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Gottes Hand

Luis Coloma: Gottes Hand - Kapitel 11
Quellenangabe
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typenarrative
authorLuis Coloma
titleGottes Hand
publisherJosef Habbel
printrunVierte Auflage
translatorElse Otten
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090919
projectid035f2469
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Gottergebenheit.

I.

Diese Geschichte ist keine Erfindung, sondern eine jener lehrreichen Fabeln, die, in dem Herzen des großen Dichters, Volk genannt, entsprungen, dem religiösen Gefühle ihre Entstehung verdanken. Sie sind dem aufmerksamen Beobachter ein genauer Gradmesser für die Wahrheit und Reinheit des religiösen Empfindens in der Seele des Volkes.

In allen Kulturstaaten Europas werden heute die Sagen und volkstümlichen Gesänge studiert und gesammelt, als Mittel zum Zweck, um die Eigenart eines jeden Volkes kennen zu lernen. Und dieses in Spanien kaum kultivierte Studium hat trotzdem ergeben, daß wir in dem Volk einen großen religiösen Dichter besitzen, dessen unerschütterlichen Glauben wir wunderbare und doch tiefsinnige Schöpfungen verdanken, die trotz der Verherrlichung seines Glaubens dessen dogmatische Reinheit nicht im geringsten gefährden.

Es handelt sich bei dieser Fabel, die uns überliefert wurde, weder um Titiros noch Relibeos. sondern um einen jener ländlichen Dichter, die Herden weißer Lämmer hüten. Er hieß Pellejo und war seines Zeichens Sackträger, d.h. er betrieb ehemals einen kleinen Schmuggelhandel in jenem Gebiet, das sich von Gibraltar bis zu den Gebirgszügen von Ronda erstreckt.

II.

Vor vielen Jahren durchquerten wir den untern Teil des malerischen Andalusien. Nicht jenes Andalusien, das der Reisende in schwindelnder Eile mit der Eisenbahn durchjagt, ohne etwas anderes als Felsen, Olivenhaine, Weinberge, Salzbergwerke und endlich das Meer flüchtig zu unterscheiden, das sanft den Felsen umspült, auf dem Cadix wie eine weiße Möve ruht. Dieser Teil Andalusiens, der an der Gebirgskette von Ronda beginnt und sich bis zu den Bergen von Gibraltar ausdehnt, ist das Andalusien der von dunklen Pistazien bedeckten, langgestreckten Gebirgszüge, der reichen Felder, der düstern, von Efeu umrankten Eichenwälder, der endlosen Wiesen, auf denen wilde Stierherden weiden, der maurischen Schlösser, jener vergänglichen, von Menschenhänden errichteten Werke, die sich auf hohen Felsen, den unzerstörbaren Werken Gottes, stolz erheben. Eine seltsame zufällige Vereinigung von Schönheit der kultivierten Natur mit der hehren Majestät der Felsen, Wälder und Wasserstürze, von deren Schönheit sich nur der einen Begriff machen kann, der die Gegend zu Pferde bereist, langsam oder schnell, wie es ihm gerade behagt.

Bei einem jener Ausflüge diente uns Gevatter Pellejo als Führer. Wir schlugen an einem Novemberabend den Weg nach Algar, einem kleinen Gebirgsdörfchen ein, und ich hüllte mich fest in einen murzischen Mantel, wie ihn die Landleute in Andalusien zu tragen pflegen, während Gevatter Pellejo – ohne jeden anderen Schutz als eine alte geflickte Jacke – die Last seiner 70 Jahre trug.

»Wie spät ist es, Gevatter Pellejo?« fragte ich ihn wiederholt, da ich meine Uhr nicht hervorholen konnte.

Gevatter Pellejo blickte aufmerksam zu den Sternen empor und entgegnete langsam, ohne Zögern:

»Sogleich halb zwei.«

»Mir scheint, Eure Uhr ist stehen geblieben,« sagte ich scherzend.

