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Goethes Briefwechsel mit einem Kinde

Bettina von Arnim: Goethes Briefwechsel mit einem Kinde - Kapitel 45
Quellenangabe
typeletter
booktitleGoethes Briefwechsel mit einem Kinde
authorBettine von Arnim
year1984
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32467-4
titleGoethes Briefwechsel mit einem Kinde
pages5
created20000619
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1835
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So hab' ich allmählich Zuversicht gewonnen und war vertraulich mit der Natur und hab' zum Scherz manche Prüfung bestanden, Sturm und Gewitter zog mich hinaus und das machte mich freudig; die heiße Sonne scheute ich nicht, ich legte mich ins Gras unter die schwärmenden Bienen mit Blütenzweigen im Mund und glaubte fest, sie würden meine Lippen nicht stechen, weil ich so befreundet war mit der Natur; und so bot ich allem Trotz, was andre fürchteten und in der Nacht, in schauerlichen Wegen im finstern Gebüsch, da lockte es mich hin, da war's überall so heimlich, und nichts war zu fürchten.

Oben im ersten und höchsten Garten stand die Klosterkirche auf einem Rasenplatz, der am felsigen Boden hinab grünte und mit einem hohen Gang von Trauben umgeben war, er führte zur Türe der Sakristei, vor dieser saß ich oft, wenn ich meine Geschäfte in der Kirche versehen hatte, denn ich war Sakristan, ein Amt, dem es oblag, den Kelch, in dem die geweihten Hostien bewahrt wurden, zu reinigen und die Kelchtücher zu waschen, dies Amt wurde nur dem Liebling unter den jungfräulichen Kindern vertraut, die Nonnen hatten mich einstimmig dazu erwählt. In dieser Türwölbung saß ich manchen heißen Nachmittag, links in der Ecke des Kreuzbaues das Bienenhaus unter hohen Taxusbäumen, rechts der kleine Bienengarten, bepflanzt mit duftenden Kräutern und Nelken, aus denen die Bienen Honig saugten. In die Ferne konnte ich von da sehen; die Ferne, die so wunderliche Gefühle in der Kinderseele erregt, die ewig eins und dasselbe vor uns liegt, bewegt in Licht und Schatten, und zuerst schauerliche Ahnungen einer verhüllten Zukunft in uns weckt; da saß ich und sah die Bienen von ihren Streifzügen heimkehren, ich sah, wie sie sich im Blumenstaub wälzten und wie sie weiter und weiter flogen in die ungemessene Ferne, wie sie im blauen sonnedurchglänzten Äther vorschwebten, und da ging mir mitten in diesen Anwandlungen von Melancholie auch die Ahnung von ungemessenem Glück auf.

Ja die Wehmut ist der Spiegel des Glücks; Du fühlst, Du siehst in ihr ausgesprochen ein Glück, nach dem sie sich sehnt. Ach und im Glück wieder durch allen Glanz der Freude durchschimmernd diese schmerzliche Wollust. Ja das Glück ist auch der Spiegel dieser aus unergründlichen Tiefen aufsteigenden Wehmut. Und jetzt noch, in der Erinnerung wie in den Kindertagen, füllt sich meine Seele mit jener Stimmung, die leise mit der Dämmerung hereinbrach und dann wieder nachgab, wenn das Sonnenlicht mit dem Sternenlicht gewechselt hatte und der Abendtau meine Haare losringelte. Die kalte Nachtluft stählte mich, ich buhlte, ich neckte mich mit den tausend Augen der Finsternis, die aus jedem Busch mir entgegen blitzten. Ich kletterte auf die Kastanienbäume, legte mich so schlank und elastisch auf ihre Äste; wenn dann der Wind durchschwirrte und jedes Blatt mich anflüsterte da war's, als redete sie meine Sprache. Am hohen Traubengeländer, das sich an die Kirchenmauer anlehnte, stieg ich hinauf und hörte die Schwalben in ihrem Nestchen plaudern; halb träumend zwitschern sie zwei-, dreisilbige Töne, und aus tiefer Ruhe seufzt die kleine Brust einen süßen Wohllaut der Befriedigung. Lauter Liebesglück, lauter Behagen, daß ihr Bettchen von befreundeter Wärme durchströmt ist.

