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Goethes Briefwechsel mit einem Kinde

Bettina von Arnim: Goethes Briefwechsel mit einem Kinde - Kapitel 54
Quellenangabe
typeletter
booktitleGoethes Briefwechsel mit einem Kinde
authorBettine von Arnim
year1984
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32467-4
titleGoethes Briefwechsel mit einem Kinde
pages5
created20000619
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1835
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An Goethe.

Wie begierig nach Liebe warst Du! Wie begierig warst Du, geliebt zu sein! – »Nicht wahr, du liebst mich? Nicht wahr, es ist dein Ernst, du betrügst mich nicht?« – so fragtest Du, und ich sah Dich an und schwieg. »Ich bin leicht zu betrügen, mich kann jeder betrügen, betrüge mich nicht, mir ist lieber die Wahrheit, und wenn sie auch schmerzt, als daß ich umgangen werde.« Wenn ich dann aufgeregt durch solche Reden Dir mein Herz aussprach, da sagtest Du: »Ja, du bist wahr, so was kann nur die Liebe sagen.« – Goethe, hör' mich an! Heute spricht auch die Liebe aus mir; heute am dreißigsten März, acht Tage nach dem, welchen man als den Tag deines Todes bezeichnet, seit welchem Tag alle Deine Rechte mir im Busen sich geltend machen, als läg' ich noch zu Deinen Füßen; heute will die Liebe Dir klagen: Du! Oben – über den Wolken, nicht getrübt durch ihre Schwere, nicht gestört durch ihre Tränen; können Klagen in Dein Ohr dringen? – O, löse meine Klagen auf und erlöse mich, mache mich frei von dieser Sehnsucht, erkannt zu werden, und daß man meiner auch bedürfen möge, hast Du nicht mich erkannt? ja, mit prophetischer Stimme schlummernde Kräfte der Begeistrung in mir geweckt, die mir ewige Jugend zusagen, die mich weit über die Fähigkeit der Menschen, sich mir zu nähern, hinwegtragen? Hast Du mir nicht reichlich ersetzt im ersten Einklang mit meinem Herzen alles, was je mir konnte entzogen werden? Du, an den zu denken mir leises Gewittern im Herzen erregt, wo's gleich elektrisch schauert durch den Geist, wo gleich Schlummer befällt das äußere Leben und keine Erkenntnis mehr von den Ansprüchen der äußeren Welt. Wer hat je mein Herz gefragt? – Wer hat sich geneigt zur Blume, um ihre Farbe zu erkennen und ihren Duft zu atmen? – Wem hätte der Klang meiner Stimme (von der Du sagtest: Du fühlest, was Echo fühlen müsse, wenn die Stimme eines Liebenden an ihrer Brust widerhalle) eine Ahnung gegeben, welche Geheimnisse kraft Deiner dichterischen Segnungen sie auszusprechen vermöge? O Goethe! Du allein hast den Schemel Deiner Füße mir hingerückt und mir erlaubt, in Deiner Nähe meine Begeistrung auszuströmen. Was jammere ich denn? – Daß es so still ist um mich? Daß ich so einsam bin? – Nun wohl! In dieser einsamen Weite, wenn es einen Widerhall meiner Gefühle gibt, kannst nur Du es sein; wenn eine Tröstung mir zuweht aus freier Luft, so ist es der Atem Deines Geistes. Wer würde auch verstehen, was wir hier miteinander sprechen, wer würde sich feierlich fügen dem Gespräch Deines Geistes mit mir. – Goethe! – Es ist nicht mehr süß, unser Zusammensein! Es ist kein Kosen, kein Scherzen; die Grazien räumen nicht mehr um Dich her auf und ordnen jede Liebeslaune, jede Spielerei des Witzes zu heiteren Gedichten. – Die Küsse, die Seufzer, Tränen und Lächeln jagen und necken einander nicht mehr, es ist feierliche Stille, es ist feierliche Wehmut, die mich ganz durchgreift. In meiner Brust ordnen sich die Harmonien, die Tonarten lösen sich voneinander, jede fühlt die Organe ihrer Verwandtschaften in sich mächtig, und was sie vermag. So ist es in meiner Brust, weil ich's wage, mich vor Dich zu stellen, mitten in Deinen Weg, den Du eilend durchjagst, und Dich zu fragen: Kennst Du mich noch? – die außer Dir niemand kennt? – Siehe, inmitten dieser Brust steht der reine Kelch der Liebe, gefüllt bis zum Rand mit herbem Trank, mit bitteren Tränen schmerzlichen Entbehrens. Wenn die Harmonien übergehen ineinander, dann wird der Kelch erschüttert, dann strömen die Tränen; sie fließen Dir, der Du die Totenopfer liebst, der Du sagtest: »Unsterblich sein, um nach dem Tode tausendfach in jedem Busen zu erwachen.« Ja! Damals wollte ich: allein in meinem Busen solltest Du erwachen; und es ist wahr geworden, und dicht hinter mir und Dir ist das Leben abgeschlossen. Ach, ich bin Deiner heiligen Gegenwart nicht gewachsen, ich wage zu viel und stürze zusammen und sehne mich nach einer Brust, die lebt unter den Lebenden, die meine Geheimnisse aufnimmt und mich wärmt; denn: vor Dir stehen gibt schauerliche Kälte; und die Hände muß ich ringen, daß ich Deiner so verinnigt zu denken wage. Nein! – Nicht Dich rufen! – Nicht die Hände nach Dir ausstrecken, in dieser seltsamen schauerlichen Stunde nach Dir forschen über den Sternen, hinaufsehen, Deinen Namen rufen? – Ich wage es nicht! – O, ich fürchte mich! – Besser bescheiden den Blick senken auf das Grab, was Dich deckt; Blumen sammeln, sie Dir hinstreuen; ja, die süßen Blumen der Erinnerung, alle wollen wir sammeln, sie duften so geistig, mag sie einer bewahren zu Deinem und meinem Gedenken, oder mag sie der Zufall verwehen, einmal will ich die süßen Geschichten der Vergangenheit noch durchgehen.

