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Gottes Hand

Luis Coloma: Gottes Hand - Kapitel 4
Quellenangabe
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typenarrative
authorLuis Coloma
titleGottes Hand
publisherJosef Habbel
printrunVierte Auflage
translatorElse Otten
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090919
projectid035f2469
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Der blaue Saal

In der Biegung, die der Cantabrico zwischen San Sebastian und Tuetaria macht, liegt ein malerisches, kleines Dorf, halb Bauern-, halb Fischerdorf, das den Kopf an einen Bergrücken anlehnt und die Füße bis ans Meer streckt, als wollte es baden. Seit Jahren erhob die Mode diesen lieblichen Ort auf den Schild, und seitdem sieht man dort, ohne daß Ackergerät oder Ruder verschwunden wären oder es seinen gesunden Geruch nach Äpfeln und Seemuscheln eingebüßt hätte, im Sommer den Smoking und die weiße Krawatte. Die eleganten Häuser und Villen öffnen ihre Türen zum größten Teil der aristokratischen Gesellschaft von Madrid. Ursprünglich fehlte dem hübschen, baskischen Bauern der feine Schliff, der ihm aber bald durch die Anwesenheit des Hofes in den Sommermonaten zu eigen wurde. Dann eilen all die mehr oder weniger bedeutenden Metternichs herbei, die hierher von den fremden Nationen geschickt werden; es nisten sich Gesandte ein, es baden Bevollmächtigte, und auf Schritt und Tritt begegnet man blonden, radfahrenden Sekretären und schlanken Offizieren, die mit ihren Angelstöcken die beiden Seiten eines gleichschenkligen Dreiecks bilden.

Im August des Jahres 1890 war das aristokratisch-ländliche Dorf ausschließlich von Göttern und Göttinnen des adeligen Olymp besucht, die mehr oder weniger gewichtige Gottheiten des Gothaischen Kalenders repräsentierten, teilweise auch von göttlichen Wesen geringerer Bedeutung, denen es gleich den Titanen nicht vergönnt ist. in den Olymp zu gelangen, weil es ihnen an Größe gebricht. Damals jagten Festlichkeiten. Bälle und Gesellschaften einander, und wie immer bildeten der Klatsch und die Chronique scandaleuze ihr unvermeidliches Gefolge. Und in dieses Wespennest geriet ich Bedauernswerter am 25. August, als der Abend schon längst hereingebrochen war. Es waren dringende Geschäfte, die mich hierher führten, und in dem Hause eines sehr guten Freundes beabsichtigte ich zu übernachten, um am nächsten Morgen in aller Frühe mit einem anderen Freunde, der gleichfalls den Sommer in diesem kleinen Nest verbrachte, nach Deva und Bilboa aufzubrechen.

Damals gab es dort noch keine Eisenbahn und die Kirchturmuhr schlug gemächlich die zehnte Stunde, als mein Wagen vor dem geräumigen, in nächster Nähe der Kirche gelegenen Schloß meines Freundes anhielt. Es gibt nichts Melancholischeres als einen Blick auf diesen alten Herrensitz, der durch seine schattige und malerische Umgebung an die Dekoration einer romantischen Oper erinnert ... Ein großer Park von schattigen, dichtbelaubten Bäumen umrahmte im Halbkreis das schwarze Gemäuer der Kirche. Eine Anzahl Bänke, ein dunkler See und ein altes, efeuumschlungenes Steinkreuz.

Im Hintergrund das große Schloß mit seinen verfallenen Quadersteinen, seinen schweren, eisenbeschlagenen Balkons, seinen spitzen Türmchen, auf denen der Druck der Jahrhunderte nicht zerstörend lastet, und endlich als Umrahmung des Bildes das erregte phosphorisierende Meer, das sich bis zum Machichaco erstreckt, der den Horizont wie eine halbgeöffnete Türe umschließt.

Sobald man aber die geräumige und dunkle Vorhalle und die weite, mit zwei herzoglichen Wappen geschmückte Tür durchschritten hat, wird das Bild vollständig anders ... Ein großer, luftiger Marmorhof, gleich den schönsten in Sevilla, eine Flucht von Salons, die noch immer die Erinnerung an königliche Empfangszeremonien wachrufen; kostbare Gemälde, künstlerische Möbel, Bilder berühmter Ahnen, schweigsame und korrekte Diener, die flink sind, ohne sich zu überstürzen, und alles bedächtig vorbereiten, ohne jemals lustig zu erscheinen, kurz der ganze ernste, nüchterne und reiche Luxus alter Edelsitze vereint mit dem sybaritischen Komfort der Jetztzeit.

Meine Ankunft war für alle überraschend, denn die Eile, mit der ich aus San Sebastian floh, hatte mich gehindert, meinen Besuch anzukündigen. Die Herrin des Hauses fand ich auf ihrer Chaiselongue, weil sie sich nicht wohl fühlte, und den Gatten in die Lektüre ausländischer Zeitungen vertieft. Es befanden sich dort gleichfalls die beiden jüngsten Söhne des vornehmen Hauses, während die beiden ältesten, P. und X., an jenem Abend einen Ball beim deutschen Gesandten mitmachten, ein Umstand, der vielleicht die Ursache und den Anfang meines merkwürdigen Abenteuers bildete.

Unser frohes und ungestörtes Zusammensein dauerte ungefähr bis zwölf Uhr, und dann zog ich mich in das für mich bestimmte Gemach zurück, um dort die beiden Abwesenden zu erwarten. Da ich sehr früh aufstehen mußte, und sie hieran so gar nicht gewöhnt waren, glaubte ich sie auf andere Weise nicht sehen zu können, ohne ihnen lästig zu fallen. Ich liebte sie aufrichtig, und sie flößten mir beide jenes selbstverständliche Interesse ein, das das reife Alter der Jugend entgegenbringt, wenn es deren langsame, geheimnisvolle und schwierige Entwickelung Schritt für Schritt verfolgt, eine Entwickelung, die aus einer reizvollen Kindheit zu einer einwandsfreien, hoffungsfreudigen Jugend hinüberleitet.

Der Gebrauch des elektrischen Lichtes war noch nicht bis in diesen abseits gelegenen Winkel gedrungen, und so begann ich, einmal in meinem Zimmer angelangt, beim Scheine einer riesengroßen Bronzelampe die Gebete des folgenden Morgens zu absolvieren. Mein Zimmer war groß und hoch, mit einem daran grenzenden sehr geräumigen Salon, in den ich zerstreut einen Blick warf, ohne im geringsten zu ahnen, welch seltsame Überraschung meiner zwischen seinen blauen Wänden harrte. Aus meinem Zimmer führte eine große Tür in diesen blauen Salon; sie war weit geöffnet. Im Hintergrund lag, auf den Park hinausgehend, ein Balkon, dessen Türen und Jalousien gleichfalls weit geöffnet waren, um der frischen Nachtluft Zutritt zu gewähren. Dem Balkon gegenüber, ungefähr in der Mitte der Wand, stand ein kostbares Bett aus dem 17. Jahrhundert, mit Holzschnitzereien und vergoldeter Bronze reich verziert. Rechts davon ein Kamin aus schwarzem Marmor und eine versteckte Tapetentür, die in P.s Zimmer führte, das seinerseits wieder durch eine andere kleine Tür mit dem seines Bruders X. verbunden war. Die Vorhänge und Möbelbezüge waren aus hellem Seidenrips mit reichen, samtdurchwirkten Fransen und Quasten und zwischen dem Balkon und dem Bett stand ein Schreibtisch, auf dem die Lampe brannte, bei deren Schein ich das Matutin von St. Bartholomäus las, dessen Fest auf den 24. August fällt. Es war der Gedenktag jener entsetzlichen Bartholomäusnacht, die wunderbarerweise mit der fürchterlichen Vision, die sich meinen Blicken darbieten sollte, in einem seltsamen Zusammenhang stand.

