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Göttliche Komödie

Dante: Göttliche Komödie - Kapitel 101
Quellenangabe
typeepos
authorDante
titleGöttliche Komödie
publisherPeter J. Oestergaard Verlag Berlin-Schöneberg
translatorPhilalethes
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070109
projectid10a64f4f
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Dreiunddreißigster Gesang

»Jungfräul'che Mutter, Tochter deines Sohnes,
Mehr, denn sonst ein Geschöpf, hehr und voll Demut
Vorausbestimmtes Ziel des ew'gen Rates,
Du bist's, durch die die menschliche Natur so
Geadelt ward, daß es verschmäht ihr Schöpfer
Nicht hat, sein eigenes Geschöpf zu werden.
In deinem Leib hat sich aufs neu' entzündet
Die Lieb', an deren Glut im ew'gen Frieden
Also hervorgesproßt ist diese Blume.
Allhier bist du der Liebe Mittagsfackel
Für uns, und bei den Sterblichen dort unten
Bist die lebend'ge Quelle du des Hoffens.
Ein Weib bist du so groß, und soviel giltst du,
Daß, wer nach Gnade strebt und dich nicht anruft,
Der wünschet sich, zu fliegen sonder Schwingen.
Und deine Gütigkeit gewährt dem Hilfe
Allein nicht, der drum bittet, nein, zum öftern
Kommt sie zuvor der Bitt' aus freiem Willen.
In dir Barmherzigkeit, in dir ist Mitleid,
In dir großmüt'ges Wesen, in dir eint sich,
Was immer ein Geschöpf an Güte fasset,
Der hier nun, welcher von der tiefsten Lache
Des Universums bis hierher gesehn hat
Der Geister Leben all, eins nach dem andern,
Fleht dich um Gnad' an, Kraft ihm zu verleihen,
So daß er höher noch sich mit den Augen
Aufschwingen könne hin zum letzten Heile,
Und ich, der nimmer für mein Schaun geglühet,
Wie für das seine jetzt, bring' all mein Bitten
Dir dar und bitte, daß es nicht umsonst sei,
Damit du ihm jedwede Wolke mögest
Der Sterblichkeit durch dein Gebet zerstreuen,
So daß die höchste Lust sich ihm entfalte.
Noch fleh' ich, Königin, die, was du willst, auch
Vermagst, daß unversehrt du ihm erhaltest
Nach so erhabnem Anschaun sein Verlangen.
Dein Schutz besieg' in ihm die ird'sche Regung!
Sieh, wie Beatrix mit so vielen Sel'gen
Für mein Gebet zu dir die Hände faltet!«
Die Augen, die Gott liebet und verehret,
Bewiesen, auf den Redner fest sich richtend,
Wie sehr ihr angenehm ein fromm Gebet ist.
Dann wandte sie sich zu dem ew'gen Lichte,
In das man nicht darf glauben, daß ein andres
Geschöpf so klaren Blickes dringen könne.
Und ich, der ich dem Ziele jedes Wunsches
Anjetzt mich näherte, ließ, wie sich's ziemte,
Die Flamme des Verlangens in mir schwinden.
Es lächelte mir Bernhard einen Wink zu,
Aufwärts den Blick zu richten; doch von selber
War ich bereits so, wie er es begehrte,
Weil meine Sehkraft, immer klarer werdend,
Jetzt weiter in den Strahl und weiter vordrang
Des hehren Lichts, das in sich selber wahr ist.
Fortan war höh'r mein Schaun, als unsre Sprache,
Die solchem Anblick weicht, und das Gedächtnis
Auch muß so vielem Übermaße weichen.
Gleich jenem, der im Traum etwas gesehn hat,
Dem nach dem Traum nur der Empfindung Eindruck
Verbleibt, und nicht zum Sinn heimkehrt das andre,
Bis ich anjetzt, da mir fast ganz verlöschet
Ist meine Vision, und doch im Herzen
Das Süße noch, das draus entstand, mir träufelt.
Also löst sich der Schnee am Strahl der Sonne,
Also ging der Sibylla Spruch verloren,
Beim Windeswehn auf jenen leichten Blättern.
O höchstes Licht, so weit erhaben über
Den menschlichen Begriff, leih' nur ein Wen'ges
Von dem, wie du erschienst, dem Sinn mir wieder;
