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Gottes Hand

Luis Coloma: Gottes Hand - Kapitel 8
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typenarrative
authorLuis Coloma
titleGottes Hand
publisherJosef Habbel
printrunVierte Auflage
translatorElse Otten
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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projectid035f2469
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Karfreitag.

I.

Als die Fastenzeit sich ihrem Ende zuneigte, hielt der Frühling in Sevilla mit seinen unvermeidlichen Herolden: Orangenbaumblüten und den unzähligen Fremden, die zu dieser herrlichen Zeit nach Sevilla strömen, seinen Einzug. Die ersteren zieren die Stadt wie der Kranz eine Braut, die letzteren überfallen es wie eine Schar müßiger Spatzen. Jene erfüllen sie mit köstlichen Wohlgerüchen, diese schmähen sie in ungeheuerlichen Reisebeschreibungen als ein phantastisches Spanien, das nur in der Ignoranz oder in der Böswilligkeit dieser Touristen existiert.

Die Fastenzeit neigte sich, wie gesagt, ihrem Ende zu und die zahlreichen in Sevilla lebenden frommen Brüderschaften feierten zu Ehren ihrer Schutzheiligen jene Septenen und Novenen, deren Glanz und Herrlichkeit ihr den Namen einer Katholikin par excellence eingetragen haben.

Das Quinario Jesu Christi hatte am 1. April seinen Anfang genommen und sollte am Karfreitag enden. Die kleine, am Museumsplatz gelegene Kapelle öffnete ihre Pforten, so weit sie konnte, für ihre Getreuen, die herbeigeströmt waren, um vor dem berühmten Bild niederzuknien, auf dem das Sterben des Erlösers so ergreifend dargestellt war.

Es hob sich von der Rückwand des Hintergrundes über einem Altar von einem sternenbesäten schwarzen Samtvorhang wundervoll ab. Seine ausgestreckten Hände boten allen Schutz: seine schon brechenden Augen blickten dennoch voller Güte: seine bleichen Lippen hatten schon das »consummantum est« gesprochen, das den Menschen die Pforten des Himmels erschlicht, und schienen seinen letzten Seufzer auszuhauchen, der wie das ganze Leben dieses Gottmenschen eine seltsame Mischung von Schmerz und Liebe war. Zu Füßen des Kreuzes befand sich das Bild Marias, der Mutter aller Bekümmerten, die ihren geliebten Kindern als Vorbild dient und in ihrer ruhigen Resignation jeden Schmerz lindert, so trostlos, daß er jeden andern Kummer an Herbheit übertrifft, so gewaltig wie das Meer in seiner Tiefe und Bitterkeit.

Unterhalb des Chores brannten zwölf dicke Altarkerzen in silbernen Leuchtern: zu Füßen einer jeden kniete ein Anbeter des Allerheiligsten. Einer von ihnen war ein alter Mann von sechzig Jahren; in seiner ganzen Persönlichkeit prägte sich eine Art physischer und moralischer Erschlaffung aus, wie sie Menschen bei großen Schmerzen befällt. Gleichsam als würde sie von der Schwere eines Gedankens heruntergedrückt, lehnte er seine Stirn an eine Wachskerze; seine Augen blieben geschlossen, seine Arme hingen schlaff am Körper herab, von seinen Lippen drangen stoßweise kurze Worte, die etwas zu erflehen schienen mit jener konvulsivischen Energie, die der geläuterte Glaube dem Schmerz einflößt, mit jener entsetzlichen Qual der Seele, deren einziges Linderungsmittel auf der Erde die Tränen sind. Und trotzdem blieben seine Augen trocken wie ein versiegter Quell, sein Körper starr wie ein Gram, der die Seele mit hoffnungsloser Trauer erfüllt.