Die beiden jungen Leute kamen erst spät zurück, und nachdem ich mein Gebet beendet hatte, fiel es mir ein, jenen blauen Saal, den ich niemals vergessen werde, und sollte ich noch so alt werden, mir einmal naher anzusehen. Es herrschte hier nicht derselbe Luxus wie in den übrigen Teilen des Schlosses, die blaue Tapete war verblaßt und fahl, auch das Blau der Möbel und Vorhänge erschien fast farblos. Aus dem Salon führte eine Tür auf die breite Estrade, die sich um das ganze Schloß zieht, und zwei andere, sehr große Türen lagen einander gegenüber: die eine führte in mein Zimmer und die andere in die Gemächer, welche die Königin Isabella II. bewohnt hatte, so oft sie in dem Schloß Aufenthalt nahm. Jetzt waren sie verschlossen und so eingerichtet, als erwarte man jeden Augenblick den erlauchten Gast. An den Wänden hingen verschiedene Bilder und alte Gemälde, von denen drei meine besondere Aufmerksamkeit auf sich lenkten. Das erste war ein großes, vollständig nachgedunkeltes Bild: es stellte den schlafenden Jakob dar. Im Vordergrund erblickte man den Patriarchen, reich gekleidet mit einem durch einen Gurt zusammengehaltenen Lederkoller und einem kostbaren gestickten Wams, und der mit den Füßen in der Luft auf dem nackten Felsen schlief wie in einem Federbett. Im Hintergrund sah man eine geheimnisvolle Treppe, auf der pausbackige Engelchen auf- und abstiegen, und auf der letzten Treppenstufe saß ein kleiner Gottvater, der das Auf- und Abklettern der himmlischen Kleinen mit erhobenem Zeigefinger überwachte, als wollte er Ordnung und Schweigen gebieten.

Rechts und links von den Gemächern der Königin und dem meinen gegenüber hingen Zwei sehr bemerkenswerte Gemälde. Das zur Rechten, wundervoll in Stil und Zeichnung, stellte einen geschmückten Reiter aus dem sechzehnten Jahrhundert dar; er war goldblond, hatte verschlossene, unsympathische Gesichtszüge, trug ein reich mich Gold gesticktes Wams, einen unauffälligen Kragen und um den Hals eine goldene Kette mit dem Medaillon Karls V., das ihm auf die Brust herunterhing. Das Bild zur Linken verursachte mir ein großes Unbehagen, ohne daß ich gewußt hätte warum; es stellte eine alte, häßliche Dame dar, mit einem Mund, gespalten wie der einer Schlange, in der Tracht der Dominikanerinnen. Sie saß in einem großen, mit dem Dominikanerwappen verzierten Lederstuhl, und ein anderes, in vielerlei Felder eingeteiltes Wappen leuchtete in der roten Ecke des Bildes. Sie hatte eine Schreibfeder in der Hand und ihr zur Seite lagen Papier und Bücher auf einem Tisch. Ich wiederhole, daß diese Dame im ersten Augenblick, da ich ihr Bild bemerkte, einen höchst fatalen Eindruck auf mich gemacht hat.

Schon herrschte das tiefste Schweigen im ganzen Palast, und nur im blauen Salon hörte man das gleichmäßige Plätschern der drei Springbrunnen des Parkes. Ich trat einen Augenblick auf den Balkon hinaus. In tiefster Dunkelheit lag der Park vor mir, nur ein schmaler Lichtstrahl drang durch die offene Tür. Weiter unten erhellten zwei Laternen den Eingang zum Schloß. Der laue Abendwind trug den herben Geruch des Meeres herüber, das in weiter Ferne seine eintönige Musik erschallen ließ, und der sternenübersäte Himmel erinnerte mich in seiner düstern Pracht an die schwarzen Samtmäntel der Dolorosen von Sevilla, über den Balkon gelehnt genoß ich eine Weile jene herrliche Nacht; ich dachte mit Unruhe an den Zweck meiner Reise, der nicht ganz ohne Beziehung war zu jenem schrecklichen Verbrechen, das in der ganzen Welt die größte Erregung hervorgerufen hatte. Angst, Zweifel, Hoffnung, Bangen, alle Empfindungen. die in der Seele eines Christen erwachen bei dem Gedanken an die unerwarteten und seltsamen Wege, die Gott Völker und Menschen führt, nahmen mich völlig gefangen.

In der Ferne hörte man das Herannahen eines Wagens, und endlich erschienen seine beiden Laternen in der Straße der Vizconte. Er hielt vor dem Portal des Schlosses, heraus sprangen die Brüder in tadelloser Gesellschaftstoilette, die Taschen ihrer Smokings ganz angefüllt mit bunten Bändern und Kotillonscherzen. die sie von dem Ball der deutschen Gesandtschaft mitgebracht hatten. Schwer auf die Seele fiel mir der Kontrast zwischen meinen düsteren Gedanken und jenen beiden jungen Leuten, die den Frohsinn und die Jugend verkörperten, und für die ich eine so innige Zuneigung empfand. Voller Entsetzen sah ich sie lachend und heiter, mit einer rosenfarbenen Binde vor der Augen die furchtbaren Abgründe überschreiten, die mich qualvoll beschäftigten.

Nach monatelanger Abwesenheit hatten wir einander von vergangenen und zukünftigen Freunden viel zu berichten und zu erzählen, und so betraten wir drei mein Zimmer, darauf das von P., und installierten uns endlich in dem seines Bruders, das am Ende der Flucht lag. Nachdem dieser sich zurückgezogen hatte, blieb ich noch lange mit seinem Bruder allein, bis eine Stunde Vor Tagesanbruch zur Frühmesse im Kloster von San Francisco gelautet wurde. Dann zog auch mich zurück, um einige Stunden auszuruhen, und durchschritt auf den Fußspitzen P.s Zimmer, der schon fest schlief. Mit der größten Vorsicht öffnete ich die Tapetentür, und als ich im Begriff war, die des blauen Salons zu schließen, erklang dort auf dem gebohnten Fußboden ein starker, kurzer Schlag, schauerlich in der Stille, darnach ein Lärm von etwas, das in die linke Ecke der Gemächer der Königin rollte. In demselben Augenblick warf mich eine unsichtbare Kraft, die mich weder verletzte noch verwundete, und die ich deshalb unkörperlich nennen muß, mit großer Heftigkeit zu Boden ...

Ich erhob mich sogleich wieder wie durch den Druck einer Feder und erblickte in der Mitte des Salons etwas Unbeschreibliches... Es war wie eine Säule von blauem Licht, die vom Fußboden bis zur Decke reichte, und die sich mit dem Lärm bewegte und verringerte, bis sie ganz in der Ecke unter dem Bilde der Nonne verschwand. Das Auge der Nonne öffnete und schloß sich auf eine fürchterliche Weise und ihre fleischlose Hand bewegte sich außerhalb des Rahmens von oben nach unten, so daß ich nicht wußte, ob sie mich rief oder sich bekreuzigte... In der anderen Ecke leuchteten die Augen des geputzten Reiters wie zwei glühende Kohlen.

