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Gottes Hand

Luis Coloma: Gottes Hand - Kapitel 7
Quellenangabe
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typenarrative
authorLuis Coloma
titleGottes Hand
publisherJosef Habbel
printrunVierte Auflage
translatorElse Otten
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Der Hirschjäger.

Eine der großen Lehren, welche die Heilige Schrift uns gibt, ist diese, daß die göttliche Vorsehung sichtbar und deshalb so wunderbar in großen wie in kleinen Begebenheiten in das menschliche Leben eingreift. Gottes Allmacht wird dort ohne Maske und ohne Schleier in den herrlichsten Farben geschildert. Der Mensch tritt darin nur als gebrechliches Werkzeug in die Erscheinung, das unter Belassung seines freien Willens mit unendlicher Weisheit gelenkt wird, um Gottes anbetungswürdige Absichten auszuführen. Gott ist es. den man in Schlachten triumphieren, den man Städte gründen, Throne stürzen, Reiche vernichten sieht: die Könige sind in seiner Hand die Geißeln seines Zornes, mit denen er andere Könige züchtigt, die Völker Plagen, mit denen er andere Völker straft, die Elemente Diener seiner Gerechtigkeit, die auf seinen Wink das Weltall zerstören. Dagegen sieht man ihn ein andermal die Wiege eines Kindes halten, das auf den Wassern schwimmt: einen Ölzweig in den Schnabel einer Taube stecken, die zur Arche zurückkehrt; den Flug einer Schwalbe lenken, die einen gerechten Mann erblinden lassen soll, und dem Stein eines Hirtenknaben Schwung verleihen, den er zum König seines Volkes ausersehen.

Und in dieser Verbindung von großen Taten und kleinen Unfällen, in ungeheuren Katastrophen und unbedeutenden Ereignissen entdeckt der Mensch die wunderbaren Mittel, die eine unendliche Weisheit mit allmächtiger Vorsicht verbindet und verknüpft. Man sieht die heilige Güte, mit der Gott liebevoll das Geschick seiner Kinder leitet, vor Augen; und im Schatten dieser unendlichen Liebe und unter dem Schutze dieser grenzenlosen Macht schläft der Mensch ruhig wie das Kind in der Wiege, über dessen Schlaf die liebende Sorgfalt der Mutter und der Mut des Vaters wachen.

Und diese Lehre ist nicht etwa eine rein theoretische verschwundener Zeiten, sondern gilt in vollem Umfang auch für die Jetztzeit. Mag immerhin jenes Zeitalter, in dem Propheten und Patriarchen sich vertraulich mit Gott unterhielten und seine Befehle durch himmlische Sendboten und wunderbare Zeichen erhielten, vorüber sein. Die Wahrheit ist standhafter als die Zeit; sie ist weder dem Alter noch dem Tode unterworfen. Die Zeiten haben sich geändert, die Menschen sind anders geworden; Gott aber bleibt stets derselbe, und von Zeit zu Zeit gefällt es ihm, den Vorhang zu zerreißen, der ihn verbirgt, um den Menschen durch wunderbare Taten zu zeigen, daß dieselbe allmächtige Hand, welche die Begebenheiten und Katastrophen der biblischen Zeiten offenkundig lenkte, dieselbe ist, die, wenn auch verhüllt, sowohl die kleinen Ereignisse wie auch die großen welterschütternden Katastrophen noch heute leitet. Auf diese Weise erkennen wir. daß er dieselbe väterliche Fürsorge, die den Israeliten in der Wüste den Unterhalt verschaffte, auch noch heute für den Hilflosen hat, wenn er sein Vertrauen auf ihn setzt, und daß man heute wie gestern und wie morgen im allen Sprachen das heidnische Wort »Zufall« durch das hundertfach gebenedeite Wort »Vorsehung« ersetzen sollte.

Eine derartige Begebenheit werden wir unseren Lesern mit derselben Genauigkeit erzählen, mit der sie uns von einem Missionar der Gesellschaft Jesu berichtet wurde, der sie seinerseits selbst aus dem Munde des hochwürdigsten Herrn Joseph Ignatius Arcige, Erzbischofs von Michoacan, vernommen hat.