Das Quinario neigte sich seinem Ende zu und der Chor stimmte die Litanei der Jungfrau an. Nun schien der Alte aus seiner Lethargie zu erwachen; er heftete seine Augen auf das Bild der Maria und faltete die Hände über der Brust. »Ora pro nobis« wiederholte er mit der Menge. Nach und nach begannen ihm die erlösenden Tränen über die Wangen zu fließen und seiner Brust entrang sich ein Schluchzen, das ihm die Qual erleichterte. Endlich intonierte der Chor das Consolatrix afflictorum, und ein Tränenstrom entfloß den Augen des Alten, der die Arme dem Altar entgegenstreckte und mit so lauter Stimme, daß jeder ihn hören mußte, ausrief: »Ora pro nobis, .... Ora pro nobis! ....

Einzelne Personen wandten überrascht den Kopf, es rührte sich aber niemand. Nur eine alte Dame, die hinter ihm saß, erhob sich, als gehorchte sie einer instinktiven Regung, und setzte sich dann wieder auf ihren kleinen Betschemel. Als das »Quinario« beendet war, war es bereits Abend geworden, die Dame wandte sich der Türe zu und gleich darauf schritt auch der Alte hinaus. Sie machte wie schwankend ein paar Schritte auf ihn zu und blieb schließlich doch noch stehen, zurückgehalten von jenem Zartgefühl, das großen Seelen eigen ist, die, wenn sie Schmerz trösten und lindern wollen, ihn in erster Reihe zu respektieren wissen. Anderseits deutete bei dem Alten nichts auf jene drückende Bedürftigkeit, die durch sofortige Hilfe gelindert werden könnte, seine Trauerkleider waren, obgleich abgetragen, doch durchaus sauber und anständig: seine ganze Haltung und seine Manieren die eines Menschen aus den mittleren Ständen.

Die Dame schien trotz ihrer Beweglichkeit schon in vorgeschrittenem Alter zu sein. Sie war schlank und klein, einer jener einfachen und luftigen Spitzenschleier, für den die Launen unserer Damen in dem Hut Ersatz gefunden haben, bedeckte ihre weißen Haare; diese waren in einfacher Weise glatt gekämmt und bildeten an beiden Schläfen zwei jener Puffen, die die Mode zur Zeit der Schildpattkämme eingeführt hatte. An ihrem schwarzen und durchaus einfachen Gewand war nichts Glänzendes, nur an ihrer linken Hand trug sie einen kostbaren Ring, auf dem unter einer Krone das berühmte: »No me ha degado« eingraviert war, das Don Alfonso der Weise dem Wappen seiner treuen Stadt Sevilla als Andenken ihrer Anhänglichkeit eingefügt hat. An dem linken Arm hing einer jener zusammenlegbaren Betschemel, wie die Damen sie in der Kirche zu gebrauchen pflegen, an dem rechten ein kleines Täschchen aus schwarzem Seidenstoff, das man mit dem treffenden Namen »Ridikül« bezeichnet.

Der Alte wandte sich langsam der Armasstraße zu, niedergedrückt von der Last seines Kummers. Als er sich zum Gehen wandte, blieb die alte Dame unbeweglich, als kämpfe sie zwischen dem Mitleid, das ihr riet, das Wort an ihn zu richten, und dem Taktgefühl, das sie davon zurückhielt ihn anzusprechen, aus Angst, durch eine indiskrete Frage einen geheim verborgenen Schmerz wieder wach zu rufen.

Am folgenden Nachmittag begegneten die beiden Alten sich ebenfalls wieder bei dem Quinario Jesu Christi. Er stumm und unbeweglich wie am Abend zuvor, aber vielleicht noch gedrückter, denn sein Schmerz lastete doch vierundzwanzig Stunden länger auf ihm!

Es entschlüpften hin und wieder seinen Lippen abgerissene Worte, die das Ohr der alten Dame trafen, wie Windesstöße, ohne daß sie sie verstehen konnte – deren ganze Bitterkeit sie aber doch erriet. Jene Schmerzensausbrüche waren zweifellos nichts anderes, als eine angstvoll schon unendlich oft ausgesprochene Bitte: ein Flehen, das sie, ohne es zu kennen, zu ihrem eigenen machte, und das sie mit ihren stärksten Gebeten und ihren Tränen unterstützte. Denn die Barmherzigkeit ist niemals ohnmächtig; sie kann immer beten mit dem, der betet, und weinen mit dem, der Tränen vergießt.

