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Goethes Briefwechsel mit einem Kinde

Bettina von Arnim: Goethes Briefwechsel mit einem Kinde - Kapitel 48
Quellenangabe
typeletter
booktitleGoethes Briefwechsel mit einem Kinde
authorBettine von Arnim
year1984
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32467-4
titleGoethes Briefwechsel mit einem Kinde
pages5
created20000619
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1835
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Einmal schon, im Kloster, hatten mich die Geister bewogen, mich ihnen zu gesellen, in den hellen Mondnächten lockten sie mich; ich durchwanderte wunderliche dunkle Gänge, in denen ich die Wasser rauschen hörte, ich folgte beklemmt, bis zum Springbrunnen kam ich; der Mond schien in sein bewegtes Wasser und gewandete die Geister, die auf seinem wogenden Spiegel sich mir zeigten, in Silberglanz; – sie kamen, sie bedeuteten mein fragendes Herz und verschwanden wieder, es kamen andere, sie legten Geheimnisse auf meine Zunge, berührten alle Lebenskeime in meiner Brust, bezeichneten mich mit ihrem Siegel, sie verhüllten meinen Willen, meine Neigungen und die Kraft, die von ihnen auf mich ausgegangen war.

Wie war das? – Wie berieten sie mich? – Durch welche Sprache gab sich ihre Lehre kund? – Und wie soll ich Dir darlegen, daß es so war? – Und was sie mir lehrten? –

Die Mondnacht deckte mich im süßen, tiefen Kindesschlaf, dann trat sie aus sich selbst hervor und berührte mich an meinen Augen, daß sie ihrem Licht erwachten, und senkte sich mit magnetischer Gewalt in meine Brust, daß ich alle Furcht bezwang, auf Wegen, die nicht geheuer waren, forteilte in tiefer, regungsloser Nacht, bis ich zum Springbrunnen kam zwischen Blumenbeeten, wo jede Blume, jedes Kraut in täuschender Dämmerung ein Traumgesicht ausdrückte, wo sie buhlten und stritten mit der Phantasie. Dort stand ich und sah, wie der von den Lüften bewegte Wasserstrahl hinüber und herüber schwankte, und wie die Mondstrahlen das bewegte Wasser durchwebten, und wie der Blitz mit zingelnder Eile silberne Hieroglyphen in die wogenden Kreise schrieb; da kniete ich in den feuchten Sand und beugte mich über dies schwindelnde Lichtweben und lauschte mit allen Sinnen, und mein Herz hielt still und ich nahm es an, als ob mir diese schwindenden Strahlenzüge etwas hinschrieben, und mein Herz war freudig, als ob ich sie verstanden hätte, daß ihr Inhalt mir Glück andeute; ich ging zurück durch die langen, dunklen, labyrinthischen Gänge, vorüber an Bildern von wunderlichen Heiligen in gelassener Ruhe, bis zu meinem Bettchen, das im Erker am Fenster eingeklemmt war, da öffnete ich leise das Fenster dem Mondlicht und ließ es meine Brust anstrahlen; – ja, mich umarmte in jenen glücklichen, glückbringenden Momenten ein freudegeistiges Gefühl, groß, allumfassend; es umarmte von außen mein Herz, mein Herz fühlte sich umfaßt von einer liebenden Gewalt, der es sich anschmiegte im Schlummer, der von dieser Gewalt aus über mich kam. Wie soll ich diese Gewalt nennen? – Lebensgeist? – Ich weiß es nicht – ich weiß nicht, was ich erfahren hatte, aber ein Begegnis war es mir, ein wichtiges Ereignis, und ich war im Herzen als wie der Keim, der aus erster Verhüllung ans Licht hervorbricht; ich saugte Licht mit dem Geist und sah mit diesem, was ich vorher mit leiblichem Auge nicht gesehen haben würde, alles was die Natur mir spielend darbot, gab mir eine Erinnerung an ein Verborgenes in mir, die Farben und Formen der Pflanzenwelt sah ich mit tiefem, genießendem, verzehrendem Blick, durch den die Nahrung in meinen Geist übergehe.

