Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Luis Coloma >

Gottes Hand

Luis Coloma: Gottes Hand - Kapitel 12
Quellenangabe
pfad/coloma/gotthand/.gotthandxml
typenarrative
authorLuis Coloma
titleGottes Hand
publisherJosef Habbel
printrunVierte Auflage
translatorElse Otten
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090919
projectid035f2469
Schließen

Navigation:

»Er war ein Heiliger«

I

In X gibt es einen großen elliptisch geformten Platz, der den Namen: »Salon der Königin« führt. Er ist mit kleinen genuesischen Steinchen gepflastert: breite und bequeme Steinbänke mit eisernen Rückenlehnen umgrenzen seine Biegung, und vier kleine weiße Marmorstatuen auf großen schwarzen Sockeln schmücken die vier Eingänge. Er wird von Orangenbäumen und riesengroßen Palmen mit aufstrebenden Stämmen und schwachen Kronen eingefaßt; in geringen Abständen sprudelt je ein Wasserstrahl in die großen, mit Veilchen geschmückten Marmorbecken, deren Duft mit dem Geruch der Orangenbäume, der Sonnenglut und der frischen Kühle des Wassers die Spaziergänger entzückt und in ihrer Phantasie arabische Minarets, maurische Gewandungen und Erinnerungen an die Alhambra wachruft. Zu diesem prächtigen Bilde formt der blaue andalusische Himmel ein wunderbares Dach, wie ein weißes Segeltuch die eleganten Höfe von Sevilla bedeckt, die sich während der heißen Sommernächte in eine luftige Estrade verwandeln.

Am 1. November wurde alljährlich, alten Traditionen entsprechend, im »Salon der Königin« der Einzug des Winters gefeiert. Zwei Militärkapellen spielten abwechselnd von 1 bis 3 Uhr nachmittags: wohltätige Vereine vermieteten eiserne und hölzerne Stühle, und Herren und Damen gingen hier mit jener Steifheit und Feierlichkeit einher, mit der die Vornehmen aus der Provinz, froh der günstigen Gelegenheit, die aus der Fremde überbrachten Toiletten öffentlich zur Schau zu tragen pflegen.

Große Volksmengen stauten sich draußen und umringten die Leinwandzelte, in denen die Verkäufer der Winterfrüchte gleichzeitig die Eröffnung des Marktes und das »Allerheiligen«-Fest feiern. In dürftigen Buden lagen süße Gebirgssicheln, schöne Galerosa-Kastanien, weiche Nüsse, Bornoser Quitten, Rondaer Birnen, Malagaer Batates aufgestapelt, die unter der unscheinbaren Hülle ein weiches Innere verbergen und imstande sind, mit der vornehmen Ananas zu wetteifern. Und zwischen diesen Landleuten und Bauern, die alle, sei es en gros, sei es en détail, ihren Handel trieben, streiften Schwärme eleganter Kinder, von Kindermädchen oder Dienern begleitet, mit kleinen Säcken auf dem Rücken umher, um die traditionellen »Allerheiligen« einzukaufen.

Der Tumult hatte seinen Höhepunkt aus dem Markt und der Promenade erreicht, als ein Schauder sich der Menschenmenge zu bemächtigen begann, wie es einen Menschen, der in ein lauwarmes Bad steigt, vom Kopf bis zur Zehe durchrieselt. Plötzlich war aus einer Nebenstraße ein Chorknabe aufgetaucht, der ein Kreuz in den Händen hielt, ihm folgte eilends ein Priester mit Chorhemd und brauner Stola, er trug das heilige Öl in einer kleinen Tasche über der Brust. Die Menge wich, von Furcht und Ehrfurcht erfaßt, jäh zurück, um dem düstern Paare Platz zu machen, das rasch durch die Halle schritt, in eine andere Nebenstraße einbog und in dem Flur eines stattlichen Hauses verschwand, hinter sich die Spur des Entsetzens zurücklassend, ähnlich wie ihn ein schreckenerregender Gedanke in einem Gehirn hinterläßt.

»Das heilige Öl!« rief das Volk erschreckt.

»Die Ölung!« wiederholten scheu die Vornehmen: und der Gedanke, daß ein Christ im Sterben lag. verscheuchte jedes Lächeln, ließ jede Unterhaltung verstummen, denn er erweckte jenes Gefühl egoistischer Frömmigkeit, das die meisten Menschen angesichts eines Unglücks empfinden, dem sie heute entronnen sind, das sie aber schon morgen treffen kann. Trotzdem gewann der Ort rasch wieder ein lustiges Aussehen; die Lebhaftigkeit, die einen Moment gestockt, ergoß sich von neuem wie ein Strom, der sein Bett ausfüllt, und die, welche sich des Lebens freuten, vergaßen den mit dem Tode Ringenden, als dachte jeder von ihnen an die bitteren Worte des Dichters:

Lachend erstick' ich den folternden Schmerz;
Was kümmert ein Toter das grausame Herz?

Inzwischen war der Priester eilig durch den einsamen Vorhof des Hauses geeilt, die Treppe hinaufgestürmt und in ein leeres Vorzimmer gelangt, von wo aus er eilige Schritte, unterdrücktes Schluchzen und hastiges Türzuschlagen vernehmen konnte. Eine Dame im Straßenanzug stürmte mit allen Zeichen des Entsetzens an ihm vorüber: durch die gegenüberliegende Tür verschwand ein Dienstmädchen mit zwei Kindern, im Alter von sechs und acht Jahren, die eben von ihrem Spaziergang zu kommen schienen und sich ängstlich, starr vor Schreck, an den Rockfalten des Mädchens hielten, mit ihren Händchen die klassischen Säckchen von »Allerheiligen« krampfhaft umklammernd.

Alles deutete darauf hin, daß sich in diesem Hause einer jener Unglücksfälle ereignet hatte, die plötzlich und schreckenerregend wie der Blitz zu kommen pflegen.

Der Priester blieb einen Augenblick im Zimmer stehen, unschlüssig, durch welche der verschiedenen Türen er eintreten sollte.

»Hier, hier, Hochwürden!« rief eine leise Stimme.

Der Priester wandte sich dorthin, von wo die Stimme kam, und befand sich, nachdem er ein anderes kleines Zimmer durchschritten hatte, in einem Alkoven, aus dem ein starker Ammoniakgeruch ihm entgegendrang. Er überschritt die Türschwelle und sprach die Worte der Heiligen Schrift: » Pax huic domui«

Auf diesen Friedensgruß antwortete der grelle Schrei einer alten Frau, um die ein junges weinendes Geschöpf und ein mehr erschreckt als erregt aussehender Mann sich mühten und sie in jenem Augenblick halb ohnmächtig durch eine Ausgangstür in eine andere Kammer zu schleppen versuchten. Im Alkoven lag auf einem Bett ein alter Mann, während neben ihm ein junger Mensch saß, bleich wie der Tod, aber vollständig ruhig. Der Alte lag halb angekleidet ausgestreckt auf der Bettdecke, mit einem totenbleichen, stellenweise dunkelblau unterlaufenen Gesicht, den Körper vollständig auf die linke Seite geneigt; ängstliches Stöhnen entrang sich seinem halbgeöffneten Mund und ein bis zum Ellbogen entblößter Arm zeigte die von einer Lanzette hinterlassene Wunde. In einem auf dem Fußboden stehenden Waschbecken waren Blutstropfen; daneben drei heiße Ziegelsteine, Krüge mit kochendem Wasser, verstreute Senfpflaster und zwischen Büchsen von Coldcrem und kosmetischen Mitteln standen zwei geöffnete Flaschen mit Ammoniak auf einer Waschtoilette, auf der ein Rasiermesser in einem Futteral, frischer Seifenschaum und ein Rasierpinsel unordentlich durcheinander geworfen waren. Auf der gegenüberliegenden Seite lag auf einem Sofa ein Frack von tadellosem Schnitt, auf einer Marmorkonsole das große, gelbweiße Ordensband »Isabella der Katholischen«, und in einem russischen Lederfutteral glänzte der dazu gehörige Orden.

Der Priester näherte sich ohne Zögern dem Sterbenden, erfaßte seine Hand und rief ihm ins Ohr: »Don Benito, Don Benito! Hören Sie mich?«

Der alte Herr antwortete nicht und gab kein Lebenszeichen von sich. Der Priester hob ihm ein Augenlid und beobachtete seine gläserne Pupille in den tiefen Augenhöhlen: die Sehkraft schien völlig geschwunden.

»Höchste Zeit!« murmelte er.

Und das Gefäß mit dem heiligen Öl auf den Tisch legend, auf den er hastig zwei Kerzen und ein Kruzifix gestellt hatte, fing er an die Gebete zu sprechen, die der Letzten Ölung vorangehen; das Sakrament, mit dem die Kirche ihre sterbenden Kinder entläßt, mit dem sie sie wäscht und zur großen Reise stärkt, indem sie sie mit dem heiligen Öl, dem Symbol der göttlichen Reinheit, versieht. Der Jüngling lauschte stehend, ohne sich zu regen, bis der Priester den Sterbenden zu salben anfing; er half ihm, ohne seine Gelassenheit dabei einzubüßen, bedeckte die entblößten Füße des Alten, drehte seine Handflächen nach außen und hob seinen Kopf, als die Sinne seines verzerrten Antlitzes gesalbt werden sollten.

Als die Zeremonie beendet, näherte der Priester sich dem jungen Manne und fragte ihn, ob der Beichtvater des Sterbenden im Hause wäre. Der Jüngling schüttelte verneinend den Kopf.

»Ich werde sogleich hierher zurückkehren,« setzte der Priester hinzu, »um die Gebete für die Seele des Sterbenden zu verrichten. Es wird sich einige Stunden hinziehen.«

Der Jüngling nickte wieder schweigend und vergrub sein Gesicht in die Kissen, berührte mit seiner Stirn die Stirn des Alten und legte ihm die Hand aufs Herz, dessen Schläge immer dumpfer und hohler klangen.

Der Priester zog sich langsam zurück, ohne daß ihn jemand begleitete. Darauf traten die Alte und das junge Mädchen, der erschreckte Herr und die erschreckte Dame durch verschiedene Türen herein und umringten, sich über ihn neigend, das Bett des Sterbenden.

Alle weinten, aber niemand betete.

II.

Und trotz alledem konnte Don Benito Morales dem Tode entgehen, der zweifellos vor den Tränen jener musterhaften Kinder und jener verzweifelten Gattin zurückwich, und mit seiner knöchernen Hand nur die Hälfte der Beute mit sich nahm. Nur die eine Körperseite Don Benitos erlangte das Leben wieder; die andere blieb seit jenem plötzlichen Anfall völlig gelähmt; und in jenem in Decken und Mäntel gehüllten Gespenst, das vor vierzehn Tagen aus dem Bett gestiegen war, um traurig grübelnd auf einem Polsterstuhl am warmen Ofen zu sitzen, hätte wohl niemand jenen herausgeputzten Alten wieder erkannt, der Stunden und Stunden brauchte, um sich die Perücke aufzusetzen, die Augenbrauen zu schwärzen und den altmodischen Coradinobart zu pflegen. Denn sein Geist, der alles von den Schatten des nahen Todes verdunkelt sah, war völlig gebrochen. Der Tod hielt seine Sense erhoben, ohne sie wieder fortzunehmen, und drohte noch immer, seit er sich zum erstenmal angemeldet hatte. Mehrere medizinische Kapazitäten wurden konsultiert und alle stimmten darin überein, daß ein zweiter Anfall nicht lange auf sich warten lassen würde, daß er ebenso plötzlich kommen würde wie der erste, und daß, nachdem der Tod schon die Hälfte des Weges zurückgelegt hätte, Don Benito zum zweitenmal nicht aus seinen Klauen zu retten sein würde.

Dieser fürchterliche Ausspruch versetzte die ganze Familie in die tiefste Trauer. Sie wurde durch eine jener überzärtlichen Empfindungen rein sinnlicher Natur verbunden, die fast heidnisch genannt zu werden verdienen, da ihnen jeder geistige Gehalt fehlt.

Dem ersten Arzte war die Aufgabe zuteil geworden, der Familie diese Mitteilung zu machen, die ängstlich dem Ausgang der Konsultation entgegensah. Da war Frau Morales, die kleine Frau Tula, die ihr Schwiegersohn Sancho Ortiz mit seinem unverständlichen andalusischen Akzent und seinem ausgelassenen Humor folgendermaßen charakterisierte.

»Meine Schwiegermutter? Ein verzuckerter Pfefferstrauch. Saugt man nur ein wenig daran, ist es der reine Zucker ... Spricht man schlecht von ihr ... da sprüht sie Funken.«

Sancho Ortiz, ihr Schwiegersohn, war neckisch wie ein Kind, männlich schön wie ein griechischer Antinous, gewandt wie ein Stierkämpfer, dessen frohes Schwatzen und beispiellose Keckheit ihn zugleich anmutig und aufdringlich, sympathisch und übermütig machten. Und dann seine Frau, die zweite Tochter Donna Tulas, die noch jetzt, obgleich sie schon Mutter von zwei Kindern war, ebenso verliebt in ihren Gatten schien wie am ersten Tage der Ehe, und dadurch den lebenden Beweis bildete, daß die Ehe nicht das Grab der Liebe ist. Neben ihrer Mutter und fest an sie geschmiegt, saß Lolita, die älteste Tochter, eine alte Jungfer, die keine Aussicht hatte, sich noch zu verheiraten, da ihre Mutter aus falsch angebrachter Rücksicht, um dem Kinde Schmerzen zu ersparen, es unterlassen hatte, eine doppelte Zahnreihe in ihrer Kindheit zu beseitigen.

In einem weiter abgelegenen Winkel des Zimmers saß mit überschlagenen Beinen, verschränkten Armen und gesenktem Kopfe der ernste, schweigsame Lorenzo, der einzige männliche Sproß der Morales, den wir bereits neben dem Bett seines sterbenden Vaters gesehen haben.

Bei dem fürchterlichen Ausspruch, den die Ärzte einstimmig getan hatten, stieß Donna Tula einen gellenden Schrei aus und schalt die Ärzte Schafsköpfe, da sie ihrem Mann nicht helfen konnten, der ihrer Ansicht nach – sie war gewohnt, stets nur das zu sehen, was sie sehen wollte, – nur an einem vorübergehenden Rheumatismus litt. Die Töchter stimmten in ihr Schreien und Weinen ein, aber nicht in die den Ärzten beigelegten Epitheta. Lorenzo stützte seinen Ellbogen auf den Tisch vor sich und vergrub seine bleiche Stirn in den Händen. Sancho Ortiz sprach kein Wort, blickte zur Decke empor und kratzte sich den Kopf.

Die empörte und verzweifelte Donna Tula schlug Bäder, Massage und Douchen vor. Ihr war alles recht, wenn sie nur nicht die Hoffnung aufgeben mußte, ihren Benito zu behalten. Der Arzt verabschiedete sich schließlich kühl und ärgerlich, und Sancho sagte, ein Bein über das andere schlagend, mit seiner natürlichen Frische: »Ärgern Sie sich nicht ... Wenn es nachher zu Ende geht, ist vielleicht keine Totenwache da, und stirbt er, wenn man es am wenigstens vermutet, dann ist es schon am richtigsten, den Pfarrer vorher zu benachrichtigen, damit er uns nicht unter den Händen ohne die Sakramente wegstirbt.«

Als Donna Benita dies hörte, machte sie ein entsetztes Gesicht und verhüllte ihr Antlitz mit einem Taschentuch: die erschreckte Lolita umarmte ihre schluchzende Mutter. Lorenzo hob die gesenkte Stirn und sah seinen Schwager empört an, während Donna Tulas Augen leuchteten und mit zitterndem Doppelkinn schrie sie: »Schweig, schweig,... du Ketzer! Willst du ihn mir umbringen? Ich weiß wohl, daß du kein Herz hast; du bist nicht von seinem Blut.«

Sancho Ortiz erhob sich mit zornbleichen Lippen, nahm seinen Hut und sprach: »Dann sage ich nichts mehr .. Ihr verzeiht ... Meinetwegen soll er sterben, wie er Lust hat –«

Donna Tula schwankte zwischen dem Kummer über ihren totkranken Gatten und dem Zorn über die Roheit ihres Schwiegersohnes und die Unwissenheit der Ärzte.

