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Goethes Briefwechsel mit einem Kinde

Bettina von Arnim: Goethes Briefwechsel mit einem Kinde - Kapitel 55
Quellenangabe
typeletter
booktitleGoethes Briefwechsel mit einem Kinde
authorBettine von Arnim
year1984
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32467-4
titleGoethes Briefwechsel mit einem Kinde
pages5
created20000619
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1835
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Dem Freund.

Du willst, ich soll Dir mehr noch von ihm sagen, alles? – Wie kann ich's? – Gar zu schmerzlich wär's, von ihm getrennt, alle Liebe zu wiederholen; nein! Wenn mir's wird, daß ich ihn selbst seh' und spreche, wie mir's in diesen beiden Tagen erging, wenn ich zu ihm bitten kann wie sonst, wenn ich hoffen kann, daß er mir wieder die ewige heilige Rede seines Blickes zuwendet, dann will ich die Erinnerungen, die aus diesem Blick mir zuwinken, Dir mitteilen. So wird's auch kommen: es ist nicht möglich, daß, bloß weil die leichte Hülle von ihm gesunken, dies alles nicht mehr sein oder sich ändern sollte. Ich will vertrauen, und was andre für unmöglich halten, das soll mir möglich werden. Was wär' die Liebe, wenn sie nichts anders wär', als was die unregsame Menschheit an sich erfährt; ach, sie erfährt nichts als ihren Ablauf. Schon in dem Augenblick, wo wir kühn genug sind, die Ewigkeit zum Zeugen unseres Glückes aufzufordern, haben wir die Ahnung, daß wir ihr nicht gewachsen sind, ach und nicht einmal: wir wissen vielmehr gar nichts von ihr. Von ihr wissen und in ihr sein ist zweierlei; gewußt hab' ich von ihr, wie ich nicht mehr in ihr war. Dies ist der Unterschied: in ihr leben, da lebt man im Geheimnis, der innere Mensch umfaßt, begreift nicht die Wirkung, die es auf ihn hat. Von ihr leben: da lebt man in der Offenbarung, man wird gewahr, wie eine höhere Welt uns einst in sich aufgenommen hatte, man fühlt die Merkzeichen früherer göttlicher Berührung das, was Scherz der Liebe schien, erkennen wir nun als himmlische Weisheit, wir sind erschüttert, daß der Gott uns so nah war, daß unser irdisch Teil in ihm sich nicht verzehrte, daß wir noch leben, noch sind, noch denken, daß wir nicht auf ewig aufgegeben haben, was man so gern in glücklicher Stunde, am Busen des Freundes aufgibt, nämlich, was anders zu sein als tief empfunden von dem Geliebten.

Einmal stand ich am Fenster mit ihm, es war Mondschein, die Blätter der Reben schatteten sich ab auf seinem Antlitz, der Wind bewegte sie, so daß sein Aug' bald in Schatten kam, bald wieder im Mondlicht glänzte. Ich fragt': »Was sagt dein Aug'?« – Weil mir's schien, als plaudre es. – »Du gefällst mir!« – »Was sagen deine Blicke?« – »Du gefällst mir wie keine andre mir gefällt«, sagte er; »o ich bitte, sage doch, was willst du mit deinem durchdringenden Blick?« fragte ich; denn ich hielt seine Rede für keine Antwort auf meine Frage. – »Er beteuert«, sagte er, »was ich sage, und beschwört, was ich nicht wage, daß kein Frühling, Sommer, Herbst und Winter meinen Blick dir soll verlocken. Denn du lächelst mir ja zu, wie der Welt du niemals lächelst, soll ich dir da nicht beschwören, was der Welt ich nie geschworen?«

Es ist mir häufig nur gleich einem Lichtstreif, der mir durch die Sinne fährt und Erinnerungen in mir erhellt, von denen ich kaum weiß, ob sie bedeutend genug sind, daß man sie als etwas Erlebtes bezeichne. – In der Natur ist's auch so, was spiegeln kann, das gibt wider die Schrift der Liebe, der See malt die hohen Bäume, die ihn umgeben, grade die höchsten Wipfel in die tiefste Tiefe, und die erhabenen Sterne finden noch tiefere Tiefe in ihm, und die Liebe, die alles erzeugte, bildet zu allem den Grund, und so kann ich mit Recht sagen: unergründlich Geheimnis lockt alles zum Spiegel der Liebe, sei es auch noch so gering, sei es auch noch so entfernt.

