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Goethes Briefwechsel mit einem Kinde

Bettina von Arnim: Goethes Briefwechsel mit einem Kinde - Kapitel 49
Quellenangabe
typeletter
booktitleGoethes Briefwechsel mit einem Kinde
authorBettine von Arnim
year1984
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32467-4
titleGoethes Briefwechsel mit einem Kinde
pages5
created20000619
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1835
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Die Reise nach der Stadt hatte der Krieg veranlaßt. Wir flüchteten vor dem Getümmel der Österreicher mit den Franzosen; es war zu fürchten, daß unser kleines Stadtparadies mit seinen wohlgeordneten Lustrevieren nächstens unter den Hufen kämpfender Reiterei zertrümmert werde. Der Feind war nur flüchtig durch Feld und Wald gesprengt, hatte über den Fluß gesetzt, und die heimliche Ruh' des beginnenden Frühjahrs lagerte schützend über den Saatfeldern, deren junges Grün schon aus dem schmelzenden Schnee hervorragte, da wir wieder zurückkehrten.

Die kräftigen Stämme der Kastanienallee, Du kennst sie wohl! Manche Träume Deiner Frühlingstage flatterten dort mit der jungen Nachtigallenbrut um die Wette, wie oft bist Du dort an Liebchens Arm dem aufgehenden Mond entgegengeschlendert! Ich mag nicht daran denken; Du wirst Dich der heiteren Aussichten des wimmelnden Lebens auf dem Fluß am Tag, seiner ruheflüsternden Schilfgestade in warmen Sommernächten und seiner ringsum blühenden Gärten, zwischen denen sich die reinlichen Straßen verteilen, noch gar wohl erinnern und auch seiner Bequemheit für Deine Liebesangelegenheiten. Seitdem hat sich die Gegend wie die Lebensweise und auch die Bevölkerung ins Wunderbare gespielt, und keiner würde es glauben, der's nicht gesehen hat, und jeder, der mit seinem Reisejournal in der Tasche von einer Reise um die Welt hier durchkäm', würde glauben, in die Stadt der Märchen versetzt zu sein; eine mystische Nation wandelt in bunter, wunderbarer Kleidung zwischen den andern durch; die Greise und Männer mit langen Bärten in Purpur und grün und gelben Talaren, die Hälfte des Gewandes immer von verschiedener Farbe, die wunderschönen Jünglinge und Knaben in enganliegendem Wams, mit Gold verbrämt, die eine Hose grün, die andre gelb oder rot, dahersprengend auf mutigen Rossen mit silbernen Glöckchen am Hals, oder am Abend durch die Straßen auf der Gitarre und Flöte präludierend, bis sie vor Liebchens Fenster Halt machen! Denke Dir dies alles und den milden Sommerhimmel, der sich darüber wölbt und dessen Grenzen eine blühende, tanzende und musizierende Welt umfließt; denke Dir den Fürsten jenes Volkes mit silbernem Bart, weißem Gewand, der vor dem Tor seines Palastes auf öffentlicher Straße auf prächtigen Teppichen und Polstern lagert, umgeben von seinem Hofstaat, wo jeder einzelne ein absonderliches Zeichen seines Amts und Würde an seiner fabelhaften Kleidung hat. Da speist er unter freiem Himmel gegenüber den lustigen Gärten, hinter deren zierlichen Gittern hohe Pyramiden blühender Gewächse aufgestellt sind und mit feinem Drahtflor umzogene Volieren, wo der Goldfasan und der Pfau zwischen den rucksenden Haustauben einherstolzieren und die kleinen Singvögel jubeln, alles von zartem, grünem Rasen umschlossen, wo mancher Wasserstrahl emporschießt; die Knaben in verbrämten Kleidern goldne Schüsseln bringen, indessen aus den offnen Fenstern des Palastes Musik erschallt. Wir Kinder machten manchmal im Vorübergehen da Halt und sahen und hörten dem Verein schöner Jünglinge im Gesang, Flöte und Gitarre zu; aber damals wußte ich nicht, daß nicht überall die Welt so heiter lieblich, so reinen Genusses sich ausbreite; und so fand ich es auch nicht wunderbar, wenn die Nacht einbrach und aus dem Nachbarsgarten die herrlichsten Symphonien herüberschallten, von einem Orchester der ersten Künstler aufgeführt, wenn die herrlichen großen Bäume mit so viel bunten Lampen geschmückt waren, als Sterne sich am Himmel blicken ließen; da suchte ich einen einsamen Weg und sah den glühenden Johanniswürmchen zu, wie sich die im Flug durchkreuzten, und ich war überrascht von dem wunderbaren Leuchten, ich dachte nachts an diese Tierchen und freute mich auf den andern Abend, um sie wiederzusehen, auf die Menschen aber freute ich mich nicht, – sie leuchteten mir nicht ein, ich verstand und ahnte nicht, daß man sich mit ihnen verständigen