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Goethes Briefwechsel mit einem Kinde

Bettina von Arnim: Goethes Briefwechsel mit einem Kinde - Kapitel 52
Quellenangabe
typeletter
booktitleGoethes Briefwechsel mit einem Kinde
authorBettine von Arnim
year1984
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32467-4
titleGoethes Briefwechsel mit einem Kinde
pages5
created20000619
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1835
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Am 28. August.

Den übergehen wir mit Stillschweigen. Du bist mir von Ewigkeit her. Wer wollte leugnen, daß die Sterne uns regieren. Du warst ihrem Einfluß willig, und so haben sie Dich zu sich erhoben, ich weiß alles: heimlich regieren sie Dich auch, daß Du mir geneigt bist. Ich seh's an Deinem Blick, Du bist mit mir zufrieden. Du sagst nichts, Du schließest Deine Lippen so fest, als habest Du Furcht, sie mögen gegen Deinen Willen plaudern. Goethe! Es ist mir genügend, was Dein Blick sagt, auch wenn er nicht auf mir weilt. Gestern, wie ich hinter Dir stand und mit dem Papier rauschte, da sahst Du Dich um, ich merkte es wohl; ich ging leise hinaus und schob die Tür nicht ganz zu, da sah ich Dich rasch den Brief ergreifen, dann ging ich weg, ich wollte Dich nicht länger belauschen, mich überlief ein leises Frösteln, wie ich mir vorstellte, daß Du jetzt lesen werdest, was ich zu Dir gedacht hatte in letzter Mitternacht. – Wie selig, Goethe! – denken: jetzt nimmt er diese Schmeicheleien auf, jetzt spricht sein Geist freundlich nach, was ich für ihn erdacht habe. Es ist schön, was ich Dir sage, es sind die Liebesgeister, die mit Dir sprechen, sie umkreisen jubelnd Dein Haupt.

Weißt Du, wie ich Dich mir denke heute an Deinem Geburtstag? – Am Meeresstrand, auf goldnem Thronsessel im weißen wollnen Gewand, den Purpur untergebreitet; in der Ferne die weißen Segel auf hoher See, geschwellt vom Wind, rasch aneinander vorüberfliehend, und Du, ruhend im Morgenlicht, gekrönt mit heiligem Laub, mich aber seh' ich zu Deinen Füßen, mit der reinen Flut, die ich am Meer geschöpft, um sie zu waschen. – So denk' ich mich zu Deinem Dienst in tausend Bildern, und es ist, als sei dies die Reife meines Daseins.

Hast Du schon in die untergehende Sonne gesehen, wenn sie schon milder leuchtet, so daß ein scharfes Aug' von ihrem Glanz nicht mehr geblendet wird? – Hast Du da schon gesehen, wie sich ihr eigen Bild von ihr ablöst und vor ihr am Horizont niedertaucht in die rote Flut und nach diesem Bild immer wieder ein anderes in leisen Brechungen der Strahlen immer wieder sich anders färbt? – Meine Seele, wenn der gewaltige Glanz Deiner vollen Erscheinung nicht mehr so stark blendet und die Ferne sanfte Schleier über Dich webt, sieht solche Bilder, die eins nach dem andern von Dir abstrahlen, sie tauchen alle unter in meiner Begeistrung wie im Feuerschoß der Natur, und ich kann mich nicht sättigen in dieser schönen Fülle.

*

Den 3. September.