O Weh über mich, daß mir im Herzen so unendlich weh ist, bloß weil ich dies Leben der Natur mit angeschaut hab' in meinen Kindertagen; diese tausendfältigen Liebesseufzer, die die Sommernacht durchstöhnen, und inmitten dieser ein einsames Kind, einsam bis ins innerste Mark, das da lauscht ihren Seligkeiten, ihrer Inbrunst, das in dem Kelch der Blumen nach ihren Geheimnissen forscht, das ihren Duft in sich saugt wie eine Lehre der Weisheit, das erst über die Traube den Segen spricht, ehe es sie genießt.

Aber da war ein hoher Baum mit feinen phantastischen Zweigen, breiten Sammetblättern, die sich wie ein Laubdach ausdehnten; oft lag ich in seiner kühlen Umwölbung und sah hinauf, wie das Licht durch ihn äugelte, und da lag ich mit freier Brust in tiefem Schlaf; ja mir träumte von süßen Gaben der Liebe, gewiß, sonst hätte ich den Baum nicht sogleich verstanden, da ich erwachte, weil eben die reife Frucht sich von seinen Zweigen gelöst hatte und im Fallen auf meine Brust ihr Saft mich netzte; dies schöne dunkle überreife Blut der Maulbeere, ich kannte sie nicht, ich hatte sie nie gesehen, aber mit Zutrauen verzehrten sie meine Lippen wie Liebende den ersten Kuß verzehren. Und es gibt Küsse, von denen fühl' ich, sie schmecken wie Maulbeeren.

Sag', sind das Abenteuer? – und würdig, daß ich sie Dir erzähle?

*

Und soll ich Dir noch mehr erzählen von diesen einfachen Ereignissen, die so gewöhnlich sind wie der Atem, der die Brust hebt, und doch fanden sie auf der reinen, noch unbeschriebenen Tafel der Erinnerung einen unverlöschbaren Eindruck. Sieh, wie dem Kind in den Windeln die ganze sinnliche Natur zur Nahrung seiner Kräfte gedeiht, bis es mannbar wird und mit seinen Gliedern das Pferd und das Schwert regiert, so gedeiht auch das Empfinden der Geistigkeit des Naturlebens zur Nahrung des Geistes. Nicht jetzt noch würde ich jene Sonnenstrahlen mit dem Auge der Erinnerung auffangen, nicht mich der Wolkenzüge als erhabener Begebnisse erinnern, die Blumen der verschwundenen Frühlinge würden mir nicht heute noch mit ihren Farben und Formen zulächeln, und die reifen Früchte, denen ich liebkoste, eh' ich sie genoß, würden mich nicht nach verschwundenen Jahren, wie aus den Träumen seliger Genüsse, mahnen an die heimliche Lust. – Sie lachten mich an, diese runden Äpfel, die gestreiften Birnen und die schwarzen Kirschen, die ich mir aus den höchsten Zweigen erkletterte. O keine Erinnerung brennt mehr in meinem Herzen auf meinen Lippen, die dieser den Rang abliefe; nicht Du, nicht andre haben für die süße Kost der Kirsche, auf höchstem Gipfel im brennenden Sonnenlicht gereift, oder der waldeinsamen Erdbeere, unter betautem Gras aufgefunden, mich nur einmal entschädigt. Darum, weil er denn in den Geist so tief eingegraben ist, der Genuß kindlicher Jugend, so tief wie die Flammenschrift der Leidenschaft, so ist er wohl auch eine göttliche Offenbarung, und er bedingt viel in der Brust, in der er haftet.