Ach, wir wollen schweigen, wir wollen leisen Nebelflor über dies Geheimnis ziehen, durch den uns sein Inhalt ahnungsweise durchschimmert, ja, wir wollen schweigen, Freund! Wir können's ja doch nicht in Worten enthüllen. Aber pflanzt doch der irdische Mensch und säet in den Busen der Erde, die vorher unbefruchtet war, daß ihre nährenden Kräfte eindringen in die Frucht ihrer Erzeugnisse. Hätte sie Bewußtsein ihres sinnlichen Gefühls, dann würde dies Gefühl zu Geist in ihr werden; – so vergleiche ich den Menschengeist mit ihr, ein vom himmlischen Geistesäther umschwebtes Eiland; es wird aufgelockert und urbar gemacht, und göttlicher Same wird seinen sinnlichen Kräften vertraut, und diese Kräfte regen sich und sprießen in ein höheres Leben, das dem Licht angehört, welches Geist ist; und die Frucht, die dieser göttliche Same trägt, ist die Erkenntnis, die wir genießen, damit unsere der Seligkeit zuwachsenden Kräfte gedeihen.

Wie soll ich's noch darlegen, daß dieses leise Schauern und Spielen der Lüfte, des Wassers, des Mondlichts mir wirklich Berührung mit der Geisterwelt war? Wie Gott die Schöpfung dachte, da war der einzige Gedanke: »Es werde«, ein Baum, der alle Welten trägt und sie reift. So ist auch dieser Hauch, dies Gelispel der Natur in nächtlicher Stille ein leiser Geisterhauch, der den Geist weckt und ihn besäet mit allen Gedanken, die ewig währen.

Ich sah ein Inneres in mir, ein Höheres, dem ich mich unterworfen fühlte, dem ich alles opfern sollte, und wo ich's nicht tat, da fühlte ich mich aus der Bahn der Erkenntnis herausgeworfen, und noch heute muß ich diese Macht anerkennen, sie spricht allen selbstischen Genuß ab, sie trennt von den Ansprüchen an das allgemeine Leben und hebt über diese hinweg. Es ist sonderbar, daß das, was wir für uns selbst fordern, gewöhnlich auch das ist, was uns unserer Freiheit beraubt; wir wollen gebunden sein mit Banden, die uns süß deuchten und unserer Schwachheit eine Stütze, eine Versicherung sind; wir wollen getragen sein, gehoben durch Anerkenntnis, durch Ruhm und ahnen nicht, daß wir dieser Forderung das Ruhmwürdige und die Nahrung des Höheren aufopfern; wir wollen geliebt sein, wo wir Anregung zur Liebe haben, und erkennen's nicht, daß wir den liebenden Genius darum in uns verdrängen. Wo bleibt die Freiheit, wenn die Seele Bedürfnisse hat und sie befriedigt wissen will durch äußere Vermittlung? –

Was ist die Forderung, die wir außer uns machen, anders, als der Beweis eines Mangels in uns? Und was bewirkt ihre Befriedigung, als nur die Beförderung dieser Schwäche, die Gebundenheit unserer Freiheit in dieser? Der Genius will, daß die Seele lieber entbehre, als daß sie von der Befriedigung eines Triebes, einer Neigung, eines Bedürfnisses abhänge.

Wir alle sollen Könige sein; und je widerspenstiger, je herrischer der Knecht in uns, je herrlicher wird sich die Herrscherwürde entfalten, je kühner und gewaltiger der Geist, der überwindet.

Der Genius, der selbst die Flügel regt, sich in den blauen Äther erhebt und Lichtstrahlen aussendet, der Macht hat, die Seligkeit durch eigne Kräfte zu erzeugen; wie schön, wenn der sich vor Dir beugt und Dich lieben will, der nicht um Liebe klagt, nicht sie fordert, sondern sie gibt. – Ja, schön und herrlich übergehen ineinander, in den Lichtsphären des Geistes, in aller Glorie der Freiheit aus eignem, kräftigem Willen.

Die Erde liegt im Äther wie im Ei, das Irdische liegt im Himmlischen wie im Mutterschoß, die Liebe ist der Mutterschoß des Geistes.

Es gibt keine Weisheit, keine Erkenntnis des Wahren, die mehr will, als die Liebe zu ihr.

Jede Wahrheit buhlt um die Gunst des Menschengeistes.

Gerechtigkeit gegen alle beurkundet die wahre Liebe zu dem einen.

Je allseitiger, je individueller.

Nur der Geist kann von Sünden freimachen.

Willst Du allein sein mit dem Geliebten, so sei allein mit Dir.

Willst Du den Geliebten erwerben, so suche Dich zu finden, zu erwerben in ihm.

Du erwirbst, Du hast Dich selbst – wo Du liebst; wo Du nicht liebst, entbehrst Du Dich.

Bist Du allein mit Dir, so bist Du mit dem Genius.

Du liebst in dem Geliebten nur den eignen Genius.