Beim Schluß des Quinario ging die alte Dame kurz entschlossen hinaus und blieb an der Türe stehen. Gleich darauf erschien der Alte, ein Mädchen von zwölf Jahren im einfachen Trauerkleid näherte sich ihm:

»Gehen wir zu Thomas, Großväterchen?« fragte sie den Alten.

»Nein, mein Kind,« antwortete er niedergeschlagen. »Wir gehen nach Hause ... Ich kann nicht mehr ... Komm.«

Und indem er sich auf des Kindes Arm stützte, schlug er wie am Vorabend den Weg nach der Armasstraße ein. Die Dame folgte ihnen von weitem.

Schon war die Stunde gekommen, zu der die Kirchen geschlossen, die Theater geöffnet und die Cafés erleuchtet werden – dann spannt das Böse sein perfides Netz aus und das Gute scheint sich seufzend zurückzuziehen.

Die Umgebung der Campanas und die benachbarten Straßen der »Sierpesstraße« füllten sich mit unzähligen Gruppen jener müßigen Menschen, die dem verschwindenden Rauch einer Zigarre nachblicken oder sich in leeren, vielleicht sündhaften Unterhaltungen ergehen, die kostbare Zeit dahinschwinden lassen, die die Engländer Geld nennen und die in den Augen des Christen, der weiter blickt, ein Geschenk göttlicher Gnade ist. Dort bemerkte man jenes Leben und Treiben, das zu dieser Stunde in den Zentren der Residenzen herrscht; hier tändeln Männer und Frauen aneinander vorüber, die einen auf der Suche nach einem unsicheren Verdienst, die anderen nach fernen Vergnügungen, viele nach raffinierten Genüssen – wenige – vielleicht kein einziger – auf der Suche nach Gott, der sich selbst »Allvater« nennt. Niemand beachtete jene traurige Gruppe, die inmitten der Menge einsam daherschritt; der Alte, das Kind geleitend – wie die Erfahrung die Unschuld – das Kind, den Alten stützend, wie die Jugend das müde Alter. Ebensowenig achtete jemand auf jene alte Dame, die ihnen mühsam folgte, ohne anderen Beweggrund als die Barmherzigkeit, ohne andere Hoffnung als die, Tränen trocknen zu dürfen. Nur der Schutzengel zählte ihre Schritte!

Nach und nach verließen sie die lärmenden Straßen und kamen durch ruhigere hindurch, bis sie endlich zu dem fast verlassenen Feria-Stadtviertel gelangten. Hier machten sie vor einem ärmlichen Hause halt, das am Ende der Z-Straße gelegen war, und nachdem die beiden eingetreten waren, verriegelte der Alte von innen die Türe der Vorhalle, die auf die Straße führte. Die alte Dame prüfte aufmerksam die Fassade des Hauses und schrieb im Dunkeln tastend die Nummer 69 auf eine kleine Karte. Dann ging sie denselben Weg wieder zurück und schritt mühsam weiter, bis sie endlich an den Triunfo-Platz gelangte. Im Hintergrund hoben sich die turmreichen Wälle der Festung, jenes maurischen Juwels, ab, das sich nur noch mit der Alhambra von Granada vergleichen läßt. Die Dame wandte sich zu dem S.-G.-Banderos-Tor und betrat die historische Stätte der Herrscher von Kastilien.

Die Uhr der Kathedrale kündigte gerade die elfte Stunde und die alte gebrechliche Dame, die schon mehr als achtzig Jahre zählte, hatte auf diese Weise ungefähr eine Meile zurückgelegt.

II.