Gedanken sind auch Pflanzen, sie schweben im geistigen Äther, die Empfindung ist ihre Muttererde, in der sie ihre Wurzeln ausdehnen und nähren; der Geist ist ihre Luft, in dem sie ihre Blüten ausbreiten und ihren Duft; der Geist, in dem viele Gedanken ihre Blüten treiben, der ist ein gewürziger Geist, in seiner Nähe atmen wir seine Verklärung. Die ganze Natur ist aber ein Spiegel von dem, was im Geistesleben vorgeht. Keinem Sommervogel hab' ich umsonst nachgejagt, mein Geist empfing dadurch die Befähigung, einem verborgenen idealischen Reiz nachzujagen; und hab' ich das klopfende Herz in die hohen Kräuter der blühenden Erde gedrückt: ich lag am Busen einer göttlichen Natur, die meiner Inbrunst, meiner Sehnsucht kühlenden Balsam zuträufelte, der alles Begehren in geistiges Schauen umwandelte. –

Die wandelnden Herden in der Abenddämmerung mit ihrem Geläut, die ich oben von der Mauer herab mit stillem Entzücken betrachtete, die Schalmei des Schäfers, der in Mondnächten seine Schafe von Triften zu Triften leitete, das Bellen des Hundes in der Ferne, die jagenden Wolken, die aufseufzenden Abendwinde, das Rauschen des Flusses, das sanfte Anklatschen der Wellen am steinigen Ufer, das Einschlafen der Pflanzen, ihr Einsaugen des Morgenlichtes, das Kämpfen und Spielen der Nebel, – o sag', welcher Geist hat mir das geistig noch einmal geboten? – Du? – Hast Du Dich so traulich an mich geschmiegt wie die Abendschatten? Hat Deine Stimme wehmütig freundlich in mich eingedrungen wie jene ferne Rohrpfeife? Hat der Hund mir angeschlagen, es nahe sich einer auf heimlicher Fährte, dem mein Herz entgegenschlägt? Und habe ich nach glücklichen Stunden wie jene schlaftrunkne Natur mit dem Bewußtsein befriedigter Sehnsucht, mich der Ruhe hingegeben? Nein! Nur in dem Spiegel der Natur hab' ich's erfahren und die Bilder einer höheren Welterscheinung gesehen. So nimm denn jene Mitteilungen als Ereignisse hohen Genusses und reizender Liebesbegebenheiten auf; was hab' ich alles durch sie ahnen und begreifen gelernt! Und was können wir mehr vom Leben fordern, was kann es Besseres in uns vorbereiten als die Befähigung zur Seligkeit! Wenn also Sinne und Geist so bewegt war durch das Regen in der Natur, wenn die Begierde gespannt war durch ihr Schmachten, wenn ihr Dursten, ihr Trinken, ihr Brennen und Verzehren, ihr Erzeugen und Ausbrüten das Herz durchströmte, sag', was hätte ich da nicht erfahren im Liebesglück; und welche Blume würde mir im Paradies nicht duften und welche Frucht mir nicht reifen?

Darum nimm sie auf, diese Hieroglyphen höherer Seligkeit, wie sie mein Gedächtnis nacheinander aufzeichnet. O sieh doch, das Buch der Erinnerung blättert sich ja grade in Deiner Gegenwart an diesen merkwürdigen Stellen auf; Du! – Du wirst mir vielleicht im Paradiese die Äpfel vom unverbotenen Baum pflücken; an Deiner Brust werde ich dort aufwachen, und die Melodien einer beseligenden Schöpfung werden meine Lust in Deinen Busen hauchen.

*

Eins bewahr' im Herzen: daß Du mir den reinsten Eindruck von Schönheit gemacht hast, dem ich unmittelbar gehuldigt habe, und daß nichts dem Ursprünglichen in Deiner Natur Eintrag tun könne, und daß meine Liebe innig mit diesem einverstanden ist.

*

Nur so weit geht die Höhe der Seligkeit, als sie begriffen wird; was der Geist nicht umfaßt, das macht ihn nicht glücklich, vergebens würden Cherubim und Seraphim ihn auf ihren Schwingen höher tragen; er vermochte nie sich da zu erhalten.

*

Ahnungen sind Regungen, die Flügel des Geistes höher zu heben; Sehnsucht ist ein Beweis, daß der Geist eine höhere Seligkeit sucht; Geist ist nicht allein Fassungsgabe, sondern auch Gefühl und Instinkt des Höheren, aus dem er seine Erscheinung, den Gedanken entwickelt; der Gedanke aber ist nicht das Wesentliche, wir könnten seiner entbehren, wenn er nicht für die Seele der Spiegel wär', in dem sie ihre Geistigkeit erkennt.