Heute erzähle ich Dir, wie Du mich in dunkler Nacht unbekannte Wege führtest, das war in Weimar auf dem Markt, als wir an eine Treppe kamen und Du zuerst niederstiegst und als ich unsicher zu folgen versuchte, mich in Deinen Mantel gehüllt dahin trugst; Herr! Ist es wahr! – Hast mich in beiden Armen schwebend getragen? Wie schön warst Du da, wie groß und edel, wie leuchtete Dein durchdringender Blick dunkel im Glanz der Sterne mich an. Da oben mit beiden Armen Dich umschlingend, wie war ich selig! Wie lächeltest Du, daß ich so selig war, wie freute es Dich, daß Du mich hattest, über Dir schwebend mich trugst, wie freute ich mich, und dann schwang ich mich hinüber auf die rechte Schulter, um die linke nicht zu ermüden. Du ließt mich durch die erleuchteten Fenster sehen, eine Reihe friedlicher Abende von alt und jung, bei Lampenschein oder bei hellem Küchenfeuer, auch der kleine Hund und das Kätzchen waren dabei. Du sagtest: »Ist das nicht eine allerliebste Bildergalerie?« – So kamen wir von einer Wohnung zur andern aus den finstern Straßen hervor unter die hohen Bäume, ich reichte an die Äste, da rauschten die Vögel auf, da freuten wir uns, wir beide, Kinder, ich und Du. Und nun? – Du ein Geist, aufgefahren zu den Himmeln, und ich? – Unerleuchtet, unerfüllt, unerwartet, unverstanden, ungeliebt, ja, sie könnten mich fragen: »Wer bist du und was willst du?« Und wenn ich Antwort gäbe, würden sie sagen: »Wir verstehen dich nicht.« Du aber erkanntest mich und öffnetest mir die Arme, und das Herz und jede Frage war gelöst und jeder Schmerz beschwichtigt. – Dort im Park zu Weimar gingen wir Hand in Hand unter den dichtbelaubten Bäumen, das Mondlicht fiel ein, Du gabst mir viele süße Namen, es klingt noch in meinen Ohren: »Lieb Herz! Mein artig Kind!« Wie war ich erfreut zu wissen, wie ich Dir heiße; dann führtest Du mich an die Quelle, sie kam mitten aus dem Rasen hervor, wie eine grüne kristallne Kugel, da standen wir eine Weile und hörten ihrem Getön zu. »Sie ruft der Nachtigall«, sagtest Du, »denn die heißt auf Persisch Bulbul, sie ruft dich, du bist meine Nachtigall, der ich gern zuhöre.« Dann gingen wir nach Hause, ich saß an Deiner Seite, da war's so stille, nah an Deinem Herzen; ich hörte es klopfen, ich hörte Dich atmen, da lauschte ich und hatte keine Gedanken als bloß Deinem Leben zuzuhören. O Du! – Hier lang nach Mitternacht, allein mit Dir im Angedenken jener Stunde vor vielen Jahren, durchdrungen von Deiner Liebe, daß meine Tränen fließen; und Du! Nicht auf Erden, jenseits! – Wo ich Dich nicht mehr erreiche. – Ja, Tränen! – Alles umsonst. – So verging die Zeit an Deiner Brust, keine Ahnung, daß sie verging, es war alles für die Ewigkeit eingerichtet. Dämmerung – die Lampe warf einen ungewissen Schein an die Decke, die Flamme knisterte und leuchtete auf, das weckte Dich aus Deinem tiefen Sinnen. – Du wendetest Dich nach mir und sahst mich lange an, dann lehntest Du mich sanft aus Deinen Armen und sagtest: »Ich will gehen, sieh, wie unsicher das Nachtlicht brennt, wie beweglich die Flamme an der Decke spielt, grade so unsicher brennt eine Flamme in meiner Brust, ich bin ihrer nicht gewiß, ob sie nicht auflodere und dich und mich versehre.« Du drücktest meine Hände, Du gingst, ohne mich zu küssen. Ich blieb allein; erst, wie es sonderbar mit Liebenden ist, war ich ruhig, ich fühlte mich von Glanz umgeben und von Glanz erfüllt, aber plötzlich durchdrang mich der Schmerz, daß Du gegangen warst. Wem sollte ich's klagen, daß ich Dich nicht mehr hatte? Ich trat vor den Spiegel, da sah mein blasses Antlitz heraus, so schmerzlich sah das Auge mich an, daß ich vor Mitleid gegen mich selbst in Tränen ausbrach.