Das Vorzimmer des Gouverneurs war mit einer großen Schar von Bittstellern gefüllt, deren lächerliche Seiten oft genug von satirischer Feder geschildert worden sind, und die so oft einen Schmerz mit einem Witz abtun, als wollte man eine Karnevalseinladung mit einem Totenschädel schmücken. Der voltairianische Leichtsinn unserer Zeit schreitet lächelnd an den Witwentypen von nicht immer problematischen Obersten vorbei; an den Töchtern unbekannter Intendanten, die vielleicht mehr geehrt werden als diejenigen, die die ganze Welt kennt; an pensionierten Hauptleuten, die vielleicht nicht Generäle wurden, weil sie nicht gegen ihren König und gegen ihr Vaterland den rostigen Degen ziehen wollten ... Ach! nehmt diese zweifellos lächerlichen Karnevalsmasken ab und ihr werdet heimliche Schmerzen, schweigendes Elend, unbelohnte Tugend und vielleicht gar unbestraftes Verbrechen finden ... Dann werdet ihr die häßliche Bitterkeit dieser Satire begreifen, die an ein wundes Herz die Schellen eines Harlekins hängt, dann wird das Lachen auf euren Lippen zu Eis werden und ihr werdet lernen schärfere Beobachter, weniger spottsüchtige Kritiker und barmherzige Christen zu sein.

Die Kanzleien sollten in zwei Tagen für die Dauer der Karwoche geschlossen bleiben und alle jene Unglücklichen suchten ängstlich die ersten zu sein, aus Furcht, ihre Anliegen könnten sonst zu lange unberücksichtigt bleiben. Der Generalkapitän war vor zwei Stunden angekommen, um mit dem Gouverneur zu konferieren, und hatte damit die Ungeduld und den Ärger aller Wartenden erregt. Ein sehr dicker, kleiner Portier in hellblauem Rock und goldenen Tressen an Hals- und Ärmelaufschlägen stellte sie der Reihe nach auf und erwiderte ihre Reklamation mit jener Grobheit, die ebenso nach dem Leben gezeichnet ist, wie es zutrifft, daß die unerträglichste aller Tyranneien die der Subalternen ist.

Jener Jupiter tonans ging mit komischer Grandezza auf und ab, entsandte nach allen Seiten Strahlen wie Raketen beim Feuerwerk, las eine Zeitung, deren Lektüre er nur unterbrach, um einem neuen Ankömmling eine barsche Antwort zu geben oder eine bissige Bemerkung zu machen gegen einen, der des langen Wartens müde, das Wort an ihn richtete.

Zwei Stunden waren seit der Ankunft des Generalkapitän verflossen, als die alte Dame, die unsere Leser von dem Quinario Jesu Christi her kennen, im Vorzimmer erschien.

»Der Herr Gouverneur?« fragte sie den Diener.

»Ist beschäftigt,« antwortete dieser, ohne die Augen von seiner Zeitung zu erheben.

»Bringen Sie ihm diese Karte,« sagte die Dame.

»Beschäftigt mit dem Herrn Generalkapitän,« gab der Diener zurück, die Silben auseinander ziehend.

»Das tut nichts,« bestand die alte Dame. »Bringen Sie ihm diese Karte.«

»Was, das tut nichts?« schrie der Diener, sich auf den Hacken drehend, erstaunt über diese Kühnheit.

Und nachdem er die alte Dame, die derartige Ansprüche machte, von unten herauf angesehen hatte, fuhr er wütend fort:

»Reden Sie sich ein, daß der Herr Gouverneur Ihretwegen herauskommen und Sie am Arm in sein Bureauzimmer führen wird? Sie sagen, das tut nichts? ... Das ist wirklich noch schöner! ... Setzen Sie sich in jene Ecke, da können Sie noch eine gute Weile warten!«

Über die Züge der alten Dame, die weit davon entfernt war, gekränkt zu sein, huschte ein amüsiertes Lächeln. Zweifellos fand sie Gefallen am Studium einzelner Typen und jener grobe Tyrann machte ihr Spaß.

»Bringen sie ihm diese Karte,« wiederholte sie trotzdem mit Nachdruck.

»Sind Sie denn taub oder spreche ich Griechisch.«

»Bringen Sie ihm sofort diese Karte oder ...« Und dabei senkte die gnädige Frau die Stimme so sehr, daß nur der Diener hören konnte, was sie sagte. Eine danebenstehende Frau behauptete gehört zu haben, daß sie ihn mit Gefängnis bedroht, eine andere, daß sie ihm ein Trinkgeld gegeben habe. Sicher ist jedenfalls, daß der Livree tragende Jupiter von seinem Olymp herunterstieg, die Karte ergriff, und ohne ein Wort zu sagen, das Bureau des Gouverneurs betrat.