könne; – manche Sommernacht auch schwamm die Kapelle von blasenden Instrumenten auf dem Main bald hinab und hinauf, begleitet von vielen Nachen, auf denen sich kaum ein Flüstern hören ließ, so tiefernst hörten sie der Musik zu. Da wurde ich auch mitgeschaukelt auf den sanften Wellen und sah die wechselnden Schatten, Lichter und Mondstrahlen und ließ das kühle Wasser über meine Hände laufen. So war das Sommerleben, das plötzlich durch die rückkehrenden Kriegsszenen unterbrochen ward. Da war an kein Flüchten zu denken, am Morgen, da wir erwachten, hieß es: »Hinab in den Keller! Die Stadt wird beschossen, die Franzosen haben sich hereingeworfen, die Rotmäntel und die Totenköpfe sprengen von allen Seiten heran, um sie herauszujagen!« Da war ein Zusammenlaufen auf den Straßen, da erzählte man sich von den Rotmänteln, daß die kein Pardon gäben, alles zusammenhauen, daß sie fürchterliche Schnurrbärte haben, rollende Augen, blutrote Mäntel, damit das vergossene Blut nicht so leicht zu bemerken sei. Allmählich wurden die Fensterladen geschlossen, die Straßen leer, die erste Kugel, die durch die Straßen flog, eilte alles in die Keller, auch wir, Großmutter, Tante, eine alte Cousine von achtzig Jahren, die Köchin, die Kammerjungfer, ein männlicher Hausgenosse. Da saßen wir, die Zeit wurde uns lang, wir lauschten – eine Bombe flog in unsern Hof, sie platzte. Das war doch eine Diversion, aber nun stand zu erwarten, daß Feuer ausbrechen könne. Allerlei, was meiner Großmutter unendlich wichtig war von Büchern, von Bildern, fiel ihr ein, sie hätte es gern in den Keller gerettet. Der männliche Hausgenosse demonstrierte, wie es eine Unmöglichkeit sei, den heiligen Johannes, ein Bild, was die wunderbare Eigenschaft hatte, die Fabel geltend zu machen, er sei ein Raffael, jetzt aus dem oberen Saal herunterzuschaffen, indem es viel zu schwer sei; ich entfernte mich leise, stieg zum Saal, hob das schwere Bild ab, nahm es an der Schnur über den Rücken, und so kam ich, noch eh' die Verhandlung beendigt war, zum Erstaunen aller und zur großen Freude meiner Großmutter, zur Kellertreppe herabgepoltert, ich meldete noch, wie ich aus dem Saalfenster gesehen und alles still sei; ich bekam die Erlaubnis, noch mehr zu retten, ich bekam die Schlüssel zur Bibliothek, um Kupferwerke zu holen, mit freudiger Eile sprang ich die Treppe hinauf, in die Bibliothek hätt' ich längst gern mich eingestohlen, da war eine Sammlung prachtvoller Muscheln, wunderbarer Steine, getrockneter Pflanzen, da hingen Straußeneier an den Wänden, Kokusnüsse, da lagen alte Waffen, ein Magnetstein, an dem alle Näh- und Stricknadeln hängen blieben, da standen Schachteln voll Briefschaften, Toiletten mit wunderlichem alten Geschirr und Geschmeide, Zitternadeln mit Sternen von bunten Steinen, o, ich freute mich, den Schlüssel zu haben, ich holte herunter, was man verlangte, zog den Schlüssel ab, ohne abzuschließen, und dachte mir eine stille, einsame Nacht, in der ich, alles durchsuchend und betrachtend, schwelgen wolle. Das Schießen hatte wieder angefangen, einzelne Reiter hörte man in gestrecktem Galopp die furchtbare Stille der Straße unterbrechen, die Furcht im Keller stieg, man dachte jedoch nicht daran, daß ich verletzt werden könne, und ich auch nicht; ich sprach nicht aus, daß ich mich nicht fürchte, und fühlte auch nicht, daß ich Gefahr lief, und so überkam ich das schöne Amt, alle zu bedienen, für alle Bedürfnisse zu sorgen. Ich hörte verschiedentlich die Reiter vorübersprengen. »Das mag ein Rotmantel sein!« dachte ich, lief eilig ans Fenster des unteren Geschosses, riß den Laden auf – siehe, – da hielt er in der mitten Straße mit gezogenem Säbel, langem fliegenden Schnurrbart, dicken, schwarzen, geflochtenen Haarzöpfen, die unter der roten Pelzmütze hervorhingen, der rote Mantel schwebte in den Lüften, wie er die Straße hinabflog, – alles wieder totenstill! – Ein junger Mensch in Hemdärmeln, bloßem Kopf, totenblaß, blutbespritzt, rennt verzweiflungsvoll hin und wieder, rasselt an den Haustüren, klopft an den Läden, keiner tut sich auf, mir klopft das Herz, ich winke – er sieht es nicht. Jetzt eilt er auf mich zu, bittend, – da ertönt der Schall eines Pferdes; er schmiegt sich in die Vertiefung des Hoftors, der Reiter, der ihn suchend verfolgt, sprengt an ihm vorbei, hält einen Augenblick, späht in die Ferne, wendet um und – fort. O, jeder Blick, jede Bewegung des Reiters und des