So müde wie ich war am späten Abend, so fest wie ich schlief am frühen Morgen, hab' ich drei Tage nicht geschrieben. Du hast nicht nach mir gefragt in dieser Zeit, und heut' am Abend bin ich zum erstenmal hinausgegangen und überlege hier auf der Bank, daß Du mich vergißt. Die Vögel sind schon gewohnt, daß ich hier sitze unbeweglich still. – Wie ist's doch so wunderlich hier im fremden Land! – Hierher bin ich gekommen an den verlassenen Ort, um tief in mich selbst zu versinken. Da seh' ich Bilder, Erinnerungen früherer Tage, die sich an den heutigen anschließen. Heute, wie sie in der frühen Morgenstunde vor dem römischen Haus Musik machten, und wie der Herzog hervortrat und die großen Hunde ungeduldig den Menschen zuvoreilten und ihm an den Hals sprangen, das kam mir so feierlich vor, wie er sich freundlich ihren ungestümen Liebkosungen preisgab und über sie hinaus dem Volk winkte, das ihn mit Jauchzen begrüßte. Da teiltest Du plötzlich die Menge, das Vivat verdoppelte sich bei Deiner Erscheinung; die beiden hohen Freunde miteinander auf und ab schreiten zu sehen, hoch an Geist und Milde, das war dem Volk ein heilig Schauspiel, und sie sagten alle: »Welch seltnes Paar!« – Und viel Schönes wurde von Euch gesprochen, jede Eurer Bewegungen wurde beachtet: Er lächelt, er wendet sich, der Herzog stützt sich auf ihn! Sie reichen einander die Hände! Jetzt lassen sie sich nieder! – So wiederholte das Volk mit heiligem Schauer alles, was zwischen Euch beiden vorging. Ach, mit Recht, denn aus Euer beider vereinten Liebe ging sein Glück hervor, das wissen sie alle; und wie Ihr lange miteinander Rede führtet, da harrte die Menge schweigend, als ob der Segen von Jahrhunderten auf es herabgerufen werde. Ich auch, Goethe! – Ich glaub' dran, daß Euch beiden als Wesen höherer Geschlechter Macht gegeben ist, Segen für die Zukunft zu versichern; denn in des Herzogs Brust ist die Milde schon lange als Frucht gereift, das hast Du selbst gesagt, und Dein Geist strömt Licht aus, Licht der Weisheit, die Gnade ist und alles gedeihen läßt.

Als Du weg warst, da ließ der Herzog mich rufen, er fragte, ob Du mich gesehen und begrüßt habest, das mußte ich verneinen; denn Du hattest mich ja übersehen. Erinnerst Du Dich noch an jenen Geburtstag? – Am Abend, wo ich hinter dem Pfeiler stand, Du suchtest mich mit dem Blick und fandest mich auch, ach, wie durchglühte das mein Herz, wie ich Dein Spähen belauschte, da reichtest Du mir Dein Glas, daß ich draus trinken sollte, und keiner merkte es in der Menge. Heute bin ich allein, viele Tage sind seitdem vergangen, dort liegt Dein Haus, ich könnte zu Dir gehen und Dich von Angesicht zu Angesicht sehen, doch zieh' ich's vor, hier allein in Deinem Garten Dich zu beschwören: o hilf mir Dich denken, Dich empfinden; mein Glaube ist mein Zauberstab, durch ihn erschaff' ich meine Welt, außer welcher mir alles fremd ist, und ich hege keinen Zweifel, daß ich nur in ihr wirklich lebe. Mein Denken ist wundertätig; ich spreche mit Dir, ich seh' in Dich hinein, mein Gebet ist, daß ich meinen Willen stärke, Dich zu denken.

*

In Goethes Garten.

Die ganze Welt umher beleuchtet von einer Sonne! Du, in mir allein beleuchtet, alles andre im Dunkel. Wie das die Liebe entflammt, wenn das Licht nur auf einen Gegenstand fällt!

