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Gottes Annehmerin

Leopold Kompert: Gottes Annehmerin - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDer Dorfgeher
authorLeopold Kompert
year1997
publisherWallstein Verlag
addressGöttingen
isbn3-89244-080-8
titleGottes Annehmerin
pages193-234
created20000123
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1865
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Leopold Kompert

Gottes Annehmerin

(1865)

Es war gerade am sogenannten ›Bußsabbath‹, der wie eine unerbittliche Wacht vor dem Eingange des großen Versöhnungstages steht, und der alte Rabbiner sollte eben seine Predigt beginnen. Oben vor der heiligen Lade stand ein mit einem weißen Tuche bedecktes Betpult statt der Kanzel. Seit achtundfünfzig Jahren war der alte Mann es gewohnt, an diesem Sabbath seine Gemeinde anzureden und sie für den ›furchtbarsten‹ aller Tage, den ›Jom Kippur‹, vorzubereiten. Vorerst wollte er jedoch die heiligen Thorarollen, woraus soeben der Wochenabschnitt vorgelesen worden war, der Lade zurückgeben; denn bei dieser Gelegenheit genoß er die Ehre des ›Aus- und Einhebens‹ der pergamentenen Gottesbücher. Langsam schritt er die Stufen hinan; schon wollte seine Hand den schweren Vorhang zurückschieben, der die heilige Lade bedeckt, da taumelte er, die Thorarolle entsank seinem Arme, und er stürzte an den Stufen nieder.

Ein Schrei des Entsetzens tönte durch die ganze Gemeinde. Die zunächst Stehenden eilten hinzu; man hob den alten Mann auf, den man beschädigt glaubte; aber man überzeugte sich bald, daß ihm wunderbarer Weise kein Unheil widerfahren war. Nun erst legte sich die gewaltige Aufregung, die sich aller Gemüther, namentlich droben in der »Weiberschul'«, bemächtigt hatte. Die Thora wurde von einem Andern in die Lade gestellt; der Rabbi winkte Ruhe und stellte sich an das als Kanzel dienende Betpult. Eine tiefe Stille lagerte sich über das Gotteshaus. Wie er aber zu reden anfangen wollte, versagte ihm die Stimme; er beugte sein weißes Haupt auf das Betpult nieder und begann bitterlich zu weinen. Nie war ein solches, aus der Seele kommendes Weinen in diesen Räumen vernommen worden; es rührte den tiefsten Schmerz des Gemüthes auf und zugleich fühlte sich Alles von Schauern überflogen. Es war etwas geschehen, was mit furchtbarer Beredsamkeit selbst zu dem verstocktesten Sinne sprach; dieser alte Mann, der statt zu predigen, weinen mußte – war das nicht ein Anblick von tief bewältigender Natur?

»Redet nicht, Rebbe«, rief ihm Einer, dem selbst die hellen Thränen über die Wangen rannen, aus der Gemeinde zu, »redet nicht und schont Euch! Wir haben genug gehört und gesehen!«

Da erhob er sein weißes Haupt vom Betpulte, das ehrwürdige Antlitz war von Todesblässe überflogen. Mit der einen Hand stützte er seinen Kopf. mit der andern schob er den Betmantel zurecht, der ihm die Schulter hinab gefallen war. Seine Lippen zuckten; es war sichtbar, daß er mühsam nach sprachlichem Ausdrucke rang.

»Wehe geschrieen!« rief er endlich mit äußerster Anstrengung. »Wehe über mich! Ich bin jung gewesen und bin auch alt geworden, und niemals ist das Wort Gottes aus meinem Herzen gewichen und von meinen Lippen, nicht bei Tag und nicht bei Nacht. Meine Zeit ist um und es kommt eine neue. Ich soll die Thora nicht mehr in meinen Händen halten. Wehe über mich! Was hab' ich gethan, daß Gott mich hinfallen läßt, wie ein Stück Lehm, darin keine Seele ist?«

Dann verhüllte er sein Haupt mit dem Betmantel, stieg langsamen, aber sicheren Schrittes die Stufen herab und begab sich nach seinem Sitze...