Pferdes haben sich tief in mein Gehirn geprägt, und der arme Angsterfüllte eilt hervor und schwingt sich am schwachen Kinderarm herein in die rettenden Wände, aber kaum, – da ist der Reiter schon wieder, er sprengt an mich heran, ich rühr' mich nicht vom Fenster, er verlangt Wasser, ich eile in die Küche, es ihm zu holen, nachdem er getrunken und nachdem ich ihn die Straße hinabreiten gesehen erst, mache ich meinen Laden zu, und nun sehe ich mich nach meiner geretteten Beute um. Hätte sich der Rotmantel auf seinem Pferde in die Steigbügel gestellt, so hätte er meinen Geretteten entdeckt, dieser küßte mir zitternd die Hände und sagte mit leiser Stimme: »O mon dieu, mon dieu!« Ich lachte vor Freuden, aber dann brach ich in Tränen aus; denn es rührte mich, der Retter eines Menschen geworden zu sein, so ohne mich zu besinnen, so ohne zu wissen wie. – Und Du auch! – Rührt es Dich nicht? – Freut es Dich nicht, daß es mir gelungen ist? – Mehr als alle Schmeichelreden, die ich Dir sagen könnte? – »Sauvez-moi! Cachez-moi!« sagte er, »mon père et ma mère prieront pour vous.« Ich faßte ihn bei der Hand und führte ihn schweigend leise über den Hof nach dem Holzstall: dort untersuchte ich seine Wunde, das Blut abwaschen konnte ich nicht, ich hatte kein Wasser, holen mochte ich auch keins, der Nachbar Andree, dessen Du Dich erinnern mußt, war mit mehreren Freunden auf sein Observatorium gestiegen, um das Kriegswesen zu beobachten, er konnte mich bemerken. Ein einzig Mittel hatte ich erfunden; ich leckte ihm das Blut ab, denn es ihm so mit Speichel abzuwaschen, schien mir zu unbescheiden; er ließ mich gewähren, ich zog leise und sanft die anklebenden Haare zurück, da flog ein Huhn mit großem Geschrei vom oberen Holz herunter, wir hatten es verscheucht von dem Ort, wo es seine Eier zu legen pflegte, ich kletterte hinauf, um das Ei zu holen, die innere weiße Haut legte ich über die Wunde – es mag wohl geheilt haben, ich will's hoffen! – Nun eilte ich wieder in den Keller, die eine Schwester schlief, die andere betete vor Angst, die Großmutter schrieb an einem kleinen Tisch bei Licht ihr Testament, die Tante hatte den Tee bereitet, ich bekam die Schlüssel zur Speisekammer, um Wein und kalte Speisen zu holen, da dachte ich auch an den Magen meines armen Gefangenen und brachte ihm Wein und Brot. So ging der Tag vorüber und die Gefahr, der Keller wurde verlassen, mein Geheimnis fing an mich zu beklemmen; ich beobachtete jeden Schritt der Hausgenossen, der Köchin half ich in der Küche, ich holte ihr Wasser und Holz, unter dem Vorwand, daß es doch noch gefährlich sein könne unter freiem Himmel, sie ließ sich's gefallen; – endlich und endlich kam die Nacht, der Nachbar hatte Rapport gebracht, daß nichts zu fürchten sei vor der Hand, und so legte man sich zur Ruhe, deren man so sehr bedurfte. Ich hatte meine Schlafstätte im Nebenzimmer der Großmutter, von da konnte ich den Holzstall, der vom Mond beschienen war, beobachten, ich ordnete nun meinen Plan: fürs erste mußten Kleider beschafft werden, die den Soldaten verleugneten. Wie gut, daß ich die Bibliothek offen gelassen! Da oben hing ein Jagdkleid und Mütze – von welchem Schnitt, ob alt- oder neumodisch – wußt' ich nicht. Wie ein Geist schlich ich auf bloßen Strümpfen an der Tante Zimmer vorbei, schwebend trug ich's herunter, damit die metallnen Knöpfe nicht rasselten, er zog es an, es saß wie angegossen – Gott hat es ihm angepaßt und die Jagdmütze dazu! Ich hatte das Geld, was man mir schenkte, immer in das Kissen eines ledernen Sessels gesteckt, weil ich keine Gelegenheit hatte, es zu brauchen. Jetzt durchsuchte ich den Sessel, und es fand sich eine ziemliche Barschaft zusammen, die ich meinem Geretteten als Zehrpfennig einhändigte. Nun führte ich ihn durch den mondbeschienenen blüteduftenden Garten, wir gingen langsamen Schrittes Hand in Hand bis hinter die Pappelwand, an die Mauer, wo alle Jahr' die Nachtigall in der Rosenhecke ihr Nest baute, es war grade die Zeit, was half's – dies Jahr mußte sie gestört werden. Da wollte er mir danken, da nahm er mich auf seine Arme und hob mich hoch, er warf die Mütze ab und legte den verbundenen Kopf auf meine Brust, was hatte ich zu tun? Ich hatte die Arme frei, ich faltete sie über seinem Kopf zum Gebet; er küßte mich, stieg über die Rosenheckenmauer in einen Garten, der zum Main führte, da konnte er sich übersetzen; denn es waren Nachen am Ufer.