Während Benita ihren Gatten verteidigte, stand Lolita ihrer Mutter bei, und der Streit hätte sich noch lange hingezogen, wenn der junge Lorenzo ihm nicht kurzer Hand durch den Vorschlag, so rasch als möglich den berühmten Doktor Don Nicodemedes Peroleges aus Sevilla kommen zu lassen, ein Ende gemacht hätte.

Inzwischen war Sancho, nachdem er sich mit seiner Schwiegermutter gezankt hatte, nach dem Klub geeilt und hatte sich ins Lesezimmer gesetzt, wo die täglichen Hofberichte aufzuliegen pflegten. Mehrere ältere Herren näherten sich ihm und fragten ihn voller Anteilnahme nach dem Befinden Don Benitos.

»Er ist verloren, vollständig verloren,« erklärte Sancho, ›El Imperial‹ vor sich aufschlagend. »So nimmt Gott mir meinen Schwiegervater, während der Teufel mir meine Schwiegermutter läßt«

»Aber ist denn ein neuer Anfall dazu gekommen?«

»Noch ein neuer Anfall nach dem, den er heute gehabt hat, meine Herren? Die Ärzte haben heute eine Konsultation gehabt und erklärt, daß ein zweiter Anfall jeden Augenblick zu erwarten und daß er dann verloren ist.

»Vielleicht Doktor Nicodemedes?«

»Weder Doktor Nicodemedes noch Doktor Nicenades können Tote wieder aufwecken, Herr Roque ... Es wird nichts anderes übrig bleiben, als ihn zu begraben und auf seinen Grabstein folgende portugiesische Inschrift setzen zu lassen:

Hier ruht er in dem Grab, dem stillen,
Er starb ganz gegen seinen Willen!

»Weiß die Familie das schon?«

»Natürlich weiß sie es! Und eine Aufregung war in dem Hause, weil ich den Priester holen wollte, daß mir meine Schwiegermutter, wenn ich nicht rasch zur Tür gelaufen wäre, sicher noch die Augen ausgekratzt hätte. Jesus, wie grausam können doch Frauen sein!«

»Das glaube ich schon ... da sie sich sehr liebten.«

»Aber es ist barbarisch, Don Roque, geradezu barbarisch, wie sie sich lieben. Denn meiner Ansicht nach ist bei so viel Liebe und Zärtlichkeit das erste, daß man den Pfarrer holen geht ... Barbarisch! Wenn einer im Hause einen Schnupfen hat, müssen sich alle ins Bett legen, um zu schwitzen.«

»Aber, mein Lieber, sie fürchten, daß der arme Patient erschrickt.«

»Und scheint der Schreck Ihnen gering, wenn er plötzlich in die Ewigkeit plumpst?«

»Hört, hört,« sagte ein Herr ironisch, der daneben die Zeitung las. »wer hätte in Sanchito einen Neo-Katholiken vermutet?«

»Keinen Neo- und keinen anderen Katholiken,« entgegnete Sancho ärgerlich. »Die Neo sind mein Schwiegervater und seine Kaste. Ich bin nichts und kümmere mich auch um nichts. Aber ich habe es gern, wenn die Handlungsweise mit der Überzeugung übereinstimmt. Wenn ein Christ stirbt, so soll man ihm einen Pfarrer holen, und wenn ein Zigeuner stirbt, soll man eine Kuh bringen, damit er sich am Schwanz festhalten und ruhig sterben kann, denn was für den einen sechs sind, ist für den andern ein halbes Dutzend. Aber was ich bei diesen frommen Menschen nicht begreifen kann: sie halten eine Unmenge neuntägiger Andachten, schlagen sich grausam an die Brust, und kommt dann der Tod, dann ängstigen sie sich vor dem Pfarrer ... Zum Donnerwetter ... Wenn sie denn doch glauben, – warum dann nicht auch handeln ... Und wenn sie nicht handeln, was zum Teufel glauben sie dann?!«

III.

Doktor Nicodemedes Peroleges kehrte, nachdem auch er Don Benito aufgegeben und die Familie schon alle Hoffnung verloren hatte, nach Sevilla zurück: es wurde nun nur noch überlegt, wie man den dünnen Faden, an dem das geliebte Leben hing, am besten verstärken könnte, indem man jede physische Unbequemlichkeit und jede moralische Erregung, die ihn vorzeitig abschneiden könnte, nach Möglichkeit fern hielt. Man verheimlichte dem Kranken die Bedenklichkeit seines Zustandes und hielt ihn in dem Wahn, daß er nur an einem vorübergehenden Rheumatismus leide, den der kommende Frühling und der Brunnen von Ahama vollständig beseitigen würde; und da alle ihm stets ein Lächeln zeigten und von seiner hoffnungsfrohen Zukunft sprachen, gelang es für einige Tage, das niedergedrückte Gemüt des Kranken, der sich nur noch dunkel der entronnenen Gefahr entsinnen konnte, zu beleben.

Donna Tula wich nicht einen Augenblick von seiner Seite: sie saß auf einem niedrigen Schemel zu seinen Füßen, scheuchte ihm die Fliegen vom Bett, und indem sie all ihre Anmut und Liebenswürdigkeit aufwandte, erschien sie fast wie eine komische Alte, die sowohl die Rolle der zärtlichen Mutter als auch die der liebevollen Gattin zu spielen hatte. Aber sobald die unglückliche Frau die Schwelle jenes Zimmers, in dem stets eine freundliche Stimmung herrschte, hinter sich hatte, und sich mit ihren Kindern allein wußte, die denselben Kummer empfanden, und dieselbe Komödie spielten, war ihr Schmerz so tief, so aufrichtig und so ergreifend, daß sie wie das Bild der Witwe von Ephesus erschien, die bereit war, sich lebendig auf dem Grabe ihres Gatten verbrennen zu lassen.

Wenn man aus der Wohnung des Kranken trat, hätte man glauben können, von einem italienischen Frühling in einen sibirischen Winter versetzt zu sein. Draußen war alles tiefes Schweigen, unterdrückte Tränen, erstickte Seufzer und Vorsichtsmaßregeln, die – weil übertrieben und unnütz – das Lächerliche streiften. Man hatte Stroh auf die Straße legen lassen, damit der Straßenlärm den armen Kranken, der gegen jedes außergewöhnliche Geräusch sehr empfindlich war, nicht belästige; die Glocken seines Hauses hatten ihren Ton verloren, die Türangeln waren frisch geölt und bewegten sich leise in den mit Tuchleisten bekleideten Türspalten. Herrschaft und Dienerschaft gingen im Hause auf Gummischuhen umher, um jedes Geräusch zu vermeiden, und ein Portier, der immer als Schildwache auf dem Hof stehen mußte, veranlaßte alle die Menschen auf den Fußspitzen umherzugehen, die täglich kamen, um ihren Namen auf ein Papier zu schreiben, das über den wahrheitsgetreuen Zustand des Patienten berichtete, der sich der größten Sympathie der ganzen Bevölkerung erfreute. Der Anfall streckte Don Benito in dem Augenblick nieder, da er sich eines bedeutenden Rufes erfreute, von dem niemand sagen konnte, worauf er sich begründete, noch wodurch er ihn verdient hatte, der aber allen, die ihn genießen, zum bequemen Ruhepunkt wird, von dem aus sie ungestraft mit dem Ausdruck der Befriedigung im Gesicht den elenden Sterblichen die Hand reichen und das Wort des Dichters: »Die Freundschaft eines großen Mannes ist ein Geschenk der Götter« für sich in Anspruch zu nehmen scheinen.

Don Benito war wirklich der Abkömmling einer jener hervorragenden Männer aus der Provinz, die als Väter des zurückgekommenen Vaterlandes uns mit Wohltaten versorgen und am Ende ihres Lebens der Straße, in der sie sterben, ihren Namen hinterlassen, und in der Redaktion einer Lokalzeitung einen Plutarch finden, der mit Tränen in den Augen ihre Biographie auf eine mit einem Trauerrand versehene Seite der Geschichte niederschreibt. Don Benito war Dekan der Anwaltskammer, war sechsmal Geschworener, zweimal Abgeordneter der Provinz, einmal Stadtverordneter gewesen, Vorsitzender der Wohltätigkeitsvereine und Verteidiger der öffentlichen Ordnung, ein Apostel der Toleranz und gewissenhafter Hüter aller bestehenden Verhältnisse, über die, seiner Ansicht nach, einen dichten Schleier zu breiten die Klugheit gebietet.

»Ordnung!« rief jenes Muster eines Bürgers jedesmal, sobald eine Situation ins Schwanken geriet, und da Ordnung immer obenan und Unterordnung unten zu sein pflegt, mußte er naturgemäß, da er es immer mit der Ordnung hielt, auch immer die Führung behalten, und erinnerte so an eine Gliederpuppe, die ins Schwanken gerät, sobald man ihre Stellung ändert.

»Toleranz! Nur nicht die Leidenschaft reizen!« rief er verzweifelt aus, wenn die Gottlosigkeit mit der Kirche kämpfte, die Revolution den Thron untergrub und die Staatsdiebe die öffentliche Kasse bestahlen ... und wenn die Kirche den Kampf aufgab, der Thron zusammenstürzte und die Kaste sich bankrott erklärte, eilte der kluge Don Benito herbei, um die entsetzlichen Trümmer zu verhüllen.

Nur einmal erhob er Einspruch; nur ein einziges Mal überließ er ein Ereignis der öffentlichen Meinung, ohne einen dichten Schleier darüber zu breiten, ohne vor Entsetzen zu schaudern, obgleich er vor Wut kochte. Als die föderativen Andalusier sich empörten, ihm sein Haus in Brand steckten und ihm seine beiden Weinberge zertraten, ging Don Benito ganz ruhig nach Madrid, dem Mittelpunkt der bürgerlichen Ordnung, bat, flehte, drohte, intrigierte und erreichte endlich, daß sie ihm sein Haus wieder aufbauten, seine Weinberge wieder anpflanzten, ihm drei Verbündete zu Hilfe schickten, und ihn gewissermaßen als Garantie für die etwas düstere Zukunft zum Vizekonsul der Republik Nicaragua ernannten mit der ausdrücklichen Befugnis, bei dem geringsten Anzeichen einer Unruhe auf all seinen Besitzungen die dreifarbige Flagge hissen zu können, die seiner Persönlichkeit die weitgehendste Sicherheit gewährte.

Und Don Benito hatte sehr recht, denn seinen Ideen und seiner scharfen Logik widersetzten sich nur zwei Faktoren: die roten und die weißen Demagogen. Und dennoch, seitdem er zu der erhabenen Würde eines Konsuls gelangt war, würde er – und das versicherte er mit der Hand auf der Brust – lieber tausendmal umkommen, als ein Opfer der Roten zu werden, als sich ein einziges Mal den Weißen in die Arme zu werfen. Ach, er kannte sie so gut: er hatte im Jahre 1823 die auf einen Pfahl gebundenen Ohren eines liberalen Buchhändlers vorübertragen sehen, der aus seinem eigenen Besitz von den Royalisten herausgerissen wurde, die sich wie wilde Schakale in der Wüste auf ihn gestürzt hatten! Und wenn Don Benito von diesem traurigen Ereignis sprach, wenn er sich die falschen Zähne ausrenkte, um ein gutturales »A« hervorzubringen, und auf der letzten Silbe der Schakale einen Augenblick zu verweilen, sträubten sich die pomadisierten Haare seiner Perücke, als wollten sie sagen, daß es sich wirklich so verhielt, als wüßten sie noch sehr gut, wie sie sich damals beim Anhören des schimpflichen Spottliedes gesträubt hatten:

Pitita, mein Hühnchen,
Put, put, put –
Hoch die Inquisition
In dem Königshut!

Und alle waren verblüfft, und alle hörten ihm staunend zu, und er überzeugte sie alle, denn Don Benito war kein Mann der Leidenschaft, sondern der Vernunft; er war nicht berechnend, sondern überzeugt, und besaß jene eingewurzelte Überzeugung, zu der er nach und nach, Schritt für Schritt durch die Lehren der Erfahrung, die Zuchtrute des Unglücks und tiefe Menschen- und Sachkenntnis gelangt war.

Schon in seiner Jugend, als er, ohne eine Peseta in der Tasche, noch einer Stütze auf der Welt, vorübergehend in dem Bureau eines Notars beschäftigt war, kündigten seine revolutionären Ideen die sozialistischen Umtriebe an, die heute schon überwiegen. Als er später von einem Onkel, der durch den Verkauf kirchlicher Güter zum Millionär geworden, zum Universalerben ernannt wurde, schlugen seine politischen Ideen eine konservative Richtung ein, während seine religiöse Überzeugung jene umstürzlerische Färbung annahm, die dem Bannfluch der Kirche lachend trotzt. Dazu kam noch, daß die Kirche das Konkordat von 1851 bestätigte, und sich den Ausspruch: »sunt inquietandi« entschlüpfen ließ, der die Taschen jener gotteslästerlichen Diebe füllte, die ihr reuevoll zur Beichte kamen. Dann erwachte in Don Benitos Brust eine zarte und demütige Liebe zum Stellvertreter Christi; er erklärte sich als Paladin der Kirche nach den Vorbildern Konstantins und Karls des Großen, und feierte seine Zugehörigkeit zum Nachfolger von San Pedro: er nahm die päpstliche Bulle, veranlaßte seine Diener zur Teilnahme an der Totenmesse und zum Fasten, ging zu den heiligen Sakramenten, betete den Rosenkranz und verteilte, wenn er Sonntags aus der Messe kam, einen Beutel voll Silbermünzen an die Armen, die ihn scharenweise vor der Tür seines Hauses erwarteten. Bei alledem wußte er aber nicht, wer sein täglicher Beichtvater war.

Was fehlte also Don Benito zur Verbreitung seiner Ansichten in dem kleinen Kreise, auf den sich seine bescheidenen Wünsche beschränkten? Vielleicht die Verschwägerung mit einer jener Adelsfamilien, die ihn über die Achsel ansahen und mit spöttischem Lächeln auf die Zeit der Protokolle beim Rechtspraktikanten anspielten.

Und nur deshalb verheiratete Don Benito seine Tochter mit Sancho Ortiz de los Pinares, dem Abkömmling eines der ältesten Adelsgeschlechter. Irgend ein Ordensband auf dem gestärkten Hemd erhoffte er, wenn er, peinlich sorgfältig gekleidet, mit seinen 70 Jahren noch hochaufgerichtet die Wachskerze in der Hand an der Prozession des Corpus teilnahm, oder am Gründonnerstag die Kirchen besuchte. Und dann war er endlich für eine Reihe verdienstvoller Handlungen, geschickter Kombinationen und bar erlegter Summen durch die königliche Gnade mit dem Großkreuz Isabella der Katholischen geschmückt worden. Glücklicher Tag!

Es blieb ihm nichts anderes übrig, als sich zurückzuziehen und seine Enkel lesen zu lehren, wie der Syrakuser Dionysius die Kinder von Korinth, nachdem er Sizilien die Gesetze diktiert hatte. So konnte er sich ins Grab legen lassen mit seinem Ordensband auf der Brust und der Nachwelt zurufen: » Plaudite, cives

Aber das Schicksal schnitt seinen Absichten eine fürchterliche Grimasse: Don Benito sank drei Tage nach dem Empfang der königlichen Urkunde, die ihn den Exzellenzen einreihte, in demselben Augenblick zu Boden, als er sich Zum erstenmal das stolze gelbweiße Band umhängen wollte, um damit einem Diner bei dem Gouverneur der Provinz beizuwohnen, laut röchelnd, getroffen von dem ersten Peitschenhieb des Todes.