Ich fühlte mich einer Ohnmacht nahe und starrte auf das Bild, das zwei Schritte von mir entfernt hing; ich warf mich auf das Bett, kalter Schweiß bedeckte meinen ganzen Körper, und ich versank allmählich aus Angst und Schrecken in eine Art schweren Schlafes, der in eine tiefe Lethargie überging, in der ich von weitem die Glocken des Klosters zu hören glaubte, wie sie die Frühmesse Sankt Bartholomäi einläuteten... das historische Zeichen des Blutbades der Hugenotten ...

Als ich erwachte oder zum klaren Bewußtsein zurückkehrte – ich weiß nicht, wie es war – sah ich an der Seite neben meinem Bett den Herrn des Hauses und meinen Freund, der mich nach Deva begleiten sollte: beide blickten mich mit halb lächelnden, halb erschreckten Mienen an ... Die Sonne flutete durch die geöffnete Balkontüre, die Bronzelampe warf noch immer ihren Schein auf den Tisch, und ich lag angekleidet auf dem Bett, so wie ich mich nach der verhängnisvollen Vision darauf geworfen hatte. Mein Freund war mit einer bei ihm ungewöhnlichen Pünktlichkeit zum Rendezvous gekommen, und als ich nichts von mir hören ließ, hatten er und der Hausherr beschlossen, in mein Zimmer zu treten.

Ich stotterte die erste beste Entschuldigung und beeilte mich, mich zur Reise bereit zu machen. Als ich den blauen Saal durchschritt, warf ich einen ängstlichen Blick umher, doch fand ich nichts Düsteres oder Schauriges, überall Luft und Sonne, und der frische Morgenwind blähte die Gardinen der Fenster wie die Segel einer Barke. Der Patriarch Jakob schlief nach wie vor: die Engel stiegen furchtlos auf und ab und Gottvater mit seinem erhobenem Zeigefinger schien nichts von Erscheinungen und Gespenster zu wissen. Auf dem eichenen Fußboden war keine Spur irgend eines Schlages zu sehen, in der Ecke nichts von dem kugelförmigen Körper, der zu rollen schien.

Wir fuhren in einem Break mit vier Pferden, die mein Freund als bewährter Sportsmann lenkte. Ich war innerlich so beschäftigt, daß er es merken mußte, und begann endlich, dem Drang der Mitteilsamkeit, der alle starken Erregungen zu begleiten pflegt, folgend, ihm meine Geheimnisse anzuvertrauen ... Mein Freund sah mich vorerst an, als zweifelte er an meinem Verstand, und fing dann so herzhaft zu lachen an, daß ich ihm beschämt und ärgerlich antwortete:

»Paß auf, daß du uns nicht ins Wasser wirfst, und laß mich in Ruhe mein Gebet sprechen.«

Wir fuhren den schönen und gefährlichen Weg, der hier am Meer entlang führt, und der mich stets durch seine malerische Schönheit an die berühmte Corniche zwischen Savona und Bordighera an der Riviera erinnerte. Nachdem mein Freund zu lachen aufgehört hatte, fing ich an, die kleinen Horen des Festes zu beten, dessen Matutinen durch jene unangenehme Überraschung unterbrochen worden waren, und die Reise ging ohne jeden Unfall weiter. Beim Herannahen der Dunkelheit kam ich in Bilboa an und die Nachrichten, die ich hier empfing, zwangen mich, am folgenden Tage mit dem Kurierzug nach Barcelona zu fahren, um den Anschluß an den Expreßzug in Miranda noch zu erreichen. Ich nahm Logis in der Universität von Deusto, und dort war ein schon bejahrten Bruder Koadjutor, ein echter Baske, aus jenem Dorf gebürtig, das mich so sehr interessierte. Mir fiel ein, daß er mir vielleicht Auskunft geben konnte über die Antezedentien des Schlosses und seiner einstigen Bewohner, und das Schicksal wollte, daß dieser selbe Bruder mir am nächsten Morgen das Frühstück brachte. Ich fragte ihn, ob es schon lange her sei, daß er das Dorf verlassen hatte.

»Klein war ich, so klein,« sagte er zu mir, und zeigte auf die kupferne Kaffeekanne, die er in der Hand hatte, und die, mit der Größe eines Menschen verglichen, allerdings sehr klein, in Hinblick auf ihren Zweck aber von respektabler Größe war.

»Und haben Sie das Schloß manchmal gesehen?«

»Tausend und abertausendmal, wenn ich mit anderen Kindern Steine in den Teich warf.«

»Und ist dort niemals etwas Außergewöhnliches passiert?«

Sein ernstes Gesicht strahlte im Widerschein der Heimatliebe und er antwortete mit Emphase:

»Außergewöhnliches?... Alle Jahre, die Gott werden ließ, fand zur Erntezeit die Muttergottesprozession statt... wie schön war die!... Die gnädige Frau mit einer langen Schleppe ging zu Fuß, und allerorten waren Tamburins und Dudelsäcke, und sie trug das Jesuskind in der Prozession zu den Nonnen von Santa Clara... dann kam der Dorfrichter in das Schloß und den Kindern warf man Kuchen und Zwieback zu. Oh, das war schön!«

Mir fiel dabei ein, daß die Besitzer jenes Spukschlosses die Begründer und Patrone des Klarissinnenklosters waren und daß sie die Prozession zu eröffnen pflegten, die am Tage Mariä Himmelfahrt, am 15. August, von dort ihren Anfang nimmt. Die letzte Besitzerin, die meinem Freund voranging, war im hohen Alter gestorben, und auf diese Dame spielte der gute Bruder an. Ich sagte darauf zu ihm:

»Das wollte ich nicht wissen... erzählen Sie mir, ob in dem Schloß nicht seltsame Dinge, wie Erscheinungen und Gespenster, vorgekommen sind.«

»Erscheinungen?... Gespenster... Das wäre ja Spuk.«

»Gab es dort irgendwelchen Spuk?«

Er legte die Fingerspitzen der rechten Hand zusammen und erklärte, als ob es sich um Mäuse und Wanzen handele:

»In dem dunklen Zimmer? Sehr viel.«

»In dem dunklen Zimmer? Das wäre der blaue Saal!«

Er schloß die Augen einen Augenblick, als dächte er nach, und sagte dann sehr ernst:

»Blau... Das kann sein, aber ich weiß es nicht, denn die Nacht war sehr dunkel.«

»Und was für Gespenster waren das?«

»Die des Judens, der hier starb und dessen Körper der Teufel holte, wobei sein Schwanz in der Türe stecken blieb.«

Ich fing wider Willen herzhaft an zu lachen, und der Bruder sagte, indem er mich ansah wie einer, der sehr gut weiß, daß er eine Dummheit redete, der aber trotzdem seines Eindruckes sicher ist, zwischen Ernst und Lachen:

»Hochwürden sollten darüber nicht lachen... Der Teufel schleppte den Juden fort... Der Herr Marquis schloß, um ihn zu befreien die Tür, klemmte aber, ohne es zu wollen, den Schwanz des Juden dazwischen... Der Teufel riß den Schwanz ab, der drinnen zu Boden fiel. Dann lief der Schwanz wie eine Schlange und legte sich in eine Ecke des Zimmers... Der Herr Marquis... der arme Mann war steif und starr vor Schreck. Nachher kam nun der Jude und suchte seinen Schwanz und der Teufel kämpfte mit ihm, und es gab einen Streit und ein großes Geschrei, das ist alles!«

»Aber wozu kam denn der Jude dorthin?«

»Um den Kirchenschatz zu stehlen... und er betrog den Marquis, sagte, er sei ein Christ und versteckte den Schatz in einem Winkel jenes Zimmers, und nun begann der Schwanz zu laufen und zu laufen und legte sich zu den geraubten Kostbarkeiten in den Winkel... Ja, Juden sind geizig...« schloß der Bruder in schulmeisterlichem Ton.