Gott lieben, ist Gott genießen; wenn Du das Göttliche anbetest, so gibst Du Deinem Genius ein Gastmahl.

Sei immer mit Deinem Genius, so bist Du auf dem graden Weg zum Himmel.

Eine Kunst erwerben, heißt dem Genius einen sinnlichen Leib geben.

Eine Kunst erworben haben, bedeutet dem Geist nicht mehr Verdienst, als dem Vater eines bedeutenden Kindes. – Die Seele war da, und der Geist hat sie in die sichtbare, fühlbare Welt geboren.

Wenn Du einen Gedanken hast, der Dich belehrt, so fühlst Du wohl, es ist Dein liebender Genius, der Dir schmeichelt, der Dir liebkost. Er will Dich bewegen zur Leidenschaft für ihn.

Und alle Wahrheit ist Eingebung, und alle Eingebung ist Liebkosung, ist Inbrunst von Deinem Genius zu Dir, er will Dich bewegen, in ihn überzugehen.

Liebst Du, so nimmt Dein Genius eine sinnliche Gestalt an.

Gott ist Mensch geworden in dem Geliebten; in welcher Gestalt Du auch liebst – es ist das Ideal Deiner eignen höheren Natur, was Du im Geliebten berührst.

Die wahre Liebe ist keiner Untreue fähig, sie sucht den Geliebten, den Genius, wie den Proteus unter jeglicher Verwandlung,

Geist ist göttlicher Kunststoff, in der sinnlichen Natur liegt er als unberührtes Material. Das himmlische Leben aber ist, wenn Gott ihn als Kunststoff benützt, um seinen Geist in ihm zu erzeugen.

Drum ist das ganze himmlische Leben nur Geist, – und jeder Irrtum ist Verlust des Himmlischen. Darum ist jede Wahrheit eine Knospe, die durch die himmlischen Elemente blühen und Früchte tragen wird. Darum sollen wir die Wahrheit in uns aufnehmen, wie die Erde den Samen; als Mittel, durch welches unsere sinnlichen Kräfte in ein höheres Element hinüberblühen.

Indem Du denkst, sei immer liebend gegen Deinen Genius, so wird Dir die Fülle des Geistes nie ausgehen.

Die echte Liebe empfindet den Geist auch im Leib, in der sinnlichen Schönheit. Schönheit ist Geist, der einen sinnlichen Leib hat.

Aller Geist geht aus Selbstbeherrschung hervor.

Selbstbeherrschung ist, wenn Deinem Genius die Macht über Deinen Geist gegeben ist, die der Liebende dem Geliebten über sich einräumt.

Mancher will sich selbst beherrschen, daran scheitert jeder Witz, jede List, jede Ausdauer; er muß sich selbst beherrschen lassen durch seinen Genius, durch seine idealische Natur.

Du kannst den Geist nicht erzeugen, Du kannst ihn nur empfangen.

Du berührst Dich mit dem Geliebten in allem, was Du erhaben über Dich fühlst.

Du bist im Geheimnis der Liebe mit ihm, in allem, was Dich begeistert.

Nichts soll Dich trennen von diesem göttlichen Selbst, alles, was eine Kluft zwischen Dir und dem Genius bildet, ist Sünde.

Nichts ist Sünde, was mit ihm nicht entzweit, jeder Scherz, jeder Mutwill, jede Kühnheit ist durch ihn sanktioniert, er ist die göttliche Freiheit in uns.

Wer sich durch die Äußerung dieser göttlichen Freiheit beleidigt fühlt, der lebt nicht in seinem Genius; dessen Weisheit ist nicht Inspiration, sie ist Afterweisheit.

Die Erkenntnis des Bösen ist ein Abwenden aus der Umarmung der idealischen Liebe; die Sünde spiegelt sich nicht im Auge des Geliebten.

Du saugst göttliche Freiheit aus dem Blick der Liebe, der Blick des Genius strahlt göttliche Freiheit. –

Es gibt ein wildes Naturleben, das durch alle Abgründe schweift, den göttlichen Genius nicht kennt, aber ihn nicht verleugnet; es gibt ein zahmes, kultiviertes Tugendleben, das ihn von sich ausschließt.

Wer die Tugend übt aus eigner Weisheit, der ist ein Sklave seiner kurzsichtigen Bildungsanstalt – wer dem Genius vertraut, der atmet göttliche Freiheit, dessen Fähigkeiten sind zerteilt in alle Regionen, und er wird sich überall wiederfinden im göttlichen Element.