Und dabei glaubten die Alten, daß eine Lorbeerkrone die Schläfen vor dem Blitzstrahl schütze.

IV.

Frau Tulas liebevolles Herz hatte für ihre Familienmitglieder die zärtlichsten Kosenamen erfunden. Don Benito nannte sie Beni, Lolita Li, Lorenzo Renzo und Benita Rita, und als Sancho Ortiz in die Familie kam, und die hohen Wellen schwiegermütterlicher Liebe über ihm zusammenschlugen, wußte sie mit der Geschicklichkeit eines Philologen, der der Stammwurzel eines griechischen Verbs nachforscht, von Sancho auf Sanchito, von Sanchito auf Sanchin und von Sanchin auf ein süßeres Chito abzuleiten.

»Jesus, wie widerlich ist diese Frau,« sagte der derbe, kecke Sancho. »Wenn ich sie sprechen höre, ist mir immer, als wenn ich Honig aus einem mit Talg eingeschmierten Schlauch trinke.«

Und daher die tiefe Abneigung des Windhundes gegen den Hasen, der eingewurzelte Krieg der Katzen und Mäuse, der Schwiegermütter und Schwiegersöhne. Denn als Sancho eines Sonntags gleich nach seiner Verheiratung bei seinen Schwiegereltern zu Mittag speiste, fragte Frau Tula, als sie ihm die Suppe reichte, mit dem Girren eines Turteltaube: »Chito, Chichito, wünschest du Püree oder Pastete?«

Chichito biß sich auf die Lippen, was soviel heißen sollte als Donnerwetter! ... Beherrschte sich aber mit Rücksicht auf seine Flitterwochen und beschränkte sich darauf, kurz zu erwidern: »Machen Sie keine Redensarten, meine Gnädige.«

Donna Tula blieb mit offenem Mund und dem großen silbernen Vorlegelöffel in der Hand stehen und erklärte lächelnd: »Aber, mein Sohn, das sind keine Redensarten, das ist Liebe.«

»Dann, bitte, lieben Sie mich nicht so sehr.« »Sonderling! Nenn du auch nicht willst, daß man dich liebt, bleibst du für mich doch immer Chito, Chichito.«

»Das werden wir sehen,« sagte Sancho mit der kindlichen Erregung eines zehnjährigen Jungen. »Wenn Sie mich noch einmal Chito nennen ...«

Und hierbei hielt er einen Augenblick inne, um die kleine, runzlige Dame mit einem Blick zu messen, der mit echt andalusischer Schärfe unendlich viel besagte, und fuhr dann ernsthaft fort: »... nenne ich Sie Frau Cotufa!« (Süßmaul).

Donna Cotufa fühlte, wie das pfefferartige Brennen, das sie innerlich empfand, ihr auf die Zunge stieg, und der silberne Vorlegelöffel in ihrer Hand zitterte, als setze sich eine gefährliche Gebirgsbahn in Bewegung. Trotzdem bewies sie mehr Selbstbeherrschung als ihr Schwiegersohn, machte dem Streit ein Ende und biß mit der melancholischen Miene einer beleidigten Dido in eine fleischige Olive. Seit der Zeit blieb Sancho für immer Sancho und Donna Tula für immer Donna Cotufa. Der Spottname gelangte zu Ohren der Dienstboten, drang so in die Stadt und erregte Aufsehen. Kurze Zeit darauf machte ein anderes, technologisches Scharmützel jede Aussöhnung zwischen Donna Tula und ihrem Schwiegersohne unmöglich. Sancho nannte sie mit vollem Munde »Schwiegermutter«, und Donna Tula wies diese Bezeichnung als wenig liebevoll, zu gewöhnlich und nur im Munde der niederen Klasse gebräuchlich, zurück, und bat ihn, sie nur einfach »Mutter« zu nennen.

»Nein, meine Liebe.« entgegnete Sancho mit dem Eigensinn eines verzogenen Kindes. »Sie sind meine Schwiegermutter und ich Ihr Schwiegersohn.«

»Nein, mein Lieber,« stritt Donna Tula, »ich bin die Mutter deiner Frau, folglich auch deine Mutter.«

»Sie sind für mich das, was man auf der ganzen weiten Welt »Schwiegermutter« nennt ... Schon die Evangelien besagen, daß St. Peter eine Schwiegermutter hatte, die sie: »Trösterin der Jungfrauen, hilf uns! Pepetua!« anriefen.«

»Sei es, wie es wolle,« sagte Donna Tula pathetisch: »jedenfalls ist es für mich sehr traurig, daß du mich nicht »Mutter« nennen willst.«

»Mutter!« rief Sancho bitter, »eine Mutter gibt es nur einmal auf der Welt und meine ruht schon unter der Erde.«

»Und bin ich nicht da, um ihre Stelle zu vertreten: du wirst für mich stets mein Sohn und nicht mein Schwiegersohn sein.«

Und über die Stäbchen an dem Fächer seiner Frau spielend, als wären sie eine Gitarre, sang Sancho leise vor sich hin:

Adam und Eva, diese da
Sind wahrhaft glücklich gewesen.
Ihnen konnt' keine Schwiegermama
Die Werte vom Munde lesen.

Drum kündet euch des Sängers Mund
Über Adams und Evas Lebensbund:
Weil Schwiegereltern sie niemals gequält.
Hat nichts ihrem irdischen Glücke gefehlt.

Don Benito lachte laut auf, denn ihm gefiel alles an seinem Schwiegersohn, und der Streit blieb unentschieden.

Kurze Zeit darauf traf er im Hause seiner Schwiegermutter mehrere fremde Damen: Donna Tula stellte ihn ihnen vor und sagte mit zuckersüßem Lächeln: »Sanchito Ortiz, mein Sohn.«

Und Sancho verneigte sich mit andalusischer Grazie, natürlicher Eleganz und sagte, mit dem Daumen auf Donna Cotufa zeigend, indem er den flötenden Ton und das holdselige Lächeln nachmachte: »Tulita Gomez, meine Mutter-Schwiegermutter.«

Die Damen lachten laut auf, Donna Tula aber rief beschämt und entrüstet den Familienrat zusammen und machte den Vorschlag, dem unbequemen Schwiegersohn ein für allemal die Pforte ihres Hauses zu verschließen. Aber Don Benito nahm das alles für Scherz, erklärte, daß Sancho, wie jeder heutzutage, seine kleine Eigenheiten hätte, zog mit seiner bekannten Klugheit den üblichen dichten Schleier über jene Affäre, und jetzt war es an Donna Tula, sich zu schämen, und an Sancho, sich halb tot zu lachen. Donna Cotufa blieb stets auf ihrer Hut vor den Stichelreden ihres Schwiegersohnes, den sie mit dem Blick der wilden Katze beobachtete, die sich vor dem im Hause dominierenden Hunde in acht zu nehmen hat.

Don Benitos Krankheit hatte dazu beigetragen, die Beziehungen nur noch zu verschlechtern. Es erging Donna Tula und ihren Kindern wie all denen, die ängstlich bemüht sind, einer Gefahr vorzubeugen, und die sich endlich doch an sie gewöhnen und jede Angst verlieren. In dem Bestreben, dem Kranken Vertrauen einzuflößen, gewannen sie das ihrige wieder, und machten Pläne für die Zukunft, als ob die Katastrophe, die sich so drohend angemeldet hatte, in weite Ferne gerückt wäre. Nur Sancho, der Unglücksprophet des Hauses, sah mit jedem Schritt die Gefahr voraus, nicht sowohl aus Interesse für seinen Schwiegervater, als aus Freude daran, seine Schwiegermutter in Wut zu bringen. Sie hatte die Absicht, den Kranken, sobald die kalten Tage vorüber waren, in ihr Landhaus zu überführen, das den Namen »Das Paradies« trug, und eine halbe Meile von X. gelegen war.

Als Sancho von diesen Plänen unterrichtet wurde, verzog er das Gesicht und sagte: »Ins Paradies? Hm! Ich glaube eher, daß er in die Hölle kommt.«

»Laß mich in Ruh mit deinen Scherzen!« schrie Donna Tula. »Das sind Zigeuner- und Kasernenscherze ... Wenn die Ärzte ihm nicht helfen können, wird Gott unsere Gebete erhören und ein Wunder tun.«

»Ja, ja, vertrauen Sie nur auf Gott und kümmern Sie sich um nichts!«

»Denn er sorgt für alles; er läßt sogar die Vögel nicht verhungern.«

»Deshalb haben sie auch so dicke Waden!«

»Du bist unverbesserlich! Sancho! Du hast keine Gottesfurcht, keinen Glauben und kein Vertrauen ... Gott wird uns Benito nicht nehmen, wir brauchen ihn viel zu sehr; ein Mann, der so unentbehrlich, so gut und christlich ...« »Ein Heiliger... das ist kein Zweifel,« entgegnete Sancho.

Donna Tula zog sich entrüstet, bitterlich weinend zurück und überließ Sancho den Triumph, sie gekränkt zu haben. Es lag darin etwas von jener Grausamkeit, die den Andalusiern, die jede, selbst die ernsteste Sache zum Gegenstand des Spottes machen, eigen ist.

Er dachte daran, Don Benito den Vorschlag zu machen, er möchte während seiner entsetzlichen Krankheit Zerstreuung darin suchen, seinen beiden Enkelkindern das Lesen beizubringen, eine Aufgabe, der er sich vor dem Anfall mit der großväterlichen Liebe und der Eitelkeit eines Gelehrten unterzogen hatte, da er wußte, daß Xenophon die Cyropedia geschrieben, Aristoteles Alexander, Philipps Sohn, das Buchstabieren beigebracht, und daß St. Hieronymus eine wunderbare Epistel »ad Laetam, de institutione filiae« geschrieben hatte.

Die Kinder nahmen diesen Gedanken begeistert auf und erinnerten sich mit Vergnügen der Anis- und Mandelkuchen, die der Großvater durch Zauberkünste aus ihren Ohren zu ziehen verstand, wenn sie das »A« richtig aussprachen oder wenigstens nicht mit dem »Z« verwechselten. Denn Don Benito, der in allem sehr konsequent zu sein pflegte, gründete seine Methode auf die größte Nachsicht und Liebe. So wartete der Unglückliche, der sich nicht aus seinem Lehnstuhl erheben konnte, ungeduldig auf seine Enkelkinder; neben ihm stand ein Tisch, auf dem zwei Fibeln und eine Menge Weintrauben lagen, gewissermaßen als Einleitung, um durch kleine Geschenke an die Schüler erfolgreiche Resultate zu erzielen. Neben ihm, zu den Füßen ihres Gatten, saß Frau Tula, der höchste Schiedsrichter im literarischen Streit, in der Haltung eines Uhus, dem Emblem der Wissenschaft, das mit der gelehrten Minerva innig verwachsen.

Sobald die Kinder das Zimmer betreten hatten, rissen sie sich von der Hand ihrer Mutter los und flogen wie ein paar Vögelchen auf den Großvater zu, den sie seit dem verhängnisvollen Fest von Allerheiligen nicht wieder zu sehen bekommen hatten. Aber mitten im Zimmer blieben sie stehen, ihre kleinen Füßchen waren wie festgenagelt auf dem Teppich und auf ihren lieblichen Gesichtchen spiegelte sich Schreck und Entsetzen. Statt des eleganten Großvaters, den sie kannten, sahen sie eine Menge Kleider, aus denen unter einer schwarzen Mütze ein leichenartiges Gesicht hervorschaute, mit ungemalten Augenbrauen, einem zahnlosen Mund, einem ungepflegten Schnurrbart, der an den Haarwurzeln weiß, in der Mitte gelb und an den Spitzen noch schwarz war. Don Benito streckte ihnen seine magere, zitternde Hand entgegen und öffnete den Mund, um sie zu rufen; aber die Kinder liefen erschreckt davon und versteckten sich hinter ihrer Mutter.

Da empfand der arme Alte, daß im Tiefinnern seines Herzens sich etwas von ihm loslöste, etwas Glückliches und Heiteres wie die Lebenshoffnung, und daß an ihre Stelle etwas anderes trat, etwas Trauriges, Kaltes wie eine offene Gruft. Das Entsetzen der Kinder hatte ihm mit einem Schlage die fürchterliche Veränderung gezeigt, die mit ihm vorgegangen, und hatte ihm offenbart, daß er das Opfer einer gutgemeinten Täuschung geworden. Die erschreckten Engelchen verschmolzen sich in seiner Phantasie mit einem andern Engel, der sich ihm ernst und unerbittlich näherte: dem Engel des Todes.

Und nachdem Don Benito das klar geworden, fing er bitterlich an zu weinen. Die erschreckte Frau wollte das wieder gutzumachen versuchen und befahl den Kindern, den Großvater zu umarmen. Aber immer heftiger klammerten die Kinder sich an ihre Mutter, ohne daß Bitten und Drohungen sie dazu bringen konnten. Der kleinste, kaum sechsjährige Knabe schielte schüchtern nach dem Großvater, um gleich darauf wieder sein Gesicht wieder in den Rockfalten seiner Mutter zu verbergen, und sagte: »Wie häßlich ist er ... Mama ... wie häßlich ... er sieht ja aus wie der schwarze Mann.«

V.

Jener Schlag, den niemand hatte verhindern können und den unschuldige Kinderhände ihm versetzt, verschlimmerte Don Benitos Zustand bedeutend. Am folgenden Tage konnte er sich nicht aus dem Bett erheben, und als seine Kinder gerufen wurden und nacheinander zu ihm eilten, empfing er sie alle schweigend und mit bitteren Tränen. Man schrieb diese übertriebene Empfindlichkeit seinen geschwächten geistigen Kräften zu und wollte ihm wiederum, die Enkelkinder bringen, um zu sehen, ob sie jetzt, besser von der Mutter unterrichtet, die Wunde heilen könnten, die sie ihm so unschuldiger Weise geschlagen hatten. Aber Don Benito wollte sie nicht sehen und blieb den ganzen Tag über in einem apathischen Zustand. Mit der herannahenden Dämmerung, die sich über den Alkoven verbreitete, kam jene tiefe Traurigkeit über den Kranken, die das Sinken der Sonne stets über Leidende und Elende zu bringen pflegt; er seufzte von Zeit zu Zeit tief auf, und Donna Tula saß, in einem Lehnstuhl vergraben, am Fußende des Bettes und ließ weinend die Perlen des Rosenkranzes durch ihre Finger gleiten. In dem nebenliegenden Zimmer saßen ihre Söhne und wagten nicht, sich dem Vater zu nähern, aus Furcht, ihn durch ihre ununterbrochene Anwesenheit zu erschrecken. Plötzlich drang das schluchzende Weinen des Kranken aus der Stille des Alkovens. Donna Tula sprang auf und fragte, ihn umarmend: »Was fehlt dir, mein Lieber? Was hast du?«

»Es geht mir sehr schlecht, Tula«, erklärte Don Benito und seine Tränen flossen reichlicher.