Es war ein seltsam verstörter Sabbath; die ältesten Leute der ›Gasse‹ erinnerten sich nicht, einen ähnlichen erlebt zu haben. Wohin man sah, überall begegnete dem Auge ein Zug unnennbarer Traurigkeit; fast war es, als ginge ein unterdrücktes Schluchzen durch die Gemeinde, und als hätte der Unfall, der den alten Rabbiner an geheiligter Stätte getroffen, einen jeden in der Gemeinde an der wundesten Stelle des Gemüthes berührt. –

Am Abende desselben Tages saßen drei junge Mädchen vor einem Hause in der Gasse und sangen mit vereinten Stimmen ein böhmisches Lied, doch mit so gedämpften, fast zaghaften Lauten, als fürchteten sie, die Luft könne die Klänge weiter tragen, als ihnen lieb war. Sie hatten noch ihre sabbathlichen Gewänder an; am Himmel zeigte sich die blanke Sichel des beginnenden Neumondes; in der Gasse war es menschenstill und fast regungslos.

Plötzlich unterbrach eines der Mädchen den Gesang und rief:

»Kinder, hört auf! Es ist vielleicht nicht recht von uns, daß wir uns am ›Bußsabbath‹ damit vergnügen, ein böhmisch Lied zu singen. Und dann wißt Ihr doch auch, was heute in der ›Schul‹ sich zugetragen hat?«

Ihre Gefährtin, die ihr zunächst saß, ein großes, stark gebautes Mädchen, mit kühn geschnittenen Augenbrauen, lachte hell auf:

»Ich sag's ja immer«, rief sie und schüttelte ihren wilden Kopf leidenschaftlich dazu, »Eine wird einmal Landrabbinerin, und das bist Du. Aus lauter Frömmigkeit wirst Du mir die Freundschaft noch aufsagen, wie das einmal mein Geschwisterkind Perlchen gethan hat.«

»Um Gotteswillen, Du Klippe (böser Geist), spaß' nicht mit solchen Sachen!« beschwor die Andere, indem sie umsonst versuchte, der übermüthigen Sprecherin mit der Hand den Mund zu versperren.

»Wirst Du mich reden lassen!« schrie das kecke Mädchen überlaut. »Und was ist denn das für ein Unglück, wenn man sich von einer guten Partie unterhält? Ich fürchte mich vor keinem Manne!«

»Schweig', schweig', Marianne!« mahnte die Andere, »es ist doch noch Bußsabbath, und man darf seinen Mund nicht aufthun zu solchen Reden.«

»Ich red', wie ich will!« sagte Marianne mit spöttisch abwehrender Geberde; »und etwas abzubüßen haben wir Beide nicht, weder Du, noch ich. Das kann vielleicht erst kommen, wenn wir einen Mann haben werden. Bis dahin ist es aber noch weit genung, es sieht sich ja kein Mensch auf uns um. Meinst Du nicht auch, Täubchen?«

Die mit diesem Namen Angeredete war bis jetzt, dem Gespräche abgewandt, dagesessen; das fahle Licht der aufsteigenden Mondessichel war an ihrem Antlitze gleichsam hangen geblieben und hatte demselben einen Ausdruck traumhafter Zerstreutheit verliehen. Das Mädchen zählte etwa sechszehn Jahre, erschien aber in diesem Augenblicke bedeutend jünger.

»Ich werde fasten«, meinte Täubchen mit einer Art erschreckenden Ernstes.

»An Deinem Hochzeitstage!« ergänzte die übermüthige Marianne nachspottend. »Denn das ist ja merkwürdig, wie man bei uns Juden mit der Freude umgeht. Mein Vater muß einmal im Jahre für seinen Sohn einen ganzen Tag fasten, und warum? Weil er sein Erstgeborener ist! Und wenn meines Vaters Tochter unter die Chuppe (Trauhimmel) gehen soll, muß sie auch am selben Tage hungern und dürsten, und es ist noch von Glück zu sagen, daß man ihr am Nachmittage etwas zu essen vorsetzt. So recht freuen und aus der Seel' herauslachen, daß sich Alles an Einem schüttelt und rüttelt, das kann ein jüdisch' Kind gar nicht. Sag' mir nur, Täubchen, warum nicht?«

Das Mädchen mit dem träumerischen Ausdrucke sah vor sich hin.

»Ich werde fasten, wie es vorgeschrieben ist«, wiederholte sie dann, »vierzig Tage lang, Montag und Donnerstag den ganzen Tag, die übrigen Tage, mit Ausnahme des Sabbaths, einen halben; denn ich habe gehört, wenn eine Thora zu Boden fällt, so muß die ganze Gemeinde fasten, Klein und Groß, und ich bin schon älter als dreizehn Jahre...«

»Du?« unterbrach sie die lustige Marianne mit weithin schallendem Gelächter, und trotz des Abenddunkels sah man ihre übermüthig weißen Zähne leuchten.