Das waren Deine Worte gestern: ich solle schreiben, und wenn es Folianten wären, es sei Dir nicht zu viel. Ach, und Du weißt doch, daß meine Sprache nur einen kleinen Umfang an Kenntnis hat. Daß ich zwar glaube, jedesmal neu zu empfinden, was ich Dir zu sagen habe, aber doch ist es ewig dasselbe. Und Dir? Ist es Dir nicht zu viel? – Ich hab's versucht, wie ein Maulwurf mich durchs eigne Herz gewühlt und habe gehofft, einen Schatz zu entdecken, der im Dunkeln leuchte, den wollte ich Dir heraufbringen, aber vergeblich! – Es sind keine gewaltigen Dinge, die ich Dir zu sagen habe, es ist nichts als nur lieblich zu gestehen und unwiderstehlich dieses Nichts. Liebkosungen bestehen ja in der Mitteilung. – Wenn Du am Bach ruhst unter duftigen Kräutern und die Libelle mit ihren kristallnen Augen läßt sich auf Dir nieder, sie fächelt Deine Lippen mit ihren Flügeln, wirst Du ihr böse? – Wenn ein kleiner Käfer an Deinem Gewand hinaufklettert und endlich sich im Busen verirrt, nennst Du das allzu keck? – Das kleine Tierchen, so unbekannt mit dem schlagenden Herzen unter seinen Füßchen? – Und ich! Bekannt mit diesem erhöhten Takt Deiner Gefühle, bin ich zu tadeln, daß ich mich Dir ans Herz dränge? – Siehst Du! Das ist alles, was ich Dir zu sagen habe. – Der Abendwind eilt flüchtig über die Gräser bis zu mir herab, die ich am Fuß des Hügels sitze und daran denke, wie ich Dir diese Folianten ausfüllen soll.

*

Denk' ich an Dich, so mag ich nicht am Boden weilen. Gleich regt Psyche die Flügel, sie fühlt die irdische Schwere, fühlt sich befangen in manchem, was nicht zu ihrem himmlischen Beruf gehört, das macht Schmerz, das macht wehmütig.

Das Licht der Weisheit leuchtet nur in uns selbst. Was nicht innere Offenbarung ist, wird nie Früchte der Erkenntnis tragen. Die Seele kommt sich selber entgegen in der Liebe, sie findet sich und nimmt sich auf im Geliebten; so finde ich mich in Dir. Was kann mir Beglückenderes widerfahren? – Und ist es ein Wunder, daß ich Deine Knie umfasse? – Ich möchte Dir alles mitteilen, was ich von Dir lerne. – Wenn der Geist wäre, was das Wort wiederholen kann, so hätte der Begriff einen kleinen Umfang. Es ist noch was anders Geist, als was in dem Netz der Sprache gefangen wird. Geist ist das alles in sich verwandelnde Leben; auch die Liebe muß Geist werden. Mein Geist ist fortwährend geschäftig, diese Liebe in sich umzusetzen, daraus wird und muß mein unsterblich Leben hervorgehen, oder ich geh' unter. –

*

Die Sonne geht unter, ihr Purpurzelt breitet sich über Deinen Garten, ich sitze hier allein und übersehe die Wege, die Du durch diese Auen geleitet hast, alle sind verlassen, nirgends wandelt einer, – so einsam ist's, so ganz bis in die Ferne, und so lange schon hab' ich darauf gewartet, alles soll schweigen, dann wollt' ich mich besinnen und mit Dir sprechen – und jetzt fühl' ich mich so verzagt in der allmächtigen Stille. – Den Vogel im Busch hab' ich verscheucht, die Glockenblumen schlafen. Der Mond und der Abendstern winken einander, wo soll ich mich hinwenden? Der Baum, in dessen Rinde Du manchen Namen eingeschnitten hast, den hab' ich verlassen und bin herabgegangen zur Haustür und hab' die Stirne auf das Schloß gelegt, das Deine Hand wie oft aufgedrückt, und hast mit Freuden dagesessen und auch einsame Stunden verbracht. Du allein mit Deinem Genius hast's nicht gefühlt, das Schauervolle der Einsamkeit, glorreich triumphierend im Wettgefühl der Empfindung und Begeistrung gingen sie vorüber, diese stillen Abende. O Goethe, was denkst Du von meiner Liebe? – Die so ewig an Dich heranbraust wie die Flut ans Ufer und möchte mit Dir sprechen und kann nichts sagen als nur seufzen. Ja! Sage doch: was meinst Du, das diese Liebe will? – Ich selber erstaune oft, wie erwachend aus dem Traum, daß dieser Traum herrsche über mich. Aber bald beuge ich mich wieder unter das Schattendach seiner Wölbungen und schmiege mich seinem Flüstern und lasse die Sinne bewältigen durch das Flügelrauschen unbekannter Geister. – Göttlich will ich sein! Göttlich und groß wie Du, frei über den Menschen nur in Deinem Lichte stehend, nur von Dir verstanden. Pfeile will ich senden: Gedanken, Dich sollen sie treffen und keinen andern, Du sollst ihre Schärfe prüfen, und in diesem heimlichen Verkehr sollen meine Sinne gedeihen; sie sollen herzhaft sein, gesund, rasch, freudig, ewig aufwärts, nicht sinkend die Lebensgeister, ihrem Erzeuger zuströmend.