Es gibt unerwartete Erfahrungen, die sind vergessen, gleich als ob sie nicht erlebt wären, und erst dann, wenn sie wieder aus dem Gedächtnisbrunnen heraufsteigen, ergibt sich ihre Bedeutung – es ist, als ob eine Lebenserfahrung dazu gehörte, ihre Wichtigkeit empfinden zu lernen; es sind andre Begebnisse, auf die man mit Begeistrung harrt, und die schwimmen so gleichgültig vorüber wie das fließende Wasser. – Wie Du mich fragtest, wer mir den ersten Kuß gegeben habe, dessen ich mich deutlich erinnere, da schweifte mein Besinnen hin und her wie ein Weberschiffchen, bis allmählich dies Bild des Erretteten lebhaft und deutlich hervortrat, und in diesem Widerhall des Gefühls erst werde ich gewahr, welche tiefe Spuren sie in mir zurückgelassen! – So gibt es Gedanken wie Lichtstrahlen, die einen Augenblick nur das Gefühl der Helle geben und dann verschwinden, aber ich glaube gewiß, daß sie ewig sind und uns wieder berühren in dem Augenblick, wo unsere sittliche Kraft auf die Höhe steigt, mit der allein wir sie zu fassen vermögen. Ich glaube: mit uns selbst ins Gericht gehen, oder wenn Du willst, Krieg führen mit allen Mächten, ist das beste Mittel, höherer Gedanken teilhaftig zu werden. Es gibt eine Art Lumpengesindel auch im Geist, das alle Befähigung zur Inspiration unterdrückt und sich wuchernd ausbreitet; dahin gehören die Ansprüche aller Art nach außen: wer etwas von außen erwartet, dem wird es in dem Innern nicht kommen, aller Reiz, der nach außen zur Versündigung wird, kann im Innersten konzentriert zur Tugend werden; – das Gefühl, das, sowie es sich mit der Oberfläche des Lebens berührt, gleich zur Eitelkeit anschießt: in der innersten Seele festgehalten, wird sich zu einer demütigen Unterwerfung an die Schönheit ausbilden. Und so könnte wohl jede Verkehrtheit daher entstehen, weil ihr Reiz fehlgeht in seiner Befriedigung. Alle Ansprüche, aller Reiz, alle Leidenschaft soll befriedigt werden, aber nur durch das Göttliche und so nicht der Sklave der Leidenschaft, sondern unserer höheren Natur werden.