Wie ich ihn zum erstenmal sah, da erzählte ich ihm, wie mich die Eifersucht gequält habe, seit ich von ihm wisse; es waren nicht seine Gedichte, nicht seine Bücher, die mich so ganz leidenschaftlich stimmten, ich war viel zu bewegt, noch eh' ich ihn gesehen hatte, meine Sinne waren viel zu verwirrt, um den Inhalt der Bücher zu fassen, ich war im Kloster erzogen und hatte noch nicht Poesie verstehen lernen: aber ich war schon im sechzehnten Jahr so von ihm hingerissen, daß, wenn man seinen Namen nannte, man mochte ihn loben oder tadeln, so befiel mich Herzklopfen; ich glaub', es war Eifersucht, ich ward schwindlig, war es bei Tisch, wo meine Großmutter manchmal von ihm sprach, so konnt' ich nicht mehr essen, währte das Gespräch länger, so vergingen mir die Sinne, ich ward nichts mehr gewahr, es brauste um mich her, und wenn ich allein war, dann brach ich in Tränen aus, ich konnte die Bücher nicht lesen, ich war viel zu bewegt, da war's gleichsam, als erstürzte der Strom meines Lebens über Fels und Geklüft in tausend Kaskaden herab, und es dauerte lang', ehe er sich wieder zur Ruh' sammelte. – Da kam nun einer, der trug einen Siegelring am Finger und sagte, den habe Goethe ihm geschenkt. Das klagte ich ihm, wie ich ihn zum erstenmal sah, wie sehr mich das geschmerzt habe, daß er einen Ring so leichtsinnig habe verschenken können, noch ehe er mich gekannt. Goethe lächelte zu diesem seltsamen Liebesklagen nicht, er sah milde auf mich herab, die zutraulich an seinen Knien auf dem Schemel saß. Beim Weggehen steckte er mir den Ring an den Finger und sagte: »Wenn einer sagt, er habe einen Ring von mir, so sage du: Goethe erinnert sich an keinen wie an diesen.« – Nachher nahm er mich sanft an sein Herz, ich zählte die Schläge. – »Ich hoffe, du vergißt mich nicht«, sagte er, »es wäre undankbar, ich habe ohne Bedingungen alle deine Forderungen soviel wie möglich befriedigt.« – »Also liebst Du mich«, sagte ich, »und ewig; denn sonst bin ich ärmer wie je, ja, ich muß verzweifeln.«

*

Heute morgen hab' ich einen Brief vom Kanzler Müller erhalten, der folgendes über Goethe schrieb: »Er starb den seligsten Tod, selbstbewußt, heiter, ohne Todesahnung bis zum letzten Hauch, ganz schmerzlos. Es war ein allmählich sanftes Sinken und Verlöschen der Lebensflamme, ohne Kampf. Licht war seine letzte Forderung, eine halbe Stunde vor dem Ende befahl er: ›Die Fensterladen auf, damit mehr Licht eindringe.‹«

*

An Goethe.

Heute wollen wir der Leier andre Saiten aufziehen! Heute bin ich so glücklich! Herr und Meister! Heute ist mir ein so herrlicher überraschender Entschluß aus der Seele hervorgegangen, der mich Dir so nah' bringen wird. Du hast mich wie ein läuterndes Feuer durchgriffen und alles Überflüssige, alles Unwesentliche, weggezehrt. Es rauscht so selig durch mich – keine lustvollere, keine jugendlichere Zeit von heut' an bis zu Dir hinüber.

Wer kann sich mit mir messen? – Was wollen die? – die über mich urteilen? – Wer mich kennt, wer mich fühlt, will nicht urteilen. – Wie die Sonne freundlich mit ihren Streiflichtern auf Deinem Antlitz spielt, so spielt die Liebe, die Laune mir am Herzen, und wen ich liebe, dem bringt es Ehre, und wen ich Freund nenne, der kann sich drüber freuen, dem hab' ich Ehre erzeugt, denn er kam gleich nach Dir. Wenn's in mir klopfte und tobte, dann strömte mir die Liebeslust die Melodien dazu, und die Begeistrung nahm sie in den allumrauschenden Ozean der Harmonien auf. Du hörtest mir zu und ließest die andern den Verstand haben, sich meiner Narrheit zu entsetzen; unterdessen strömte Ewiges durch Deine Lieder, und der Eifersucht Brand teilte die Nebelschauer auseinander, der Sonne kräftiger Strahl lockte Blüte und Frucht.

Ja, ewiger Rausch der Liebe und Nüchternheit des Verstandes, Ihr stört einander nicht, die eine jauchzt Musik, die andre liest den Text. – Bildet euch, urteilt, macht euch Namen, nützlich, herrlich und groß. Habt Launen und was ihr versäumt? – erkennt es nie! Denn ich und er, der mir im ungemeßnen Leben zuströmte, ersetzt mir alles.