Donna Tula sank wortlos über das Bett, und ihren Kopf an die Wangen des Kranken legend, fragte sie ängstlich: »Fühlst du dich schlechter, geliebter Mann? Soll ich jemand rufen?«

»Nein, nein, Tula, sie haben mich alle getäuscht. Es geht mir sehr schlecht und man will es mir nicht eingestehen, sie täuschen mich.«

»Aber, mein geliebter Beni, sei doch nicht so wunderlich ... Wer sollte dich täuschen wollen? Ich, mein Lieber?... oder deine Söhne? Wenn dir doch nichts fehlt, nichts ... Nichts als die Angst, die dich und uns alle tötet. Siehst du denn nicht, wie ruhig wir alle sind, Liebster? Renzo ist ausgeritten, Li ging zur neuntägigen Andacht ... und die Kinder würden doch nicht spazieren gehen, wenn's ihrem Vater wirklich schlecht ginge, wenn er im Sterben läge. Du siehst doch wohl selbst ein, daß deine Angst ganz unbegründet ist.«

Und dies Lügengewebe brachte Frau Tula ohne Stocken hervor: sie machte sogar eine gewaltsame Anstrengung, heiter zu erscheinen und zuletzt noch einen scherzhaften Ton anzustimmen. Don Benito ließ sich nicht überzeugen: »Sie täuschen mich, sie täuschen mich!« rief er, »sie täuschen mich! Denk an die Kinder!«

»Über diese kleinen Geschöpfe willst du dir Gedanken machen? Um Gottes willen, mein Beni, sei vernünftig! Sie sahen dich zum ersten Male ohne Perücke und Zähne und haben sich vor dir erschreckt, die armen Kleinen. Ja und außerdem,« fuhr sie fort, ängstlich bemüht, den Kranken von diesem gefährlichen Thema abzubringen, »sind das Kinder ohne die geringste Erziehung, Kinder dieses groben Vaters, die aufwachsen, wie sagt man, wie das Unkraut auf dem Felde. Ich habe schon zu Rita gesagt, du müßtest deshalb ernstlich mit Sancho sprechen ... diese Kinder müßten erzogen werden. Benitin muß von einer Engländerin und Sanchillo von einem Kaplan unterrichtet werden: denn sie in die Schule zu schicken, wäre eine Grausamkeit ... die kleinen Engel! Ich bin ja in diesen Sachen nicht maßgebend, aber was man alles von den Jesuitenpatres hört! Sie werden aus den Kindern die reinen Heiligen machen: sie mögen wohl gut unterrichten, das leugne ich nicht. Aber denke dir, was Maria Perez mir erzählt hat, sie geben ihnen des Morgens nicht einmal ein Kotelett, nur Kaffee mit Milch oder Schokolade! Denke dir das nur! Und dann in erster Reihe die Liebe der Familie, die ihnen abgeht, und alle Zärtlichkeit. Nein, nein, die Anstalt kann gar nicht in Frage kommen. Was meinst du, lieber Mann, du bist ja so ruhig?«

Und Donna Tula neigte sich erschreckt über ihren Gatten, dessen Züge sie in der Dunkelheit nicht unterscheiden konnte, sie sah nur seine weitgeöffneten Augen starr auf einen Fleck gerichtet und hörte seine ängstliche, zitternde Stimme: »Tula, ich möchte beichten.«

Donna Tula glaubte vor Schreck sterben zu müssen.

»Was sagst du, was sagst du? ... Bist du bei Sinnen? Glaubst du, daß du sterben mußt? Jesus, Jesus, was für ein Unsinn!«

Und das arme Weib lachte unter Tränen, während Don Benito immer heftiger weinend wiederholte: »Ich möchte beichten!«

»Aber mein Beni, was ist dir? Siehst du nicht, wie traurig mich das macht? Denk jetzt nicht an Gott, du hast ja erst vor vierzehn Tagen gebeichtet.«

Donna Tula sah darauf, wie sein abgemagertes Gesicht sich in die Kissen zurücklegte, wie seine Augen leuchteten und seine Brust sich unter heftigem Schluchzen hob und senkte; wie ein quälender Kummer tönten die Worte: »Aber gerade deshalb!«, die die unglückliche Frau mit glühenden Lettern in der Luft zu sehen wähnte, ihr in den Ohren.

Fieberschauer durchrieselte Frau Tulas Körper, und sie war im Begriff, sich zu setzen, als eine furchtbare Verzweiflung sich des elenden Alten bemächtigte. Und aus seinem Berg von Kissen, den die erschreckte Frau im Dunkeln umarmte, drang ein Ächzen, Stöhnen und Schluchzen. Entsetzt schrie die Unglückliche um Hilfe: die Söhne eilten herbei, holten Licht und liefen sofort zum Arzt, der eilends kam und diesen Zustand für nervös erklärte, verschiedene Medikamente verordnete und vor allen Dingen äußerste Ruhe und das Fernhalten jeder Gemütserregung anempfahl.

»Aber das ist in keiner Apotheke zu haben.« erklärte Sancho Ortiz, den Kopf schüttelnd.

Donna Tula fand in jener Nacht keinen Schlaf und verbrachte sie, am Bett ihres Gatten sitzend, unruhig, grübelnd, als entwürfe sie einen Kriegsplan gegen die heftige Unbill des Schicksals. Bei Tagesanbruch hatte sie ihren Entschluß bereits gefaßt; Don Benito mußte um jeden Preis von seinen trüben Gedanken abgelenkt werden. Sie nahm sich vor, mit Hilfe ihrer Söhne einen neuen Ärzterat zu berufen und einen von ihnen auszusuchen, der den Kranken beruhigen und ihm die Versicherung geben sollte, daß sein Leben nicht die geringste Gefahr liefe und er nach Ablauf einiger Zeit seine völlige Gesundheit wiedererlangen würde. Nur Benita wagte schüchtern einzuwerfen, daß man diesen Plan nur mit Vorbehalt ausführen und dem Kranken unter keinen Umständen die verlangte Beichte vorenthalten dürfe. Donna Tula war empört, als sie das hörte.

»Aber welcher Wahnsinn, Gott im Himmel,« rief sie mit hocherhobenen Händen. »Hörst du denn nicht, daß gerade diese traurigen Gedanken ihn quälen? Oder hast du, wie dein Mann, ein Herz von Stein?«

Benita fing an zu weinen, und Donna Tula sank, von physischer Ermüdung und der stets wachen Sorge zu Tode erschöpft, auf ihren Sessel und sagte mit matter Stimme: »Laßt mich ... laßt mich um Gottes willen, und macht mir nicht noch mehr Kummer, denn schwer ist das Kreuz, das ich zu tragen habe.«

»Aber, Mama, wenn ...«

»Ihr versteht mich nicht,« fuhr Donna Tula seufzend fort. »Bei einem so gewissenhaften Menschen wie deinem Vater nehme ich das ruhig auf mich. Ein so frommer Mann, der gelebt hat wie ein Heiliger und der gestern abend nur deshalb zu beichten verlangte, weil er seine Todesstunde nahe glaubte.«

Man berief also die Versammlung, fand nicht ohne Schwierigkeit den Arzt, der sich zu dieser Täuschung verstand, und es war leichter, als man geglaubt, Don Benito zu überzeugen, daß sein Leben nicht in Gefahr schwebte! Ach, nichts glaubt der Mensch so gern, wie das, was seinen Wünschen entspricht, und selbst angesichts der größten Unwahrscheinlichkeit weiß er immer noch mit großem Geschick irgend einen Umstand heranzuziehen, aus dem ihm vielleicht ein Strahl von Hoffnung entgegendämmert. Die Angst des armen Alten legte sich, und es schien, als wäre ihm eine Zentnerlast von der Brust genommen.

»Siehst du wohl, mein Beni. Siehst du, mein Geliebter, daß ich dir nichts vorgeredet habe,« sagte Donna Tula zärtlich, die einzig bewegliche Hand des Paralytikers streichelnd.

Don Benito weinte und lachte zu gleicher Zeit wie ein ungezogenes Kind, das sich endlich überzeugen läßt. Er umschloß mit seinen zitternden Fingern die beiden Hände seiner Frau und sagte feierlich: »Tula, versprich mir was.«

»Was wünschest du, mein Beni,« sagte sie dumpf.

Benito wollte sprechen, aber die Erregung schnürte ihm die Kehle zu; er machte zwei- oder dreimal vergebliche Anstrengungen und sagte schließlich unter Tränen: »Daß du mir sagst, wenn meine Stunde gekommen ist ... damit ich nicht ohne die heiligen Sakramente zu sterben brauche.«

»Aber, mein Liebster, wie kommst du nur jetzt darauf? Denke nur um Gottes willen nicht daran! Du hast auch nicht die geringste Veranlassung dazu.«

»Das weiß ich, aber wenn sie kommt, dann sagst du es mir, nicht wahr?«

»Und glaubst du, daß ich dich ohne diesen Trost sterben lassen werde? Weiter fehlte nichts! Was würde man in ganz X. dazu sagen, wenn kein Geringerer als ein Don Benito Morales ein so schlechtes Beispiel gäbe?«

»Tula, ich habe Vertrauen zu dir. Ich habe noch viel zu ordnen.«

»Viel zu ordnen?« entgegnete Donna Tula mit dem zärtlichen Lächeln einer Mutter, die an ihren kleinen Jungen eine Gewissensfrage richtet. »Das wird was Schönes sein!«

Don Benito schloß die Augen, legte den Kopf zurück, und seine Gesichtszüge sahen aus wie rätselhafte Hieroglyphen.

»Denn sieh, mein Lieber,« fuhr Donna Tula mit peinlicher Gewissenhaftigkeit fort, »jetzt, wo ich es dir versprochen habe, magst du ruhig sein. Aber versprich du mir auch, daß du dir keine unnützen Gedanken machen wirst. Dazu bin ich da. Seitdem du deinen rheumatischen Anfall gehabt, höre ich alle Tage eine Messe zur trostreichen Jungfrau und habe schon eine Nonne mit der Danksagung und einer feierlichen Veranstaltung beauftragt, der du selbst beiwohnen sollst. Außerdem wird ein Prediger kommen, und an dem Tage wirst du dein Großkreuz mit dem Orden anlegen! Ach, du Schelm... wie du mir das verschwiegen hast, daß du darum eingekommen warst. Wenn ich nur das beizeiten gewußt hätte, dann hättest du für mich den Maria-Luisen-Orden erwirken müssen.«

Don Benito fing an zu lachen, das gutmütigste Lachen von der Welt, und gestand mit der Ehrlichkeit eines Kaufmanns: »Der ist viel teurer.«

VI.

An jenem Vormittag konnte Benita sich entschließen, das Haus ihres Vaters zu verlassen, in das sie jeden Tag nach der Messe ging, und Sancho, dessen Magen unter dem Druck, der auf der ganzen Familie lastete, nicht gelitten hatte, rief seine beiden Kinder und befahl, daß man nicht auf die gnädige Frau warten, sondern die Schokolade servieren sollte; es war bereits neun, und er hatte Hunger.

Den Knaben gefiel diese Neuheit der Situation, und der älteste kletterte auf den Stuhl der Mutter und sagte: »Heute bin ich Mama.«

Sancho schien dieser Einfall sehr zu gefallen, und damit er die Rolle besser spiele, setzte er ihm Benitas mit Spitzen und rosafarbenen Bändern besetzte Morgenhaube auf. Ach, wie hübsch! Die Kinder kugelten sich vor Lachen, und das kleinste kletterte zu gleicher Zeit auf den Stuhl des Vaters und sagte: »Und ich bin Papa.«

»Jawohl.«

Sancho legte sogleich die väterliche Würde in seine Hände, band ihm den engen, krausen Kragen der Bluse zusammen und knüpfte ihm als Krawatte ein feines, seidenes Taschentuch um den Hals.

»Ausgezeichnet ...«

Das wäre alles ganz schön gewesen, wenn es der kleinen improvisierten Mutter nicht in den Sinn gekommen wäre, zu sagen: »Papa, jetzt bist du ich!«

»Ja, jetzt bin ich du!« rief Sancho ganz befriedigt aus.

Und nun setzte er sich das Mützchen auf, das Benitin abgenommen hatte, band sich das Lätzchen um und drückte sich, soviel er konnte, in eines der hohen engen Stühlchen, auf dem die Kinder sonst zu sitzen pflegten. Ihre Köpfchen reichten kaum bis an den Tisch, und Sancho sah neben ihnen aus wie ein Riese.

So nahmen der Vater und die Kinder die Schokolade ein, die ihnen weit besser mundete als sonst, wenn auch die Enden der Krawatte des Vaters und die Haubenbänder der Mutter abwechselnd in die Tasse gerieten.

Gleich darauf klang aber trotzdem ein Streit an sein Ohr. Der auf die große Krawatte seines Bruders eifersüchtige Sanchillo schoß die giftigen Pfeile seines Neides auf ihn ab.

»Papa hat einen Bart, und du nicht – siehst du, Dummkopf!« sagte er zu ihm.

Sancho eilte herbei, um klug die Leidenschaft, die den Kopf des Kleinen erhitzte, im Keime zu ersticken. Er tauchte ein Biskuit in die Tasse Schokolade und malte Benitin einen prächtigen Bart an; er war gestutzt und zierlich. Sanchillo hielt sich für geschlagen, und ohne seinem provisorischen Geschlecht Rechnung zu tragen, verlangte er für sich dieselbe Würde; der entrüstete Benitin widersetzte sich dem aus Anstandsgründen.

»Mama hat doch keinen Bart.«

»Aber Mutter Tula hat einen.«

»Du bist doch nicht Mutter Tula, du bist Mama.«

»Und doch!«

»Aber nein.«

Und um dem Streit ein für allemal ein Ende zu machen, nahm Sancho ein anderes Biskuit und malte seinem Erstgeborenen einen Schnurrbart und kurz geschnittenen Backenbart. Der Jubel hatte seinen Höhepunkt erreicht und richtete sich nun auf andere Dinge. Sancho zeigte seinen Söhnen eine neue Art, die Schokolade zu trinken; es galten dabei dieselben Regeln wie bei malabarischen Spielen. Es wurde die Schokolade von oben herunter gegossen und sollte in der Luft mit dem Mund aufgefangen werden; es war höchst amüsant.

»Eins, zwei, drei,« zählte Sancho und klopfte, um das Zeichen zu geben, mit dem Teller auf den Tisch.

Die Schokolade floß durch die Luft, beschrieb fallend einen großen Bogen und ergoß sich überall hin, nur nicht in die kleinen Mäulchen, die geöffnet ihrer harrten. Nur Sancho gelang es, die seinige aufzufangen. Die Kinder meinten, das Geheimnis hätte darin bestanden, daß man gleichzeitig mit dem Teller auf den Tisch klopfte: sie taten es daher äußerst kräftig und waren höchst überrascht, als die feinen chinesischen Tellerchen dabei in Scherben gingen. Das kam ihnen höchst drollig vor.