Ich habe oft mit dem Genius gespielt in der Nacht, statt zu schlafen, und ich war müde, und er weckte mich zu vertraulichen Gesprächen und ließ mich nicht schlafen.

So sprach der Dämon heute nacht mit mir, da ich versuchte, Dir deutlich zu machen, in welchen wunderlichen Mitteilungen ich in diesen Kinderjahren begriffen war; er setzte Gedanken in mir ab, ich erwog sie nicht, ich glaubte an sie, sie waren wohl andrer Art, aber das Eigene hatten sie, wie auch noch jetzt, daß ich sie nicht als Selbstgedachtes, sondern als Mitgeteiltes empfinde.

*

Du bist gut, Du willst nicht, daß ich dies süße Geschwätz mit Dir abbreche, es ist doch allenfalls so schön und so verständlich wie das Blinken der Sterne, was ich Dir hier sage; und wenn es auch nur wär' eine Melodie, die sich durch meinen Geist Luft machte – sie ist äußerst lieblich, diese Melodie, und lehrt Dich träumen.

O, lerne schöne Träume durch mein Geschwätz, die Dich beflügeln und mit Dir den kühlen Äther durchschiffen.

Wie herrlich schreitest Du auf diesen Traumteppichen! Wie wühlst Du Dich durch die tausendfältigen Schleier der Phantasie und wirst immer klarer und deutlicher, Du selber, der da verdient geliebt zu sein; da begegnest Du mir und wunderst Dich über mich und gönnst es mir, daß ich zuerst Dich fand.

Schlafe! Senke Deine Wimpern ineinander, lasse Dich umweben so leise wie mit Sommerfäden auf der Wiese. Umweben lasse Dich mit Zauberfäden, die Dich ins Traumland bannen, schlafe! Und gib vom weichen Pfühle träumend ein halb Gehör.

*

Am Weihnachtmorgen – das waren drei Jahre, eh' ich Dich gesehen habe, – gingen wir bei früher Zeit in die Kirche; es war noch Nacht, eine Laterne leuchtete voran, um durch den Schnee den Fußpfad zu finden, wir kamen an einer verödeten, verfallnen Klosterkirche vorüber, der Wind pfiff durch die zerbrochnen Fenster und klapperte mit den losen Dachziegeln; »in diesem Gemäuer hausen die Geister«, sagte der Laternenträger, »da ist es unsicher!« – Am Abend, im Zimmer der Großmutter, wo eine ebenso verödete und verfallene Gesellschaft eine Spielpartie machte, erinnerte ich mich dieser Bemerkung; ich dachte, wie schauerlich es sein müsse, da allein zu sein, und wie ich um alles in der Welt jetzt nicht dort sein möchte. Kaum hatte ich mir dies überlegt, so war die Frage innerlich, ob ich's nicht wagen möchte? – Ich schüttelte den Gedanken ab, er kam wieder, immer furchtsamer war ich, immer mehr wehrte ich mich gegen diesen unausführbaren Einfall, immer dringender wurde die Aufforderung dazu. Ich wollte ihr entgehen und setzte mich in eine andere Ecke des wohlerleuchteten Zimmers, aber da war's grade der offnen Tür eines dunklen Raumes gegenüber, nun spielten und zingelten Winke in der Finsternis, sie webten und schwebten bis an mich heran. Ich wickelte mich in den Fenstervorhang vor diesem Scheinwesen in der dunklen Kammer, ich drückte die Augen zu und träumte in mich hinein, da war ein freundlich Zureden in mir, ich solle an die Klostermauer gehen, wo die Geister spuken. Es war acht Uhr abends, ich überlegte, wie ich's wagen solle, in dieser Stunde einen einsamen weiten Weg zu gehen, den ich nicht genau kannte, und den ich selbst bei Tag nicht allein machen würde. – Es zog mich immer tiefer in einen vertrauten, abgeschlossenen Kreis; die Stimmen der Spielenden vernahm ich wie aus weiter Ferne, wie eine fremde Welt, die außer meinem Kreis sich rege.