*

Der verschloßne Same und die Blüte, die aus ihm erwächst, sind einander nicht vergleichbar, und doch ist sein erstes Keimen die Ahnung dieser Blüte, und so wächst und gedeiht er fort mit gesteigerter Zuversicht, bis Blüte und Frucht seinen ersten Instinkt bewährt, der, wenn er verloren gehen könnte, keine Blüten und Früchte tragen würde.

*

Und wenn ich's auch ins Buch schreibe, daß ich heute traurig bin, kann mich's trösten? Wie öde sind diese Zeilen! Ach, sie bezeichnen die Zeit des Verlassenseins. Verlassen! War ich denn je vereint mit dem, was ich liebte? War ich verstanden? – Ach, warum will ich verstanden sein? – Alles ist Geheimnis, die ganze Natur, ihr Zauber, die Liebe, ihre Beseligung, wie ihre Schmerzen. Die Sonne scheint, treibt Blüte und Frucht, aber ihr folgen die Schatten und die winterliche Zeit. – Sind denn die Bäume auch so trostlos, so verzweiflungsvoll in ihrem Winter wie das Herz in seiner Verlassenheit? – Sehnen sich die Pflanzen? Ringen sie nach dem Blühen, wie mein Herz heute ringt, daß es lieben will, daß es empfunden sein will? – Du mich empfinden? – Wer bist Du, daß ich's von Dir verlangen muß? – Ach! – Die ganze Welt ist tot; in jedem Busen ist's öde! gäb's ein Herz, einen Geist, der mir erwachte! –

*

Komm! Laß uns noch einmal die hängenden Gärten, in denen meine Kindheit einheimisch war, durchlaufen; laß Dich durch die langen Laubgänge geleiten zu dem Glockenturm, wo ich mit leichter Mühe das Seil in Schwung brachte, um zu Tisch oder zu Gebet zu rufen; und abends um sieben Uhr läutete ich dreimal das Angelus, um die Schutzengel zur Nachtwache bei den Schlafenden zu rufen. O, damals schnitt mir das Abendrot ins Herz und das schweigende Gold, in das sich die Wolken senkten; o, ich weiß es noch wie heute, daß es mir weh tat, wenn ich so einsam durch das schlafende Blumenfeld ging, und weiter, weiter Himmel um mich, der in beschwingter Eile seine Wolken zusammentrieb, wie eine Herde, die er weiterfahren wollte, der rotes, blaues und gelbes Gewand entfaltete, und dann wieder andre Farben, bis die Schatten ihn übermannten. Da stand ich und sah die verspäteten Vögel mit rascher Eile nach ihrem Nest fliegen; und dachte, wenn doch einer in meine Hand flög', und ich fühlte sein klein Herzchen pochen, ich wollte zufrieden sein; ja, ich glaubte, ein Vögelchen nur, das mir zahm wär', könnte mich glücklich machen. Aber es flog kein Vogel in meine Hand, ein jeder hatte schon anders gewählt, und ich war nicht verstanden mit meiner Sehnsucht. Ich glaubte doch damals, die ganze Natur bestehe bloß aus dem Begriff aufgeregter Gefühle, davon komme das Blühen aller Blumen, und dadurch schmelze sich das Licht in alle Farben, und darum hauche der Abendwind so leise Schauer übers Herz, und deswegen spiegle sich der Himmel, umgrenzt vom Ufer, in den Wellen. Ich sah das Leben der Natur und glaubte, ein Geist, der der Wehmut, die meine Brust erfüllte, sei dies Leben selbst; es seien seine Regungen, seine Gedanken, die dies Tag- und Nachwandeln der Natur bilde; ja und ich junges Kind fühlte, daß ich einschmelzen müsse in diesen Geist, und daß es allein Seligkeit sei, in ihm aufzuzugehen; ich rang, ohne zu wissen, was Tod sei, dahin, aufgelöst zu sein; ich war unersättlich, die Nachtluft mit vollen Zügen einzuatmen, ich streckte die Hände in die Luft, und das flatternde Gewand, die fliegenden Haare bewiesen mir die Gegenwart des liebenden Naturgeistes; ich ließ mich küssen von der Sonne mit verschlossenen Augen, und dann öffnete ich sie, und mein Blick hielt es aus; ich dachte: läßt du dich küssen von ihr, und solltest nicht vertragen können, sie anzusehen?