In diesem Augenblick trat Benita ins Zimmer, und der Anblick des grotesken Bildes, das jene geliebten Wesen ihren Augen boten, verlieh ihr jenes große Glücksgefühl, das innere Glück des echten Familienlebens, das die Augen langsam mit Tränen füllt, und die Frau in einem Augenblick für allen Verdruß als Gattin und Mutter vollauf entschädigt. Trotzdem meinte sie sofort, in ihrer Würde als Hausmutter entrüstet sein zu müssen, und fing, obgleich sie weder das Weinen noch das Lachen zurückzuhalten vermochte, laut zu schreien an: »Wie fürchterlich! Jesus, um Gottes willen! Wie habt ihr euch zugerichtet... Und der Vater ist der Schlimmste von allen!«

Sancho sprang mit einem Satz auf die Füße; ohne sich aus dem engen Kinderstuhl, der ihm an den Lenden klebte, befreien zu können, fiel er vor Benita auf die Knie und sagte: »Verdieb, verdieb, nich wieder tun!«

Und auch die Kinder knieten neben dem Vater nieder, hoben ihre mit Schokolade bemalten Wangen zur Mutter und wiederholten im Chor mit ihrem Vater: »Verdieb, verdieb, nich wieder tun!«

»Jesus, Jesus,« sagte Benita zwischen Weinen und Lachen, »wie habt ihr euch nur die Blusen verschmiert ... Und meine Haube, ... heilige Jungfrau, wie sieht die aus! Was bist du nur für ein übermütiger Mensch! Mein Gott! Wenn du ihnen solche Dinge vormachst, muß man dich wirklich einsperren!«

Als die kleine Gesellschaft hörte, daß der Vater eingesperrt werden sollte, nahm sie jubelnd und springend die Partei der Mutter und schrie: »Ach ja, wir wollen ihn einsperren!«

»Mich einsperren?« rief Sancho und sprang wie ein Ball von der Erde auf. » Civis romanus sum! ... Mama werde ich ins Vogelhaus sperren ... ins Vogelhaus!«

Und bei diesen Worten hob er Benita auf seine kräftigen Arme und durchlief die ganze Galerie bis zu einem gläsernen Ausbau, in dem Hunderte von Vögeln umherflogen, sangen und nisteten. Die Kinder liefen jubelnd hinterher, auch die beiden Jagdhunde schlossen sich springend dem Zuge an, und die Dienstboten standen an den Fenstern und Türen und wiederholten ein über das andere Mal: »Aber seht nur unsern gnädigen Herrn ... Was ist er für ein Engel ... Und wie lustig und vergnügt kann er sein! ... Gott erhalte ihn so ... Gott segne ihn!«

Benita schloß die Augen, um das Glück, sich von den geliebten Armen umschlossen zu fühlen, noch inniger zu genießen, um die Freude, mit der die mit Schokolade beschmierten Kinder um sie herumsprangen, innerlich zu empfinden und die Segenswünsche ihrer treuen Dienstboten, der Zeugen ihres Glückes, besser zu vernehmen. Aber in demselben Augenblick trat ihr das traurige Bild, das das Haus ihres Vaters bot, vor Augen, und der Tropfen Wermut, der bittere Tropfen, den die göttliche Vorsicht stets in die Schale der Glücklichen zu träufeln weiß, um uns an ein höheres Glück zu mahnen, stimmte sie ernst und traurig und ließ sie in Schluchzen ausbrechen.

»Was hast du, Kind,« fragte Sancho, sie erschreckt freigebend.

Benita legte ihre Lippen an das Ohr ihres Gatten und sagte weinend: »Papa liegt im Sterben, und Mama läßt sich nicht dazu bewegen, den Priester zu holen.«

Sancho mußte wieder anfangen zu laufen, denn das kleine Kinder- und Hundevolk folgte ihm auf Schritt und Tritt, und das Vogelhaus betretend, schloß er die Kinder und Hunde dort ein.

Ach, mit welchem Vergnügen sahen die beiden Ehegatten, deren Herzen nur für einander schlugen, sich jetzt allein, um sich beide demselben Gedanken, demselben Schmerz hinzugeben, wie sie sich stets demselben Glück hingegeben hatten.

Und wie selten kommt das im Leben vor!

Denn der Egoismus pflegt stärker zu sein als die Liebe, besonders beim Mann, den die vielfachen Interessen ganz in Anspruch nehmen statt des Herzens, das bestimmt ist, sich eins mit ihm zu fühlen; so entsteht zwischen Ehegatten oftmals jene Disharmonie, die entfremdet, ohne zu trennen, und sie schleppen beide eine Kette, die aus wahrhafter Neigung und aus kleinlichen Verstimmungen zusammengesetzt ist, Verstimmungen, die alle irdischen Leidenschaften entstellen.

Benita lehnte sich gegen das Gitter, hinter dem die Kanarienvögel ihre Nester bauten, und erzählte Sancho weinend alles, was im Hause der Mutter vorgegangen. Dieser hörte zu, mit der Mütze seines Sohnes auf dem Kopfe und mit dem vorgebundenen Kinderlätzchen, und prüfte mit der größten Aufmerksamkeit die kleinen Eier der Nester; plötzlich sagte er: »Weißt du, wer der Beichtvater deiner Mutter ist?«

»Der Gemeindepfarrer Felix Sanguesa selbst.«

Sancho hielt eines der Eier gegen das Licht, wahrscheinlich um zu sehen, ob bald ein Vögelchen ausschlüpfen würde. Benita verharrte schweigend und zeichnete mit dem Fuß Striche in den feinen Staub auf den Fliesen. Rasch entgegnete er darauf: »Dein Vater hat doch wohl sein Testament so gemacht, wie er es beabsichtigte?« »Das weiß ich nicht und ist mir auch ganz gleichgültig,« erwiderte sie achselzuckend.

Sancho schien die Anwort nicht gehört zu haben, denn er legte das kleine Ei, das er in der Hand hatte, in einen Winkel und sagte gleichzeitig: »Wie schade! Dieses Ei ist hohl.«

Und dann prüfte er mit derselben Aufmerksamkeit die andern, die noch in den Nestern lagen.

»Weshalb fragst du nach dem Testament?« sagte Benita endlich.

»Weil dein Vater mir das Versprechen gegeben hat, dich wesentlich besser zu stellen und jedem Kind ein beträchtliches Legat zu vermachen.«

»Das ist mir sehr gleichgültig,« erwiderte Benita schluchzend. »Mich beschäftigt nur die Sorge um sein Leben und sein Seelenheil.«

Sancho überzeugte sich in diesem Augenblick, daß die Eier alle hohl waren, deshalb quetschte er sie alle zusammen und drückte die Schalen tief in das Nest hinein.

»Du hast recht,« sagte er endlich. »Nur darum allein muß man sich kümmern, und so will ich denn selbst heute zum Priester gehen.«

An jenem Nachmittag unterließ Sancho seinen Spazierritt und begab sich statt dessen in das Pfarrhaus, das zu der Gemeinde seiner Schwiegereltern gehörte.

Der Priester war ein großer, magerer, alter Herr mit anscheinend brüsken Manieren.

»Sie werden mich nicht kennen,« sagte Sancho zu ihm mit der ihm eigenen Mischung von Offenherzigkeit und Hochmut.

»Nein, mein Herr, ich habe nicht das Vergnügen,« entgegnete der Pfarrer.

Sancho verneigte sich und sagte mit dem etwas emphatischen Ton eines Menschen, der überzeugt ist, Eindruck zu machen: »Sancho Ortiz de los Pinares.«

»Freue mich außerordentlich! Womit kann ich dienen? Befindet sich Don Benito nicht wohl?«

»Don Benito wohl?« wiederholte Sancho. den Priester überrascht ansehend. »Nein, ich danke. Außerordentlich gut geht es dem alten Herrn.

Lustig war der Tom wie keiner,
Als es an das Hängen ging.
Lachte, tanzte wie nur einer,
Als am Galgen er schon hing.«

Und während dieser in scherzhaftem Ton gesprochenen Worte ließ Sancho sich ungeniert nieder und schlug ein Bein über das andere. Jetzt war die Reihe am Priester, sich zu wundern, und er war eben im Begriff, dieser Verwunderung Ausdruck zu geben, als Sancho hinzufügte: »Aber so wissen Sie gar nicht, daß mein Schwiegervater gewissermaßen mit einem Fuß im Grabe steht?«

»Aber was erzählen Sie da mir? Ihre eigene Schwiegermutter, Donna Gertrudis, erzählte mir, daß der Anfall vorüber und jede Gefahr gehoben wäre!«

»Das hat meine Schwiegermutter gesagt? Unglaublich! Wann hat Sie Ihnen das gesagt?«

»Vor etwa drei Tagen. Vorgestern, als sie zur Beichte der christlichen Mütter zu mir kam.«

»O, über die christlichen Mütter und die lügnerischen Schwiegermütter! Sie müssen wissen, Hochwürden, daß alles, was meine Schwiegermutter gesagt hat, gelogen ist.«

»So?«

»Und sie weiß, daß es so ist.«

»So, so?«

»Und wissen Sie auch, weshalb sie das sagt? Damit es Ihnen ja nicht einfalle, hinzugehen und den Kranken zu besuchen.«

»So, so, so!«

»Und diesem armen Alten zu sagen, daß er sich auf den Tod vorbereiten soll, weil dieser Anfall wieder kommt, wenn man es am wenigsten erwartet.«

»So, so, so, sooo!«

Und der Pfarrer klappte das abgenutzte Messingfutteral seiner Brille fortwährend aus und zu, als ob daraus jene bedeutsamen »So« hervorkämen, die wie die Lösungen so vieler Rätsel, die er zu enthüllen hatte, auf seine Lippen traten.

Sancho berichtete ihm darauf alles, was seine Frau ihm an jenem Morgen erzählt hatte, und schloß mit der Bitte, seinen Einfluß als Beichtvater und Priester bei Donna Tula geltend zu machen, damit Don Benito mit den heiligen Sakramenten versehen würde.

»Diese Frau,« sagte er, »hat sich's nun mal in den Kopf gesetzt, daß ihr Benito bis zum Jüngsten Tag leben soll. Siebzig Jahre alt ist er schon, Hochwürden, und bei siebzig Jahren braucht man zum Sterben keine andere Krankheit als den Tod! Donnerwetter! Von einem ewigen Vater habe ich wohl schon sprechen hören, aber von einem ewigen Schwiegervater höre ich zum erstenmal durch meine Schwiegermutter.«

Der Priester fing von neuem an, das Brillenfutteral auf- und zuzuklappen und sagte, Sancho von der Seite ansehend: »Vorausgesetzt, er hätte auch kein Testament gemacht.«

»Natürlich hat er das nicht!« rief Sancho lebhaft.

Wieder ließ der Priester eines jener bedeutsamen »So«, die dem jungen Mann durch Mark und Bein gingen, seinem aufdringlichen Futteral entschlüpfen.

»Das heißt,« erklärte dieser, sich auf die Lippen beißend, »er hat wohl ein Testament gemacht, glaube ich, aber noch bevor ich mich verheiratete. Aber wie das bei einem beschäftigten Manne geht, da bleiben immer kleine Lücken.«

»So, so!«

»Damit der arme Mann nicht so dahin stirbt.«

»Ja, ja, Don Sancho; ich verstehe! Seien Sie unbesorgt, dafür werde ich sorgen. In den 34 Jahren, die ich dieses Kirchspiel habe, habe ich, dank der Sorge ihrer Angehörigen, viele Seelen zur Hölle fahren sehen. Aber noch niemals habe ich gesehen, daß ein Kranker in dem Eindruck stirbt, den das Empfangen der heiligen Sakramente auf ihn gemacht hat.«

»Das behaupte ich ja auch, Hochwürden!«

»Und ich sage noch mehr, Don Sancho,« unterbrach ihn der Priester ernst. »Ich behaupte, daß eben diese zärtlichen Verwandten, welche die Vernachlässigung der vielleicht heiligsten Pflicht des Christen nicht scheuen, nicht einen Augenblick habe schwanken sehen, wenn es sich darum handelt, dem Kranken in ihrem eigenen Interesse den Todesstoß zu versetzen! Und das sogar bei Leuten, die sich fromm nennen! Hören Sie, was mir vor kurzer Zeit passiert ist. Eine fromme, sehr fromme Dame lebte mit einem reichen, alten, gebrechlichen Bruder zusammen. Sie war der festen Überzeugung, er hätte sein Testament zu ihren Gunsten gemacht. Der Bruder war todkrank, und all meine Bemühungen, mich ihm zu nähern und ihn beichten zu lassen, blieben erfolglos, da die zärtliche Schwester, aus Furcht, meine unverhoffte Anwesenheit könnte ihn erschrecken, dies regelmäßig zu verhindern wußte. Ich bat, flehte, drohte, wie das meine Pflicht war, und erreichte doch nur, daß die fromme Dame mich vor die Tür setzte und mir drohte, mich mit der Polizei aus dem Hause treiben zu lassen, wenn ich mich noch einmal in ihrem Hause sehen ließe. Durch einen seltsamen Zufall erfuhr die Dame, daß das Testament, auf das sie ihre Hoffnungen setzte, noch gar nicht gemacht wäre, und – wissen Sie, was die zärtliche Schwester, die fromme Dame tat, damit ihr die Erbschaft nicht entgehe? Zuerst lief sie verzweifelt zu mir – ich möchte darauf dringen, daß der arme Todkranke sein Testament diktiere, und da ich eine Stunde – nicht länger als eine Stunde, Don Sancho – auf mich warten ließ, beeilte sie sich ihm aus Furcht, ich könnte zu spät kommen, den Todesstoß mit eigener Hand zu versetzen!«

»Wie entsetzlich. Und was taten Sie, Hochwürden?«

»Ich erfüllte meine Pflicht, Don Sancho, und hielt mich an die Lebensregel, die in allen Fällen anwendbar ist: das Elend des einen zum Heile des andern auszunützen. Ich danke Gott, der sich der Habsucht jener Frau bediente, um eine Seele zu erretten, die er – wenn auch nach hartem Kampf – in Wahrheit rettete. Auf Kosten seiner eigenen Erbschaft konnte jener arme Unglückliche seinen Eingang in den Himmel erkaufen.«

Sancho erhob sich bewegt; das schmähliche Benehmen jener Frau erweckte in ihm das Gefühl der Scham über seine Gedanken, denn er erkannte die Niedrigkeit seiner eigenen Handlungsweise erst an der der anderen. Er streckte dem Priester beide Hände entgegen und sagte mit freimütiger Offenheit: »Hochwürden, diese Geschichte hat vielleicht mehr Ähnlichkeit mit dem, was ich beim Überschreiten dieser Schwelle empfand, als Sie glauben. Aber das eine möchte ich noch erklären, daß die verhängnisvolle Liebe meiner Schwiegermutter weder bei ihr noch bei ihren Söhnen in irgend einer Weise durch Erbschaftsaussichten beeinflußt wird. Sie verstehen mich wohl, Hochwürden?«

»Gott versteht uns alle, Don Sancho,« erklärte der Geistliche feierlich, sich an der Tür von ihm verabschiedend.

Am folgenden Tage blieb Donna Tula wie versteinert in ihrem Sessel und sie verfärbte sich, als eines der Dienstmädchen in Gegenwart von Don Benito den Besuch des Priesters anmeldete.

»Wie dumm!« rief sie ungeduldig und erschreckt. »Sagen Sie ihm, ich wäre nicht zu Hause ... ich hätte keine Zeit.«

»Er sagt, er müßte die gnädige Frau sofort unbedingt sprechen.«

»Was mag er wollen?« fragte Don Benito, nun auch aufmerksam geworden.

»Irgend etwas! Eine geschäftliche Konferenz ... die Armen ... Geld« ... entgegnete Donna Tula, immer erregter werdend.

»Wie langweilig! Sage ihm, er möchte ins Kabinett treten ... Der Mann ist zu unbequem.« »Aber warum willst du ihn nicht hier eintreten lassen?« sagte Don Benito, in der Hoffnung, eine Aufklärung zu bekommen.

»Auf keinen Fall,« rief Donna Tula heftig.

»Aber, liebe Frau, es ist doch hier keine Epidemie, er kommt doch von keinem Pestkranken, dem er die Beichte abgenommen hat.«

»Nein, wir haben keine Epidemie, Beni. Ich möchte diesen Herren in keiner Weise entgegenkommen; sie mögen sehr gut und sehr fromm ein – aber wenn man ihnen den kleinen Finger gibt, wollen sie die ganze Hand. Lassen Sie ihn immerhin ins Kabinett treten, ich komme sogleich hinunter.«

Don Benito zuckte die Achseln und Donna Tula stand nervös und erregt auf, um den Priester zu empfangen. Eine halbe Stunde dauerte ungefähr der Besuch; was während dieser Zeit verhandelt wurde, hat niemand erfahren. Es fiel allgemein auf, daß Donna Tula nicht mehr in die Kirche zum Beichten ging, daß sie in den folgenden Tagen unruhig, nervös und im höchsten Grade verstimmt war, als müßte sie sich, die widerstreitenden Punkte eines schwierigen Problems zu lösen, und daß sie, als am dritten Tage die ganze Familie versammelt war, in besserer Stimmung als bisher ihr mit einer anscheinend echten, aber durchaus fingierten Natürlichkeit einen von ihr entworfenen Plan unterbreitete. Sie wollte den Erzbischof um die Erlaubnis bitten, eine Hauskapelle einrichten zu dürfen, damit ihr Benito bequem der Messe beiwohnen könne; und später, zum heiligen Abend wurde sie ihn dann ersuchen, bei der Christmette mitternachts der ganzen Familie die Kommunion zu reichen.