Meine Neugierde wurde immer lebhafter, denn jener laufende Schwanz und der in dem Zimmer verwahrte Schatz schienen mir im direkten Zusammenhang zu stehen mit dem Licht und dem Lärm, die ich gleichzeitig wahrgenommen hatte, und die gleichzeitig in demselben geheimnisvollen Winkel des Gemaches verschwanden. Es war mir, als könnte ich in all dem die Spur jener von Irrtümern und Ungeheuerlichkeiten geschwollenen Traditionen finden, wie man sie oft beim niederen Volk antrifft, etwa so wie man in einer Höhle alte künstlerische, mit Rost und Staub bedeckte Gegenstände findet, in denen das Auge des Antiquars unter der Schicht von Schmutz dennoch die künstlerische Arbeit früherer Zeitalter erkennt. Ebenso werden auch unwahrscheinliche Tatsachen, sobald sie aller Irrtümer und Dummheiten entkleidet sind, durch Beweis und unumstößliche Wahrheiten beglaubigt. Diese Reinigungsarbeit nahm ich mir betreffs des Judenschwanzes vor, denn meine Begierde war durch das Wunderbare und Seltsame, das ich mit eigenen Augen gesehen hatte, im höchsten Grade gesteigert.

Unglücklicherweise konnte der gute Bruder seine Angaben nicht vervollständigen; ich erkundigte mich nach dem Zeitpunkt jenes seltsamen Vorfalls und er antwortete mir:

»Vor tausend und abertausend Jahren.«

Ich fragte ihn, ob jene Geschichte sehr bekannt sei, und er antwortete mir mit einer gewichtigsten Bewegung der Arme und der Hand, als spende er urbi et orbi den Segen:

»Die kennen sogar die Eingeborenen...«

Als Antwort auf meine übrigen Fragen zuckte er nur die Achseln und erwiderte, immer wieder auf die Kaffeekanne zeigend:

»Klein, so klein war ich damals.«

Ich fragte ihn, ob er im Dorfs jemanden kenne, der genau über jene Geschichte zu berichten imstande sei, und nachdem er einen Augenblick nachgedacht, antwortete er triumphierend:

»Aber gewiß! Der Pater L.... der ist der Bruder des Schloßverwalters, sein Vater war Verwalter, sein Großvater Verwalter, alle bis auf Adam zurück waren sie Verwalter und sind alle im Schloß geboren.«

Die Erklärung genügte mir; Pater L. war ein sehr ernster und kluger Mann, schon sehr betagt und in seiner Eigenschaft als chronologischer Verwalter, die der gute Bruder bis auf Adam zurückführte, mußte er wohl unterrichtet sein über alles, was sich auf das Schloß bezog. Andererseits befand sich dieser Pater in Loyola, und da war es mir ein leichtes, ihn auf der Rückreise von Barcelona zu sehen, wenn ich meiner Absicht gemäß nach Guipuzcoa zurückkehrte.

So geschah es in der Tat, vierzehn Tage später befand ich mich in Loyola auf der Rückreise von Barcelona im Tête-a-tête mit Pate L., den ich einem Verhör unterzog, auf das selbst der aufdringlichste Zeitungsschreiber stolz sein könnte. Ich verheimlichte ihm zunächst mein Abenteuer, das das Gelächter meines Freundes hervorgerufen hatte, und fing an, ihn nach den Spukgeschichten des Schlosses zu befragen, indem ich mich auf das bezog, was mir der Bruder in Deusto berichtet hatte.

Der Pater hörte mir sehr aufmerksam zu, und als er die seltsame Geschichte von dem Schwanz, dem Juden und dem Kirchendiebstahl hörte, schüttelte er mit leisem Lächeln den Kopf.

»Bruder E.,« erwiderte er mir mit der abgeklärten Ruhe, die ihm eigen, »verwechselt zwei ganz verschiedene Dinge...«

»Ich weiß nur, daß im vergangenen oder vorvergangenen Jahrhundert in der Tat in Z. ein sehr bedeutender Kirchendiebstahl stattfand: er wurde von einem Fremden begangen, der wohl ein Jude sein konnte, aber ich weiß nicht, ob er es wirklich war. Er wurde wegen Kirchenschändung zum Tode durch den Galgen verurteilt, was auf das Volk den größten Eindruck machte. Ich setze voraus, daß der Verbrecher keinen Schwanz hatte, und daß er ihn, wenn er ihn hatte, nicht in dieser Welt zurückgelassen haben würde, da er ihm in der anderen Welt fehlen konnte... Aber das alles würde auch mit dem Spuk des Schlosses nichts zu tun haben, wenn nicht im Laufe der Jahre und bei der Überlieferung der Dinge von Generation zu Generation und von Mund zu Mund das Volk so viel verwirren, durcheinanderwerfen und dadurch aus der einfachsten Geschichte oft eine Ungeheuerlichkeit machen würde.

Die Legende vom blauen Saal, so wie sie von den Vätern auf die Kinder überliefert wird, lautet wie folgt:

»Vor ungefähr dreihundert Jahren, genau kann ich das nicht feststellen, kam ein Ritter, ein hugenottischer Häretiker, in das Schloß. Ich weiß nicht genau, zu wem und zu welchem Zweck.«

Ich erschrak, als ich das Wort Hugenotte hörte, weil das seltsame Ereignis mir an dem Jahrestage des berüchtigten Blutbades passiert war. Der Pater fuhr fort, ohne meine Verwirrung zu beachten:

»Es muß eine hochgestellte Persönlichkeit gewesen sein, da man ihn in dem blauen Saal, dem besten Zimmer des Schlosses, einquartierte.

Der Ritter erkrankte hier tödlich, und soviel Anstrengungen auch von dem Herrn des Hauses, dem Rektor der Stadt und der Geistlichkeit der Umgegend, gemacht wurden – es war alles vergebens ... der Unglückliche starb in seinem unseligen und fluchwürdigen Irrtum, und die Sage berichtet, daß der Teufel ihm Körper und Seele zur Hölle entführte. Niemand im Dorf hat den Körper zu sehen bekommen, noch hat jemals ein Mensch feststellen können, wo seine Knochen geblieben sind. Nach dieser Zeit hörte man nachts im blauen Zimmer fürchterliches Geräusch, und im Volksmund heißt es allgemein, daß es aus der verfluchten Seele des Hugenotten kam, der dort sein trauriges Schicksal beklagte ... Aber ich habe dieses verschlossene Zimmer, trotz seiner vorteilhaften Lage und trotzdem es so bequem und schön ist, nur als Möbelspeicher gekannt. Ich glaube, es ist erst wieder im Jahre 1866 renoviert worden, als Königin Isabella mit der ganzen königlichen Familie dorthin kam, um zum ersten Male im Schloß zu wohnen, bei welcher Gelegenheit es sich, trotz seiner Größe, als zu klein erwies ... Ich bin dessen aber nicht ganz sicher, denn damals wohnte ich weit entfernt von Z.; es war zur Zeit, da man mich in Missionsangelegenheiten nach den Philippinen geschickt hatte.«

Ich fragte ihn, welcherart das Geräusch war, das man in dem blauen Zimmer vernahm, und er antwortete mit Bestimmtheit:

»Es war, als würfe man eine Billardkugel von der Decke auf den Fußboden und als rolle sie dann in die Ecke des Zimmers, wo der Überlieferung nach das Bett gestanden hat, in dem der Hugenotte seine Seele aushauchte, und aus dem der Teufel seinen Körper hinausschleppte, um ihn der Hölle zu überliefern ...«

