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Göttliche Komödie

Dante: Göttliche Komödie - Kapitel 100
Quellenangabe
typeepos
authorDante
titleGöttliche Komödie
publisherPeter J. Oestergaard Verlag Berlin-Schöneberg
translatorPhilalethes
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070109
projectid10a64f4f
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Zweiunddreißigster Gesang

An seiner Wonn' inbrünstig hängend, nahm jetzt
Des Lehrers Amt freiwillig der Beschauer
Auf sich, beginnend diese heil'gen Worte:
»Die, so die Wunde, die Maria zuschloß
Und heilte, hat geöffnet und geschlagen,
Ist jene, die so schön ihr sitzt zu Füßen.
Und in der Reihe, von den dritten Sitzen
Gebildet, sitzet Rahel unter jener,
Vereinet mit Beatrix, wie du siehest.
Sara, Rebekka, Judith und dann jene,
Des Sängers Urgroßmutter, der aus Reue
Ob seines Fehls sprach: ›Miserere mei!‹
Kannst also stufenweise tiefer sitzen
Du sehn, wie ich, der, sie mit Namen nennend,
Von Blatt zu Blatt herab die Ros' ich steige.
Und von der siebenten der Stufen folgen
Abwärts Hebräerinnen, so wie aufwärts,
Die Blätter sämtlich teilend an der Blume;
Dieweil gemäß des Blickes, den nach Christus
Der Glaube richtete, die Wand sie bilden,
Durch die getrennt die heil'gen Stiegen werden.
Auf dieser Seite, wo die Blume reif ist
Mit allen ihren Blättern, sitzen jene,
Die da geglaubt an den zukünftigen Christus.
Jenseits, allwo mit Lücken unterbrochen
Die halben Kreise, sitzen jene, die dem
Gekommnen Christus zugewandt ihr Antlitz.
Und wie hier der glorreiche Sitz der Herrin
Des Himmels und die anderen darunter
Befindlichen solch eine Trennung machen,
So gegenüber jener des erhabnen
Johannes, der stets heilig Wüst' und Marter
Erduldet und die Hölle dann zwei Jahr' lang;
Und unter ihm traf so das Los, zu scheiden,
Franziskus, Benedikt und Augustinus
Und andre bis herab von Kreis zu Kreise.
Betrachte jetzt die hehre Vorsicht Gottes,
Daß eines und das andr' Anschaun des Glaubens
Gleichmäßig diesen Garten wird erfüllen.
Und wisse, von der Stuf abwärts, die grade
Das Mittel beider Trennungen durchschneidet,
Hat man ob keines eignen, nein, ob fremden
Verdienstes Sitz nur, unter festgesetzten
Bedingungen; denn Geister sind sie alle,
Entfesselt, eh' sie wahre Wahl noch hatten.
Wohl kannst du das an ihren Angesichtern
Und ihren Kinderstimmen inne werden,
Wenn du gebührend auf sie schaust und hörest.
Jetzt bist du zweifelhaft, und zweifelnd schweigst du,
Doch ich will dir die starken Bande lösen,
Drin dein spitzfindig Denken dich verstricket.
Im weiten Umfang dieses Reiches kann kein
Zufäll'ger Punkt je eine Stelle finden,
Nicht mehr, als Traurigkeit, Durst oder Hunger,
Dieweil durch ewiges Gesetz bestimmt ist,
Was immer du in ihm erblickst, so daß hier
Stets ganz genau der Ring entspricht dem Finger.
Und drum ist dies zum wahren Sein in Eile
Beförderte Geschlecht nicht ohne Ursach'
Hier unter sich mehr oder minder trefflich.
Der König, durch den dieses Reich in solcher
Lieb' und in solcher Wonne ruht, daß nimmer
Ein Wille mehr zu heischen sich vermisset,
Die Geister all vor seinem heitern Antlitz
Erschaffend, hat mit Gnade sie begabet
Verschiedentlich; hier gnüg' es an der Wirkung.
Und in der Heil'gen Schrift ist dieses deutlich
Und klar bemerkt, wo sie vom Zwillingspaar spricht,
Das schon im Mutterleib zum Zorn bewegt war.
Drum ziemt es sich, daß, je nachdem das Haupthaar
Sich solcher Gnade färbt, das höchste Licht auch
In würd'ger Weis' ihm dann den Scheitel kränze.