Du bist oben, Du lächelst herab! O, dieses Jahres Frühlingsregen, die Gewitter seiner Sommerzeit, sie kommen aus Deinem Bereich. Du wirst mir zudonnern, Du wirst Deine gewaltige tiefe Natur mir ans Herz schmettern, und ich jauchze mich hinauf.

Wenn die Begeistrung den Weg zum Himmel nimmt, dann schwingt sie sich tanzend im Flug, und die Götterjünglinge stehen gereiht und freuen sich ihrer Kühnheit. – Und Du? – Du bist stolz, daß sie der Liebling Deiner irdischen Tage ist, die den Luftozean mit lustbrausender Ungeduld durchrudert, aufspringt mit gleichen Füßen am Himmelsbord und mit hochauflodernder Fackel Dir entgegenfliegt, sie über Dir schwingend, dann sie hinschleudernd in die hallenden Himmelsräume, daß sie dem Zufall leuchte zum Dienst, ihr ist's einerlei wie; sie liegt im Schoß des Geliebten, und Eros, der Eifersüchtige, hält Wache, daß nicht ähnliche Flammen in ihrer Nähe sich zünden.

In Böhmen, am Waldesrand auf der Höhe, da harrtest Du meiner, und wie ich Dir entgegenkam, den steileren kürzeren Weg kletternd, da standest Du fest und ruhig wie eine Säule; der Wind aber, der Bote des heranrückenden Wetters, raste gewaltig und wühlte in den Falten Deines Mantels und hob ihn und warf ihn Dir übers Haupt und wieder herab und wehte an beiden Seiten ihn mir entgegen, als wolle er Dich mit herabziehen zu mir, die ich ein kleines Weilchen unweit Deiner Höhe ausruhte vom Steigen, um die klopfenden Schläfen und die erhitzten Wangen zu kühlen, und dann kam ich zu Dir, Du nahmst mich vor Dich an die Brust und schlugst die Arme um mich, in Deinen Mantel mich einhüllend. Da standen wir im leisen Regen, der sich durch das dickbelaubte Gezweig stahl, daß hie und da die warmen Tropfen auf uns fielen. Da kamen die Wetter von Osten und Westen, wenig wurde geredet. Wir waren einsilbig. »Es wird sich verziehen jenseits«, so sagtest Du, »wenn es nur nicht da unten so schwarz heraufkäme.« – Und die Scharen der Wolken ritten am Horizont herauf, – es ward dunkel, – der Wind hob kleine Staubwirbel um uns her Deine linke Hand deutete auf die Ferne, während die rechte das Gekräut und die bunten Pflanzen hielt, die ich unterwegs gesammelt hatte. – »Sieh, dort gibt's Krieg! – Diese werden jene verjagen; wenn meine Ahnung und Erfahrungen im Wetter nicht trügen, so haben wir ihrer Streitsucht den Frieden zu danken.« – Kaum hattest Du diese Worte ausgesagt, so blitzte es und brach wie von allen Seiten der Donner los; – ich sah über mich und streckte die Arme nach Dir, Du beugtest Dich über mein Gesicht und legtest Deinen Mund auf meinen, und die Donner krachten, prallten aneinander, stürzten von Stufe zu Stufe den Olympos herab, und leise rollend flüchteten sie in die Ferne, kein zweiter Schlag folgte. –

»Hält man das Liebchen im Arm: läßt man die Wetter überm Haupt sich ergehen!« Das waren Deine letzten Worte da oben, wir gingen hinab, Hand in Hand. – Die Nacht brach ein, in der Stadt zündete die Obstfrau eben ihr Licht an, um ihre Äpfel zu beleuchten, Du bliebst stehen und sahst mich lange an. – »So benützt Amor die Leuchte der Alten, und man betrachtet bei einer Laterne seine Äpfel und sein Liebchen.« – Dann führtest du mich schweigend bis zu meiner Wohnung, küßtest mich auf die Stirn und schobst mich zur Haustür hinein. Süßer Friede war die Wiege meiner träumenden Lust bis zum andern Morgen.

*

An den Freund.