Ein jäher Schreck befiel mich, denn man hätte keine genauere Beschreibung des Lärms machen können, den ich mit eigenen Ohren vernommen; trotzdem fragte ich aus Furcht, der Pater könne mich auslachen, lächelnd:

»Und haben Sie selbst jemals das Geräusch gehört?«

»Weder gehört noch gesehen,« antwortete er mir sehr ernst, »aber ich entsinne mich einer Tatsache, die sicherlich damit zusammenhängt, und der ich selbst beigewohnt habe ... Als ich noch ein Kind war – es war um das Jahr 30 – da lebten meine Eltern in der Verwalterwohnung, die damals im unteren Stockwerke des Schlosses gelegen war, in das man durch eine verdeckte Halle zur rechten Hand gelangt. Im Winter aber, wenn die Herrschaft in Madrid war, begaben wir uns oft in die Wohnung im Hauptstock, dem neuen Teil zur Linken. (Ich begriff, daß es die beiden Zimmer waren, welche die Brüder P. und X. bewohnten.) Zwischen diesen beiden Zimmern und dem blauen Salon war ein anderes großes Gemach (das ich bewohnte), welches einen geheimen Ausgang hatte, der zwischen zwei Wänden zur Haupttreppe lief, wo der Ausgang war. (Ich hatte das damals nicht bemerkt.) Also gut. An einem Winterabend betete ich mit meiner Mutter den Rosenkranz, bevor wir uns zur Ruhe legten ... Mein Vater war schon zu Bett ... Es wurde heftig an die Tür geklopft. Meine Mutter, durch die ungewöhnliche Stunde etwas beunruhigt, sagte zu meinem Bruder, der fünfzehn oder sechzehn Jahre alt war, er sollte vom Balkon aus nachsehen, wer dort wäre. Mein Bruder ergriff eine brennende Kerze – mir ist, als sähe ich ihn noch heute – und trat, um den Weg abzukürzen und auch, weil die übrigen Türen verschlossen waren, durch die Geheimtüre in das neben dem Spukzimmer gelegene Gemach ... Gleich darauf hörten wir verzweifeltes Schreien, meine Mutter eilte herzu und wir alle hinter ihr her, und so traten wir gleichzeitig durch die Geheimtür in das große Zimmer ein. Hier stand mein Bruder mit der brennenden Kerze, mit verzerrtem Gesicht, und die Haare standen ihm zu Berge... Die Türe des blauen Zimmers war geöffnet wie ein schwarzer Schlund und man sah in das dunkle Innere wie in einen Wolfsrachen ... Mein Vater, der aus dem Bett gesprungen war, und uns, in einen Mantel gehüllt, folgte, stürzte auf die Türe des blauen Zimmers zu und schrie:

»Aber wer hat sie denn nur öffnen können?« und vergebens bemühte er sich, sie wieder zu schließen; denn man hatte sie geöffnet, ohne den Riegel vorzuschieben und ohne den Schlüssel in das Schlüsselloch zu stecken. Wir Kinder gingen erschreckt zu Bett und weder am nächsten Tage noch je im Leben habe ich von dieser Sache sprechen hören, weder von meinen Eltern, die inzwischen sanft entschlafen sind, noch von meinem Bruder, der vor vielen Jahren nach Amerika auswanderte.

–  –  –  –  –  

Diese Berichte stachelten meine Neugierde an und befestigten immer mehr meinen Vorsatz, Näheres darüber zu erfahren. Ich ahnte die Legende des blauen Saals schon, wie sie wirklich war, entblößt von all dem Wust von Judenschwänzen, Juwelendiebstählen und anderen Nebendingen, mit denen die Roheit und die Übertreibung der Menschen sie umkleidet hatte. Es blieb mir nur noch zu ergründen, ob die Legende wirklich auf einer historischen Tatsache beruhte, und vor allem fehlte mir die Erkenntnis des Großen, des Entsetzlichen, das beim bloßen Gedanken die Haare sträubt, und worauf ich um nichts in der Welt verzichtet hätte. So war es nicht mehr als natürlich, daß ich in Gedanken noch einmal durchlebte und zu erforschen suchte, was sich im blauen Saal zugetragen hatte, und ob die Ursachen jenes Phänomens natürliche oder unnatürliche waren.

Ich fing mit einem begreiflichen Eifer an, Archive zu durchstöbern, Pergamente zu entziffern, alte Handschriften zu deuten und mir die Augen mit der Durchsicht alter genealogischer Stammbäume zu ermüden. Das erste Resultat meiner Nachforschungen war die Überzeugung, daß ich nicht der erste war, der jener Spur folgte; einige dreißig Jahre vorher war der Marquis del Amparo mein Vorgänger, der damals über die authentische Legende eine kleine Geschichte schrieb, die am 21. September 1863 in »La Epoca« veröffentlicht wurde. Der liebenswürdigen Tatkraft des Marquis del Amparo verdanke ich alle Daten.

Ich setzte auf dieser Basis die ermüdende Entwirrungsarbeit fort, und allmählich trat die Wahrheit zutage rein und klar wie etwa in einem dichtbelaubten Walde die hundertjährigen Stämme der Bäume, von allen unnützen Schlingpflanzen entblößt, und die Stelle, in der sie ihre Wurzeln schlagen, sichtbar werden.

Der erste, durch meine analytische Arbeit gesäuberte Ast war die Geschichte des Judenschwanzes und der Kirchenraub, dessen Ursprung und Fundament sich so erwiesen, wie Pater L. es vermutet hatte. Es war wirklich im Jahre 1686 ein angeblicher Pilger aus dem heiligen Lande, der wahrlich kein Jude war, noch einen Schwanz hatte, hierher gelangt; er war Genuese von Geburt und nannte sich Bartholomäus Casano. Er erbat sich den alten Sitten gemäß Gastfreundschaft im Schloß und der Schloßherr, der edle Don Miguel von Zaraus, gewährte sie ihm bereitwilligst. Aber nachts schlich sich der angebliche Pilger heimlich in die Kirche und stahl die großen reichen Schätze, die hier lagen und auf die er schon seit langen Jahren ein Auge geworfen hatte. Er legte sie in einen Sack und versteckte diesen in einem Winkel des Gemaches, das er in dem Schloß bewohnte, in dem irrigen Glauben, daß kein Mensch die geraubten Gegenstände in diesem vornehmen, christlichen Hause vermuten würde. Man entdeckte aber trotzdem den Diebstahl, faßte den Dieb und zunächst verteidigte ihn Don Miguel, da er sein Gast war, bis man ihn der fürchterlichen Kirchenschändung überführte.

Casano wurde wegen Kirchenschändung auf einer Esplanade gehängt, die damals zwischen der Kirche, dem Schloß und der Werft von Sancturu lag, die sich an dessen inneren Seite hinzog. Das alles passierte vierzehn Jahre vor dem Tode des hugenottischen Ritters und während der ganzen Zeit hörte man schon den gespenstischen Lärm in dem blauen Saal. Das ungefähre Zusammentreffen der beiden Ereignisse und der tiefe Eindruck den sie hervorriefen, waren zweifellos schuld daran, daß die Nachwelt alles verworfen darstellte; und so hat wohl auch die große Menge den Lärm und das Licht, die, wie ich selbst gesehen habe, zu gleicher Zeit in demselben Winkel des Sterbezimmers verschwanden, in einen Schwanz verwandelt, der in demselben Winkel wie der Schatz verblieben sein sollte. Alles, selbst das Allerdümmste beruht auf einer positiven Grundlage.