In jener heißen Zone, die unter dem Namen »Tierra caliente« Mexiko von Osten nach Westen durchzieht, liegt ein Dorf Huacana. ungefähr einige sechzig Millien von Morelia. der Hauptstadt von Michoacan, entfernt. Huacana hat höchsten 5000 Einwohner und ist gleichwohl in jenem am wenigsten bevölkerten Bezirke Mexikos zwanzig Meilen in der Runde das bedeutendste aller Dörfer und Weiler. Eine Menge kleiner Raubtiere, die bei einer mittleren Jahrestemperatur von 25º Celsius in erschreckender Weise sich vermehren, andauernde Hitze, gelbes Fieber, Kropf und andere einheimische Krankheiten halten die Menschen von diesem großartigen, überreichen Landstrich fern, wie von einem verpesteten Paradies, welches zu bewohnen ihnen unmöglich ist. Flora und Fauna sind darin von übergroßem Reichtum und seltener Schönheit: wasserreiche Flüsse durchqueren es: ganze Wälder von Palmen, Platanen und fruchttragenden Bäumen, abwechselnd mit kostbaren Nutzhölzern, unter denen das teure Farbholz überwiegt, bedecken es. Hier findet man jene prachtvoll gefiederten Vögel, um die Wissenschaft und Mode sich streiten, die eine für ihr Studierzimmer, die andere für ihre Launen: hier lebt Wild jeglicher Gattung, vom Hasen bis zum Leoparden: von dem in überreichen Mengen vorhandenen Hirsch bis zum Jaguar oder dem großen amerikanischen Panther mit dem fleckigen Fell und seiner schreckenerregenden, schlauen Wildheit. Und inmitten dieses Überreichtums der Natur ruhen versteckt im Innern dieser ungastlichen Erde, als hätten Gnomen sie hier vergraben, um der menschlichen Habsucht zu spotten, reiche Eisen-, Kupfer- und Silberminen, die auch nicht einmal die langen Krallen des Jonathan, des großen republikanischen Possenreißers, haben herausholen können. Der Müßiggang, der durch die Fruchtbarkeit des Bodens, die klimatischen Verhältnisse und die übergroße Hitze sehr befördert und dadurch zum Teil erklärt wird, ist das Hauptlaster der Eingeborenen, die größtenteils von alten andalusischen und estremadurischen Ansiedlern abstammen. Sie sind trotzdem nicht arglistig wie der größte Teil der indolenten Dorfbewohner, deren Trägheit gewöhnlich dazu dient, um erforderlichen Falles selbst ihren Zorn zu verbergen. Sie sind sogar einfach, gastfrei, edelmütig und so tapfer und kampfbereit, daß die Klauen des Jaguars ihrer Wälder nicht erschrecklicher sind, als die spitzen Säbel oder das maurische Schwert, das sie in ihren Kämpfen mit beispielloser Geschicklichkeit handhaben. Den Säbel führen diese armen Leute wie niemand sonst und sehen darin für sich den größten Ruhm; und wenn es in den blutigen Kämpfen, in denen sie sich die Palme streitig machen, nur ein Arm ist, der unter der Heftigkeit eines Hiebes fällt, so pflegen die Zuschauer mit der größten Kaltblütigkeit zu sagen, indem sie einander dabei spöttisch ansehen:

»Ach! Gevatter, die Ziege hat schlecht gestoßen.«

Gegen Ende des Jahres 1868 kam der oben erwähnte Erzbischof von Michoacan in das Kirchspiel St. Johann von Huacana. Der hochwürdigste Herr besuchte zum ersten Male diesen Teil seiner Diözese, und die Begeisterung, mit der er von jenen armen Leuten empfangen wurde, grenzte an Fanatismus. In Scharen stiegen Männer und Frauen von den Bergen hernieder; kamen aus den Felsschluchten zu Fuß und zu Pferde, und mit einer Freude, die viel Kindliches und nicht selten etwas Rührendes hatte, eilten sie herbei, um den Erzbischof zu begrüßen. Jeder brachte ihm der Gewohnheit entsprechend ein Geschenk, das im Verhältnis zu seiner Armut einen beträchtlichen Wert hatte.

»Da habe ich Euer Bischöflichen Gnaden ein paar Kühe mitgebracht,« meinte der eine. »Und ich bringe ein Ochsengespann,« meinte der andere.

»Und ich ein junges Stutenfüllen,« setzte der Dritte hinzu.