In demselben Augenblicke wurden die drei Mädchen aufs Äußerste erschreckt. Ihnen gegenüber in der engen Gasse öffnete sich mit Heftigkeit ein Fensterladen und eine grollende Stimme schalt zu ihnen herüber:

»Erstick' und verstumm'! Wo hast Du denn gelernt, daß man am heiligen Bußsabbath solche Sachen reden darf? Und da soll man sich noch wundern, daß heute Vormittag eine Thora auf die Erde gefallen ist?«

»Rettet Euch, Kinder!« rief die übermüthige Marianne mit verstelltem Schrecken; »Chaje mit der Thür versteht keinen Spaß!«

Und husch! die Mädchen waren auf und davon, als seien sie trügerische Luftgebilde gewesen; die Lustigste unter ihnen hatte sich in ein offenes Haus geflüchtet, während die beiden Anderen in der Gasse auseinanderstoben. –

Für den Augenblick haben wir mit den Mädchen nichts zu thun: bleiben wir lieber bei derjenigen, der der Übermuth der einen von ihnen einen so sonderbaren Beinamen beigelegt hat, bei der alten Chaje »mit der Thür«.

Man wird es bereits erkannt haben, daß die alte Frau, von der hier die Rede ist, nicht zu jenen Persönlichkeiten gehörte, denen man mit besonderer Liebe begegnet. Im Gegentheil! Es war ein gewisser Grad von Unerschrockenheit erforderlich, wenn man ungefährdet unter vier Augen mit ihr verkehren wollte. Die alte Chaje war nur eine arme Wittwe, die sich kümmerlich von einem kleinen Schnittwaarenhandel ernährte; dennoch war ihre Macht eine gefürchtete, und um ihr ganzes Wesen lag eine Bedeutung, die selbst mancher reichen und angesehenen Frau nicht zuerkannt wurde. Sie war, was man in der ›Gasse‹ eine »Annehmerin« nennt. Wenn irgendwo und irgend wem ein Unrecht geschah, da war es Chaje, die mit ihrer scharfen Zunge für den Gekränkten in die Schranken trat; ohne Scheu und Zagen sagte sie den Leuten die Wahrheit in's Antlitz, und es war, seltsam genug! kaum ein Fall bekannt geworden, daß man ihr das Recht dazu in Abrede gestellt hätte. Die alte Chaje war der Anwalt aller Beleidigten, und wenn sie einmal ihr Urtheil über Jemand ausgesprochen hatte, dann war es, als führen leuchtende Flammen zu ihrem Munde heraus, die Alles, was ihnen im Wege stand, in Staub und Asche verwandelten. Um es kurz zu sagen, sie war das Gewissen der ›Gasse‹, und wenn ihre Zunge schwieg, so konnte man mit Bestimmtheit behaupten, daß in der Gemeinde sich nichts ereignet hatte, was das Sittengesetz oder, was zuweilen noch schwerer wiegt, die Vorschriften der gesellschaftlichen Ordnung beleidigend herausforderte.

Die alte Chaje hatte niemals Kinder gehabt, und dieser Umstand mag dazu beigetragen haben, daß sich die ursprüngliche Herbigkeit ihres Wesens immer mehr zur versäuerten Stimmung umbildete, die sie nicht mehr verließ. Ältere Leute wußten sich noch ihres Mannes zu erinnern, den sie jedoch in der Blüthe seiner Jahre verloren hatte. Dieser war weit und breit der berühmteste ›Sarwer‹ gewesen; keine Hochzeit oder sonstige Festlichkeit konnte begangen werden, ohne daß Gerson Blitz als Aufwärter und Anrichter gerufen worden wäre. Dieses Geschäft bedarf eines feinen und wohlerzogenen Mannes, und so kam es, daß Gerson Blitz, der berühmte ›Sarwer‹, demüthig und ergeben gegen alle Welt war; in den Augen der damals noch jungen Chaje erschien jedoch dieser Charakterzug als hündisch und schmeichlerisch, und sie machte ihm auch kein Hehl daraus, weswegen ihre Ehe mit dem sanften und leise auftretenden ›Sarwer‹ keineswegs zu den rosigsten gehörte.