»Der Herr, der diese Uhr aufzieht, schläft nicht.«

»Aber wißt Ihr denn nicht, es war bereits 12 Uhr, als wir von Mimbral aufbrachen, und inzwischen haben wir mindestens drei Stunden Wegs zurückgelegt.«

»Für den, der nichts zu essen hat, hat der Tag 48 Stunden.« erwiderte Gevatter Pellejo. »Um 12 Uhr sind wir aufgebrochen, und jetzt ist es ein Viertel nach eins; dagegen läßt sich nichts sagen. Sehen Sie hier die drei Schwestern?« fragte er, auf das Sternbild des Orion zeigend. »Wenn diese drei über dem Felsen von Tempul stehen, ist die Uhr genau eins, nicht eine Minute mehr oder weniger. Und eine halbe Stunde später fallen die Tränen der hl. Jungfrau auf die Gebirgskette von San Christobal... Sehen Euer Gnaden nur: schon fangen sie an zu fallen.«

Und bei diesen Worten wies er mit der Hand auf die Milchstraße, die in der Tat hinter der bezeichneten Gebirgskette zu verschwinden anfing.

»Und warum nennt Ihr diese Sterne die Tränen der hl. Jungfrau?« fragte ich ihn neugierig.

»Weil Brot Brot heißt und Wein Wein.« entgegnete Gevatter Pellejo einfach. »Diese Sternenstraße ist aus den Tränen entstanden, die die heilige Jungfrau vergossen hat, als sie auf Erden wandelte. Die Engel haben sie gesammelt, und Gott hat sie an das Himmelszelt gesteckt... Deshalb sind sie schön und sind ihrer sehr viele!«

Während Gevatter Pellejo die Entstehung des berühmten Sternbildes mit noch größerer Bestimmtheit als Laplace erklärte, kam mir die griechische Mythe ins Gedächtnis, die Rubens durch einen Pinsel unsterblich gemacht und die unzählige Dichter besungen haben. Kann es etwas Schöneres und Poetischeres geben als Gevatter Pellejos Auslegung? Ohne daß sie durch den Pinsel eines Rubens oder die Muse eines Dichters verherrlicht wäre, hat sie ohne Zweifel mehr als ein Herz gerührt, das in Maria die Trösterin der Sünder und aller Unglücklichen erblickt.

Nachdem er geendet, fragte ich den alten Sackträger:

»Wer hat Euch das erzählt, Gevatter Pellejo?«

»Das weiß ja jeder, selbst das kleinste Kind. Das ist wie's Weinen: das lernt man auch nicht und kann's doch. Mir hat das niemand erzählt. Aber meine Frau hat mich oft daran erinnert. Jesus Christus! – Zwölf Jahre ist das nun schon her, und noch heute klingt mir die Stimme in den Ohren ... Ich hatte drei Söhne: auf alle drei fiel das Los. Alle drei mußten sie mit in den maurischen Krieg. Meine Anna hatte keine Tränen mehr, um zu weinen, und keine Kraft mehr, um sich zu bekreuzen ... Ich versuchte meinen Kummer zu verbergen, aber ich hatte ein Weh in mir, das mir keine Ruhe ließ: ich wurde düsterer wie der Schatten eines schwarzen Feigenbaumes ... Und doch, wie traulich war alles, wenn ich heim kam!

»Eines Tages sah ich den Pächter des Cortijo de la Horca; er erblickte mich mit Anna schon von weitem und pfiff mir zu. Jener Ton klang mir düsterer als die Glocken der Karwoche ... Ich eilte auf ihn zu, und die Stimme meines Herzens hatte mich nicht getäuscht. Sein Sohn war aus Afrika zurückgekommen und durch ihn wußte er, daß von meinen drei Söhnen der älteste bei der Belagerung von Siera-Bullones gefallen, der zweite meuchlings von einem Mauren in einem Graben getötet war und der dritte, Sebastian, ein lustiger Bursche, der Liebling aller, an der Cholera im Hospital von Algeciras darniederlag. Ich kehrte zu Anna zurück und brachte ihr die Nachricht ... Sie sank zusammen, als wäre der hohe Turm von Tempul auf sie gefallen. Die Augen traten ihr aus den Höhlen, und sie wurde weiß wie ein Blatt Papier.

»Wir wollen nach Algeciras, Cristobal!« sagte sie zu mir.

»Wir zäumten den Esel und nahmen den Weg nach San Roque, der uns rascher nach Algeciras führte. Die Nacht überfiel uns schon kurz hinter Martelilla. Anna ritt, in ein dickes Tuch gehüllt, auf dem Esel und betete ein Kredo und ein Salve Regina nach dem andern. Ich ging hinterher, scheuchte die Schlangen und Kröten auf und zertrat jedes kriechende Tier, das mir in den Weg kam. Ich war sonst nicht schlecht: ich glaubte an Gott und die heilige Jungfrau und an alles, das man sonst auf der Welt glaubt. Aber jener Schmerz hatte mir die Galle ins Blut getrieben, und selbst der Speichel im Munde schmeckte mir bitter.