Es ist Nacht, ich schreib' beim Sternenlicht. Weisheit ist wie ein Baum, der seine Äste durch das ganze Firmament verbreitet, die goldnen Früchte, die ihr Gezweig zieren, sind Sterne. Wenn nun eine Begierde sich regt, die die Früchte vom Baum der Weisheit genießen möchte? Wie komme ich dazu, diese goldnen Früchte zu erlangen? – »Die Sterne sind Welten«, sagt man: ist der Kuß nicht auch eine Welt? – Und ist der Stern größer Deinem Auge als der Umfang eines Kusses? – Und ist der Kuß geringer Deinem Gefühl als das Umfassen einer Welt? Drum: – die Weisheit ist Liebe! Und ihre Früchte sind Welten, und der täuscht sich nicht, der im Kuß eine Welt empfindet; ihm ist eine reife Frucht, ein an dem Lichte der Weisheit gereifter Stern in den Busen gesunken. – Der aber, Freund, – der von solcher Himmelskost genährt wird, zählt er noch für vollgültig unter den Menschen? –

Ich gehe nun schlafen, die Stille der Nacht, die heimliche Zeit verwendet Psyche, um zu Dir zu dringen. Oft führt sie der Traum zu Dir, sie findet Dich vielleicht durchkreuzt von tausend Gedanken, deren keiner ihrer erwähnt. Doch sie senkt die Flügel und küßt den Staub Deiner Füße, bis Dein Blick sich ihr neigt.

Auf diesem Hügel überseh' ich meine Welt!
Hinab ins Tal, mit Rasen sanft begleitet,
Vom Weg durchzogen, der hinüber leitet,
Das weiße Haus inmitten aufgestellt,
Was ist's, worin sich hier der Sinn gefällt?

Auf diesem Hügel überseh' ich meine Welt!
Erstieg' ich auch der Länder steilste Höhen,
Von wo ich könnt' die Schiffe fahren sehen
Und Städte fern und nah von Bergen stolz umstellt,
Nichts ist's, was mir den Blick gefesselt hält.

Auf diesem Hügel überseh' ich meine Welt!
Und könnt' ich Paradiese überschauen,
Ich sehnte mich zurück nach jenen Auen,
Wo Deines Daches Zinne meinem Blick sich stellt,
Denn der allein umgrenzet meine Welt.

Gereimt und ungereimt sag' ich Dir dasselbe, und Du ermüdest nicht, mich anzuhören. Ich sitze hier auf der Bank in der Dämmerung, wo der sinkende Tag vom aufgehenden Mond noch das Licht borgt, und freue mich, meine Welt im Zwielicht zu überschauen. Vor wenig Minuten lag alles noch im Sonnenglanz, da war ich unruhig, ob ich bleiben oder gehen solle. Jetzt, seit der Mond gestiegen ist, weiß ich, daß ich bleibe; in seinem Licht erkenn' ich meine Welt, seine Strahlen ziehen mich in ihren Zauberkreis, und was ich auch Unglaubliches für wahr halte, das verneint er nicht wie das Sonnenlicht. Er schmiegt sich schmeichelnd in den Schoß der Täler, und ich fühle deutlich, wie sie ihn liebt, die Natur, und wie er ihr geneigt ist, der Mond.