»Gerson«, pflegte sie oft zu sagen, »Dein Name ist auch auf dem Berge Sinai ausgerufen worden, und wenn Du auch ein ›Sarwer‹ bist, so ist es doch möglich, daß die Väter Deiner Väter gradewegs vom König David abstammen. Ich z. B. bin die Tochter eines Kohens (aus dem Stamme der Priester), und der ist ein blutarmer Mann gewesen, wie Du das selber weißt, weil Du mich genommen hast; aber ich rede mir ein, daß einmal vor Gott weiß wie vielen Jahren mein Ururgroßvater als Hoherpriester im heiligen Tempel zu Jerusalem gestanden ist. Danach halte ich mich auch, und wenn mir Einer, und sei es selbst der Größte in der Gemeinde ein Unrecht anthut, oder an einem Andern begeht, so denk' ich bei mir: ›Was hat er voraus vor mir? Vielleicht haben seine Vorfahren Holz gehackt für den Hohenpriester, von dem ich abstamme.‹ Du aber benimmst dich gegen die Welt, als wärest Du und Deine ganze Familie, so lange sie existirt, nichts als ›Sarwers‹ gewesen, und wenn heute Einer zu Dir sagt: ›Gerson, leg' dich knapp auf den Bauch, ich will auf Deinem Rücken herumtreten!‹ so verwett' ich meine Seele, Du legst Dich hin und bedankst Dich noch, als hätte man Dir eine Wohlthat bewiesen. Du bist und bleibst ein ›Sarwer‹.« –

Alle diese Reden und Vorwürfe halfen jedoch nichts; Gerson Blitz blieb der feine, wohlerzogene Mensch, dessen Pflicht es war, Hochzeitsgäste zu bedienen und sich für seine Geschicklichkeit beloben zu lassen. Er hatte, offen gestanden, kein Verständniß für den »merkwürdigen Stolz« seiner Frau, die überall ihres Gleichen erblickte, während er die feste Überzeugung hatte, daß die Unterschiede in der menschlichen Gesellschaft von Gott eingesetzt und also fest begründet seien. Eines Tages sollte Gerson in einer benachbarten Gemeinde bei einer Hochzeit ›Sarwersdienste‹ versehen; es war mitten im eiskalten Winter und der unbeugsame Sinn seiner Frau sträubte sich dagegen, den kleinen, schwächlichen Mann allen Unbilden des Wetter preisgegeben zu wissen.

»Gerson«, sagte sie, »zeig', daß noch nicht Alles in Dir erstorben und verdorben ist. Mußt Du Dein Leben daran setzen, damit reiche Leute sich mit einer gut angerichteten Hochzeit rühmen können? Bleib' daheim, Gerson, und denke Dir, die Welt soll einmal Dein ›Sarwer‹ sein.« Aber Gerson Blitz hielt sich trotzdem in dem Tiefsten seiner Seele verpflichtet, dem an ihn ergangenen Rufe Folge zu leisten, bezahlte jedoch diese Treue gegen seinen Beruf mit dem eigenen Leben. Als er von der Hochzeit zurückkam, trug er die Keime einer Todeskrankheit in sich; er legte sich hin und starb.

Am Begräbnißtage war Alles über die seltsame Wandlung erstaunt, die mit Chaje's Wesen zauberähnlich vorgegangen war. Es waren Zweifel entstanden, ob sie überhaupt weinen könne, und nun zerfloß sie in Thränen; die rührendsten Klagen entströmten ihrem Munde, sie nannte den Dahingeschiedenen »die Krone ihres Lebens«, niemals habe es einen »feineren« Menschen auf der Erde gegeben, nur leider Gottes sei er nicht verstanden worden; nur sie allein habe ihn erkannt und verstanden. So klagte und weinte sie, und nur Wenige mochten es ahnen, daß hinter der rauhen und abstoßenden Außenseite ihres Wesens ein seltsames Gefühlsleben sich verbarg, das mit eifersüchtiger Scheu über seine eigenen Ausbrüche wachte.

Die alte unbeugsame Natur Chaje's trat daher alsbald wieder in ihr Recht. Sie schlug alle Anerbietungen, die man der verlassenen Wittwe machte, mit bitterem Trotze aus; sie beleidigte die Leute, die sich ihr mit dergleichen mildthätigen Absichten nahten. Die »Annehmerin« nannte man sie in der Gasse, und sie war stolz auf diesen Titel. Das Eine stand fest in ihr: um diesen Titel war es geschehen, sobald sie den Menschen das Recht einräumte, Dank von ihr zu heischen. Dagegen sträubte sich der verborgenste Nerv ihres Innern; und so lebte sie in stolzer Genügsamkeit Jahre lang fort, bis ein Ereigniß eintrat, das ihr den andern Beinamen: »Chaje mit der Thür« zu Wege brachte.