Wenn ich mich über mich selbst stelle und über mein Tun und Treiben, dann kommen mir gleich Gedanken, von denen empfinde ich, sie haben eine bestimmte Beziehung auf eine bestimmte Erscheinung in mir, wie gewiß auch bei den verschiedenen Epochen in dem Pflanzenleben die Nahrung eine verschiedne geistige Richtung annimmt; daß zum Beispiel beim Blühen der Nahrungsstoff, der doch aus denselben Elementen besteht, eine in sich selbst erhöhte geistige Verwandlung vornimmt; denn er äußert sich ja nicht mehr bloß vegetierend in dem Leben der Pflanze, sondern duftend, wissend, in ihrem Geist. Gedanken dieser Art beglücken mich, wenn ich Frieden mit mir schließe und den Schlaf gleichsam annehme als Versöhnung mit mir selbst; so gestern abend fühlte ich vor dem Einschlafen, als ob mich mein Inneres in Liebe aufgenommen habe, und da schlief ich die Ruhe bis tief in meine Seele hinein und wachte von Zeit zu Zeit auf und hatte Gedanken. Ich schrieb sie, ohne sie weiter zu spinnen oder ihren Gehalt zu wägen, ja selbst manche, ohne sie ganz zu verstehen, mit Bleistift auf – und schlief dann gleich wieder fort, aber bald weckte mich's wieder auf; diese Gedanken waren wie Ausrufungen meiner Seele in der Empfindung von Behagen. Ich will sie hier abschreiben, wie ich sie nacheinander erfahren. Ob sie Wert und Gehalt haben, lasse ich unberührt, aber immer werden sie ein Beweis sein, daß der Geist auch im Schlaf lebendig wirkt. Ich glaub', daß jede Handlung ihre unendlichen Folgen hat; daß uns die Wahrheit Genuß gewährt, daß also jeder Genuß eine Wahrheit zum tiefsten Grunde hat, daß also jeder Genuß durch seine Wahrheit legitimiert ist.