Wär ich Dir, was die ganze Natur dem Mond ist, der lebenerregend in ihren Pulsen spielt, der leise Lüfte als Boten aussendet, der die samenbeflockten Schwingen des Abendwindes niederbannt ins tauige Gras und seinem befruchtenden Licht ihre Kraft aufregt: dann wär' mein ganzes Sein ein Empfängnis Deiner Schönheit. Soviel Blüten sich ihm erschließen, soviel Schmeichelreden Dir von meinen Lippen fließen, soviel Tautropfen in seinem Licht glänzen, soviel Tränen der Lust sich sammeln unter dem Einfluß Deines Geistes.

*

Ich danke Dir, daß Du gekommen bist, es war so grau und trüb, ich sah mich in der weiten Ferne um und dachte schon, es würde mich überkommen wie das Wetter, wo sparsame Tränen aus den Wolken träufelten und der Himmel schwer und traurig war und viel düsterer aussah, als wenn es noch so sehr geregnet hätte. – Da kamst Du. – Du hast nichts gesagt vom Abschied und hast mich beschämt; denn ich hatte es auf der Zunge zu klagen, ja, es war schöner so, daß wir nicht Abschied nahmen; wir beide nicht. – Wie hab' ich diese Zeit verbracht? – Gar zu glücklich! – Das Gefühl Deiner Nähe hat jeden Atemzug beseligt, das nenne ich mir himmlische Luft – und Du? – Hab' ich Dir auch nicht mißfallen? – Ach, beschäme mich nicht, vergesse, was Dir nicht zusagte, wenn ich manchmal zu heftig war und Deine leisen Winke nicht verstand. Meine leidenschaftlichen Stimmungen sind ohne Ansprüche, sie sind wie Musik, auch die verlangt keinen irdischen Besitz, aber sie stimmt den Geist, der ihr Gehör gibt, zum Mitgefühl, zur Nachempfindung, ja, kling's in Deinen Ohren, in Deinem Herzen noch eine Weile nach, alles, was ich Dir sagen durfte. Leidenschaft ist Musik, ein Werk höchster Mächte, nicht außer, sondern tief in uns, sie führt uns mit dem idealischen Ich zusammen, um dessentwillen der Geist in den Leib geboren ist: dies Ich, das allein Leidenschaft entzünden, sie gestalten und bilden kann. Der Mensch wird von der Begeistrung erzogen, das ganze irdische Leben verhält sich dann zu diesem Geistigen wie der Boden zum Fruchtkorn, das aus ihm emporsteigt, um tausendfältig zu tragen.

Nur die Ewigkeit gibt Wirklichkeit; denn was einmal zugrunde geht, mag's gleich zugrunde gehn, ob heute oder morgen, das ist einerlei; aber die Liebe trägt alles zum himmlischen Reich, sie ist allumfassend, alldurchdringend wie die Sonne, und doch bildet sie jeden geistigen Reiz zu einem in sich abgeschloßnen, sich selber anheimgegebenen Eigentum, sie bewegt den Geist, daß er ganz eigentümlich das Eigentümliche fasse. So macht's die Liebe mit mir, in Dir werd' ich meines Geistes mächtig – und Du? – Das leuchtende Grün, was der Baum in erneuter Frühlingskraft hervortreibt, das gibt Zeugnis, daß die Sonne ihm ins Mark dringt. – Und Du bist erfrischt durch diese Liebe, nicht wahr? –

Wer Dich mit leiblichen Augen sieht und sieht Dich nicht durch die Liebe, der sieht Dich nicht, Du erscheinst nur durch sie dem liebenden beschwörenden Geist. Je feuriger, je kräftiger die Beschwörung: je herrlicher Deine Erscheinung, je mächtiger Deine Einwirkung. Lieber Freund! Meiner Beschwörung hast Du Dich aufs innigste vergegenwärtigt, ich habe Dich in jedem Gedanken als in einem magischen Kreis umfaßt, und der Inhalt mag sein, welcher er wolle, Du durchwaltest ihn und wohnst in jeder Gestalt, die mein Geist ausspricht. –