Nach und nach trat auch die historische Wahrheit von dem Tode des hugenottischen Ritters klar zutage und entrollte sich fast romanhaft vor unsern Augen ... Im Jahre 1572 waren Don Pedro von Zaraus – ein Verwandter von Guipuzcoa und Kommandant über 4000 Mann bei Kaiser Karl V. – und seine Frau, Donna Maria von Hermani die Besitzer dieses Hauses. Don Pedro von Zaraus hatte in seiner Jugend viel Kriege geführt, ebenso wie Don Juan, sein Vater, der den Kaiser auf fast allen seinen Feldzügen begleitete, sich im hohen Alter auf sein Schloß zurückzog und durch edle Werke seine Jugendsünden wieder wett zu machen suchte; so wurde er ein Schutz für die Seinen, gewann großen Einfluß und wurde von seinen Freunden und der ganzen Bevölkerung von Fuenterrabia bis zum Ebro geachtet.

Don Pedro von Zaraus hatte eine Tochter, die sein Entzücken, und einen Sohn, der seine ganze Hoffnung war. Dieser hieß Miguel, jene Mariana.

Das häusliche Glück breitete damals seine breiten Schwingen über den edlen Stammsitz Zaraus' aus, und die beiden alten Edelleute sonnten sich in dem Glück ihrer Kinder: Don Miguel rüstete sich zur Hochzeit mit Donna Franziska von Maella; und Donna Mariana hatte die ihrige schon in demselben Jahre 72 gefeiert und zwar mit einem vornehmen englischen Edelmann, Franz Boucker-Barthon, einem direkten Nachkommen von Georg Boucker-Barthon, der Richard Löwenherz 1180 ins heilige Land begleitete. Seine Familie, katholisch und sehr mächtig, war im Jahre 1534, zur Zeit der Regierung Heinrichs VIII., aus England ausgewandert und hatte sich in Zumaya mit königlicher Genehmigung den Stammsitz Izarra erworben, – als gegen Ende der Winterszeit die Verzweiflung in jenes friedliche Heim ihren Einzug hielt. An der kantabrischen Küste tobte das Meer plötzlich so wild und rasend, daß es den Felsen von Humaillaria vollständig bedeckte, und eine Sturmflut, die größte, deren sich die Einwohner dort entsinnen konnten, gegen das Schloß schlug und es von Grund aus umzureißen drohte; sie durchschnitt die beiden Rampen, die damals zu beiden Seiten standen und warf die Schaluppen und was sie sonst auf ihrem Wege aufgesammelt hatte, fast bis zur Höhe der Glocken gegen den Kirchturm.

Siebzehn Fischer aus dem Dorf kamen bei dieser Katastrophe um. Sie gehörten alle jener großen Guipuzcoaner Fischergilde an, die sich damals dem Walfischfang widmete.

Nach und nach spülte das Meer die Opfer seiner Wut an die Küste: es erschien eine zerschmetterte Schaluppe, wie durch ein Wunder errettet, als einziges Überbleibsel einer Genueser Galeone, die ich weiß nicht aus welchem französischen Hafen nach England hinausgegangen war. Auf ihr waren fünf unglückliche Schiffbrüchige, halb tot vor Hunger und Erschöpfung, und wurden in ein von Pedro del Zaraus gegründetes und von der unendlichen Mildtätigkeit seiner Mutter Donna Maria von Hermani erhaltenes Hospital gebracht. Einer dieser Unglücklichen war ein Jüngling, der im Sterben zu liegen schien und dessen seltsame Sprache, die niemand verstand, Dona Mariana als die ihres Gatten Boucker-Barthon zu erkennen glaubte. Sie ging liebevoll auf den Jüngling zu und fand in ihm wirklich einen vornehmen englischen Ritter, dessen Name der Nachwelt nicht überliefert wurde, da er ihn mit größter Vorsicht verheimlicht hatte. Man konnte aber wohl mit Recht annehmen, daß, er ein Verwandter und ein intimer Freund des strengen Puritaners Sir Amayas Paulet war, des Gesandten von England.

Nachdem Don Pedro del Zaraus sich von dem Unglück des edlen Schiffbrüchigen überzeugt hatte, ließ er ihn in sein Schloß bringen, mit der Höflichkeit und der Mildtätigkeit der Spanier damaliger Zeit, und bettete ihn in den blauen Salon, wo ihm die ganze Familie die liebevollste Pflege angedeihen ließ. Nun erzählte der Ritter sein Unglück, indem er berichtete, daß er vor zwei Jahren mit dem Gesandten Sir Amyas Paulet nach Paris gegangen sei; daß ihn bei einem Duell eine Kugel in die Brust getroffen, daß er zur Heilung seiner Wunde mit dem König Heinrich von Navarra nach Pau übergesiedelt und im Begriff gewesen sei, in sein Vaterland zurückzukehren, als der schreckliche Sturm ihn überraschte und im Golf Schiffbruch erleiden ließ.

Er erklärte, daß er dem römisch-katholisch-apostolischen Glauben anhinge, und obgleich niemand religiöse Gespräche anregte, so hütete er sich doch wohl, ihnen aus dem Wege zu gehen und schloß immer damit, daß er von allen verlangte, sie sollten um seine schnelle Wiederherstellung zu Gott beten. Aber der Tod war ihm nicht fern, die Schußwunde hatte seine Lunge verletzt und durch das Entsetzen und die Qualen des Schiffbruchs war eine Krankheit entstanden, die wir heute die galoppierende Schwindsucht nennen und die ihn vor den Augen aller dahinraffte, ohne daß er sich dessen bewußt war. Er sprach im Gegenteil auffallend viel von der Rückkehr in sein Vaterland, wo seiner Aussage nach für ihn die schönsten Hoffnungen in Erfüllung gehen sollten.

Endlich kam der fürchterliche Augenblick heran, in dem man es für eine Notwendigkeit ansah, ihm mitzuteilen, daß sein Ende herannahe, und er sich darauf vorbereiten müsse, als guter Katholik zu sterben. Diese verhängnisvolle Nachricht übermittelte ihm Boucker-Barthon, und nun spielte sich eine fürchterliche Szene ab. Der unglückliche Ritter sprang, rasend vor Wut, mit übermenschlicher Kraft aus dem Bett und fing an, nach seinem Degen zu schreien, um sich gegen die elenden Pfaffen, die elenden Bartholomäusmörder zu verteidigen, die ihm Gift beigebracht hätten, um ihn langsam zu töten.

Auf dieses Geschrei hin lief das ganze Haus herbei, und in ihrer aller Gegenwart erklärte er, indem er noch immer nach seinem Schwert schrie, daß er kein Katholik, sondern ein Hugenotte sei, und daß er seine Religion nur deshalb verheimlicht habe, weil ihm das als Mittel erschienen sei, sich in dem verfluchten Spanien vor den Jesuiten und den Pfaffen zu retten; aber nachdem man ihn verräterisch hingemordet und mit Tee vergiftet habe, eröffne er hiermit allen und einem nach dem andern, daß er die Kugel, die er in der Brust trüge in Paris in der fürchterlichen Bartholomäusnacht bekommen habe, als er das Leben des Admirals Coligny gegen die katholischen Mörder verteidigte, wie er auch jetzt sein Leben gegen alle anwesenden Mörder verteidigen würde, wenn in ihnen durch den Katholizismus nicht der letzte Rest von Ritterlichkeit erstorben wäre und sie ihm einen reichen wollten. Danach befiel ihn eine gräßliche Schwäche, die man, überzeugt, daß er deliriere, dazu benutzte, ihn wieder ins Bett zu bringen. Er hatte dies alles auf englisch gesprochen, so daß nur Boucker-Barthon ihn hatte verstehen können. Dieser bemühte sich vergebens, seine Wut zu beschwichtigen und ermahnte ihn, versöhnt mit seinem Gott, der stets zur Barmherzigkeit geneigt sei, zu sterben. Aber der Sterbende, der schon regungslos dalag, blickte ihn mit erbittertem Haß an und öffnete nur seine Lippen, um die Anwesenden zu verfluchen und Gotteslästerungen gegen den Papst und seine Kirche, die heilige Jungfrau Maria und die heilige Hostie auszustoßen.