Ich öffnete die Augen und sah die wunderlichen, unauflösbaren Rätselgesichter der Spielenden dort sitzen, vom hellen Kerzenschein beleuchtet; ich hörte die Ausrufungen des L'Hombrespiels wie Bannsprüche und Zauberformeln; diese Menschen mit ihrem wunderlichen Beginnen waren gespensterhaft; ihre Kleidung, ihre Gebärden unverständlich, grausenerregend; der Spuk war mir zu nahegekommen – ich schlich mich leise hinaus. Auf der Hoftreppe atmete ich wieder frei; da lag der reine Schneeteppich zu meinen Füßen und deckte sanft anschwellend alle Unebenheiten; da breiteten die bereiften Bäume ihre silbernen Zweige unter dem wandelnden Mondlicht aus. Diese Kälte war so warm, so freundlich, hier war nichts unverständlich, nichts zu fürchten, es war, als sei ich den bösen Geistern da drinnen entwischt; hier draußen sprachen die guten um so vernehmlichen zu mir, ich zauderte keinen Augenblick mehr, ihrem Geheiß zu folgen. Wie es auch werden mag, leise und behend klettere ich über das Hoftor, jenseits werf' ich mein Kleid über den Kopf, um mich zu verhüllen, und in flüchtigen Sprüngen setz' ich über den Schnee. Manches begegnet mir, dem ich ausbeuge, mit gesteigerter Angst und klopfendem Herzen komme ich an, scheu und furchtsam seh' ich mich um, aber ich zaudere nicht, den öden Platz zu betreten; ich bahne mir einen Weg durch das zusammengefallne, überschneite Gestein bis zur Kirchenmauer, an die ich den Kopf anlehne. Ich lausche, ich höre das Klappern der Ziegeln im Dach, und wie der Wind in dem losen Sparrwerk rasselt; ich denke: »Ob das die Geister sind?« – Sie senken sich herab – ich suche meine Angst zu bekämpfen – sie schweben in geringer Höhe über mir – die Furcht beschwichtigt sich allmählich; es war, als ob ich die offne Brust dem Hauch des Freundes biete, den ich kurz vorher noch für meinen Feind gehalten hatte.

Wie ich zum erstenmal vor Dir stand – es war im Winter 1807 – da erblaßte ich und zitterte, aber an Deiner Brust, von Deinen Armen umschlossen, kam ich so zu seliger Ruhe, daß mir die Augenlider zufielen und ich einschlief.

So ist's, wenn wir Nektar trinken, die Sinne sind dieser Kost nicht gewachsen. Da mildert der Schlaf den Sturm der Beseligung und vermittelt und schützt die gebrochnen Kräfte; könnten wir umfassen, was uns in einem Moment geboten ist, könnten wir sein verklärendes Anschauen ertragen, so wären wir hellsehend; könnte sich die Macht des Glückes in uns ausbreiten, so wären wir allmächtig; drum bitte ich Dich wenn es wahr ist, daß Du mich liebst, begrabe mich in Deinem Denken, decke mir Herz und Geist mit Schlaf, weil sie zu schwach sind, um ihr Glück zu tragen. Ja, Glück! Wer sich mit ihm verständigte, wie mit einem Geist, dem er sich gewachsen fühlte, der müßte es durch seine irdische Natur zur göttlichen verklären.

Gestern kam ein Brief von Dir, ich sah das blaue Kuvert auf dem Tisch liegen und erkannte ihn von weitem, ich verbarg ihn im Busen und eilte in mein einsames Zimmer an den Schreibtisch, ich wollte Dir gleich beim ersten Lesen die Fülle der Begeistrung niederschreiben. Da saß ich und faltete die Hände über dem Schatz und mochte ihn nicht vom warmen Herzen herunternehmen. Du weißt, so hab' ich mich auch nie aus Deinen Armen losgemacht; Du warst immer der erste und ließest die Arme sinken und sagtest: »Nun geh!« – Und ich folgte dem Befehl Deiner Lippen. Hätte ich dem Deiner Augen gefolgt, so wär' ich bei Dir geblieben; denn die sagten: »Komm her!«

Ich schlief also ein über dem Bewachen meines Kleinods im Busen, und da ich erwachte, las ich die zwei Zeilen von Deiner Hand geschrieben: »Ich war auch einmal so närrisch wie Du, und damals war ich besser als jetzt.«