Es ist wahr, Zauber ist Zauber, er hebt sich in sich selber auf, und darum leugnen sie seine Wirklichkeit; sie glauben: nur was sinnlichen Leib habe, sei wirklich, und ihnen muß Verstand nur als sinnlicher Boden gelten. Das Werk Gottes aber ist Magie, die Liebe in unserer Brust, die Unsterblichkeit, die Freiheit sind magische Erzeugnisse Gottes, sie werden nur durch die Kraft seiner Beschwörung in uns erhalten, sein Hauch ist ihr Leben, sie sind unser Element, und in diesem verewigen wir uns, und ob auch Zauber ins Nichts verschwinden könnte, wie leicht! – so ist er doch die einzige Basis der Wirklichkeit; denn er ist Wirkung des göttlichen Geistes.

Das Geborenwerden der göttlichen Natur ins irdische Leben und sein Sterben im vorbereiteten Schmerz ist magische Beschwörungsformel.

Schmerz liegt in der Natur als der mächtige Übergang aus dem Nichts ins magische Leben.

Leben ist Schmerz, aber da wir nur so viel Leben haben, als unser Geist verträgt, so empfinden wir diesen Schmerz gleichgültig, wär' unser Geist stark, so wär' der stärkste Schmerz die höchste Wollust.

In meiner Liebe, sei's Abschied oder Willkomm, schwankt mein Geist immer zwischen Lust und Schmerz; denn Du machst meinen Geist stark, und doch kann er's kaum ertragen. Übergehen ins Göttliche ist immer schmerzlich, aber es ist Leben.

Jedes Aneignen im Geist ist schmerzlich, alles, was wir erlernen, erkennen, macht uns Schmerz im Erwerben, so wie es in uns übergegangen ist, so hat es unsern Geist erhöht und befähigt, dies Leben kräftiger zu fassen, und was uns früher weh tat, das wird jetzt Genuß.

Die Kunst ist auch Magie, sie beschwört auch den Geist in eine erhöhte sichtbare Erscheinung, und der Geist geht auch über die Schmerzensbrücke bis innerhalb des magischen Kreises.

Genie ist der vorgreifende, wollustahnende, durstende Instinkt, sein Trieb überwindet das schmerzliche Zagen und reizt den Geist zu ewig neuer Energie. – Je leidenschaftlicher der Genius im Menschen, je mehr wird ihm Seligkeit Bedürfnis, je gewaltiger überwindet er, je gewisser ist er seiner Befriedigung; – dies bejahest Du mir. – Ich stehe in meiner Liebe zu Dir zwischen diesem Schmerz und dieser genialischen Begierde, die Trägheit meines Geistes zu überwinden und Beseligung zu empfinden. Manchmal fühlt sich der Geist ganz verlassen, und ein Nichts nimmt die Stelle dieser enthusiastischen Begeistrung ein, und alles ist verschwunden. Aber wie könnte ich mir dies gefallen lassen. Nein, Du mußt Dich erzaubern lassen. Wenn Gott mich aus dem Nichts hervorberufen hat, wenn er mein Wesen gebildet hat als reinen Anspruch an die Seligkeit, so erwerb' ich diese in der Magie der Liebe; und aus Bedürfnis, aus göttlich eingeprägter Sehnsucht nach dem Schönen erhebt der Genius immer wieder die ermüdeten Flügel und hält treu und fest dies Herz zu Deiner Wohnung und die Seele Dich zu empfinden und den Geist, Dich zu fassen und zu bekennen, alles wie Du bist in Deiner innern Wesenheit.

Und wenn dies alles wahr ist, was ich hier sage, und wir werden einst uns wiedersehen in einem höheren Leben, dann denke, daß mein Genie Deinem Geist gewachsen sein werde.

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