Ich glaube, daß alle Ahnungen Spiegelungen der Wahrheit sind.

Der Geist ist Auge, je schärfer er sieht, je deutlicher wird die Ahnung, je reiner tritt das Spiegelbild der Wahrheit in der Empfindung auf. Die Vielheit soll zur Einheit führen, der Spiegel fasset alles in einen Strahl zusammen.

Das Licht gebärt das allseitige Leben und Streben in die Einheit, in das Reich des Göttlichen.

Die Philosophie ist Symbol der Leidenschaft zwischen Gott und dem Menschen.

Die Liebe ist eine Metamorphose der Gottheit.

Jeder Gedanke ist die Blüte einer Pflanze; was ist dann aber ihre Frucht? – Die Wirkung auf unser Inneres ist ihre Frucht.

Zum Denken des wahren Geistes gehört die Unschuld. Nur mit der unschuldigen Psyche beredet sich der Geist.

Der Geist stellt die erkrankte Unschuld her. Die Frucht des Geistes genießen, macht unschuldig, das ist die Wirkung der Frucht.

Das Sinnliche ist Symbol des Geistigen, ist Spiegel einer noch nicht in die geistige Erfahrung getretnen Wahrheit.

Geistige Erfahrung ist gebornes Leben. Wenn wir Besitzer der geistigen Wahrheit sind, dann ist das Sinnliche aufgelöst.

Alles Sinnliche ist unverstanden, durch sein Verstehen wird es geistig.

Geistige Entwicklung macht große Schmerzen, sie ist der Beweis, wie sehr der Geist mit dem Physischen zusammenhängt.

Der Geist, der keine Schmerzen macht, ist Leben nach der Geburt.

Oft stirbt der Geist, sein Tod ist Sünde. Aber er ersteht wieder zum Leben; die Auferstehung von den Toten macht Schmerzen.

Der Geist ist ein Zauberer, er kann alles! Wenn ich mit dem vollen Gefühl der Liebe vor Dich hintrete, dann bist Du da.

Was ist denn Zauberei? Die Wahrheit des Gefühls geltend machen. –

Die Sehnsucht hat allemal recht, aber der Mensch verkennt sie oft.

Der Mensch hat einen sinnlichen Leib angenommen, damit er in ihm zur Wahrheit komme; das Irdische ist da, damit sich in ihm das Göttliche manifestiere.

Das ganze Wirken der Natur ist nur ein Trieb, der Wahrheit nachzugehen.

Die Wahrheit hat keinen Leib, aber das sinnliche Leben ist die Spur ihres Wegs.

Manchmal hab' ich den Trieb, mich von Dir, wie ich Dich sinnlich erkenne, abzuwenden und an das göttliche Geheimnis Deines Daseins zu appellieren, dann fühl' ich, daß sich alle verschiedenen Neigungen in einer auflösen.

Gewiß! Die Liebe ist Instinkt einer höheren Gemeinschaft, einer göttlichen Natur mit dem Geliebten. Drum schließt Liebe alle verschiedenen Neigungen aus.

Wenn wir erst wissen, daß alle äußeren Augen ein inneres Auge sind, das uns sieht, so tun wir alles dem inneren Auge zulieb'; denn wir wollen in unserer geheimen Handlung der Schönheit gesehen sein.

Unser Trieb, schön zu handeln, ist der Trieb, dem innern Auge wohlgefällig zu erscheinen. Drum ist der Trieb nach Anerkenntnis, nach Ruhm eine verkehrte Befriedigung dieser angebornen, unvertilgbaren Neigung, weil ihr Ursprung göttlich ist. Was haben wir von allem äußeren Glanz, von dem Gaukelspiel des Beifalls einer unwissenden Menge, wenn wir vor dem Auge des inneren Genius nicht bestehen, wenn unsere Schönheit vor ihm zerrüttet ist! Ich will nur für meine Schönheit leben, ich will nur ihr huldigen; denn sie ist der Geliebte selbst.

Wenn wir den Blick des inneren Auges umschreiben, so haben wir die Kunst und das Wissen.

Alles Wissen soll sich zur Kunst erheben, es soll ebenso unschuldig die Wahrheit nachahmen wie die bildende Kunst, und so wird sie ein Spiegel der Wahrheit, ein Bild, in dem wir sie erkennen.

Denken ist ein unmittelbares Nachahmen der Wahrheit, es ist nicht sie selbst, sie hat keinen Leib, sie hat nur eine Erscheinung.

Suche nur die Wahrheit in Deinem Innern, so hast Du den Vorteil, sie zu finden und Dich zugleich in sie aufzulösen.

In Deinem Innern wirst Du ein lebendiges Bewegen wahrnehmen, wie das Bewegen des Wassers, es ist nichts als ein Bewegen, sich in die Wahrheit aufzulösen.