Plötzlich stolperte der Esel und ließ die Säcke fallen. Ich wurde wütend, wütend wie der Stier, der von der Assel gestochen wird, wie wenn der Fluß, der immer mehr und mehr anschwillt und den ein leichter Sprühregen zum Überlaufen bringt, aus seinen Ufern tritt, wurde ich immer wütender und stieß endlich einen fürchterlichen Fluch aus.

Anna sprang vom Esel herunter, als hätte sie die Trompete des Jüngsten Gerichts gehört. Sie stellte sich vor mich hin, bleicher als der Tod, und sagte mit Grabesstimme zu mir:

»Schweige, Christobal, schweige; du verdienst, daß Gott dir auch deinen letzten Sohn nimmt.«

»Und warum ist Gott gerade mit uns so hart und unerbittlich?« rief ich aus, noch erregter und wütender als zuvor.

»Weil wir Sünder sind,« entgegnete sie, und ihre Stimme klang wie die eines Richters, der einen Menschen zum Tode verurteilt.

»Siehe,« fügte sie hinzu, die Hand zu den Sternen erhebend, »sieh nur, wieviel Tränen die heilige Jungfrau um unsertwillen vergießt! Zähle sie, wenn du kannst! ... Sie weint und wir sündigen!«

Was dann mit mir vorging, weiß ich nicht mehr, aber mir wurde weh ums Herz, und ich blieb zurück, weit zurück, um mit mir allein zu sein. Ich blickte zu jenen gesegneten Sternen empor, und heiße Tränen rannen mir aus den Augen.

»Heilige Jungfrau, um mich weinst du!« sagte ich laut, aber ich wußte nicht, was ich sagte! ... »Du gnadenreiche Beschützerin aller Sünder, nimm dieses verirrte Schaf in deine Hut! ... Heilige, barmherzige Mutter, behüte mich mit deinem Mantel! Mutter, die du einen Sohn verloren hast, habe Mitleid mit dem, der drei verloren!«

Wir kamen am Morgen in Algeciras an, gingen direkt ins Hospital und fragten nach Sebastian Perez. Wir wurden in die Amtsstube geführt, in der der Sergeant in einem Buche nach dem Namen suchte.

»Sebastian Perez,« sagte er, »ist am 25. Mai gekommen und am 1. Juni gegangen.«

»Und wohin ist er gegangen?« fragte Anna.

»Nach dem Kirchhof, mit den Füßen nach vorne,« entgegnete der Mann.

Ich fühlte, wie Anna mir die Nägel in den Arm grub, und wie sie zitterte, als würde sie von heftigem Fieber geschüttelt.

»Laß uns auf den Friedhof gehen.« sagte sie.

Wir machten uns auf den Weg, aber der Friedhof war schon geschlossen, und der Pförtner wollte nicht mehr öffnen. Anna setzte sich an die Pforte und blickte durch den Spalt, um doch wenigstens von weitem ein Stückchen von der Erde zu erspähen, unter der ihr Kind ruhte.

Wir hatten noch 10 Pesetas, und Anna wollte eine Messe lesen lassen zu Ehren der schmerzensreichen Jungfrau. Ich machte mich auf den Weg nach der Sakristei, suchte einen Priester und beichtete ihm unter heißen Tränen. Dann legten wir den siebenstündigen Heimweg zurück, ohne ein Wort zu sprechen.

Als es dunkel wurde, begann mir der Atem auszugehen, und ich sank erschöpft neben einem Brunnen nieder, der zur Tränke des Viehes diente.

Anna stieg vom Esel herunter und trat an meine Seite.

»Was soll denn jetzt geschehen, Anna,« fragte ich sie, zuerst das Wort ergreifend.

Anna hob den Kopf.

»Was geschehen soll, das will ich dir sagen. Was uns das Vaterunser lehrt: Dein Wille geschehe, wie im Himmel also auch auf Erden ....«

Ich fing an zu weinen wie ein Weib, und obgleich ich sonst Kraft genug hatte, um ein paar Ochsen mit einer Hand zum Stehen zu bringen, hatte ich doch nicht diese ruhige, mutige Ergebung meiner frommen Frau, die nicht wie ein Weib aus Fleisch und Blut, sondern wie ein Engel des Himmels war.