*

Dem Freund.

Es ist, als ob jeder Atemzug sich wieder aus der Vergangenheit erhebe, was ich vergessen zu haben glaubte, greift mit Macht in mich ein und erregt aufs neue das Feuer verhaltner Schmerzen.

So weit habe ich in der Nacht geschrieben, heut' am Tag schreibe ich noch als psychologische Merkwürdigkeit her, auf welche wunderbare Weise ich mich beschwichtigte, wie die geängstete, mit aller Willenskraft der Jugend ausgerüstete Seele sich half. – Auf dem Tisch vor dem Spiegel kniend, bei dem unsicheren Flackern der Nachtlampe, hilfesuchend im eignen Auge, das mir mit Tränen antwortete, die Lippen zuckten, die Hände so festgefaltet auf der Brust, die bedrängt, erfüllt war von Seufzern. Siehe da! – Wie oft hatte ich gewünscht, auch einmal vor ihm seine eigne Dichtung aussprechen zu dürfen, plötzlich fielen mir die großen gewaltigen Eichen ein, wie die vor wenig Stunden im Mondlicht über uns gerauscht hatten, und zugleich der Monolog der Iphigenia auf Tauris, der so beginnt: »Heraus in eure Schatten, rege Wipfel des alten heiligen dichtbelaubten Haines.« – Ich stand aufrecht vor dem Spiegel, es war mir, als ob Goethe zuhöre, ich sagte den ganzen Monolog her, laut, mit einer gewiß zum höchsten Grad des Kunstgefühls gesteigerten Begeistrung. Oft mußte ich innehalten, das leise verhaltne Beben der Stimme gab mir die Pausen ein, die in diesem Monolog so wesentlich sind, weil unmöglich die nach allen Seiten sich scharfrichtenden Blicke auf Zukunft, Vergangenheit und Gegenwart, die seinen Inhalt ausmachen, alles in einem ununterbrochnen Lauf auffassen können. Meine Rührung, mein tief von Goethes Geist erschütterter Geist waren also Veranlassung, mein dramatisches Kunstgefühl zu steigern; ich empfand deutlich die Begeistrung der Begeistrung. – Ich fühlte mich wie in einer Wolke gebettet aufwärts schwebend, eine göttliche Gewalt trieb diese Wolke entgegen dem Ersehnten und zwar in der Verklärung seines eignen Werkes, welche schönere Apotheose seiner Einwirkung auf mich war zu erleben? – So waren denn alle Schmerzen der Sehnsucht gelöst in freudiges Flügelrauschen des Geistes. Wie ein junger Adler mit den Flügeln der Sonne zuwinkt, ohne sich emporzuschwingen, und im Gefühl seiner Kraft sie auf ihre Bahn zu verfolgen sich genügen läßt: so war ich heiter und froh. – Ich ging zu Bett und der Schlaf fiel über mich her wie ein erquickender Gewitterregen.