In der Gasse lebten zwei Brüder: stille, unbeachtete Leute, um die sich die Wenigsten kümmerten. Sie waren einfache ›Dorfgeher‹ und kamen oft Wochen lang von ihren Wanderungen nicht zurück. Sie trieben in Gemeinschaft mit einander einen Handel mit ›Schnittwaaren‹ in das ferne Gebirge, Niemand wußte, wie es mit ihnen stand. Schweigsam, wie sie Beide waren, verriethen sie sich mit keinem Wort und keiner Geberde, und wurden daher vielleicht mit Unrecht für ›Mins‹ gehalten, die der Welt Sand in die Augen streuen wollten. Namentlich den älteren der Brüder, Zender, hielt man dafür; er hatte sich einmal in einer unbewachten Stunde geäußert: er halte nichts eher von sich, als bis es ihm gelungen, den ›Ständer‹ (Betplatz) seiner verstorbenen Mutter, der in der vordersten Reihe der ›Weiberschul'‹ gestanden und aus Noth hatte verkauft werden müssen, wieder an seine Familie zurückzubringen. Seit dieser Äußerung waren Jahre verstrichen und der ›Ständer‹ befand sich noch immer in fremdem Besitze.

Die beiden Brüder lebten übrigens in innigster Gemeinschaft; nie sah man Einen ohne den Andern; sie hatten in der Synagoge ein Betpult zusammen, und zusammen gingen sie auf ihre Wanderungen; wenn Einer über den Andern sprach, so meinte man stets einerlei Rede zu hören; bis auf einzelne Ausdrücke glichen sie sich darin. Nie kam ein Mißton in diese brüderliche Harmonie; und namentlich von dem jüngern, der kurzweg »Josel« hieß, ging in der Gasse die Sage um, er sei einmal eine ganze Woche krank gelegen, weil sein Bruder Zender vergessen hatte, ihm »guten Sabbath« zu wünschen. Überhaupt stand auf Seiten des Letzteren die überlegene Kraft; er beherrschte den jüngern Bruder vollständig, und Josel fiel es nie ein, über irgend eine Anordnung im ›Geschäfte‹ Rechenschaft zu verlangen. Josel's Vertrauen in den Verstand seines Bruders ging so weit, daß er die Nothwendigkeit eines Buches, worin sein »Soll« und sein »Haben« verzeichnet stand, gar nicht einsah, und nicht etwa darum, weil er seinem Gedächtnisse zu viel vertraute. Er schrieb wohl Alles auf, was er sein Guthaben an Zender nennen konnte; aber das stand in keinem Buche. Die Thüre seiner Wohnstube genügte ihm für diesen Zweck; dort hatte er einige unverständliche Zeichen mit etlichen Ziffern daneben angebracht. Das war sein ›Buch‹, und statt der Tinte diente ihm hiezu Kreide!

Josel hatte ein einziges Kind im Alter von vier Jahren; seine Frau war kurz nach der Geburt des Mädchens gestorben.

Eines Tages brachte man auf einem Bauernwägelchen einen todtkranken Mann in die Gasse. Es war Josel. Auf einer seiner Wanderungen im Gebirge war er von einer steilen Felsenwand gestürzt; Bauern fanden ihn mit zerschmetterten Gliedern am Rande eines wild dahinbrausenden Baches liegen. Er lebte noch und war bei vollem Bewußtsein. Da ihn die Bauern kannten, so bewog er sie mit Anstrengung aller seiner Kräfte, daß sie ihn in die Heimath zu seinem Kinde brachten. Am andern Morgen kam auch Zender an, den die Schreckensbotschaft frühe genug erreicht hatte.

Das war der Moment, wo in der alten Chaje die ›Annehmerin‹ mit aller Gewalt wieder erwachte. Das Elend Josel's ging ihr zu Herzen, mehr noch die verlassene Lage seines Kindes. Ungerufen stellte sie sich an dem Krankenbette des Sterbenden ein, und theilte sich mit Zender, der keine Minute sich entfernte, in die Wartung und Pflege Josel's. Niemand hatte dagegen etwas einzuwenden; man fürchtete ebenso ihren Haß, wie ihre Liebe.

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