O Du! – Von Dir sagt die öffentliche Stimme, Du seist glücklich, sie preisen Deinen Ruhm, und daß an den Strahlen Deines Geistes Dein Jahrhundert sich zum Äthergeschlecht ausbrüte, zum Fliegen und Schweben über Höhen und den Flug nach Deinen Winken zu richten; aber doch sagen sie, Dein Glück übersteige noch Deinen Geist. O wahrlich, Du bist Deines Glückes Schmied, der es mit kühnem, kräftigem Schlag eines Helden zurechtschmiedet; was Dir auch begegne, es muß sich fügen, die Form auszufüllen, die Dein Glück bedarf, der Schmerz, der andre zum Mißmut und zur Klage bewegen würde, der wird ein Stachel für Deine Begeistrung. Was andre niederschlägt, das entfaltet Deinen Flug, der Dich den Bedrängnissen enthebt, wo Du den reinen Äther trinkst und die Empfindung des Elends Dich nicht verdirbt. Du nimmst Dein Geschick als Kost nur aus den Händen der Götter und trinkst den bitteren Kelch wie den süßen mit dem Gefühl der Überlegenheit. Du läßt Dich nicht berauschen, wie ich mich berauschen lasse auf dem Weg, der zu Dir führt, Du würdest nicht, wie ich, der Verzweiflung hingegeben sein, wenn ein Abgrund Dich von Deinem Glück trennte. Und so hat Unglück nichts mit Dir zu schaffen, Du weißt es zu schaffen, Dein Glück, in jedem kleinen Ereignis, wie die allselige Natur auch der geringsten Blume eine Blütezeit gewährt, in der sie duftet und die Sonne ihr in den Kelch scheint.

Du gibst jedem Stoff, jedem Moment alles, was sich von Seligkeit in ihn bilden läßt, und so hast Du mir gegeben, da ich doch zu Deinen Füßen hingegeben bin; und so hab' auch ich einen Moment Deines Glückes erfüllt. Was will ich mehr! Da in ihm eine Aufgabe liegt bis zum letzten Atemzug.

*

Ich vergleiche Dich mit Recht jener freundlichen kalten Winternacht, in der sich die Geister meiner bemächtigen, in Dir leuchtet mir nicht die Sonne, in Dir funkeln mir tausend Sterne, und alles Kleinliche, was der Tag beleuchtet, schmilzt mir unberührt in seinen viereckigen Widerwärtigkeiten in erhabenen Massen zusammen.

Du bist kalt und freundlich und klar und ruhig wie die helle Winternacht; Deine Anziehungskraft liegt in der idealischen Reinheit, mit der Du die hingebende Liebe aufnimmst und aussprichst, Du bist wie der Reif jener Winternacht, der die Bäume und Sträucher mit allen kleinen Zweigen, Sprossen und Knospen zukünftiger Blüte mit weicher Silberdecke umkleidet. Wie jene Nacht, wechselnd mit Mond- und Sternenlicht, so beleuchtest Du Dein Begreifen und Belehren in tausend sich durchkreuzenden Lichtern und deckst mit milder Dämmerung und verschmilzst im Schatten; die aufgeregten Gefühle übergießest Du mit idealischen Formen, jede Stimmung wird durch Dein liebendes Verstehen individueller und reizender, und durch Dein sanftes Beschwichtigen wird die heftige Leidenschaft zum Genie.

*

Von jenen abenteuerlichen Geister-Nachtwegen kam ich mit durchnäßten Kleidern zurück, vom geschmolzenen Schnee; man glaubte, ich sei im Garten gewesen. Über Nacht vergaß ich alles, erst am andern Abend um dieselbe Stunde fiel mir's wieder ein und die Angst, die ich ausgestanden hatte; ich begriff nicht, wie ich hatte wagen können, diesen öden Weg in der Nacht allein zu gehen und auf dem wüsten, schaurigen Platz zu verweilen; ich stand an die Hoftüre gelehnt, heute war's nicht so milde und still wie gestern, die Winde hoben sich und brausten dahin, sie seufzten auf zu meinen Füßen und eilten nach jener Seite, die schwankenden Pappeln im Garten beugten sich und warfen die Schneelast ab, die Wolken trieben mit ungeheurer Eile, was festgewurzelt war, schwankte hinüber, was sich ablösen konnte, das nahmen die jagenden Winde unaufhaltsam mit sich. – In einem Nu war auch ich über die Hoftür und im flüchtigen Lauf atemlos bis an die Kirche gekommen, und nun war ich so froh, daß ich da war; ich lehnte mich an das Gemäuer, bis der Atem beschwichtigt war, es war, als ob Leib und Seele in dieser Verborgenheit geläutert würden, ich fühlte die Liebkosungen von meinem Genius in der Brust, ich fühlte sie als echte Mitteilungen im Geist. Alles ist göttliche Mitteilung, was wir erfahren, alles Erkennen ist Aufnehmen des Göttlichen, es kommt nur auf die zweifellose unschuldige Empfängnis unseres Geistes an daß wir auch den Gott in uns empfinden. Wie ich zum erstenmal vor Dir stand und mich Dein Blick wie ein Zauberstab berührte, da verwandeltest Du allen Willen in Unterwerfung, es kam mir nicht in den Sinn, etwas anders zu verlangen als in dieser Lichtatmosphäre, in die mich Deine Gegenwart aufnahm, zu verweilen, sie war mein Element; ich bin oft aus ihm verdrängt worden, immer durch eigene Schuld. Die ganze Aufgabe des Lebens ist ja das Beharren in ihm, und die Sünde ist das, was uns daraus verdrängt.