Der Erzbischof empfing alle mit väterlicher Liebe und Bewunderung für die weitgehende Freigebigkeit, die ein überzeugender Beweis dafür ist, daß Dankbarkeit und Nächstenliebe sich niemals im Herzen verschließen, noch auf hohle Worte beschränken mögen, sondern wie ein Springbrunnen rein und fruchtbar hervorquellen und selbst vor großen Opfern nicht zurückscheuen. Denn jene Gaben repräsentieren große Opfer, die jene armen Leute dem Geistlichen darboten. Aus Mitleid mit soviel Armut wagte er kaum, sie anzunehmen, aber aus Achtung vor soviel Großherzigkeit konnte er sie auch nicht abschlagen, denn sein erleuchteter Geist verstand sehr wohl, daß die zarteste Art und Weise, für eine aufrichtige Ergebenheit zu danken, darin liegt, daß man dankbaren Herzen Tür und Tor öffnet. Aber endlich beschloß er, kostbare Gaben fernerhin nicht mehr anzunehmen, und um jene Armen durch seine Weigerung nicht zu kränken, erbat er sich einige Früchte des Landes. Es kamen darauf ganze Ladungen von Kokosnüssen, Wassermelonen und Früchten aller Art an, so daß ein riesengroßes, eigens dazu bestimmtes Zimmer nicht einmal genügte.

Eines Tages befand sich der Erzbischof im Beichtstuhl, um, wie das bei seinen Besuchen üblich war, den Erwachsenen das Sakrament der Buße zu erteilen, da sie sogleich danach die heilige Firmung erhalten sollten. Unter der Menge Pönitenten, die ihn umgaben, erblickte er in den hintersten Reihen einen armen Gelähmten, der ruhig wartete, bis die Reihe an ihn kam. Um ihm die Beschwerde des langen Wartens abzukürzen, rief ihn der Bischof zu sich und begann ihn seiner Gewohnheit gemäß auszufragen. Da der Klerus in dieser Gegend außerordentlich spärlich vertreten ist, ist die Unwissenheit des Volkes in christlichen Dingen ganz besonders groß.

»Woher kommst du?« fragte ihn der Erzbischof.

»Väterchen,« antwortete der Gelähmte mit jener Vorliebe für Diminutive, die den Amerikanern eigen ist, »von einem Berg, der mehr als fünfzig Meilen von hier liegt.«

»Und wie bist du hierher gekommen?«

»Auf einem Maulesel, Väterchen!«

»Bist du verheiratet oder nicht?«

»Ich bin Witwer, Väterchen, mit zwei noch unverheirateten Töchtern.«

»Und welches ist dein Beruf?«

»Ich bin Jäger, Väterchen!«

»Du ein Jäger!« rief der Bischof erstaunt aus, ohne ein Lächeln unterdrücken zu können.

»Jawohl, Väterchen,« antwortete der Gelähmte ganz ernst.

»Na, was jagst du denn?«

»Hirsche, Väterchen!«

»Hirsche? Aber Mann, das ist ja ganz unmöglich,« antwortete der Erzbischof, zwischen Ärger und Belustigung schwankend, denn er wußte nicht, ob er es mit einem Dummen oder mit einem Schelm zu tun hatte.

Doch seine Zweifel schwanden und die größte Neugier bemächtigte sich seiner Seele, als er sah, wie der Gelähmte die Achseln zuckte und mit der schlichten Überzeugung dessen, der den Schlüssel zu einem Rätsel hat, hinzufügte.

»Ich würde es sicher nicht sein, wenn mein Gott-Vater mir nicht dabei zu Hilfe käme.«

Den Erzbischof überraschte diese ebenso einfache wie tiefgläubige Antwort, und er bat den Gelähmten, ihm über seine Lebensweise genauer zu berichten.