Nach zehn Jahren ward dies schöne Ereignis, was so deutlich in meinem Gedächtnis eingeprägt blieb, Veranlassung zur Erfindung von Goethes Monument. Moritz Bethmann aus Frankfurt am Main hatte es bestellt, er wünschte, der unwidersprechliche Charakter des Dichters möge drin ausgedrückt werden. Er traute mir das Talent zu, daß ich die Idee dazu finden würde, obschon ich damals noch nichts mit der Kunst zu schaffen gehabt hatte. – In demselben Augenblick fiel mir Goethe ein, wie er damals am Rand des Berges gestanden, den Mantel unter den Armen hervor zusammengeworfen, ich an seiner Brust. – Das Erfindungsfieber ergriff mich, oft mußt' ich mich zerstreuen, um nur nicht mich ganz überlassen zu dürfen dem Gebrause der Imagination und den Erschütterungen der Begeistrung. Nachdem ich die Nächte nicht geschlafen und am Tag nichts genossen, war meine Idee gereinigt vom Überflüssigen und entschieden fürs Wesentliche.

Ein verklärtes Erzeugnis meiner Liebe, eine Apotheose meiner Begeistrung und seines Ruhms; so nannte es Goethe, wie er es zum erstenmal sah.

Goethe in halber Nische auf dem Thron sitzend, sein Haupt über die Nische, welche oben nicht geschlossen, sondern abgeschnitten ist, erhaben, wie der Mond sich über den Bergesrand heraufhebt. Mit nackter Brust und Armen. Den Mantel, der am Hals zugeknöpft ist, über die Schultern zurück, unter den Armen wieder hervor, im Schoße zusammengeworfen, die linke Hand, welche damals nach den Gewittern deutete, hebt sich jetzt über der Leier ruhend, die auf dem linken Knie steht; die rechte Hand, welche meine Blumen hielt, ist in derselben Art gesenkt und hält, nachlässig seines Ruhms vergessend, den vollen Lorbeerkranz gesenkt, sein Blick ist nach den Wolken gerichtet, die junge Psyche steht vor ihm wie ich damals, sie hebt sich auf ihren Fußspitzen, um in die Saiten der Leier zu greifen, und er läßt's geschehen, in Begeistrung versunken. Auf der einen Seite der Thronlehne ist Mignon als Engel gekleidet mit der Überschrift: »So laßt mich scheinen, bis ich werde«, jenseits Bettina, wie sie, zierliche kindliche Mänade, auf dem Köpfchen steht, mit der Inschrift: »Wende die Füßchen zum Himmel nur ohne Sorge! Wir strecken Arme betend empor, aber nicht schuldlos wie Du.«

Es sind jetzt acht Jahre her, daß ein hiesiger Künstler die Gefälligkeit hatte, mit mir eine Skizze in Ton von diesem Monument zu machen, es steht in Frankfurt auf dem Museum, man war sehr geneigt, es in Ton ausführen zu lassen, da gab Goethe das Frankfurter Bürgerrecht auf, dies verminderte zu sehr das Interesse für ihn, als daß man noch mit der Energie, die dazu nötig war, die Sache betrieben hätte, und so ist's bis heute unterblieben. Ich selbst hab' oft in mich hineingedacht, was meine Liebe zu ihm denn wohl bedeute, und was daraus entspringen könne, oder ob sie denn ganz umsonst gewesen sein solle, da fiel mir's in diesen letzten Tagen ein, daß ich so oft schon als Kind überlegte, wenn er gestorben wär', was ich da anfangen solle, was aus mir werden solle, und daß ich da immer mir dachte, auf seinem Grab möchte ich ein Plätzchen haben, bei seinem Denkmal möchte ich versteinert sein wie jene Steinbilder, die man zu seinem ewigen Nachruhm aufstellen werde; ja, ich sah im Geist mich in ein solches Hündchen, das gewöhnlich zu Füßen hoher Männer und Helden als Sinnbild der Treue ausgehauen liegt, darin möcht' ich mich verwandeln. Heute nacht dachte ich daran, daß ich früher öfter in solche Visionen versunken war, und da war mir's so klar, daß dies der Keim sei zu seinem Monument, und daß es mir obliege, seine Entstehung zu bewirken. Seit ich diesen Gedanken erfaßt habe, bin ich ganz freudig und habe große Zuversicht, daß es mir gelingen werde. Goethe sagte mir einmal folgende goldne Worte: »Sei beständig, und was einmal göttlicher Beschluß in dir bedungen, daran setze alle Kräfte, daß du es zur Reife bringst. Wenn die Früchte auch nicht derart ausfallen, wie du sie erwartest, so sind es doch immer Früchte höherer Empfindungen, und die allseitig erzeugende lebenernährende Natur kann und soll von der ewigen göttlichen Kraft der Liebe noch übertroffen werden.« – Dieser Worte gedenkend, die er damals auf unsre Liebe bezog, und ihnen vertrauend, daß sie noch heute meine schwache Natur zum Ziel leiten, werde ich verharren in diesem Beschluß; denn solche Früchte erzeugt die Liebe; wenn es auch die nicht sind, die ich damals erwartete, so traue ich doch seiner Verheißung, es werde mir gelingen.