*

So erlangen wir Seligkeit, wenn wir auf dem Weg uns zu erhalten wissen, auf dem wir sie ahnen. Nie hatte ich eine bestimmtere Überzeugung von ihr, als wenn ich glaubte, von Dir geliebt zu sein. Und was ist sie denn, diese Seligkeit? – Du bist fern, wenn Du Dich der Geliebten erinnerst, so schmilzt Deine Seele in diese Erinnerung ein und berührt so liebend die Geliebte, wie die Sonnenstrahlen wärmend den Fluß berühren; wie die leisen Frühlingslüfte, die den Duft und den Blütenstaub zu dem Fluß tragen, der diese schönen Geschenke des Frühlings mit seinen Wellen vermischt. Wenn alles Wirken der Natur sich geistig in sich selbst fühlt, so empfindet der Fluß diese liebkosenden Berührungen als ein innerlichstes Wesentlichstes. – Warum sollte ich dies bezweifeln? – Warum empfinden wir die Entzückungen des Frühlings, als nur weil er den Rhythmus angibt, mit dem der Geist sich aufzuschwingen vermag? – Also, wenn Du meiner gedenkst, so gibst Du den Rhythmus an, mit dem meine Begeistrung sich zu dem Begriff von Seligkeit aufzuschwingen vermag.

Ach, ich fühl's! Mich durchzucken leise Schauer, daß Du meiner gedenken solltest in der Ferne, daß das Behagen, die Lust Deiner Tage, einen Augenblick erhöht wird durch meine Liebe. Sieh, so schön ist das Geweb' meiner innern Gedankenwelt, wer möchte es zerstören! Musik! jeder Ton in ihr ist wesentlich, ist der Keim einer Modulation, in die die ganze Seele sich fügt, und so verschieden, so in sich abgeschlossen die melodischen Formen sind, in die diese Gedankenwelt sich ergießt: so umfaßt sie doch und vernimmt die Harmonie, wie der Ozean alle Strömungen in sich aufnimmt.

*

So gehört denn auch zu unserm vögelsingenden, blütescheinenden Frühling, wo der Fluß zwischen duftenden Kräutern tanzt und ein Herz im andern lebt, jener kalte, vom Wind und Schnee durchkreuzte Winter, wo diese eisige Luft mir den Atem an den Haaren zu Reif ansetzte, wo ich so wenig wußte, was mich in den Wintersturm hinausjagte, als wo der Wind herkam, und wo er hineilte. Ach, Herz und Sturmwind eilten der Gegenwart zuvor in die Zukunft, also Dir entgegen. Darum riß es mich so unwiderstehlich aus dem stummen Dasein dem schönen Augenblick entgegen, der mein Lieben in allen seinen Aspirationen entwickeln und in Musik auflösen sollte.

*

Es kann dem Winter nichts ungleicher sein als der Frühling, der unter seiner eisigen Decke der Zukunft harrt; es kann dem im Samen verschlossenen, in der Erde verborgenen Keim nichts fremder sein als das Licht, und doch ist es seine einzige Richtung; der Genius des Lebens treibt aus ihm hervor, um sich mit dem Licht zu vermählen. –

Dieses Anschmiegen an eine Geisterwelt, dies Vertrauen auf die geheime Stimme, die mich so seltsame Wege leitete, die mir nur leise Winke gab, – was war es anders als ein unwillkürliches Folgen dem Geist, der mich reizte, wie das Licht das Leben!