»Sehen Euer Gnaden,« – antwortete der Gelähmte mit derselben einfachen Ruhe, »wie ich schon vorher bemerkte, ich bin Witwer seit vielen Jahren und habe keine weitere Familie als meine beiden Töchter. – Ich verbringe die Tage, die mir der Herr schenkt, auf folgende Weise: Wenn ich mich des Morgens erhebe, spreche ich ein Gebet zu meinem Gott-Vater, dann esse ich, was meine Töchter mir bereitet haben, und dann schleppe ich mich, so gut es eben gehen will, mit meinem Gewehr aufs Feld ... Wenige Schritte von meinem Hause entfernt hält mein Gott-Vater schon für mich den Hirsch bereit, um den ich ihn in meinem Gebete angefleht habe. Ich schieße ihn und dann kommen meine Töchter und tragen ihn nach Hause, und von dem Fleisch und dem Verkauf des Geweihs nähren wir uns schon seit vielen Jahren.«

Der Erzbischof war im höchsten Grade erstaunt über das, was der Gelähmte ihm mit seiner unbefangenen Einfachheit in unnachahmlichem Dialekt erzählte, und bat ihn, das Gebet zu wiederholen, in dem er Gott mit dem wahrhaften Vertrauen eines Kindes, das zu seinem Vater spricht, um den Hirsch anflehte.

»Das werde ich nicht tun, Väterchen, das werde ich nicht tun!« entgegnete der Gelähmte lebhaft.

»Aber weshalb nicht?«

»Weil ich mich schäme.«

»Aber, mein Sohn, sprichst du dieses Gebet denn nicht zu deinem Gott-Vater?«

»Ach ja, Väterchen, aber mein Gott-Vater, sehen Euer Gnaden, das ist etwas ganz anderes.«

»Sieh aber, wenn ich dich bitte, es mir zu sagen ... Warum tust du mir dann nicht den Gefallen?«

»Väterchen, ... ich will ja gern alles tun, nur das nicht, denn ich schäme mich gar zu sehr.«

»Aber ich bitte dich nun gerade darum. Sieh mal, ich würde es so gern hören; du brauchst dich dessen wirklich nicht zu schämen.«

»Aber Väterchen, dieses Gebet steht in keinem Buch, noch hat es mich je jemand gelehrt.«

»Wie es auch sein möge, du kannst es mir ruhig sagen.«

»Also, Väterchen, wenn Euer Gnaden es mir nicht übel nehmen, werde ich es sagen. Wenn ich mich auf die Knie werfe, mitten in meinem Stübchen, sage ich zu meinem Gott-Vater: Ach Gott-Vater! Du hast mir diese beiden Töchter gegeben, und dann hast du mir auch diese Krankheit gegeben, durch die ich am Gehen verhindert bin. Ich muß meine beiden Töchter ernähren, denn sie wollen dir nicht zur Schande leben. Also, mein Vater, stelle mir heute in die Nähe einen Hirsch, den ich schießen kann, damit ich auf diese Weise meiner armen Familie helfe.«

Der Erzbischof hörte ihm verwundert zu, gleich als könne der Kirchenfürst von dem unglücklichen Lahmen lernen; und dieser, ohne die Verwunderung des anderen zu beachten, sagte einfach:

»So lautet mein Gebet, Väterchen, und wenn ich es gesprochen habe, gehe ich auf das Feld hinaus, in der festen Überzeugung, das zu finden, um was ich Gott gebeten habe, und ich finde es stets. Und in den zwanzig Jahren, in denen ich an dieser Krankheit leide, wurde mir diese Hilfe niemals versagt, denn mein Gott-Vater ist sehr gut! ... sehr gut!«

Setzt euch dieses Wunder in Erstaunen? – Zweifelt ihr vielleicht daran in dem Gedanken, daß ihr Gott oft um Wohltaten bittet, die er euch nicht angedeihen läßt? Um Beistand, den er euch vorenthält? Vielleicht kann euch dieser Lahme den Schlüssel zu dem Geheimnis geben.

So hört denn, was euch der Erzbischof von Michoacan zu sagen haben wird, leise, aber ganz leise, damit ihr euch nicht zu schämen braucht, daß dieser arme Halbwilde aus den Wäldern von Amerika zu seinem Gott-Vater aus tiefstem Herzen gebetet hat, daß er zu ihm, wie St. Paulus spricht, seine reinen, engelreinen Hände erhoben hat, die so rein waren, daß in den zwanzig Jahren, in denen er an diese: Krankheit gelitten, sein größtes Vergehen das war, daß er einmal einen Hund geprügelt hat, der ihm ein Hirschgeweih zerbissen hatte.

Und damit wird in euren Augen das Wunder aufhören, denn es ist kein Wunder, wenn Gott das erfüllt, was er verspricht. Das größte Wunder wäre es, wenn er es zu erfüllen unterließe.

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