Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Dante >

Göttliche Komödie

Dante: Göttliche Komödie - Kapitel 12
Quellenangabe
typeepos
authorDante
titleGöttliche Komödie
publisherPeter J. Oestergaard Verlag Berlin-Schöneberg
translatorPhilalethes
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070109
projectid10a64f4f
Schließen

Navigation:

Elfter Gesang

Am obern Saume eines hohen Ufers,
Das Felsentrümmer bildete im Kreise,
Gelangten wir ob grausenvollre Haufen.
Dort, wegen fürchterlichen Übermaßes
Des Stankes, den der tiefe Abgrund auswirft,
Verbargen dicht wir hinter einem großen
Grabdeckel uns, auf dem ich eine Schrift sah,
Besagend: ›Anastasius verwahr' ich,
Den Papst, den ab vom rechten Weg Photin zog.‹
»Es muß sich unser Niedergang verzögern,
So, daß sich an den schlimmen Duft der Sinn erst
Etwas gewöhn', und dann verschlägt's nicht weiter.«
Der Meister so; und zu ihm sprach ich: ›Einen
Ersatz sinn' aus, daß nicht umsonst die Zeit uns
Verstreich'.‹ Und er: »Du siehst, daß ich dran denke.
Mein Sohn, es sind noch, stufenweise sinkend,
Drei kleinre Kreis' in dieses Felsens Umfang,« –
Begann er drauf, – »den hinterlegten ähnlich.
Erfüllt sind alle mit verfluchten Geistern.
Doch, daß dir gnüge dann am Schaum, vernimm jetzt,
Wie und warum sie eingekerkert liegen.
Jedweder Bosheit, die des Himmels Haß trifft,
Ist Unrecht Zweck, und solchen Zweck erreicht man
Bald durch Gewalt, durch Trug bald, andern schadend.
Doch weil der Trug des Menschen eignes Übel,
Mißfällt er Gott mehr, und drum sind zu unterst
Die Trügrischen von größerm Schmerz befallen.
Den ersten Kreis füllt, wer Gewalttat übte;
Doch da man drei Personen kann Gewalt tun,
Ist er gefügt in drei getrennte Zirkel.
Gewalt tun kann man Gott, sich selbst, dem Nächsten;
Ich mein' an ihnen selbst und an dem Ihren,
Wie du mit offenem Beweis wirst hören.
Mord mit Gewalt und schmerzliche Verwundung
Übt man am Nächsten, und an seiner Habe
Zerstörung, Brand und unrechtmäßig Rauben.
Drum peinigt Mörder auch und die, so böslich
Verwunden, Räuber und Verwüster, sämtlich
Der erste Zirkel, in verschiednen Scharen.
Gewaltsam kann an sich man Hand anlegen
Und auch an seine Güter, und darum muß
Im zweiten Zirkel fruchtlos Reu' empfinden
Jedweder, der sich eurer Welt beraubet,
Verspielt sein Eigentum und es vergeudet
Und, statt der Lust, sich Tränen nur bereitet.
Gewalt verüben kann man an der Gottheit,
Sie mit dem Herzen leugnend und verlästernd
Und die Natur und ihr Geschenk verschmähend.
Darum nun brandmarkt auch der engste Zirkel
Cahors und Sodoma mit seinem Siegel,
Den Trug, der stets Gewissensbiss' erreget,
Kann gegen den, der einem traut, man üben
Und gegen den, der kein Vertraun gefaßt hat.
Auf letztre Art wird nur das Band der Liebe,
So die Natur erschaffen hat, vernichtet.
Drum ist im zweiten Kreis auch eingenistet
Heucheln und Schmeicheln und wer Zauberei treibt,
Verfälschung, Diebstahl, Simonie und Kuppeln,
Bestechlichkeit und mehr dergleichen Unflat.
Auf erstre Art vergißt man, nächst der Liebe,
So die Natur schafft, jene, die hinzukommt,
Aus der sich der besondre Glaub' erzeuget.
Drum wird im engsten Kreis im Mittelpunkte
Des Weltalls auch, auf welchem Dis den Sitz hat,
Wer da verrät, in Ewigkeit verzehret.«
Und ich: ›Mein Meister, gar wohl deutlich schreitet
Vor dein Bericht und unterscheidet trefflich
Den Schlund und jene, die ihn innehaben;
Doch sage mir, die in der schlamm'gen Lache,
Die dort die Windsbraut jagt, der Regen anschlägt,
Und die sich mit so herbem Wort begegnen,
Warum, wenn sie in Gottes Zorn sind, leiden
Sie innerhalb der glüh'nden Stadt nicht Strafe,
Und sind sie's nicht, was trifft sie solch Verfahren?‹
Und er zu mir: »Warum doch schwärmt dein Geist mehr,
Als sonst er pfleget? Oder auf was anders
Hat nun dein Sinn sein Augenmerk gerichtet?
Erinnerst du dich nicht mehr jener Worte,
Mit denen deine Sittenlehr' gedenket
Der drei Gesinnungen, verhaßt im Himmel,
Unmäßigkeit und Bosheit, und der tolle
Viehische Sinn; daß minder Gott beleidge
Unmäßigkeit, und mindern Tadel ernte?
Und wenn du wohl auf diese Sätze merkest
Und in den Sinn dir heimrufst, wer sie waren,
Die außerhalb dort oben Buß' erleiden,
Wirst klar du sehn, warum von diesen Frevlern
Getrennt sie sind, und weshalb minder zürnend
Sie die Gerechtigkeit zermalmt des Ew'gen.«
›O Sonne, jeden trüben Blick erhellend,
So sehr befriedigt stets mich deine Lösung,
Daß minder nicht mich Zweifeln freut als Wissen.
Noch einmal wende dich ein wenig rückwärts,‹
Sprach ich, ›dorthin, wo's hieß, daß Wucher Gottes
Geschenk beleid'g', und so entwirr' den Knoten.‹
»Philosophie belehret ihre Jünger,«
Sprach er zu mir an mehr als einer Stelle,
»Wie die Natur aus dem Verstand der Gottheit
Den Ursprung hat und aus der Kunst des Schöpfers.
Und finden wirst du, wenn du wohl in deiner
Physik nachforschen willst, nach wenig Seiten,
Daß eure Kunst, so viel ihr möglich, jener,
So wie der Schüler seinem Meister, folget,
So daß wie Gottes Enk'lin eure Kunst ist.
Durch diese beiden, wenn du dich erinnerst
Des Buchs der Genesis im Anfang, soll sich
Die Menschheit Unterhalt und Reichtum schaffen.
Doch weil der Wuchrer andre Wege einschlägt,
Verschmäht er die Natur an sich, verschmäht sie
In ihrer Jüng'rin, da er hofft auf andres.
Doch folge mir; denn mir gefällt's zu wandeln.
Die Fische zittern schon am Horizonte,
Ganz gen den Caurus liegt der Himmelskarren,
Und weiterhin dort geht's den Fels herunter.

 << Kapitel 11  Kapitel 13 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.