So ist von jeher und bis auf die heutige Stunde alles unbefriedigte Begehren durch Kunstgefühl aufgelöst worden. Jedes in der heiligen Natur begründete sinnliche Gefühl, alle unbefriedigte Leidenschaft steigert sich schon hier zu der Sehnsucht, überzugehen in eine höhere Welt, wo das Sinnliche auch Geist wird.

*

Ich danke Dir, Freund, daß ich Dir alles sagen darf, unter allen Menschen weiß ich keinen zweiten, dem ich diese Blätter hätte vertrauen mögen, ich will nicht zweifeln, daß Du ihren Wert erkennst, sie enthalten das Heiligtum von Goethes Pietät, aus der sein unendlicher Genius hervorgegangen war, der den Feuergeist des Lieblings sanft zu lenken verstand, daß er sich stets glücklich und in vollkommner Harmonie mit ihm. Mein Freund! – Dir ist's geschenkt, daß zutage komme, was sonst nie, nicht einmal in meinen einsamen Träumen sich wiederholt haben dürfte. Ich kann nicht über mich selbst entscheiden, was in mir vorgehe, ich fühle mich in einem magischen Kreis von Wunderwahrheiten eingeschlossen durch diese tiefen Erinnerungen, so daß ich sogar das Wehen der Luft von damals mit zu empfinden glaube, daß ich mich umsehe, als stände er hinter mir, und daß ich jeden Augenblick empfinde, wie durch die Berührung des irdischen Geistes von einem himmlischen überirdischen Geist alles Denken in mir entsteht. So will ich denn mein inniges Zutrauen zu Dir nicht verlieren und trotz schauerlichen Nachtgespenstern, die Du mir entgegenscheuchst, dennoch fortfahren, Dir mitzuteilen, wozu nur erprobte Treue berechtigt.

*

Von ungemeßner Höhe strömt das Licht der Sterne herab zur Erde, und die Erde ergrünt und blüht in tausend Blumen den Sternen entgegen. Der Geist der Liebe strömt auch aus ungemeßner göttlicher Höhe herab in die Brust, und diesem Geist entgegen lächeln auch die Liebkosungen eines blühenden Frühlings empor! Du! Wie sich's die Sterne gefallen lassen, daß ihr Widerschein am frisch begrünten Boden im goldnen Blumenfeld erblüht, so lasse auch Dir es gefallen, daß Dein höherer Geist Dir tausendfältige Blüten der Empfindung aus meiner Brust hervorrufe. Ewige Träume umspannen die Brust, Träume sind Schäume, ja, sie schäumen und brausen die Lebensflut himmelan. Sieh, er kommt! – Ungeheure Stille in der weiten Natur, – es regt sich kein Lüftchen, es regt sich kein Gedanke; willenlos zu seinen Füßen der ihm gebundne Geist. – Kann ich lieben – ihn, der so erhaben über mir steht? – Welt, wie bist Du enge? – Nicht einmal dehnt der Geist die Flügel, so breitet er sie weit über Deine Grenze. Ich verlasse Wald und Aue, den Spielplatz seiner dichterischen Lust, ich glaubte den Saum seines Gewandes zu berühren, ich streckte die Hände aus nach ihm! – Es war mir, als fühle ich seine Gegenwart im blendenden Schimmer, der sich zwischen Tränen malt. – Es ist ja ein so einfacher Weg zwischen den Wolken durch, warum soll ich ihn nicht kühn wandeln? – Siehe, der Äther trägt mich so gut wie der Rasen – ich eile ihm nach, wenn ich ihn auch nicht erreiche, kurz vor mir ist er diesen Wolkensteig gewandelt, sein Atem verträgt sich noch mit dem Luftstrom, mag ich ihn doch trinken.