Die Überraschung der Anwesenden stieg aufs äußerste, als sie sahen, daß er in Person das Vorzimmer betrat, gefolgt von dem General.

»Aber meine gnädige Frau,« rief er, sich an die alte Dame wendend, aus, warum haben Sie mich das nicht wissen lassen? Ich wäre dann zu Ihnen gekommen, um mich Ihnen ganz zur Verfügung zu stellen! ...«

Die alte Dame streckte dem Gouverneur lächelnd die Rechte entgegen und die andere Hand dem Generalkapitän, dann verschwanden die drei hinter dem schweren Vorhang, der die Tür bedeckte.

Die Umstehenden blickten sich mit offenem Munde an und erwogen lebhaft die verschiedensten Mutmaßungen. Wer war jene Dame? fragten sich alle.

Einige behaupteten, sie wäre ein Kobold; die meisten waren der Ansicht, daß es die Königin Christine wäre, die nach Sevilla gekommen, um die Brüderschaften der Karwoche zu sehen. Diese Version war die annehmbarste und die Hoffnung, daß die beleidigte Königin den groben Diener rettungslos inmitten von San Francisco hängen lassen würde, schwellte jede Brust.

»Er muß wie eine zum Trocknen aufgehängte Melone aussehen,« meinte eine Alte bissig. Eine andere fügte jedoch sehr vorsichtig hinzu: »Da muß man aber ein Schiffstau nehmen, ein Strick reißt.«

Inzwischen ließ der wegen Majestätsbeleidigung an der Witwe Ferdinands VII. an den Galgen gewünschte Diener sich an einem Fenster des Marstalls blicken und rief:

»Den Wagen des Herrn Gouverneurs!«

Allem Anschein nach mußte die Angelegenheit der Königin Christine rasch erledigt sein, denn zehn Minuten nach ihrem Eintritt trat sie in Begleitung der beiden Herren wieder aus dem Zimmer heraus.

»Morgen ganz früh,« sagte der Gouverneur, »sollen Sie über alle möglichen Einzelheiten unterrichtet sein ... Ich werde persönlich bei Ihnen vorsprechen.«

»Ich danke Ihnen,« entgegnete die alte Dame verbindlichst. »Und erwarte Sie bestimmt.«

Es wurde dem Gouverneur darauf gemeldet, daß der Wagen bereit stände. Die alte Dame weigerte sich energisch ihn anzunehmen.

»Gestatten Sie mir wenigstens,« sagte der Generalkapitän, »daß ich die gnädige Frau begleite?«

»Das ist so viel Ehre für mich, daß ich sie gerne annehme,« entgegnete die alte Dame. Und indem sie sich auf den Arm lehnte, den der Generalkapitän ihr bot, schritt sie langsam jene herrliche Treppe des alten Klosters San Pablo hinunter, in dem jetzt die Bureauräume der Regierung untergebracht sind.

III.

»Was für Nachrichten bringen Sie mir?« fragte die alte Dame den Gouverneur, indem sie sich lebhaft in ihrem mit grünem Seidenrips bezogenen Lehnstuhl aufrichtete.

»Viel an Quantität, aber Schlechtes an Qualität,« antwortete dieser, indem er sich niedersetzte.

Die alte Dame schob ein Lesepult, auf dem ein deutsches Buch lag, beiseite, ließ in ein Arbeitskörbchen ein angefangenes Strümpfchen fallen, an dem sie während des Lesens gearbeitet hatte, und nahm ihre Brille ab; dann faltete sie die Hände, wie um besser hören zu können, und sagte mit großem Interesse:

»Lassen Sie hören! Lassen Sie hören!«

»Seit gestern,« hub der Gouverneur an, »habe ich den ganzen polizeilichen Apparat in Bewegung gehalten und das Resultat meiner Bemühungen ist folgendes:

Darauf zog er ein mit Notizen beschriebenes Blatt hervor und fing an zu lesen:

»Der Bewohner des Hauses Nr. 69 Z-Straße heißt Esteban Rodriguez, ist 62 Jahre alt und lebt im größten Elend. Seine Familie besteht aus der Frau, die seit sieben Jahren gelähmt ist; einer idiotischen Tochter und sechs Enkeln, Kinder einer anderen, vor drei Monaten verstorbenen Tochter, von denen das älteste zwölf und das jüngste vier Jahre alt ist. Über den Aufenthalt des Vaters dieser Kinder ist nichts bekannt. Esteban Rodriguez war dreiundzwanzig Jahre lang Magistratsbeamter, eine Stellung, die er vor drei Jahren durch den Sturz des Ministeriums verlor, und wurde auf Wartegeld gesetzt. Seit der Zeit ist er nach und nach in immer größeres Elend geraten, er schuldet dem Hauswirt 3625 Reales und dieser hat gedroht, ihm die Möbel abzupfänden und ihn aus dem Hause zu werfen, wenn er bis zum fünften dieses Monats 3 Uhr nachmittags die Schuld nicht getilgt hat.«

»Morgen ist der fünfte.« rief die alte Dame entsetzt. »Mein Gott ... Morgen ... Am Karfreitag! ...«

»Esteban sieht keine Möglichkeit, seine Schulden zu bezahlen,« fuhr der Gouverneur zu lesen fort, »und man weiß, daß der Hauswirt schon Schritte zur Beschlagnahme getan hat. Herr Esteban ist eine durchaus ehrenvolle und vertrauenswürdige Persönlichkeit.«

Der Gouverneur legte das Blatt auf den Tisch und die alte Dame rief sehr niedergeschlagen aus:

»Jetzt begreife ich alles, wohl hat er Grund zu einer schweren Betrübnis!« ...

Die alte Dame war noch kaum allein, als sie die polizeilichen Notizen noch einmal durchlas; dann verharrte sie lange Zeit schweigend.

»Unmöglich,« murmelte sie endlich, als gäbe sie sich eine Antwort auf ihre eigenen Gedanken »Unmöglich, daß Gott solche Bitten nicht erhören ... unmöglich, daß die heilige Jungfrau an ihrem Schmerzenstage einen so großen Schmerz nicht lindern sollte ... O wäre ich doch reich! ... könnte ich es doch in ihrem Namen tun!« ...

Und wieder verharrte sie schweigend; Tränen entquollen ihren blauen Augen und rollten ihr langsam über die Wangen.

»Um drei Uhr nachmittags! Mein Gott!« murmelte sie und erhob die Augen zu einem Kruzifix, das über ihrem Betpult angebracht war. »Um drei Uhr nachmittags, zu der Zeit, da du, mein Heiland, dein Leben ausgehaucht, werden diese armen Unglücklichen auf die Straße gesetzt, ohne Schutz, ohne Hilfe! ... Sechs Kinder! Heilige Jungfrau, sechs Kinder, sechs Engel Gottes, deine Engel! .. Vaterlos, mutterlos, ohne andern Schutz als dieser Alte, der einem Grabesschatten gleicht ... Arme Kinder! .. Schmerzensreiche Mutter der Hilfsbedürftigen, hilf du ihnen, oder gib, daß ich ihnen in deinem Namen helfen kann!«

Die alte Dame verbarg ihr Gesicht in den Händen und schluchzte. Dann trat sie an den Schreibtisch und schrieb einen Brief, den sie an Seine Exzellenz Marquis X. X., den Oberbürgermeister von Sevilla, richtete. Unten auf den Umschlag des Briefes setzte sie die Worte: »Äußerst dringend.«

Drei Stunden darauf erhielt sie ein amtliches Schreiben vom Bürgermeister; die alte Dame erbrach eiligst den Umschlag und ein freudiger Ausruf entschlüpfte ihren Lippen. Sie fand bereits eine unterzeichnete Berufung in ein Amt und einen sehr herzlichen Brief des Bürgermeisters, der sie ihr übermittelte. Der Name war offen gelassen. Die alte Dame schrieb in die freigelassene Stelle: »für Esteban Rodriguez.«

Darauf öffnete sie ein Fach ihres Schreibtisches, das mehrere Geldmünzen und einige Scheine enthielt. Die alte Dame fing an zu zählen; es waren sechs Scheine zu je tausend Reales.