Daher sind sie gestellt ohn' eignen Handelns
Verdienst hier auf verschiedne Stufen, einzig
Sich unterscheidend in dem ersten Antrieb.
So gnügte nebst der Unschuld in den frühsten
Jahrhunderten, daß man das Heil erlange,
Allein es an dem Glauben der Erzeuger.
Dann, als erfüllt die ersten Alter waren,
Bedurft' es bei den Männlein, dem unschuld'gen
Gefieder Kraft zu leihen, der Beschneidung.
Doch als die Zeit der Gnade war gekommen,
Ward ohne die vollkommne Taufe Christi
Dort unten festgehalten solche Unschuld.
Jetzt blicke nach dem Angesicht, das Christo
Am meisten ähnlich, denn nur seine Klarheit
Kann dich befähigen, zu schauen Christum.«
Auf sie herab sah so viel Wonn' ich regnen,
Getragen von den heil'gen Geistern, die da
Geschaffen sind, durch diese Höh' zu fliegen,
Daß alles, was bisher gesehn ich hatte,
Mich nicht in solchem Staunen ließ verstummen,
Noch solche Ähnlichkeit mit Gott mir zeigte.
Und die zuerst hierher entstiegne Liebe,
»Ave, Maria, gratia plena« singend,
Verbreitete vor ihr die beiden Schwingen.
Auf solchen göttlichen Gesang gab Antwort
Von allen Seiten her der Hof der Sel'gen,
So daß drob jeder Anblick heitrer wurde
›O heil'ger Vater, der für mich hier unten
Du weilen willst, den süßen Ort verlassend,
Auf welchem du nach ew'gem Schicksal sitzest,
Wer ist der Engel, der mit soviel Jubel
Die Augen unsrer Königin betrachtet,
So lieberfüllt, daß er von Feuer scheinet?‹
Also wandt' ich mich wieder an die Lehre
Des, der sich an Marias Licht verschönte,
Wie an der Sonne Schein der Stern des Morgens.
Und er zu mir drauf: »Lieblichkeit und Kühnheit,
Wie sie in Engel oder Seele sein kann,
Ist ganz in ihm, – und daß sie's sei, gefällt uns –
Drum ist er's, der die Palme zu Maria
Herabgetragen hat, als der Sohn Gottes
Mit unsrer Bürde sich belasten wollte.
Doch folg' jetzt mit dem Blick mir, wie ich sprechend
Fortschreit', und merk' auf dieses allgerechten
Und frommen Reiches mächtige Patrizier.
Die zwei, zumeist beseliget dort oben,
Weil sie am nächsten an Augusta sitzen,
Sind wie die beiden Wurzeln dieser Rose.
Der so sich auf der linken Seit' ihr anschließt,
Er ist der Vater, durch des keckes Kosten
Die Menschheit soviel Bittres hat verkostet.
Zur Rechten siehst du jenen alten Vater
Der heil'gen Kirche, dem die Schlüssel Christus
Hat anvertraut zu dieser schönen Blume.
Und jener, der die schweren Zeiten alle
Der holden Braut, bevor er starb, gesehn hat,
Die durch die Lanz' erfreit ward und die Nägel,
Sitzt neben ihm; und bei dem andern ruhet
Der Führer, unter dem das undankbare,
Unstet', halsstarr'ge Volk von Manna lebte.
Dem Petrus gegenüber siehst du Anna,
Im Anschaun ihrer Tochter so befriedigt,
Daß sie kein Auge rührt, Hosanna singend.
Und der Hausväter erstem gegenüber
Sitzt Lucia, die deine Herrin abrief,
Als niederstürzend du die Augen senktest.
Doch weil die Zeit flieht deines Traumgesichtes,
Laßt uns hier schließen wie ein kund'ger Schneider,
Der das Gewand macht, je nachdem er Tuch hat,
Und unsre Blick' zur ersten Liebe richten,
So daß, auf sie du schauend, vor du dringest:
Soviel als es ob ihres Funkelns möglich.
Doch daß du nicht etwa, die Flügel hebend,
Zurückgehst, weil du vorwärts glaubst zu kommen,
Ziemt's, daß man betend Gnad' erflehe, Gnade
Von jener, die vermögend, dir zu helfen;
Und du wirst mir mit dem Gefühle folgen,
Dein Herz von meinem Worte nimmer trennend.«
Drauf hub er dieses heilige Gebet an.

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