Nimm mich zurück, hilf mir herab, – das Herz bricht mir, ja das Herz ist nicht stark genug, die leidenschaftliche Gewalt, die sich über die Grenze bäumt, zu tragen. Führ' mich zurück auf die Ebne, wo mein Genius mich ihm einst entgegenführte in der blühenden Zeit zwischen Kindheit und Jugend, wo sich der Augenstern zum erstenmal zum Licht erhob, und wo er mit vollen Strahlen mir den Blick einnahm und jedes andre Licht mir wegdunkelte.

*

O komm herein, wie Du zum erstenmal kamst vor das Antlitz des erblassenden, verstummten, dem Verhängnis der Liebe folgenden Kindes, wie es da zusammensank, da es das Richtschwert in Deinen Augen blitzen sah, wie Du es auffingst in Deinen Armen. Die seit Jahren gesteigerte Sehnsucht nach Dir mit einem Male lösend, der Friede, der mich überkam an Deiner Brust! Der süße Schlaf, einen Augenblick, oder war's Betäubung? – Das weiß ich nicht. Es war tiefe Ruhe, wie Du den Kopf über mich beugtest, als wolltest Du mich in seinem Schatten bergen, und wie ich erwachte, sagtest Du: »Du hast geschlafen!« »Lange?« – fragte ich. »Nun, Saiten, die lange nicht in meinem Herzen geklungen haben, fühlt' ich berührt, so ist mir die Zeit schnell genug vergangen. Wie sahst Du mich so mild an! – Wie war mir alles so neu! – Ein menschlich Antlitz zum erstenmal erkannt, angestaunt in der Liebe. Dein Antlitz, o Goethe, das keinem andern vergleichbar war, zum erstenmal mir in die Seele leuchtend. – O, Herrlicher! – Noch einmal knie ich hier zu Deinen Füßen, ich weiß, Deine Lippen träufeln Tau auf mich herab aus den Wolken, ich fühle mich wie belastet mit Früchten der Seligkeit, die all Dein Feuergeist in mir gezeitigt, ja, ich fühl's, Du siehst auf mich herab aus himmlischen Höhen, lasse mich bewußtlos sein, denn ich vertrag's nicht, Du hast mich aus den Angeln gehoben, wo steh' ich fest? – Der Boden wankt, schweben soll ich fortan, denn weil ich mich nicht mehr auf Erden fühle; keinen kenne ich mehr, keine Neigung, keinen Zweck als nur schlafen, schlafen auf Wolken gebettet an den Stufen Deines himmlischen Thrones, Dein Auge Feuerwache haltend über mir, Dein allbeherrschender Geist sich über mich beugend im Blütenrausch der Liebeslieder. Du! Säuselnd über mir, Nachtigall flötend: das Gestöhn meiner Sehnsucht. Du! Stürmend über mir, wetterbrausend: die Raserei meiner Leidenschaft. Du! – Aufjauchzend, himmelandringend die ewigen Hymnen beglückender Liebe, daß der Widerhall ans Herz schmettert, ja, zu Deinen Füßen will ich schlafen, Gewaltiger! Dichter! Fürst! Über den Wolken, während Du die Harmonien ausbreitest, deren Keime zuerst Wurzel faßten in meinem Herzen.

*

Dem Freund.

Gebete steigen gen Himmel, was ist er, der auch himmelan steigt? – Er ist auch Gebet, gereift unter dem Schutz der Musen. – Eros, der himmlische, leuchtet vorauf und teilt ihm die Wolken, ich aber kann's nicht sehen, ich muß mich verbergen.