»Wir alle vereint!« sagte sie, süß wie Zucker. »Und auch du, mein Beni, da wirst du der erhebenden Feier beiwohnen.«

Don Benito machte eine unwillige Bewegung.

»Ach was,« entgegnete Donna Tula, »weshalb immer diese Skrupeln?«

»Das sind keine Skrupeln, liebe Frau,« entgegnete Benito. schlecht gelaunt. »Aber mit 70 Jahren und Rheumatismus steht wohl niemand gern um Mitternacht auf, um so etwas mitzumachen.«

Donna Tula verharrte einen Augenblick schweigend und sagte endlich in einem sehr demütigen Ton:

»Aber, lieber Mann, müßten wir nicht dem Jesuskinde ein Opfer bringen. Diese kleine Unbequemlichkeit!«

Sancho, der, ohne mit der Wimper zu zucken, seiner Schwiegermutter zuhörte, murmelte, den Kopf hin und her wiegend, zwischen den Zähnen.

»Ta, ta, ta. Dich kenne ich! Seht doch einer diese Donna Cortufa an! Als ob der Tod mit den Händen in den Taschen warten wird, bis sie ihm ein Zeichen gibt ... wenn der heilige Abend vorüber ist, und der Alte hat sich täuschen lassen ...«

Und an demselben Abend, als die beiden jungen Ehegatten ihre schlafenden Kinder wie gewöhnlich vor dem Zubettgehen küßten, sagte Sancho sehr ernst zu seiner Frau: »Benita, ich möchte dich um etwas bitten ... versprich es mir bei allem, was dir heilig ist ... bei dem Leben unserer geliebten Kinder: wenn du mich in ähnlicher Lage siehst wie deinen Vater, dann sollst du mich vorbereiten, auch wenn die Gefahr noch so gering ist. Ich will als Christ sterben ... möchte mit dir und unseren Kindern im Himmel vereint sein.«

Benita fing an zu weinen, verbarg ihr Gesicht an der Brust ihres Gatten und sagte mit der ihr eigenen Innigkeit: »Ich schwöre es dir. Sancho, ich schwöre es dir ... und verlange von dir denselben Schwur.«

Die Tränen stürzten Sancho aus den Augen; er wiederholte mit leiser Stimme: »Ich schwöre es dir!« und die beiden Gatten besiegelten ihr Versprechen, indem sie ihre im Schlaf lächelnden Kinder auf die Stirne küßten.

Und nun folgte Benita einer jener Eingebungen, welche die Liebe und das Mitleid der christlichen liebenden Gattin einflößen. Sie umschlang Sancho, als er sich zu ihrem jüngsten Sohn neigen wollte, und unter Tränen lächelnd, sagte sie zu ihm: »Und warum sollten wir bis zu unserer Todesstunde warten? Gleich morgen könnten wir beide zur Beichte gehen ... Es ist schon langer als ein Jahr her, daß du nicht gebeichtet hast ...«

Und Sancho, der sich aus dem augenblicklichen Sancho wieder in einen alltäglichen verwandelte, schob seine Frau zärtlich beiseite und sagte: »So, nun seh' ich auch, wo du hinausgewollt hast!«

Und dabei fing er an, Purzelbäume durch das Zimmer zu schlagen, mit jener Ausgelassenheit, mit der jugend-fromme Herzen oft aus lauter Übermut leichtfertig mit der Barmherzigkeit Gottes spielen.

VII.

In der Kathedrale ertönte das Ave-Läuten. ruhig und ernst, wie das Gebet eines reinen Herzens, das seine Stimme zum Höchsten erhebt, unbekümmert um den Lärm und das Getriebe der Stadt. Es entstand eine Pause, eine jener Pausen, bei denen der Herzschlag stockt, ohne daß man weiß, warum, und alle Glocken von X. stimmten plötzlich ein allgemein freudiges, glücktönendes Läuten an, als durchströmte die Luft eine wahre Flut von zitternden, sonoren, harmonischen Tönen, als wären die Engel jauchzend auf die Erde herniedergekommen; volltönende Jubelklänge, die sich von Turm zu Turm verbreiteten, in alle Häuser drangen und in allen Herzen das Echo jener frommen Worte erweckten! »Tota pulchra es Maria et macula originalus non est in te ...«

Es war der Vorabend zu dem Fest der Unbefleckten Empfängnis, und jenes Läuten das Präludium, welches dem heiligen Fest voranging. Die Menschen liefen in Scharen durch die Straßen, die mit jener Liebe und mit jener vornehmen Art geschmückt waren, die den Andalusiern eigen ist, und die sich in prächtigen, zum Teil mit kunstvollen Teppichen und kostbaren Tapeten, sowie den einfachsten Perkalvorhängen geschmückten Häusern kundgab.

Überall, wohin der Blick schweift, wird er fast geblendet von Tausenden von Gasflammen, die unruhig flackernd ihr bleiches, klares Licht verbreiten, das die Dunkelheit der nahen Nebenstraßen, die Kerzenlichter in den Auslagen von Kuchen- und Mandeltörtchen, grauen Erbsen und Haselnüssen, die bei andalusischen Festen niemals fehlen, nur noch röter und trüber erscheinen läßt. Auch Herrn Benitos Haus war mit jener vornehmen Eleganz ausgestattet, wie sie einer so erlauchten Persönlichkeit ziemt. Dunkelrote Damastvorhänge bedeckten alle Fenster und Balkons und drei große Reihen Lichter hinter tulpenartigen Kristallglocken schmückten die drei Stockwerke des schönen Hauses, über dem Mittelbalkon flatterte stolz das dreifarbige Konsulatsbanner mit den fünf Fransen, als wollte es wie ein Ausrufer den Vorübergehenden die Unantastbarkeit und Eitelkeit des Vizekonsuls von Nicaragua verkünden.

Dieser saß, in seinem Lehnstuhl vergraben, wie immer am warmen Ofen, umgeben von Frau und Kindern, die sich allabendlich um ihn zu scharen pflegten. Lorenzo sah dann die Briefe seines Vaters durch, die um diese Zeit einzulaufen pflegten, und las ihm seine Lieblingszeitungen vor. Nach beendeter Lektüre beteten alle ihr Rosenkranzgebet, ausgenommen Lorenzo, der entweder in den Zeitungen weiterlas oder unbeweglich und schweigsam in seinem Lehnsessel verharrte. Sancho kam noch spät aus dem Klub und belebte die Unterhaltung durch seine angeregte Laune, seine kindischen Einfälle und seine dummen Aufschneidereien. Benito, der für seinen Schwiegersohn eine besondere Vorliebe hatte, begrüßte ihn immer freudig, Donna Tula aber immer mißtrauisch, denn sie mußte als Zielscheibe der Witze und Scherze ihres Schwiegersohnes dienen. Donna Tula bemühte sich nach Kräften, das zu verbergen, um dem armen Kranken diese Freude nicht zu rauben, und wartete geduldig auf die Stunde der Rache.

An diesem Abend freute sich Don Benito mehr als je auf das Erscheinen seines Schwiegersohnes, denn er war so erfüllt von einer jener eitlen Freuden, wie sie kleine Seelen oft, große Seelen nur selten empfinden, daß er es kaum erwarten konnte, sie auch ihm mitzuteilen. Don Benito hatte einen Brief von Sr. Exzellenz Sennor Don Pedro Lopez, dem Marquis von Campo-Agarra, erhalten.

Seine Exzellenz nannte ihn seinen »verehrten Freund«, sprach ihm von den bevorstehenden Wahlen, teilte ihm außerdem unter dem Siegel strengster Verschwiegenheit den Namen des Ministerial-Kandidaten mit, zu dessen Berufung die Kammer auf Don Benitos tatkräftige Hilfe und allumfassenden Einfluß im ganzen Gebiet rechnen zu können hoffte – die eigenen Worte des Ministers. Und Se. Exzellenz schloß sein Schreiben mit dem Ausdruck aufrichtigster Verehrung und tiefster Hochachtung, und was das Herz des Vizekonsuls von Nicaragua vollständig gefangen nahm, er unterzeichnete kurzweg: Lopez,... genau so, wie es Colon oder Pizzarro, Alba oder Cortez, Richelieu oder Turenne gemacht hätten.

Don Benitos schwaches Hirn vermochte dem starken Aroma der ministeriellen Schmeicheleien nicht zu widerstehen, und er fing aus Dankbarkeit und Befriedigung an zu weinen. Und die verderbliche Luft der Eitelkeit blies in einer Sekunde aus der Seele dieses halben Leichnams, der schon die Todessense am Nacken fühlte, all die bitteren Empfindungen der Abhängigkeit, die das Elend des Kranken noch vergrößern, da sie aus seinem Herzen die heilige Geduld verscheuchen: alle die schwarzen Gedanken, die sich in den endlos langen, müßigen Stunden seines gedrückten Herzens bemächtigten und ihn ganze Tage mit gesenktem Haupt, regungslos stumm mit weit geöffneten, starren Augen dasitzen ließen, als ob sein Gewissen eine Last bedrückte, die er nicht abzustreifen wage, und die sein Herz quälte wie der Höllenfels die Schultern Sisyphos'. Don Benito vergaß Krankheit, Ewigkeit und Tod, und hatte nur noch einen lebhaften Wunsch: ein Publikum zu finden, das ihn bewunderte. Und weil ein Rest von Verstand diesen durch den Schlaganfall geschwächten Kopf erhellte, zeigte er den ehrenvollen Brief, aus dem hervorging, daß jener Lopez nicht der Schuhflicker Lopez, noch der Barbier von der nächsten Ecke, noch der Kellner Lopez aus dem Café nebenan, sondern Lopez, ministro de la corona, Lopez, der Begründer der Dynastie Campo-Agarra.

Er las das Schreiben Donna Tula, seinen Söhnen und jedem Besucher einzeln vor.

Donna Tula war glücklich, Don Benito so zufrieden und heiter zu sehen, und dieser, erfüllt von jenem niederen Gefühl von Dankbarkeit, das den Geschmeichelten vor den Wagen der Schmeichelei spannt, fing mit Lorenzos Hilfe an, seinen Feldzugsplan mit einer Kunst und Meisterschaft zu entwerfen, die seine große Erfahrung und Diskretion in Wahlangelegenheiten bewiesen. Briefe, Besuche, Notizen, Bitten, Drohungen, Belohnungen und Versprechungen, jede Art von List wurde angewendet, um eine Stimme zu gewinnen, und an das alles dachte Don Benito mit überraschender Geistesschärfe bei jedem neuen Namen, den Lorenzo in die Liste eintrug, und fern von der Welt, wußte er von seinem Krankenstuhl aus alle den Wahlen zu Gebote stehenden Hilfsquellen heranzuziehen, etwa wie einst Philipp II. aus einem Winkel seines Escorials die Geschicke der ganzen Welt leitete.

Um 10 Uhr trat Sancho ein; die Damen hatten das Rosenkranzgebet beendet, und Benito, der, in seine Wahlpläne vertieft, an jenem Abend nicht teilgenommen hatte, sagte, einen Augenblick in seiner Arbeit innehaltend, befriedigt: »Morgen werden wir fortfahren. Der Erfolg ist sicher ... Es kann sich nur um vierzehn Tage handeln.«

Die Unterhaltung wurde darauf allgemein und Don Benito richtete, angeregt und lebhaft wie nie zuvor, das Wort an seinen Schwiegersohn, mit dem lächelnden Gesicht eines Wahlmannes, der im Begriff ist, eine reiche Beute an Stimmen auszunützen.

Sancho besaß große Güter, beschäftigte eine Menge Pflanzer und konnte daher in Hinsicht auf die bevorstehenden Wahlen einen weitgehenden Einfluß ausüben. Benito fing an, das Terrain vorzubereiten, die großen Fähigkeiten des Campo-Ugarra ins rechte Licht zu rücken, mit jener eigennützigen Großmut, mit der wir allen denjenigen, die uns hochschätzen und auszeichnen, alle menschlichen Vollkommenheiten zuerkennen, um damit auch den Lobreden, die sie uns angedeihen lassen, den rechten Wert zu geben; diese Beobachtung ist eine alte Wahrheit, die ich, ich weiß nicht wo, gelesen habe.

Aber Sancho, der nicht sehr aufgelegt schien, seinen Schwiegervater in seinen politischen Bestrebungen zu unterstützen, beschränkte sich auf die wegwerfende Bemerkung: »Der Marquis von Campo-Ugarra ... Ein schlauer Fuchs! ... Den sollten sie auch lieber zum Grafen von ...«

Don Benito schien die Ironie des neuen Titels, mit dem Sancho seinen berühmten Freund zu beehren beliebte, nicht herauszuhören, und antwortete ernst, mit dem hinweisenden Ton seiner besten Zeiten: »Er ist ein kluger Kopf ...! Mir scheint er berufen, eine neue konservative Partei zu begründen, die jeder vernünftige Mensch mit gutem Gewissen unterstützen kann. Findest du das nicht, Sancho?«

»Nein,« entgegnete dieser: »ich finde, daß der Hund genau so beißt wie die Hündin; und daß die alten und die neuen Parteien, die Fusionisten, die Sozialisten, die Royalisten und Demagogen alle gleich, alle miteinander verwandt sind ... Diese Namen sind nur Taufnamen; ihr Rufname ist »Schurke«!«

Und um der Entrüstung seines Schwiegervaters vorzubeugen, nahm Sancho eine Zeitung und fing an, sich darein zu vertiefen. Don Benito gab Lorenzo, der im Begriff war, ihm energisch zu erwidern, einen Wink und sagte leise zu ihm: »Laß ihn nur! Ich halte ihn fest!«

Vielleicht dachte der schlaue Alte an die vielfach besprochene testamentarische Bevorzugung, die auch Sancho in diesen Tagen so lebhaft beschäftigt hatte. Gleich darauf fing dieser laut an zu lachen, und sich vor Vergnügen auf die Schenkel schlagend, sagte er: »Das ist ausgezeichnet. Du, sieh hier. Lies das deinem Vater vor, das ist großartig!«

Lorenzo nahm die Zeitung mit leichtem Widerstreben und las: »Gutes Geschäft. Im Zusammenhang mit dem letzten Eisenbahnunglück, das vor einigen Tagen in San Francisco passierte, verdient folgende Begebenheit erwähnt zu werden. Ein gewisser Herr Starbottle, der in Boston durch seine unaufhörlichen Streitigkeiten mit seiner Schwiegermutter allgemein bekannt war, begleitete diese in einem Coupé erster Klasse. Beim Zusammenstoß der Züge wurde die Schwiegermutter getötet und Herr Starbottle blieb unverletzt. Nachdem der ehrenwerte Starbottle sich von seinem Schreck einigermaßen erholt hatte, hat er von der Eisenbahnverwaltung eine Entschädigung für den Tod seiner Schwiegermutter verlangt. Seine Forderung wurde bewilligt und die Eisenbahnverwaltung zur Zahlung von 5000 Duro an den unglücklichen Schwiegersohn verurteilt. Dies Geschäft wurde allgemein bekannt, und die Redaktion der Morning Post, die diese Notiz brachte, hat seit der Zeit beobachten können, wie unzählige Schwiegersöhne mit ihren Schwiegermüttern auf Reisen gingen.«

Kaum hatte Lorenzo zu Ende gelesen, als Sancho sich vor Donna Tula hinstellte, ihr mit der ihm eigenen Grazie den Arm bot, und lebhaft zu ihr sagte: »Mamachen ... komm mit mir nach Kalifornien, vielleicht entgleist der Zug und ich verdiene 5000 Duros.«

Don Benito fing laut an zu lachen und Donna Tula sagte, vor Wut schäumend: »Sei nicht so albern, Sancho! ... An einen Hanswurst zahlt die Gesellschaft nichts.«

»Komm mit, Mamachen.« fuhr Sancho in bittendem Tone fort, »Papa wird uns ein Billett nach Nicaragua nehmen. Sieh, Mamachen! Komm, wenn sie mir nur 5000 Reales geben, bin ich auch schon zufrieden.«

»Laß mich in Ruh!«

»Sieh, Mamachen ... du bist hier so überflüssig ... Unter der Bedingung, daß der Zug entgleist gehe ich gern mit dir auf Reisen.«

Don Benito lachte aus vollem Halse, so daß sein Lachen fast etwas Krankhaftes bekam; und da Donna Tula ihn so vergnügt sah, wollte sie die Szene noch verlängern: sie erhob sich also rasch, nahm den Arm Sanchos und sagte heiter: »Also gehen wir, mein lieber Schwiegersohn! ... denn wenn der Zug entgleist, wirst du vielleicht getötet und ich bekomme die 5000 Duros.«

Das konvulsivische Lachen Don Benitos wandelte sich plötzlich in einen krampfhaften Husten, als habe er sich verschluckt. Unruhig beobachtete Lorenzo ihn, sah, wie sein Gesicht dunkelrot und seine Augen blutunterlaufen wurden.