Diese Nachricht drang wie ein Lauffeuer durch das Dorf und verbreitete Schrecken und Entsetzen bei Männern und Frauen, und das erregte Volk, dessen Phantasie durch den Haß gegen die Protestanten und die jüngste Katastrophe der siebzehn im Meer umgekommenen Schifferleute besonders erhitzt und gereizt war, glaubte so fest wie an das Evangelium, daß das ein Strafe Gottes dafür sei, daß sie den Hugenotten in ihrem Dorf beherbergt hatten, und rasten truppweise in das Schloß, bereit, ihn aus dem Bett zu reißen und in das Meer zu werfen, als Beschwörung gegen neue Stürme und als Entgelt für die Seelen der Schiffbrüchigen. – Don Pedro von Zaraus sah sich gezwungen, in eigener Person den Aufruhr zu beschwichtigen, und das tobende Volk zog sich wütend und murrend zurück und drohte, nach dem Begräbnis, das nicht an geweihter Stelle sein dürfe, dem Leichnam des Hugenotten das anzutun, was ihnen dem Sterbenden anzutun verwehrt wurde. Stundenlang dauerte darauf die Todesqual des Unglücklichen, und erst bei Tagesanbruch hauchte er sein Leben aus, ohne etwas anderes als Gotteslästerungen und Flüche ausgestoßen zu haben.

Dem erregten Volk wurde der Tod einen ganzen Tag verheimlicht, um Ausschreitungen zu verhüten. Und erst um Mitternacht trug man den Leichnam mit der größten Verschwiegenheit hinaus und begrub ihn; einige sagen, unterhalb des Balkons am Schloß, dort, wo heute der Park liegt, andere behaupten am Ufer, wieder andere, und diese sind vielleicht am meisten im Recht, daß er in demselben blauen Salon beigesetzt wurde, in dessen dicker Mauer man eine sorgfältig verdeckte Nische angebracht hätte.

Darauf verbreitete man, um das Verschwinden des Leichnams zu erklären, das Gerücht, daß der Teufel ihn entführt hätte; das leichtgläubige Volk beeilte sich, diese Auslegung nachzuerzählen, und so wurde die Legende von Generation zu Generation weitererzählt.

–  –  –  –  –  

Ich atmete endlich einen Augenblick auf. Von allen Schlacken befreit, lag die Legende vor mir und die beglaubigte historische Tatsache sah ich nun klar vor Augen. Es fehlten mir nur noch die Beweise für die fürchterliche Vision im blauen Zimmer, und dieser Gedanke erschreckte und reizte mich zu gleicher Zeit und erregte gewisse Skrupel in mir, da er mir fast tollkühn erschien. Dennoch griff ich ihn immer wieder auf und verwarf ihn ebenso oft wieder, nahm ihn von neuem auf und wies ihn wieder zurück.

So machte ich es vom Monat Mai, als ich meine Nachforschungen abschloß, bis zum September, da ich in Cestone Brunnen trinken sollte. Ich fand meine Freunde seit Anfang des Sommers in ihrem Schloß installiert, und schon am 10. September kam ich in den Badeort an, der ungefähr halbe Stunde von Zaraus entfernt liegt. Bald darauf besuchten mich die beiden ältesten Söhne meines Freundes, P. und X., um sich von mir zu verabschieden, bevor sie nach Biarritz gingen. Dies war die Gelegenheit, die ich mir schon lange gewünscht hatte. Nachdem die beiden Brüder fort waren, war die ganze Flucht von Zimmern, vom blauen Salon bis zu X.s Zimmer unbewohnt und so konnte ich nach Herzenslust meine Nachforschungen anstellen, ohne daß ich zu fürchten brauchte, jemanden zu stören.

Ich begab mich also eines Morgens nach Zaraus in der Absicht, hier zu schlafen und erst am nächsten Morgen nach Cestone zurückzukehren, sei es als Sieger oder als Besiegter, jedenfalls aber mit der Erklärung des fürchterlichen Geheimnisses. Ich wollte zugleich am hellen Tage jene Zimmer im voraus einer genauen Prüfung unterziehen und meine Vorkehrungen treffen.

Ich fing meine Untersuchung im blauen Salon an und fand ihn genau so, wie ich ihn ein Jahr vorher verlassen hatte. Der Patriarch Jakob schlief und die beiden berühmten Bilder schienen auch zu schlafen, nicht ahnend, daß ich mich während meiner Abwesenheit mit ihrer ganzen Ahnenschaft aufs lebhafteste beschäftigt hatte.

Ich geriet in Versuchung, der Äbtissin tausend Entschuldigungen zu sagen wegen der schlechten Meinung, die ich mir über sie gebildet hatte. Diese Dame trat erst lange Zeit nach der Hugenottentragödie in Erscheinung und stand in keiner Weise in Verbindung mit dem fürchterlichen Ereignis.

Sie hieß Donna Micaela de Aguirre – in ihrem klösterlichen Leben Schwester Micaela vom heiligen Sakrament. Sie war 1603 geboren und starb mit dem Rufe einer Heiligen im 76. Lebensjahr in Valladolid als Priorin eines Klosters der Dominikanerinnen. Was den Ritter des 16. Jahrhunderts anbetrifft, so wich der Bericht über ihn sehr von der Wirklichkeit ab, denn er war kein Geringerer als Don Miguel von Zaraus selbst, der Zuschauer und Mitwirkende des Dramas aus dem blauen Zimmer, der einzige, der um das Geheimnis wußte.

So nahm ich auch das Inventar des Hauses auf, wobei ich konstatierte, daß die reiche goldene Kette, die Karl V. auf seinem Bildnis trug, diesem von seinem Großvater Don Juan von Zaraus nach der Schlacht von Mühlberg geschenkt und zum Familiengut gemacht worden war.

Ich suchte auch in meinem Zimmer die geheime Tür, von der Pater L. mit mir gesprochen hatte, und fand sie in der Tat hinter einer Chaiselongue versteckt, die dem Kamin gegenüber und dem Bett parallel stand.

Der Tag verging rasch in der angenehmen Gesellschaft jener Herren, und je mehr die Nacht herankam, desto mehr bemächtigte sich meiner eine gewisse unruhige Sorge und eine Art Reue, weil ich mir manchmal wie ein Mensch vorkam, der im Begriff steht, sich einer unverzeihlichen Anmaßung schuldig zu machen. Ich zog mich zur gewohnten Stunde in die Betkapelle zurück, betete dort das Kompletorium und erfüllte meine abendlichen geistlichen Pflichten.

Ich ging in mein Zimmer und stellte wieder alles so her, wie es im ersten Akt des Dramas gewesen. Weit öffnete ich die Tür des blauen Zimmers, das ganz dunkel war, und auch die Tür meines Balkons und diejenige zu P.s Zimmer. Dann, gewissermaßen um meinen Mut zu beweisen, und als Herausforderung des unsichtbaren Feindes, schob ich kühn die Chaiselongue fort, die den Eingang verdeckte, und öffnete die Tür. Nachdem dies alles geschehen war, setzte ich mich mit einer gewissen nicht erheuchelten Ruhe nieder und fing an, ein Werk über das Leben berühmter Männer von Plutarch zu lesen, das ich mir vorsorglicherweise aus der Bibliothek mitgenommen hatte. Ich wollte mich vollständig frei machen von meiner Zeitepoche und der der Hugenotten und flüchtete mich in eine andere, weiter zurückliegende, damit meine Phantasie in keiner Weise teilhabe an dem, was hier vor sich gehen sollte.