Sein Stolz! – Sein heiliger Stolz in seiner Schönheit. Heute sagt jemand, das sei nicht möglich, er sei sechzig Jahre alt gewesen, wie ich ihn zum erstenmal gesehen, und ich eine frische Rose. O, es ist ein Unterschied zwischen Frische der Jugend und der Schönheit, die der göttliche Geist den menschlichen Zügen einprägt, Schönheit ist ein von der Gemeinheit abgeschloßnes Dasein, sie verwelkt nicht, sie löst sich nur von dem Stamm, der ihre Blüte trug, aber ihre Blüte sinkt nicht in den Staub, sie ist beflügelt und steigt himmelan. Goethe, Du bist schön! Ich will Dich nicht zum zweitenmal in Versuchung führen, wie damals in der Bibliothek, Deiner Büste gegenüber, die in Deinem vierzigsten Jahr das vollkommne Ebenmaß Deiner höchsten Schönheit ausdrückte; da standst Du im grünen Mantel gewickelt an den Pfeiler gelehnt, forschend, ob ich doch endlich in diesen verjüngten Zügen den gegenwärtigen Freund erkenne, ich aber tat nicht dergleichen, ach, Scherz und geheime Lust ließen mir's nicht über die Lippen. »Nun?« – fragte er ungeduldig. »Der muß ein schöner Mann gewesen sein«, sagte ich. – »Ja wahrlich! Dieser konnte wohl sagen zu seiner Zeit, er sei ein schöner Mann«, sagte er erzürnt; ich wollte an ihn herangehen, er wies mich ab, einen Augenblick war ich betroffen; – »halte stand wie dies Bild«, rief ich, »so will ich Dich wieder sanft schmeicheln, willst Du nicht? – Nun, so laß ich den Lebenden und küsse den Stein so lange, bis Du eifersüchtig wirst.« – Ich umfaßte die Büste und küßte diese erhabne Stirn und diese Marmorlippen, ich lehnte Wang' an Wange, da hob er mich plötzlich weg und hielt mich hoch in seinen Armen über seiner Brust, dieser Mann von sechzig Jahren sah an mir hinauf und gab mir süße Namen und sagte die schönen Worte: »Liebstes Kind, du liegst in der Wiege meiner Brust«, dann ließ er mich an die Erde, er wickelte meinen Arm in seinen Mantel und hielt mir die Hand an sein klopfend Herz und so gingen wir langsamen Schrittes nach Haus; ich sagte: wie schlägt Dein Herz! – »Die Sekunden, die mit solchem Klopfen mir an die Brust stürmen«, sagte er, »sie stürzen mit übereilter Leidenschaft dir zu, auch du jagst mir die unwiederbringliche Zeit vorwärts.« – So schön fing er die Bewegung seines Herzens in süßen Worten ein, der heilige unwidersprechliche Dichter. –

Mein Freund, ich sage Dir gute Nacht. Weine mit mir einen Augenblick – schon ist Mitternacht vorüber, die Mitternacht, die ihn weggenommen hat.

*

Gestern hab' ich noch viel an Goethe gedacht, nein, nicht gedacht: mit ihm verkehrt. Schmerz ist bei mir, nicht Empfinden, es ist Denken, ich werde nicht berührt, ich werde erregt. Ich fühle mich nicht schmerzlich behandelt, ich handle selbst schmerzlich. – Das hat also weh getan, wie ich gestern mit ihm war. – Ich hab' auch von ihm geträumt. – Er führte mich längs dem Ufer eines Flusses schweigend und ruhig und bedeutsam, ich weiß auch, daß er sprach, einzelne Worte, aber nicht was. Die Dämmerung schwärmte wie vom Wind gejagte zerrissene Nebelwolken, ich sah das zitternde Blinken der Sterne im Wasser, mein gleichmäßiger Schritt an seiner Hand machte mir das Bewegte, Irrende in der Natur um so fühlbarer, das rührte mich und berührt mich jetzt, während ich schreibe. Was ist Rührung? Ist das nicht göttliche Gewalt, die eingeht durch meine Seele wie durch eine Pforte in meinem Geist, eindringt, sich mischt und verbindet mit einer Natur, die vorher unberührt war, mit ihr neue Gefühle, neue Gedanken, neue Fähigkeiten erzeugt! Ist es nicht auch ein Traum, der den grünen Teppich unter Deinen Füßen ausbreitet und ihn mit goldnen Blumen stickt? – Und alle Schönheit, die Dich rührt, ist sie nicht Traum? Alles, was Du haben möchtest, träumst Du nicht gleich Dich in seinen Besitz? – Ach, und wenn Du so geträumt hast, mußt Du dann es nicht wahr machen oder sterben vor Sehnsucht? – Und ist der Traum im Traum nicht jene freie Willkür unseres Geistes, die alles gibt, was die Seele fordert? Der Spiegel dem Spiegel gegenüber, die Seele inmitten, er zeigt ihre Unendlichkeit in ewiger Verklärung.

*

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