Alles Leben löst sich in eine höhere Wahrheit auf, geht in eine höhere Wahrheit über, wär' es anders, so wär' es Sterben.

Schönheit ist eine Auflösung der sinnlichen Anschauung in eine höhere Wahrheit; Schönheit stirbt nicht, sie ist Geist.

Alle Disharmonie ist Unwahrheit.

Wenn Du schlafen willst, so ergib Dich Deinem innern Mond. Schlaf in dem Mondlicht Deiner Natur! Ich glaub', das erzieht und nährt Deinen inneren Menschen, wie das Mondlicht den Geist der Pflanze ernährt und befördert.

Wer von selbst seinen Geist der Natur unterwirft, für den gibt es keinen Tod.

Der Geist muß so mächtig werden, daß er den Tod des Leibes nicht empfindet.

Der Geist braucht nicht zu denken und kann doch mächtig sein, bloß durch die Reinheit des Willens.

In allem nur sich sehen und gegen sich den reinsten Willen haben, dann ist der Geist mächtig.

Auch der sinnliche Schlaf soll so genossen werden, daß er ein geistiger Balsam sei.

Vielleicht vererben sich die geistigen Reichtümer wie die irdischen, vielleicht verteilen die Geister ihre Fähigkeiten auf ihre Nachkommen! »Ich erkenne an dem Gedanken, wes Geistes Kind du bist«. Dies Sprichwort beurkundet meine Bemerkung.

Wachsen ist das Gefühl, daß das Uranfänglichste zu seinem Ursprung in die Ewigkeit dringt.

Der Genius allein kann die verletzte Unschuld herstellen. O komm Genius und befriede Dich mit mir!

Hier übermannte mich ein tieferer Schlaf. – Am Morgen fand ich mein beschriebenes Papier, ich erinnerte mich seiner kaum, aber sehr deutlich erinnerte ich mich des Behagens in der Nacht, und daß es eine Empfindung war, wie dem Kind in der Wiege das Schaukeln sein muß. und ich dachte, daß ich oft so träumen möchte. –