Zur Geschichte des Monuments gehört noch, daß ich es selbst zu Goethe brachte. Nachdem er es lange angesehen hatte, brach er in lautes Lachen aus; ich fragte: »Nun! Mehr kannst du nicht als lachen?« – Und Tränen erstickten meine Stimme. – »Kind! Mein liebstes Kind!« rief er mit Wehmut, »es ist die Freude, die laut aus mir aufjauchzt, daß du liebst, mich liebst; denn so was konnte nur die Liebe tun.« – Und feierlich mir die Hände auf den Kopf legend: »Wenn die Kraft meines Segens etwas vermag, so sei sie dieser Liebe zum Dank auf dich übertragen.« – Es war das einzigemal, wo er mich segnete, anno 24 am 5. September.

*

Der Freund weiß, daß die Sehnsucht nicht ist, wie der Mensch sich von ihr denkt, wie von dem Brausen des Windes und von beiden falsch; nämlich, daß beide so sind und auch wohl wieder vergehen; und die Frage: Warum und woher und wohin, ist ihnen bei der Sehnsucht wie bei dem Wind. Aber: wie hoch herab senken sich wohl diese Kräfte, die das junge Gras aus dem Boden hervorlocken? – Und wie hoch hinauf steigen wohl diese Düfte, die sich den Blumen entschwingen? – Ist da eine Leiter angelegt? – Oder steigen alle Gewalten der Natur aus dem Schoß der Gottheit herab und ihre einfachsten Erzeugnisse wieder zu ihrem Erzeuger hinauf? – Ja gewiß! – Alles, was aus göttlichem Segen entspringt, kehrt zu ihm hinauf! Und die Sehnsucht nach Ihm, der erst niedersank wie Tau auf den durstigen Boden des menschlichen Geistes, der hier in seine herrlichste Blüte sich entfaltete, der aufstieg im Duft seiner eigenen Verklärung: sollte diese Sehnsucht nicht auch himmelan steigen? – Sollte sie den Weg zu ihm hinauf nicht finden?


Dieses Fleisch ist Geist geworden.

Diese Worte habe ich als Inschrift des Monuments erwählt. Was der Liebende dir zuruft, Goethe, es bleibt nicht ohne Antwort. Du belehrst, du erfreust, du durchdringst, du machst fühlbar, daß das Wort Fleisch annimmt in des Liebenden Herz.

Wie der Ton hervorbricht aus dem Nichts und wieder hinein verhallt, der das Wort trug, was nie verhallt, was in der Seele klingt und alle verwandten Harmonien ausruft: so bricht auch die Begeisterung hervor aus dem Nichts und trägt das Wort ins Fleisch und verhallt dann wieder. – Der Geist aber, der sich vermählt mit der Weisheit des Wortes, wie jene himmlischen Kräfte sich im Boden vermählen mit dem Samen, aus dessen Blumen sie im Duft wieder aufsteigen zu ihrem Erzeuger, der wird auch emporsteigen, und ihm wird Antwort ertönen vom himmlischen Äther herab.

Der Zug der Lüfte, die auch aufseufzen und daherbrausen wie die Sehnsucht, von denen wir nicht wissen, von wannen, die haben auch keine Gestalt; sie können nicht sagen: »Das bin ich!« Oder: »Das ist mein!« – Aber der Atem der Gottheit durchströmt sie, der gibt ihnen Gestalt; denn er gebärt sie durch das Wort ins Fleisch. – Du weißt, daß die Liebe die einzige Gebärerin ist; – daß, was sie nicht darbringt dem himmlischen Erzeuger, nicht zur ewigen Sippschaft gehöre? – Was ist Wissen, das nicht von der Liebe ausgeht? – Was ist Erfahrung, die sie nicht gibt? – Was ist Bedürfnis, das nicht nach ihr strebt? – Was ist Handeln, das nicht sie übt? Wenn Du die Hand ausstreckst und hast den Willen nicht, die Liebe zu erreichen, was hast Du da? – Oder was erfassest Du? – Der Baum, den du mit allen Wurzeln in die Grube einbettest, dem Du die fruchtbare Erde zuträgst, die Bäche zuleitest, damit er, der nicht wandern kann, alles habe, was ihn gedeihen macht, der blüht Dir und Deine Sorge schenkst Du ihm darum; ich auch tue alles, damit sein Andenken mir blühe. – Die Liebe tut alles sich zu lieb', und doch verläßt der Liebende sich selber und geht der Liebe nach.


Ende des Tagebuchs.

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