Und meine Zunge laß so mächtig werden,
Daß einen Funken deiner Herrlichkeit nur
Dem künft'gen Volk ich hinterlassen möge!
Denn wenn ein wenig nur in mein Gedächtnis
Es kehrt, und etwas tönt in diesen Versen,
Wird mehr man deine Siegerkraft begreifen.
Ich glaub', ob des lebend'gen Strahles Schärfe,
Die ich ertrug, wär' ich verwirrt geblieben,
Wenn ich von ihm den Blick gewendet hätte,
Und ich erinnre mich, daß ich drob kühner,
Soviel zu tragen, ward und so dahin kam,
Mein Schaun der unbegrenzten Kraft zu einen.
O Überfluß der Gnade, drob ich's wagte,
So weit hinein ins ew'ge Licht zu werfen
Den Blick, daß drin ich mich verlor im Schauen!
In seiner Tiefe sah ich, wie sich einet,
Verbunden in ein einz'ges Buch mit Liebe,
Was auf des Weltalls Blättern sich zerstreuet,
Substanz und Akzidenz und ihr Verhalten
In solcher Art zusammen all geschmolzen,
Daß, was ich sage, nur ein schwacher Schein ist.
Die allgemeine Form sotanen Bandes,
Mein' ich, erblickt' ich dort; drum, da ich's sage,
Zu größrer Lust mein Innres sich erweitert.
Ein Augenblick bringt mir hier mehr Vergessen,
Als fünfundzwanzig Säkeln jenem Zuge,
Bei dem Neptun ob Argos' Schatten staunte.
So schaute denn mein Geist in voller Spannung,
Fest, unverrückt, aufmerksam hingerichtet,
Und mehr und mehr entzündet' er im Schaun sich.
In diesem Licht wird also man beschaffen,
Daß es unmöglich ist, um andern Anblicks
Je einzuwill'gen, sich von ihm zu kehren;
Dieweil das Gute, das des Willens Ziel ist,
In ihm sich ganz vereint, und außer selbem
Stets mangelhaft nur ist, was hier vollkommen.
Von nun an wird, verglichen selbst mit meiner
Erinnrung, kürzer sein mein Wort, als eines
Kindleins, das an der Brust noch netzt die Zunge.
Nicht daß mehr als ein einfach Bild zu sehn sei
In dem lebend'gen Licht, das ich beschaute,
Und das stets ist, wie es vorher gewesen;
Nein, weil durchs Schaun sich meine Sehkraft mehrte,
Verwandelte für mich, indem ich selber
Mich änderte, sich jener ein'ge Anblick.
In der Substanz, der unergründlich klaren,
Des hehren Lichts erschienen mir drei Kreise,
Dreifach an Farbe und von einem Umfang;
Und einer schien vom andern wie von Iris
Die Iris abgespiegelt, und der dritte
Wie Glut gleichförmig hier und dort enthauchet.
Wie kurz und schwach mein Wort ist gegen meine
Vorstellung, die, verglichen dem Gesehnen,
So ist, daß es nicht genügt, zu sagen wenig!
O ew'ges Licht, das, auf dir selbst nur ruhend,
Allein du selbst dich kennst und, dich erkennend,
So wie von dir erkannt, dir liebend lächelst!
Das Kreisen, das in dir also erzeugt schien,
Wie rückgestrahltes Leuchten, da ich etwas
Mit meinen Augen es ringsum betrachtet,
Zeigt' in dem Innern mir mit unserm Bilde
Von seiner eignen Farbe sich bemalet,
So daß ich mein Gesicht ganz drein versenkte.
Dem Geometer gleich, der drauf geheftet
Ganz ist, den Kreis zu messen, und, ob sinnend,
Doch das Prinzip, des er bedarf, nicht findet,
Also war ich bei diesem neuen Anblick.
Sehn wollt' ich, wie das Bild sich mit dem Kreise
Vereint, und wie's drin seine Stätte findet;
Doch gnügten nicht dazu die eignen Schwingen,
Bis daß mein Geist von einem Blitz durchzuckt ward,
In welchem sein Verlangen sich ihm nahte.
Der hehren Phantasie gebrach's an Kraft hier,
Doch schon schwang um mein Wünschen und mein Wollen,
Wie sich gleichförmig dreht ein Rad, die Liebe,
Die da die Sonne rollt und andern Sterne.

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