»Bis Juni nehme ich nichts mehr ein,« – murmelte sie. – »Aber was tut das? – Mich wird man nicht pfänden.«

Darauf ergriff sie die sechs Banknoten und die Berufung der Kanzlei, steckte alles zusammen in ein Kuvert ohne Unterschrift oder Zeichen und schrieb darauf: »Die schmerzensreiche Jungfrau ihrem Getreuen« und darunter den Namen des armen, stellungslosen Beamten.

IV.

Der Karfreitag war, wie schon erwähnt, der letzte Tag des Quinario und die alte Dame kam früher als gewöhnlich in die Christuskapelle; der Platz des Alten war leer.

»Er wird sicher noch kommen,« meinte die alte Dame. »Es ist noch früh.«

Aber die Zeit verging unmerklich, das Quinario hatte bereits begonnen und noch immer war der arme Unglückliche noch nicht gekommen.

»Was mag geschehen sein?« fragte sich die alte Dame. »Sein Unglück ist gelindert, seine Zukunft gesichert ... Sollte er einer jener vielen sein, die im Kummer zu Gott flehen und in der Freude keinen Dank für ihn haben?«

Herannahende Schritte und jenes Flüstern, das in der Kirche hörbar wird, sobald etwas Ungewöhnliches sich ereignet, erregte ihre Aufmerksamkeit. Die Neugierde veranlaßte sie zwar sich umzuwenden: aber die Scheu, die ihr die Heiligkeit des Ortes auferlegte, hielt sie zurück.

Endlich erblickte sie zwei Männer, die an ihr vorüberkamen, und in einem Armstuhl eine gelähmte Frau trugen; ihnen folgten sechs ganz kleine, in Trauer gehüllte Kinder. Die beiden Männer setzten den Stuhl der Gelähmten dicht am Chor nieder; einer von ihnen, der ein Dienstmann zu sein schien, entfernte sich wieder aus der Kirche; der andere, der Alte, kniete an seiner gewohnten Stelle zu Füßen der Weihkerze nieder. Er schien sich verjüngt zu haben, obgleich aus seinen Augen Tränen flossen, Tränen der Freude und Dankbarkeit! Denn auch sie haben ihre Tränen!

Die Kinder waren rings um die Gelähmte niedergekniet; durch einen glücklichen Zufall kniete das älteste Mädchen neben der alten Dame, die sie aufmerksam beobachtete.

»Ist diese Dame deine Mutter?« fragte sie das Kind.

»Nein, es ist das Großmütterchen.«

»Ist sie krank?«

»Sie ist gelähmt, aber heute hat die heilige Jungfrau das Wunder an uns getan, und daher wollte sie, daß wir alle ihr danken.«

Die alte Dame fragte nicht mehr, sie zog so tief wie möglich den Schleier herunter und genoß schweigend und allein jenes schöne Bewußtsein, das die Engel heilig nennen; jenen göttlichen Trieb, den Gott den Mächtigen verliehen hat, um sie zur Nächstenliebe zu treiben, und den so viele, ach so viele niemals in ihrem Leben gekostet haben; die Freude, andere glücklich zu machen!

Und trotzdem war diese alte Dame nicht reich; sie verteilte fürstliche Almosen und verdankte nur der Güte eines ihrer mächtigen Freunde ihre Wohnung in der Alcansar. Diese Dame, die einst reich gewesen war, lebte jetzt von dem Ertrag ihres gottbegnadeten Talentes. Sie hatte sich selbst gezeichnet, als sie in ein wertvolles Buch die Worte schrieb: »Wissen ist etwas, Genie ist mehr; aber Gutes tun ist mehr als beides und die einzige Überlegenheit, die keine Neider schafft.«

Jene alte Dame war die Marquise de Arco Hermoso, Cecilia Böhl von Faber, die in der gebildeten Welt unter dem Schriftstellernamen Fernau Caballero bekannt ist.

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