»Cristobal,« sagte sie zu mir, mit einer Stimme, die aus einer anderen Welt zu kommen schien, »es gab einen Menschen, arm wie wir beide, der sich Juan nannte. Er hatte eine Frau und eine Tochter und bebaute fleißig sein kleines Stückchen Land, um die beiden ernähren zu können. Da begannen die Heuschrecken die Felder zu verwüsten, und der unglückliche Juan lebte in steter Furcht, daß diese Plage auch über ihn hereinbrechen würde. Er pilgerte zu dem Christusbild von Mimbral und beschwor den Herrn, vor dem Bilde niederkniend, das Getreide auf den Feldern zur Reife zu bringen.

»Herr,« betete er mit gefalteten Händen, »behüte meine Ernte, und das Unglück wird meinen Herd fliehen, beschütze meine Felder, und das Brot wird im Hause deines Dieners nicht fehlen.«

Aber der Herr ließ Juans Bitten unerhört und nach der mißratenen Ernte klopfte das Elend an seine Türe.

»Was tut das?« sagte er zu seinem Weibe. »Der Herr hat uns die Gesundheit und zwei starke Arme erhalten; er wird unsere Arbeit segnen.«

Aber bald darauf brachte eine schwere Krankheit sein Weib an die Schwelle des Grabes.«

Da ging Juan wieder fort und flehte zu dem Herrn, der das Leben gibt und nimmt, um Genesung für sein Weib.

»Herr,« sagte er, von neuem vor dem Heiligenbild niederknieend, »erhalte ihr das Leben, nimm meinem Kinde nicht die Mutter. Gib ihr die Gesundheit wieder, den Sonnenschein, der die bescheidenen Freuden der Armen verklärt,«

Aber auch dieses Mal hörte der Herr seine Bitten nicht, und drei Tage danach starb Juans Weib, einen trauernden Witwer und eine unglückliche Waise zurücklassend.

»Ich muß es ertragen.« sagte sich Juan dann. »Der Herr hat mir mein Weib genommen, aber mein Kind hat Er mir gelassen.«

Bald darauf zeigte sich bei dem Kinde die Krankheit der Mutter, und verzweifelter als je nahm Juan seine Zuflucht zu dem Herrn.

»Herr,« betete er, seine Stirn gegen das Gitter drückend, »rette mein Kind, ich bin alt und verlassen. Was soll ich tun – allein, allein – wie ein Baum ohne Zweige und Früchte!«

Das Herz von leiser Hoffnung geschwellt, kehrte Juan in sein Heim zurück. Er näherte sich dem Bett seines Kindes, das regungslos dalag, legte ihm die Hand auf die Stirn, die starr und kalt war, behorchte das Herz, das aufgehört hatte zu schlagen ... Da flehte er als einzige Gnade um ein weißes Totenhemd, machte einen Sarg aus den Brettern seines Bettes und begrub das Kind eigenhändig zu Füßen seiner Mutter.

»Ich habe meine Ernte, mein Weib und mein Kind verloren,« seufzte Juan, an seinen einsamen Herd zurückkehrend. »Der Herr will nicht, daß ich von Ihm etwas erflehe, so will ich aufhören, Ihn um etwas zu bitten.«

Und täglich wandte er seine Schritte zur Kapelle, kniete demütig vor dem Herrn nieder, faltete geduldig die Hände, neigte voll Ergebung das Haupt, aber bat und erflehte nichts mehr. Dieses Vorbild aller Christen sagte nur:

»Herr, hier ist Juan.«

Endlich starb Juan und seine fromme Seele kam an die Pforten des Himmels: dort kniete er nieder, um zum letztenmal sein tägliches Gebet zu murmeln:

»Herr, hier ist Juan!« und langsam taten sich die Himmelspforten vor ihm auf.

Gevatter Pellejo verharrte nach der Beendigung seiner Erzählung in dumpfem Schweigen. Man konnte in der Dunkelheit nicht sehen, ob er weinte.

»Und wie ist es Anna ergangen?« fragte ich ihn endlich, um ihn von seinen traurigen Erinnerungen abzulenken.