Nun will ich Dir auch gleich die Geschichte meines zweiten Kusses erzählen; er folgte beinah' unmittelbar auf den ersten, und was denkst Du von Deinem Mädchen, daß es so leichtfertig geworden! Ja, diesmal wurde ich leichtfertig, und zwar mit einem Freund von Dir. – Es klingelt, hastig springe ich an die Haustür, um zu öffnen; ein Mann in schwarzer Kleidung, ernsten Ansehens, etwas erhitzten Augen tritt ein, noch ehe er seinen Namen genannt oder gesagt, was sein Verlangen ist, küßt er mich; noch ehe ich mich besinnen konnte, geb' ich ihm eine Ohrfeige, und dann erst seh' ich ihm ergrimmt ins Antlitz und erkenne ein freundliches Gesicht, das gar nicht erschreckt und nicht erbittert über mein Verfahren zu sein scheint; um meiner Verlegenheit zu entgehen – denn ich wußte nicht, ob ich Recht oder Unrecht getan hatte – öffne ich ihm rasch die Türen zu den Zimmern der Großmutter. Da war nun meine Überraschung bald in Schrecken umgewandelt, da diese mit der höchsten Begeistrung ausrief, einmal über das andre: »Ist es möglich? Herder? mein Herder! Daß euer Weg euch zu dieser Grillentür führt? – Seid tausendmal umarmt!« Und hier folgten diese tausend Umarmungen, während denen ich mich leise davonschlich und wünschte, es möge in diesem Schwall von Liebkosungen die eine untergehen, die ihm mit einer Ohrfeige war beantwortet worden. Allein, dem nicht so, er vergaß weder Kuß noch Ohrfeige, er schielte, an das Herz der Großmutter von ihren umfassenden Armen gefesselt, über ihre Achsel hinaus, nach der Enkelin und machte ihr einen bittenden Vorwurf. Ich verstand ihn sogleich und machte mich ihm auch verständlich, er solle mich nicht verklagen, sonst wolle ich mich rächen, und schlich hinter die Vorzimmer. Allein Herder hatte keine Andacht mehr für die Großmutter, für ihre schönen Erinnerungen aus der Schweiz, für ihre Mitteilungen aus den Briefen von Julie Bondeli, für ihre Schmeichelreden und begeisterten Lobsprüche, für ihre Reden von gelehrten Dingen. Er fragte, ob sie ihm nicht ihre Enkelkinder wolle zeigen? So wurden wir ihm denn alle drei feierlich vorgeführt und von der Großmutter zugleich belehrt, wie glücklich wir seien, ihn zu sehen und von ihm gesegnet zu sein. Er war auch gar nicht faul, ging rasch auf mich zu, legte mir die Hand auf den Kopf, unter welcher ich ihn drohend ansah, und sagte langsam und feierlich: »Diese da scheint sehr selbständig, wenn Gott ihr diese Gabe als eine Waffe für ihr Glück zugeteilt hat, so möge sie sich ihrer ungefährdet bedienen, daß alle sich ihrem kühnen Willen fügen und niemand ihren Sinn zu brechen gedenke.« Ziemlich verwundert war die Großmutter über diesen wunderlichen Segen, noch mehr aber, daß er die Schwestern nicht segnete, die doch ihre Lieblinge waren. Wir wurden entlassen und gingen in den Garten; wir trugen damals breite Schärpen von blau und weiß geflammter Seide, auf dem Rücken waren sie in Schleifen gebunden, die in der vollen Breite, welche wohl eine Elle betrug, ausgebreitet waren, so daß sie gleichsam Schmetterlingsflügel bildeten. Während ich in meinem Blumenbeet arbeitete, haschte mich einer an diesen Flügeln; es war Herder. »Siehst du, kleine Psyche«, sagte er, »mit den Flügeln genießt man wohl die Freiheit, wenn man sie zu rechter Zeit zu brauchen weiß, aber an den Flügeln wird man auch gefangen, und was gibst du, daß ich dich wieder loslasse«? – Er verlangte einen Kuß, ich verneigte mich und küßte ihn, ohne das Geringste einzuwenden.

Der Kuß des geretteten Franzosen war ganz im Einverständnis meiner Empfindung, ich kam ihm auf halbem Wege entgegen, und doch war er unmittelbar darauf vergessen, und jetzt erst, nach sechs Jahren, tauchte er aus meiner Erinnerung auf als eine neue Erscheinung. Herders Kuß war von meiner Seite ganz willenlos oder eher unwillig angenommen, und doch hab' ich ihn nicht vergessen; ich konnte in erster Zeit den Eindruck nicht verwinden, er verfolgte mich im Traum; bald war mir's, als habe ich wider meinen Willen etwas weggeschenkt, bald überraschte es mich, daß dieser große bedeutende Mann mich so dringend aufgefordert hatte, ihn zu küssen, dies war mir eine rätselhafte Erfahrung. Herder sah mich so feierlich an, nachdem er mich geküßt hatte, daß mich ein Schauer befiel; der rätselhafte Name Psyche, dessen Bedeutung ich nicht verstand, versöhnte mich einigermaßen mit ihm, und wie denn manches Zufällige, was vielen unscheinbar vorüberschweift, einen tief rührt und eine währende Bedeutung für ihn gewinnt, so war mir dies unbegriffne Wort Psyche ein Talisman, der mich einer unsichtbaren Welt zuführte, in der ich mich unter diesem Namen begriffen dachte.

So lehrte mir Amor das Abc, und in meiner Geisblattlaube, in der die Spinnen rund um mich her dem beflügelten Insektenvolk Netze stellten, seufzte die kleine beflügelte Psyche über diese problematische Lektion.

Ach Herr! – Im Anfang des Jahres ist die Sonne mild, sie schmeichelt den jungen Trieben, dann spaltet sie die Keime und wird immer dringender, die geöffnete Knospe kann sich nicht wieder in die kühle Kammer bewußtloser Dunkelheit verschließen, ihre Blüte fällt dem glühenden Strahl, der sie erst lockte, als Opfer.

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