Schon begannen die Berichte und Erzählungen, die der gute Plutarch uns von jenem Zeitalter gibt, mich zu fesseln, als eine große Bronzeuhr, die auf dem Kamin stand, mit raschen, metallenen Schlagen Mitternacht verkündete. Ich gestehe, daß mich in dieser klassisch gewordenen Geisterstunde eine Furcht durchzitterte, ähnlich jenem leichten Schauer, wie er uns bisweilen in einem gut temperierten Bade überläuft. Ich blickte trotzdem immer auf den dunklen Eingang des blauen Saales und blieb, den Blick fest darauf geheftet und ohne zu atmen, regungslos da sitzen, bis einige Momente später von neuem in der Kirche langsam und dröhnend die zwölf fürchterlichen Glockenschläge ertönten.

Nirgends regte sich etwas, aber von dem Moment an empfand ich etwas Seltsames, das mich verwirrte und nervös machte. Ich habe niemals das Ticken einer Uhr in der Stille der Nacht hören können, ohne an diesen Rhythmus eine gewisse Melodie, fast immer eine vulgäre, zu knüpfen, die sich mir im Ohr festsetzt, meine Aufmerksamkeit ablenkt und mir ins Gehirn dringt; in einem solchen Augenblick hat die Kaminuhr in meinem Gedächtnis mit lastender Schwere eine Erinnerung wachgerufen, die hier schon jahrelang begraben war.

Ich habe in meiner Kindheit einst eine Zauberkomödie gesehen: »die Auktion des Teufels«, das Entzücken und die Begeisterung aller Kinder. Der Held war ein gewisser Blasillo, der nach einer Reihe von Abenteuern in eine Situation geriet, ähnlich der, in welcher ich mich jetzt befand. Er befand sich in der Ahnengalerie eines Schlosses; als es zwölf schlug, öffneten plötzlich alle Bilder den Mund und sangen mit monotoner Stimme im Chor:

Wenn du es zwölf
Von allen Glocken
In deinen Ohren
Schlagen hörst,
Werden die Hexen
Aus allen Ecken
In diesem Raume
Schleichen daher.
Dann Blasillo –
Mit wütenden Krallen
Zerkratzen, zerfleischen
Sie dir das Gesicht.
Und wie ein Drachen
Auf einem Besen
Mit dir dann jagen sie
Weit durch die Luft.

Der arme Blasillo, der gerade so entsetzt ward, wie ich an seiner Stelle gewesen wäre, sagte, indem er sich in seinen Mantel hüllte:

»Was hab' ich Armer
Doch für Furcht!«

Und die Bilder antworteten, seine Gedanken erratend:

»Was hat der Arme
Doch für Furcht!
hi, hi, hi, hi!«

Bei den zwölf Schlägen der Kaminuhr trat jenes Konzert mit seinem Schlußreim in mein Gedächtnis und blieb mir mit so quälender Beharrlichkeit im Ohr haften, daß ich mich, fast außer mir vor Erregung und Nervosität, in P.s Zimmer zurückzog, um so doch ein wenig jenem aufdringlichen Ticken zu entfliehen und von dort aus alles zu beobachten, was sich im blauen Saal zutrug.

Ich fuhr darauf in meiner Lektüre fort und vermochte nichts dagegen zu tun, daß Blasillos Klagelied

»Was hab' ich Armer
Doch für Furcht!«

noch immer die heidnischen Tugenden Tatos durchklang und daß die tiefsinnigen Beobachtungen des Geschichtsschreibers mit dem Chor von Bildern, die meine Phantasie mit der Dominikanerinnonne und Don Miguel von Zaraus verband, identisch wurden.

»Was hat er Ärmster
Doch für Furcht!
Hi, hi, hi, hi.«

Plötzlich ertönten leichte Schritte in meinem Zimmer, die den Fußboden nur zu streifen schienen, und ich erblickte den schönen Foxterrier Back, der anscheinend hier an dem Lieblingsplatz seines abwesenden Herrn weilte. Ich muß gestehen, daß diese unerwartete Gesellschaft mir höchst angenehm war, und so rief ich das Tier, streichelte und liebkoste es und ließ den Hund sich an meiner Seite niederlegen.

Eine Stunde verharrte ich so in ängstlicher Erwartung, ohne daß die schreckliche Spannung meiner Nerven nachgelassen hatte, als ein anderes seltsames Geräusch ertönte, von dem ich nicht mit Bestimmtheit sagen kann, ob es aus dem blauen Saal oder aus einer Ecke meines Zimmers drang. Mein Herzschlag stockte einen Augenblick, und ich warf instinktiv einen Blick auf Back, der hatte sich nicht gerührt, sondern nur schnuppernd den Kopf gehoben.

Und bald darauf ertönte das Geräusch in kleinen Pausen wieder, es war wie Zähneknirschen, das in der Stille der Nacht doppelt unheimlich klang ... Ich hielt den Augenblick für gekommen und gestehe meine Schwäche; es war nicht nur ein Erschauern aus Furcht, sondern fast eine völlige Lähmung, die mich überfiel. Trotzdem erhob ich mich, und indem ich mich nach meinem Zimmer wandte, hieß ich Back vorangehen und ermunterte ihn stets mit den Worten:

»Such, Back, such!«

Back ließ sich das nicht zweimal sagen, ging dicht neben mir her, abwechselnd am Boden und in der Luft schnüffelnd ... Von meinem Zimmer aus sah ich den blauen Saal vor mir, schweigend und dunkel wie die Öffnung einer Höhle, und hörte deutlich das seltsame Geräusch, das mir damals wie das Krachen und Klappern von Knochen im Innern des geheimen Ganges erschienen war. Die Türe hatte sich von selbst geschlossen, und als ich die Hand ausstreckte, um sie zu öffnen, schien mir das verwünschte Ticken der Uhr mit sicherlich nur allzugroßer Berechtigung zuzurufen:

»Was hat er Ärmster
Doch für Furcht!
Hi, hi, hi, hi.«

Dennoch öffnete ich sie mit Wucht und entdeckte auf dem Boden hingekauert Toby, den anderen Foxterrier von X., der der intelligenteste und naschhafteste Hund war, den ich jemals im Leben traf. Ich sah, wie er einen schwarzen Gegenstand vor sich herrollte, der so groß war wie meine Handfläche, und den ich zuerst für zwei kleine Hörner hielt, die oben zusammengenommen waren, ähnlich denen, die die Dämonen in Michelangelos »Das Jüngste Gericht« tragen.

Ich bückte mich, um den seltsamen Gegenstand aufzuheben, und da kam mir ein übler Geruch entgegen ... Ich stieß mit dem Fuß daran, um ihn in den Kreis des Lichtscheines zu bringen, und erkannte zwei Kalbsfüße, aus denen der Koch wahrscheinlich Sülze gemacht hatte... Ich stieß sie nun mit der Spitze des Fußes vorwärts, um sie über den offenen Balkon hinüberzuwerfen, und Toby schritt neben mir her und gab seiner verlorenen Beute verdrießlich das Geleit... Als sie in den Park fiel und in der Dunkelheit verschwand, blickte der Hund mich an und ich den Hund, und ich glaube, wir fingen beide an zu lachen...

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