»Anna erging es wie einem alten Pferd, das drei Tage lang das Futter verweigerte,« entgegnete er mir. »Von da an schlich sie mit gebeugtem Haupte umher: ihr Herz war wie erstorben: und ihr schwacher Körper schleppte sich täglich zum Kirchhof hin. Drei Monate später ging sie in die Ewigkeit zu ihren Kindern ein. Ich blieb allein zurück, Herr, allein! ... allein, ohne jede Habe: nur das Notdürftigste war mir geblieben. Ich unterließ das Schmugglerhandwerk, denn man sagt ja, daß vom Schmuggler bis zum Dieb nur ein Schritt sei, und ich glaube, daß das wahr ist. Ich arbeitete, wenn es was zu arbeiten gab, und gab es nichts zu tun, so ließ man mich doch niemals ohne ein Stück Brot von den Höfen gehen. Ich ging mit den Herren zur Wildschweinjagd und kniete jedesmal, wenn ich an der Kapelle vorüber kam, nieder, um zu beten:

»Herr, hier ist Pellejo: Herr, ich bin schon 70 Jahre alt: Herr, vergiß nicht meiner!«

III.

Dies war die Geschichte des armen Spaniers. Die Geschichte Juans ist, wie vorher bemerkt, eine schöne, lehrreiche Fabel, die beweist, wie vornehm ihr Autor, der selbst ein armer Spanier war, die Gottergebenheit auffaßt. Anna und Pellejos Schicksal zeigt ebenfalls, mit welcher Hingebung diese Gottergebenheit zum Ausdruck gelangte.

Heute findet man dergleichen nur selten; selbst Gevatter Pellejo war zu der Zeit, da wir ihn kennen lernten, nur noch ein Überbleibsel jener alten spanischen Rasse, die einem Volke des Sozialismus und des Aufruhrs weichen mußte.

Wohin ist es mit Spanien gekommen?

Welch aufrührerischer Wind hat diesem armen Volk seinen festen Glauben und seine starke Religion zerstört, wie der Orkan den kräftigen Weinstock mit der ihn umrankenden Schlingpflanze? – Ja, es ist eine gottlose Revolution hereingebrochen; die Anhänger des Sozialismus haben den Keim der entsetzlichen Empörung gesät und aus dem Herzen der Spanier jene freudige Gottergebenheit gerissen, die lächelnd sagt: »Dein Wille geschehe«, jene gesegnete Wunschlosigkeit, die nur eine Bitte laut werden läßt: »Unser täglich Brot gib uns heute,« jene achtunggebietende Liebe zur Arbeit, die die treue Schildwache der Tugend ist, und jenen göttlichen Glauben, der alles umfaßt, alles in sich schließt, alles heiligt, alles stärkt.

Aber oft bringt das Zusammenwirken mehrerer Ursachen ein und dasselbe Resultat hervor, und wer den Wunsch hat, nicht nur über das Übel zu klagen, sondern es auch zu heben, hat die Pflicht, jede einzelne dieser Ursachen zu bekämpfen und – wenn möglich – auszurotten. Fehlt es bei dem Ausbruch dieser Revolution bloß dem Armen an Gottergebenheit oder auch dem Reichen an Barmherzigkeit? Denn die Gottergebenheit des einen muß in der Barmherzigkeit des andern eine Stütze finden, damit es zwei heilige, von Gott auferlegte Pflichten werden, die die wunderbare Ordnung seiner Vorsehung unterstützen und verschönern.

Deshalb merke man sich wohl die Worte eines unserer zeitgenössischen Schriftsteller: »Sobald der Arme die Geduld verliert, die ihm aus der Barmherzigkeit des Reichen zufließt, hat er auch die Hoffnung verloren. Und die Hoffnung verliert er erst dann, wenn er die Kraft des Stärkeren in ihrer ganzen brutalen Größe empfindet.«

Ja, wahrlich, woran fehlt es in Spanien in erster Reihe? ... An der Barmherzigkeit des Starken oder an der Gottergebenheit des Schwachen?

–  –  –  –  –  

Leser, wenn du reich bist, befrage dein Gewissen und lege die Antwort und das Heilmittel kniend vor dem Christusbilde nieder, vor dem einstmals jener demütige arme Spanier immer und immer wieder die Worte wiederholte:

»Herr, hier ist Juan!«

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