*

Meine verödete Kirche stand diesseits an der Höhe, einer Mauer, die tief hinabging, einen Bleichplatz umschloß, der jenseits vom Mainfluß begrenzt war. Während mir vor der Höhe dieser Mauer schwindelte und ich furchtsam ausweichen wollte, hatte ich mich unwillkürlich hinübergeschwungen, und so fand ich im nächtlichen Dunkel kleine Spalten in der Mauer, in die ich Hände und Füße einklemmte und hervorragende Steine, auf denen ich mir hinabhalf; ohne zu bedenken, ob und wie ich wieder hinaufkommen werde, hatte ich den Boden erreicht; eine Wanne, die wohl im Sommer zum Bleichen gedient hatte und im Herbst war vergessen worden, rollte ich bis zum Ufer, stellte sie da auf und setzte mich hinein und sah dem Eisgang zu; es war mir eine behagliche, befriedigende Empfindung, so als eingerahmtes Bild der erhabenen Winternatur ins Antlitz zu schauen. Es war, als habe ich einer geheimen Anforderung Genüge geleistet. – Im Hinaufklettern fand ich ebenso kleine Lücken und Steine unter Händen und Füßen, wie ich sie brauchte. – Von nun an konnte kein Wetter, kein Zufall mich abhalten, ich überwand alle Schwierigkeiten; ohne zu wissen wie, fand ich mich an meiner Geistermauer, an der ich jeden Abend hinabkletterte und in meiner Wanne sitzend dem Treiben der Eisschollen zusah. Eine stieß ans Ufer, ich sträubte mich nicht mehr gegen die dämonischen Eingebungen, zuversichtlich sprang ich drauf und ließ mich eine Weile forttreiben. Dann sprang ich auf die nächste, bis ich endlich in der Mitte des Stromes dahinsegelte. – Es war eine wunderbare Nacht! Warum? – Jeder Naturmoment ist wunderbar, ist ungeheuer, wo er in seiner Freiheit waltet über den Menschengeist, ich habe mich ihm preisgegeben, und so wirkte er als höchstes Ereignis. – Am fernen Horizont schimmerte ein dunkles Rot, ein trübes Gelb und milderte die Finsternis zur Dämmerung, das Licht, gefesselt in den Umarmungen der Nacht; dahin schaute ich, dahin trug mich mein eisiger Seelenverkäufer, und der Wind, der sich kaum über die Höhe des Flusses hob, spielte und klatschte zu meinen Füßen mit den Falten meiner Kleider. Noch heute empfinde ich den königlichen Stolz in meiner Brust, noch heute hebt mich die Erinnerung der schmeichelnden Winde zu meinen Füßen, noch heute durchglüht mich die Begeistrung jener kühnen nächtlichen Fahrt, als wenn es nicht vor sechs Jahren, sondern in dieser kalten Winternacht wär', in der ich hier sitze, um Dir zulieb' und meiner Liebe zum Gedächtnis alles aufzuschreiben. Eine gute Strecke hatte ich mich dahin treiben lassen, da war ich ebenso willenlos, als ich den Fluß hinabgeschwommen war, wieder umgekehrt, ich schritt ruhig von einer nachkommenden Eisscholle zur andern, bis ich mich glücklich am Ufer befand. Zu Hause im Bette überlegte ich, wo mich wohl noch diese Wege hinführen möchten; es ahnt mir wie ein Weg, der immer weiter, aber nicht zurückführen werde, und ich war neugierig auf das Abenteuer der nächsten Nacht. Am andern Tag unterbrach eine zufällige Reise in die Stadt meine nächtlichen Geisterwanderungen. Da ich nach drei Wochen zurückkehrte, war dieser mächtige Reiz aufgehoben, und nichts hätte mich bewegen können, sie aus eigener Willkür zu wagen. – Sie lenkten freilich einen Weg, diese freundlichen Nachtgeister, der nicht wieder umlenkt, sie belehrten mich, wollten mich lehren der Tiefe, dem Ernst, der Weisheit meines Glückes nachzugehen und seine Beseligung nur als seinen Abglanz zu betrachten. So machen es die Menschen; während ihr Geschick ihnen einen vorübergehenden Genuß darbietet, wollen sie ewig dabei verweilen und versäumen so, sich ihrem Glück, das vorwärts schreitet, zu vertrauen, und ahnen nicht, daß sie den Genuß verlassen müssen, um dem Glück nachzugehen und es nicht aus den Augen zu lassen.

*

Nur das eine ist Glück, was den idealischen Menschen in uns entwickelt und nur, insofern ihn Genuß in den Äther hebt und ihn fliegen lehrt in ungekannten Regionen, ist er ihm wahre Beseligung. – Gewiß, ich möchte immer bei Dir sein, in Dein Antlitz schauen, Rede mit Dir wechseln, die Lust würde nimmer versiegen: aber doch sagt mir eine geheime Stimme, daß es Deiner nicht würdig sein würde, mir dies als Glück zu setzen. Vorwärtseilen in den ewigen Ozean, das sind die Wege, die mir auf eisiger Bahn die Geister vorschrieben, auf denen ich Dich gewiß nicht verlieren werde, da auch Du nicht umkehrst und ich nie an Dir vorüberschreiten werde, und so ist gewiß das einzige Ziel alles Begehrens die Ewigkeit.

*

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