis er an jenen Ort sich wieder anschließt,
Wo ewiglich die Tyrannei muß seufzen.
Denn die Gerechtigkeit des Ew'gen peinigt
Dort jenen Attila, der Erde Geißel,
Pyrrhus und Sextus und preßt ewig Tränen
Den Augen aus, gebeizt vom heißen Sude,
Des Rinier von Cornet' und Rinier Pazzo,
Die so gewalt'gen Krieg auf Straßen führten.«
Drauf wandt' er sich und kehrte durch die Furt heim.

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