»Schweig.« rief er Sancho zu, der lärmend durch das Zimmer stürmte und seine Schwiegermutter mit sich fortriß.

Alle verstummten und eilten erschreckt herbei ... Keuchend warf Don Benito den Kopf, für den er einen Stützpunkt suchte, hinten über: Donna Tula versuchte ihm den Hemdkragen aufzuknöpfen, aber mit überraschender Kraft stieß der Alte sie von sich.

Und nun kam ein Augenblick der höchsten Angst und seinen bleichen Lippen entfuhr ein entsetzliches Röcheln, eine Art unterdrücktes Schreien, das lebhaft an den Kampf einer verdammten Seele erinnert, die sich mit aller Macht wehrt und sich vergebens aus dem verfallenen Körper zu befreien sucht, um nicht lebend in die Hände Gottes zu fallen, der sie vor seinen Richterstuhl ruft ... Einen Moment verstummte das Röcheln, und jene unbeschreibliche Angst machte sich in zwei Worten Luft, die sich mühsam losrangen und abgebrochen hervorgestoßen wurden.

»Be...ten – Tes...ta...ment!«

Dann verdrehte er die Augen; das Röcheln wurde schwächer, wie der Atem eines Sterbenden und sein Gesicht blieb starr und unbeweglich, wie eine Larve.

Benita und ihre Schwester stürmten schreiend davon; Lorenzo und Sancho fingen den Leichnam auf und trugen ihn in den Alkoven. Hier war das Bett schon abgedeckt und erwartete schweigend seinen Herrn ...

Donna Tula blieb allein, von allen vergessen im Kabinett zurück und verharrte, wie vom Blitz getroffen, auf dem Sessel, auf den sie gefallen war. Blöde und teilnahmlos sah sie, ohne sich Rechenschaft darüber abzulegen, vor ihren Augen die Dienstboten, die Ärzte und die Freunde kommen und gehen. Und endlich betrat ein schwarzer Schatten den Alkoven, um bald darauf wieder zum Vorschein zu kommen: es war der Priester Don Felix Sanguesa. Donna Tula erkannte ihn und gab endlich ein Lebenszeichen von sich: ihre Zähne schlugen aufeinander wie im Fieber.

VIII.

Die beiden Kerzen, die vor einem Kruzifix auf einer Konsole brannten, beleuchteten das Zimmer nur matt; das Bett mit den ganz zurückgezogenen und am Kopfende zusammengerollten weißen Vorhängen und der großen, steifen Gestalt, die schon die Leichenstarre zeigte, war in tiefes Dunkel gehüllt. Kein Geräusch, kein Seufzen drang aus dem Alkoven: in eine Ecke gekauert, saß Lorenzo mit dem schrecklichen Stempel, den ein tiefer Schmerz einem männlichen und starken Organismus aufzudrücken pflegt.

Von draußen drangen leise Schritte herein, die mit ängstlicher Vorsicht kamen und gingen, als lege der Tod, der in den Alkoven eingedrungen war – mit dem Finger an den Lippen allen Schweigen auf. Zuweilen wurde zwischen den halbgeöffneten Vorhängen an der Tür ein gleichgültiges oder unbekanntes Antlitz sichtbar, das mit jenem Gemisch von Neugier und Furcht auf den Toten blickt, mit dem das Volk die Trümmer eines schon gelöschten Brandes oder die Opfer einer Katastrophe betrachtet, die der Gefahr glücklich entronnen sind. In einem der nahe gelegenen Zimmer erklangen dumpfe Hammerschläge; es waren die Angestellten der Begräbniskommission, die den Salon schwarz drapierten und den Katafalk aufstellen, der den Leichnam aufnehmen sollte. Einer von ihnen trat mit der Zigarre hinter dem Ohr und der Mütze im Nacken in den Alkoven und schritt direkt auf das Bett zu.

Lorenzo packte ihn zornig am Arm, und der Mann blickte ihn überrascht an und sagte eisig: »Für den Sarg.«

Darauf zog er einen Zollstock aus der Tasche, nahm dem Körper Maß und entfernte sich, ohne ein Wort zu sprechen. Lorenzo schritt von der einen Seite auf die andere. Sein Schmerz hatte etwas von der mit Überraschung gepaarten Wut, die sich des wilden Pferdes bemächtigt, das zum erstenmal, ohne sich dagegen wehren zu können, die scharfen Spitzen der Sporen fühlt. Das war sein erster Schmerz!

Ein seltsames Paar von befremdlichem Ansehen schnitt Lorenzo den Weg ab ... es war eine Alte und ein Bursche, die ein Bündel trugen. Bei seinem Anblick wechselten sie erschreckt verstohlene Blicke: »Was gibt's!« rief Lorenzo empört.

»Wir sind ... wir kommen ...« stotterte die Alte.

»Um den Verstorbenen in ein Leichentuch zu packen,« sagte der Junge lieblos.

»Hinaus ... ihr Kanaillen!«

Die Alte lief eiligst davon: der Bursche blieb noch einen Augenblick stehen, als wollte er sich auf Lorenzo stürzen, zog sich dann langsam zurück und brummte mit drohender Miene: »Warum ruft Ihr uns denn erst?«

Lorenzo ging aus dem Alkoven, um seine Mutter zu suchen; er wußte, daß sie mit ihren beiden Töchtern zu Sancho gegangen war. Ein bitteres Lächeln umspielte seine bleichen Lippen; er rief die alte Manuela, seine Amme, und hüllte mit ihrer Hilfe den Leichnam des Vaters in das Leichentuch.

Um 12 Uhr brachte man einen Zink- und einen mit Samt ausgeschlagenen Holzsarg, der mit goldenen Fransen verziert war. Lorenzo bettete selbst den Leichnam in den Zinksarg und sah dann, ohne ein Wort zu sprechen, regungslos zu, wie man ihn verlötete. Der Sarg hatte am oberen Ende eine Glasscheibe, durch die das Gesicht des Verstorbenen deutlich zu sehen war.

Der Salon war von oben bis unten mit schwarzem Flanell ausgeschlagen, und weil er übermäßig groß war, hatte man, um ihn zu verkleinern, das Tuch ein bis zwei Meter von der Wand entfernt gespannt und die Möbel, Spiegel und Bilder, die sonst den Saal schmückten, in einer Ecke zusammengestellt. Der Katafalk stand in der Mitte des Zimmers mit schwarzem Samt bedeckt und war von mit großen brennenden Wachskerzen versehenen Kandelabern und Leuchtern umgeben; im Hintergrund steht ebenfalls ein mit schwarzem Samt bekleideter Altar, auf dem ein großes, rings mit dunklen Schleiern umhülltes Kruzifix thronte.

Lorenzo stand am untern Ende des Katafalks, der durch seine schräge Stellung es ihm ermöglichte, das fahle Gesicht der Leiche, das er durch die Scheibe im Sarg sehr gut sehen konnte, deutlich zu erblicken! ... Also nur das war von seinem Vater geblieben, von seinem Vater, der für ihn alles gewesen! ... Eine Handvoll Fleisch, die sich schon zu zersetzen anfing, und die nicht einmal in den Gesichtszügen jenen imponierenden Ernst zeigte, der den Toten anzuhaften pflegt, denn der Ausdruck des Entsetzens, den er im Sterben hatte, war noch nicht geschwunden, und während das eine Auge fest geschlossen war wie eine Narbe, blieb das andere halb geöffnet und gab gleichsam dem, der es anblickte, einen unheimlichen Wink.

Lorenzo schloß die Augen. Die Wut, die ihn anfangs beherrschte, hatte einem großen Angstgefühl Platz gemacht, das ihm die Brust zusammenschnürte und ihn veranlaßte, sich ganz in sich selbst zurückzuziehen, trostsuchend in dem, was er glaubte und hoffte. Aber der mathematische Gelehrte, der hervorragende Schüler der Ingenieurschule – denn Lorenzo war Ingenieur – hatte weder Glauben noch Hoffnung. Er war seit langer Zeit in jene Art von Freisinn geraten, zu der das ausschließliche Studium der Mathematik viele verleitet, die gewohnt, immer zu prüfen und zu berechnen, den Glauben einbüßen und es verächtlich finden, den letzten schweren Schritt zu tun, der in der Erkenntnis besteht, daß es eine Menge Dinge gibt, die für uns unfaßbar sind. Der Stolz war bei dem ernsten Studenten Lorenzo jenes Etwas, durch das in dem Seelenleben eines Skeptikers das Geheimnis seines Skeptizismus gelöst wird. Was ich nicht verstehe, was ich nicht erfassen kann, was ich nicht beherrsche, kann unmöglich existieren: so lautet die Philosophie des Mathematikers, der gewöhnt ist, unbekannte Größen auf bekannte zurückzuführen.

Und da die bekannte Größe des Todes nicht auf eine unbekannte zurückgeführt werden konnte, war ein toter Mensch für ihn ein Klumpen Erde, der zur Erde zurückkehrt, ohne irgend welche Spur zurückzulassen ... Und bei dem Gedanken, daß auch sein Vater sich in jenen Klumpen Erde, der wieder zur Erde zurückkehrt, verwandeln sollte, daß auch von ihm nichts anderes übrig blieb als eine Handvoll kriechender Würmer, empfand er die fürchterliche Leere, die seine Theorien in der Seele hinterließen, in ihrem ganzen Schrecken, ihrer ganzen Trostlosigkeit. Er nahm sie – eine nach der anderen – wieder auf, mit dem sehnsüchtigen Verlangen, eine Lösung zu finden, demselben Verlangen, mit dem man in der lybischen Wüste einen Schluck Wasser sucht: und da er nicht gestillt werden konnte, begriff er zum erstenmal, daß, wenn der katholische Glaube auch nicht die Grundfeste aller Tugenden sein könne, er doch der beste Trost sei, das einzige, was in gewissen Lebenslagen unsere Seele zu stärken vermag. Und dann nahm er seine letzte Zufluch: zum Glauben, und Gott mit seinem großen Mitleid verfehlte nicht, ihm die Wege zu weisen.

Der unglückliche Jüngling glaubte, in dieser grausamen Angst umkommen zu müssen; ihm war, als ersticke er in der dicken Luft, die durch den Qualm der brennenden Kerzen immer schlechter wurde. Er sprang auf und öffnete das Fenster; die Nachtluft drang herein, und er hörte deutlich die Stimme des Nachtwächters, der die zweite Stunde verkündete, und diesem Ruf. wie in Andalusien üblich, die frommen Worte »Ave Maria« voranschickte.

Jene feierlichen Worte riefen Lorenzo das Fest, das gefeiert wurde, ins Gedächtnis zurück, die Freude des Vorabends, der Gedanke an die fleckenlose Jungfrau, die sich immer dem Menschen, wie das vollendetste Bild der Barmherzigkeit, der mütterlichen, süßen, großen, tiefen, unbegrenzten Barmherzigkeit zeigt. Lorenzo stützte seine gesenkte Stirn auf den Rand des Sarkophages und sagte immer und immer wieder all die Gebete her, die er kannte. Wunderlich genug! Dieselben Gebete, die ihm oft trivial, unwahr und sinnlos vorgekommen waren, kamen ihm jetzt im trüben Schein des Unglücks bedeutsam vor und von einer Innerlichkeit, die er an ihnen vorher nie empfunden.

Als die alte Manuela Lorenzo, den sie schlafend glaubte, sanft anstieß, und dieser den Kopf hob, fing es bereits an zu tagen. Vergebens suchte die Alte ihn zu überreden, er möge sich niederlegen. Lorenzo weigerte sich energisch und bat nur, man möchte ihm eine Tasse Bouillon bringen. Um 4 Uhr nachmittags, als die Freunde und Bekannten zum Begräbnis kamen und das Haus überfluteten, saß Lorenzo noch immer neben dem Sarkophag. Ein einziges Mal hatte er sich erhoben, als die Begräbniskommission sich auf Donna Tulas Befehl dem Sarg genähert hatte, um ihn mit dem Nicaragua-Orden zu schmücken und ihn auf das Trauertuch zu legen, auf dem der alte Stab des Gemeinderats ruhte sowie der große Orden Isabellas der Katholischen, den er bisher noch nicht getragen hatte. Lorenzo beobachtete das alles aus einer Ecke des Zimmers in heller Wut; ihm kam das alles vor, als wolle man die vergänglichen Gesichtszüge des Verstorbenen mit einer Harlekinlarve bedecken.

Mehrere in Trauer gekleidete Herren betraten das Sterbezimmer und Lorenzo flüchtete darauf hinter das Tuch und die aufgespeicherten Möbel. Einige der Herren neigten sich über den Sarg, murmelten ein Gebet und fingen dann an, von gleichgültigen Dingen zu sprechen. Andere beschränkten sich darauf, ihn neugierig zu beobachten, um dann die Achsel zu zucken, mit einer Gleichgültigkeit, die durch die offiziellen Trauerfeierlichkeiten hindurchschimmert; zweimal hörte er ein leises Lachen, und ihm war es, als wäre jenes Lachen durch den Nicaraguaorden hervorgerufen. Bald darauf wurde das Geräusch herannahender Schritte hörbar: es war die Geistlichkeit, die kam, um den Leichnam zu holen. Lorenzo sprang auf wie ein Mensch, der sich gegen einen drohenden Schlag schützen will, und ein nervöses Zittern befiel ihn: er setzte sich auf die Lehne eines Sessels und begann, mechanisch auf den Rahmen eines Bildes an der Erde die hübschen Schachfiguren aufzureihen, die er aus einem Kasten nahm. Der Geistliche intonierte den Totengesang: » De profundis«, der in seiner Monotonie ergreifend wirkt, weil er mit jener Einförmigkeit in den Ohren klingt, die den Gedanken an die Ewigkeit erweckt, die ohne Anfang, ohne Ende und ohne Wechsel ist. Lorenzo lauschte andächtig, ohne einen Ton zu verlieren, und zerbröckelte in seinen Fingern, ohne zu wissen, was er tat, die feinen Elfenbeinfiguren des Schachspiels; er hörte das leise Geräusch des Weihwassers, das man auf den Sarg träufelte, und das Knistern der Soutanen, die sich in Bewegung setzten. Auch einen anderen schrillen Ton vernahm er, wie wenn man eine schwere Last über den Boden schleift, dann den keuchenden Atem von Männern, die eine harte Arbeit verrichten; darauf gleichmäßige Schritte, die an dem schwarzen Tuch des Bodens haften blieben, als trügen sie eine schwere Last; dann tiefe Stille ... Lorenzo hob den Kopf – der Katafalk war leer; ebenso das Zimmer. Jetzt begriff er, daß ihm auch das vergängliche Fleisch nicht mehr geblieben war, und der echte Schmerz, der bis auf das Mark der Knochen dringt, der männliche Schmerz, der die Lippen zusammenpreßt, das Herz bedrückt und die Brust einschnürt, durchdrang sein ganzes Sein und erfüllte sein Herz mit wilder Verzweiflung. Er eilte durch die Galerien, stürzte auf einen kleinen Balkon, der auf den Hof ging und erblickte von hier aus, wenn auch in weiter Ferne, zum letztenmal den Sarg seines Vaters, der von vier Männern getragen wurde. Sancho, der ihn laufen sah und ihm folgte, hielt ihn mit seinen Armen auf, als er fürchtete, daß er sich auf den Hof stürzen würde. Lorenzo aber streckte ihm die geballten Fäuste entgegen und rief mit zusammengepreßten Zähnen: »Sie tragen ihn fort. – ach, sie tragen ihn fort!«

Dann verbarg er sein Gesicht an Sanchos Brust und sprach kein Wort mehr. Er ließ sich ohne Widerstreben in seinen Alkoven bringen; dort entkleideten sie ihn, wie ein krankes Kind, und brachten ihn zu Bett. Sancho blieb bei ihm, bis es Abend wurde, und verabschiedete sich dann von ihm. Dabei hielt Lorenzo ihn beim Arm fest und sagte ganz leise: »Sancho, hast du einen Rosenkranz?«

Sancho blieb einen Moment sprachlos, legte seine zitternde Hand auf den Kopf seines Schwagers und flüsterte: »Nein ... aber warte ...«

Lief dann in das Zimmer seiner Schwägerin, öffnete Schubladen, Schachteln, wickelte Pakete auf, leerte die Taschen und fand endlich in der Ecke einer Kommode einen Rosenkranz aus Perlmutter. Dann eilte er zu Lorenzo in den Alkoven zurück und sagte, sich über sein Bett neigend: »Da nimm!«

Dieser stürzte sich förmlich darauf, und als er sich allein im Zimmer wußte, lehnte er den Kopf gegen die Wand und fing an zu weinen wie ein Kind.

Es geht einem oft mit gewissen Eindrücken. wie mit manchen Bildern: man muß sie aus einer gewissen Entfernung sehen, um das richtige Urteil darüber zu gewinnen.

Drei Tage nach Don Benitos Begräbnis, als der Schwarm trauernder Freunde, die bei derartigen Gelegenheiten die Leidtragenden zu begleiten, zu trösten und zu langweilen pflegen, verschwunden war, richteten Donna Tula und ihre Söhne sich von neuem in ihrem Hause ein und nahmen ihre gewöhnliche Lebensweise auf, und erst jetzt empfanden sie so recht die Leere, die durch diesen herben Verlust entstanden war.

Jene langen Stunden der Pflege des Kranken bleiben unausgefüllt; die in seinem Besitz befindlich gewesenen Gegenstände sind überflüssig geworden, die von ihm bevorzugten Plätze leer. Alles das schürte in Donna Tula und ihren Söhnen jene gefährliche fixe Idee, die die erste Stufe zum Wahnsinn bildet und in ihrer grenzenlosen Bitterkeit alle andern Eindrücke verwischt. Diese Auffassung hatte Lorenzo und darum versuchte er, sich durch Ordnen der geschäftlichen Angelegenheiten seines Vaters gewaltsam zu zerstreuen. Nirgends war ein Testament zu finden und damit erklärte sich auch der letzte, ängstliche Schrei des armen Alten: »Testament!« dem man vorher nicht die geringste Bedeutung beigelegt hatte. »Mein geliebter, armer Mann! Mein Einziger!« klagte Donna Tula und vergoß Ströme von Tränen. »Bis zum letzten Atemzug gehörten seine Gedanken uns! Die Sorge um unser Wohl war sein letztes Wort! Mein Geliebter! Mein Herz! Es gab keinen zweiten Vater, keinen zweiten Gatten wie er! Er war ein Heiliger! Er war ein Heiliger!«

In allgemeiner Übereinstimmung beschloß die Familie ein Inventar der zahllosen Güter Don Benitos aufzunehmen und den Advokaten der Familie mit der Teilung zu beauftragen.

Eines Nachmittags nach dem Essen ging Lorenzo in das Arbeitszimmer seines Vaters, das er seit »Allerheiligen«, dem verhängnisvollen Tage des ersten Anfalls, nicht wieder betreten hatte. Er fand dort alles so, wie er es das letztemal verlassen hatte, in jener grausamen und starren Ordnung, die oft befremdend wirkt, weil wir darin etwas wie paralysiertes Leben zu erkennen glauben. Dort standen im Hintergrund die beiden großen Mahagonischränke, welche die Familienpapiere enthielten: links der eiserne, mit geheimnisvollen Schlössern versehene Schrein, der seinen goldenen Inhalt verbarg und verteidigte; in der Mitte der schwere Tisch mit den doppelten Schubfächern und der große Drehstuhl, der Dreifuß, von dem aus Don Benito so oft seine Dogmen verkündete. Über dem Ledersofa an der andern Wand hing das eingerahmte Wappen von Nicaragua, eine seltsame Heraldik. Auf dem Tische fand Lorenzo die an Don Benito gerichtete Einladung des Gouverneurs für Benito zu dem unglückseligen Bankett von Allerheiligen, in der Schreibmappe einen an demselben Tage angefangenen Brief, in welchem Don Benito einem in Madrid wohnenden Don Narziso Perez drei Schachteln Toledaner Marzipan als Ostergeschenk ankündigte: ferner allerhand andere Gegenstände, darunter eine kleine, aus einem Stein der Bastille geschnittene Büste Voltaires, die Lorenzo seinem Vater einst aus Paris mitgebracht hatte, die Wählerliste, die Don Benito zwanzig Minuten vor seinem Tode seinem Sohne diktiert hatte, in der sicheren Hoffnung, daß er innerhalb der nächsten vierzehn Tage triumphieren würde.

Ein schluchzender Seufzer entrang sich Lorenzos Brust; er riß alle Papierschnitzel aus dem neben dem Schreibtisch stehenden Papierkorb und fing an, die Dokumente in beiden Schränken zu prüfen. Es waren dies größtenteils Schuld- und Hypothekenscheine und außerdem Dokumente über den Besitz verschiedener Grundstücke. Ferner fand er das gerichtliche Erkenntnis eines Prozesses, den die direkten Nachkommen jenes Onkels, des Millionärs, gegen Don Benito geführt, weil er als Universalerbe eingesetzt worden war. Lorenzo entsann sich, daß in seiner Kindheit von diesem Prozeß die Rede gewesen war, und daß die gegnerische Partei, eine Witwe mit vier Söhnen durch die Entscheidung zugunsten Don Benitos in tiefstes Elend geraten war. Eine Regung von Neugier trieb ihn, das umfangreiche Protokoll aufzuschlagen; unter einem abseits liegenden Aktenbündel fand er das Originaltestament des Onkels D. Cayetano Morales. Jenes Dokument konnte ihm die große Arbeit des Inventaraufmachens wesentlich erleichtern, denn die Besitztümer Don Benitos waren darin zum größten Teil aufgezählt. Lorenzo machte sich sofort daran, emsig zu lesen und zu notieren, was ihm am wichtigsten schien. Der Nachmittag neigte sich seinem Ende zu, und die dichten grünen Ripsvorhänge, welche die beiden Fenster des Zimmers halb bedeckten, ließen das Licht nur noch spärlich hindurch. Er trat deshalb an eines der beiden Fenster, die auf den großen Garten mündeten und fuhr in seiner Arbeit fort. Bald darauf wurde seine Aufmerksamkeit durch ein von draußen kommendes Geräusch abgelenkt. Die neben der mit Steinbänken besetzten Laube befindliche Tür wurde vorsichtig geöffnet und allmählich wurde Sanchos Kopf sichtbar. Er prüfte sorgsam alle Zugänge und betrat endlich die Laube. Lorenzo konnte nun unter seinem zugeknüpften Paletot ein großes umfangreiches Paket entdecken, in dem sich etwas Lebendiges zu befinden schien. Hinter ihm kamen seine beiden Kinder, Sanchillo und Benitin, in ihren schwarzen Blusen, hohen Stiefelchen und schwarzen kurzen Beinkleidern. Benitin klammerte sich an den Rock seines Vaters; Sanchillo kam mit zwei Fingern im Mund hinterher, und beide Gesichtchen zeigten jenen Ausdruck von Schlauheit und Schreck, wie er Kindern eigen ist, wenn sie dumme Streiche vollführt haben. Sancho setzte sich auf eine der Bänke in der Laube; die Kinder kauerten sich neben ihm nieder und stützten ihre Händchen auf die Füße des Vaters. Nun zog dieser das geheimnisvolle Paket unter dem Mantel hervor. Es war eine Katze, die Lieblingskatze Lolitas, auf die sie die ganze Liebe und Zärtlichkeit ihres 38jährigen altjüngferlichen Herzens übertragen hatte. Das Opfer sträubte sich energisch gegen diesen Übergriff in ihre Katzenrechte, aber Sancho drückte sie mitleidslos zwischen seine Knie, ohne auch nur daran zu denken, sie freizugeben. Er nahm zwei Wallnüsse aus der Tasche und unterzog sich der schwierigen Aufgabe, mit einem Federmesser sie in der Mitte zu öffnen, und höhlte die leeren Schalen vollständig aus, wie winzig kleine Schiffchen, steckte dann auf je ein Pfötchen der Katze eine Wallnußschale und ließ das kleine Tier dann endlich auf den mit kleinen roten und weißen Fliesen ausgelegten Boden der Laube fallen. Die Katze fühlte sich keineswegs behaglich und begann gleich darauf, erschreckt durch den Lärm, den ihre improvisierten Pantöffelchen hervorriefen, tolle Sprünge zu machen; die Kinder lachten ihr glückliches Kinderlachen, das ansteckend wirkt wie das Zwitschern der Vögel, die sich beim Sonnenuntergang begrüßen. Vergebens gebot Sancho ihnen Schweigen, aus Furcht, das Attentat könnte entdeckt werden. Die Kinder lachten immer herzlicher und liefen hinter der Katze her, über einen Weg, der gerade an dem Fenster vorbeiführte, an dem Lorenzo stand. Bei ihrem Anblick lächelte er; es war das erstemal seit dem Tode des Vaters. Er fürchtete, ihre Freude zu stören, wenn sie ihn am Fenster entdecken würden, und anstatt sich zurückzuziehen, legte er rasch das letzte Blatt des Testaments zwischen sein Gesicht und die Fensterscheibe. Darauf stand der Name des Testators Don Cayetano Morales und darunter das Datum, an dem es ausgestellt war. 9. Januar 1846. Lorenzo blickte mechanisch auf jenen Namen, der mit großen runden Lettern geschrieben war, und sah dann, während er es gegen das Licht hielt, die kleinen Umrisse des Papierstempels mit der Jahreszahl der Fabrikation des Papiers 1850 durch die Adresse hindurchschimmern. Lorenzo wurde im ersten Augenblick der fürchterliche Widerspruch, in dem die beiden Daten standen, nicht ganz klar: es war unmöglich, ein Dokument von 1846 auf ein vier Jahre später – 1850 – fabriziertes Papier zu schreiben.

Aber plötzlich erhellte ein Lichtstrahl seinen Verstand; mit einem Schlage sah er die Lösung des Rätsels klar vor Augen. Er begriff, daß das Testament falsch war und daß die Entdeckung, welche die göttliche Vorsehung keinem Verbrechen erspart, durch den Widerspruch der beiden Daten herbeigeführt wurde; daß sein Vater ein Betrüger, ein Dieb war, und daß jener ängstliche Schrei, der sich sterbend seinen Lippen entrang, das Geständnis seines Verbrechens, die Knospe einer verspäteten Reue war.

Der Schlag war fürchterlicher und stärker als jedes andere Gefühl, und sie alle beherrschend, erhob sich im tiefinnersten seiner Brust ein wilder Haß, eine unerbittliche Wut gegen seine Mutter, gegen die zärtliche Gattin, die den elenden Alten in die Hölle geschickt und ihn jedesmal, wenn er den Wunsch äußerte, seine Schuld zu beichten und sein Verbrechen wieder gutzumachen, daran gehindert hatte. Ach, als Lorenzo seinen Glauben wiedergefunden hatte, der ihm süßen Trost gebracht, führte ihm jener wiedererlangte Glaube das schreckliche Schicksal einer verruchten Seele vor Augen, die er erretten wollte – und wär' es auf Kosten seines eigenen Blutes! Jetzt wollte er von neuem in Gottlosigkeit, wenigstens in Zweifel und Ungewißheit verfallen, die in seinen Augen nicht so trostlos war, weil sie immer einen Schimmer von Hoffnung barg! Aber ein seltsames Wunder, das seinen Zorn erregte, stärkte seinen schwankenden Glauben in jenem Kampfe – nun glaubte er an die Macht, glaubte, ohne daß er glauben wollte, an die Hölle, die er sich in einer Phantasie mit den gewaltigen krassen Farben einer Danteschen Palette ausmalte.

Lorenzo schäumte vor Wut und stürmte, sich die Haare raufend, durch das Zimmer.

»Unmöglich! ... Unmöglich!«

Dann stürzte er auf die Straße und bis um 12 Uhr nachts war er nicht nach Haus gekommen. Die ängstliche Donna Tula sandte Boten nach allen Seiten; niemand konnte ihn finden. Viel später – ungefähr um 1 Uhr – kam Lorenzo schweigend und düster, aber nicht mehr verzweifelt, nach Hause: er betrat seinen Alkoven, ohne auf die Fragen seiner Mutter zu antworten, und schloß sich darin ein.

Man kam durch einen seltsamen Zwischenfall dahinter, daß er in jener Nacht drei lange Stunden in dem Hause eines berühmten Missionärs gewesen, der zu der Zeit die Predigten des Aventino hielt.

IX.

Neun Tage nach Don Benitos Tode lies Donna Tula in einer abgelegenen Kirche eine feierliche Messe für die ewige Seelenruhe des Verstorbenen lesen. Einige sprachen ihre Verwunderung darüber aus, daß diese pomphafte Feier nicht in der Parochie selbst abgehalten wurde. Aber Donna Tula erklärte mit gesenkten Augen und der trübseligen Stimmung, die zu ihrem Kummer paßte, mit dem sanften Girren ihrer Witwen-Turteltaubenstimme: »Das ist sehr einfach. Dieser Priester ist sehr gut und sehr diensteifrig. Aber so gewöhnlich, so aufdringlich, so eigensinnig im Durchsetzen seines Willens, daß ich ihn mir lieber etwas fern halte. Beni sah ihn deshalb nicht gern, und ich habe mich daran gewöhnt, immer so zu handeln, wie mein armer Geliebter. Ich möchte, daß seinen Intentionen entsprochen und sein Wille in allem respektiert wird.«

Hier verlor die Mustergattin sich von neuem ins Unendliche, und um sie zu trösten, stimmten die sie umgebenden Freunde im Chor ein Loblied auf den Verewigten an. Donna Tula schloß die Augen und wiederholte ihren alten Refrain: »Er war ein Heiliger! Er war ein Heiliger!«

Das Konzert war tadellos, nur Lorenzo»; Stimme nicht ganz rein. Er sah seine Mutter von der Seite an, und ein bitteres Lächeln umspielte seine Lippen. – – –

 << Kapitel 11 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.