Von dem Kirchgarten führte eine hohe Treppe, über die das Wasser schäumend hinabstürzte, zum zweiten Garten, der rund war, mit regelmäßigen Blumenstücken ein großes Bassin umgab, in dem das Wasser sprang; hohe Pyramiden von Taxus umgaben das Bassin, sie waren mit purpurroten Beeren übersäet, deren jede ein kristallhelles Harztröpfchen ausschwitzte; ich weiß noch alles, und dies besonders war meine Lieblingsfreude, die ersten Strahlen der Morgensonne in diesen Harzdiamanten sich spiegeln zu sehen.

Das Wasser lief aus dem Bassin unter der Erde bis zum Ende des runden Gartens und stürzte von da wieder eine hohe Treppe hinab in den dritten Garten, der den runden Garten ganz umzog und grade so tief lag, daß die Wipfel seiner Bäume wie ein Meer den runden Garten umwogten. Es war so schön, wenn sie blühten, oder auch wenn die Äpfel und die Kirschen reiften und die vollen Äste herüberstreckten. Oft lag ich unter den Bäumen in der heißen Mittagssonne, und in der lautlosen Natur, wo sich kein Hälmchen regte, fiel die reife Frucht neben mir nieder ins hohe Gras; ich dachte: »Dich wird auch keiner finden!« Da streckte ich die Hand aus nach dem goldnen Apfel und berührte ihn mit meinen Lippen, damit er doch nicht gar umsonst gewesen sein solle.

*

Nicht wahr, die Gärten waren schön! – Zauberisch! Da unten sammelte sich das Wasser in einem steinernen Brunnen, der von hohen Tannen umgeben war; dann lief es noch mehrere Terrassen hinab, immer in steinerne Becken gesammelt, wo es denn unter der Erde bis zur Mauer kam, die den tiefsten alle andere Gärten umgebenden einschloß, und von da sich ins Tal ergoß, denn auch dieser letzte Garten lag noch auf einer ziemlichen Höhe; da floß es in einem Bach weiter, ich weiß nicht wohin. So sah ich denn von oben hinab seinem Stürzen, seinem Sprudeln, seinem ruhigen Lauf zu; ich sah, wie es sich sammelte und kunstreich emporsprang und in feinen Strahlen umherspielte; es verbarg sich, es kam aber wieder und eilte wieder eine hohe Treppe hinab; ich eilte ihm nach, ich fand es im klaren Brunnen von dunklen Tannen umgeben, in denen die Nachtigallen hausten; da war es so traulich, da spielte ich mit bloßen Füßen in dem kühlen Wasser. – Und dann lief's weiter verborgen, und wie es sich außerhalb der Mauer hinabstürzte, das sah ich mit an und konnte es nicht weiter verfolgen, ich mußte es halt dahinlaufen lassen. – Ach, es kam ja Welle auf Welle nach, es strömte unaufhaltsam die Treppe hinab; der Wasserstrahl im Springbrunnen spielte Tag und Nacht und versiegte nimmer, aber da, wo es mir entlief, da grade sehnte sich mein Herz nach ihm, und da konnte ich nicht mit; und wenn ich nun Freiheit gehabt hätte und wäre mitgezogen durch alle Wiesen, durch alle Täler, durch die Wüste! – Wo der Bach mich am End' hingeführt haben möchte!

Ja Herr, ich sehe Dich brausen und strömen, ich seh' Dich kunstreich spielen, ich sehe Dich ruhig dahin wandeln, Tag für Tag und plötzlich Deine Bahn lenken hinaus aus dem Reich des Vertrauens, wo ein liebendes Herz seine Heimat wähnte, unbekümmert, daß es verwaist bleibe.

So hat denn der Bach, an dessen Ufern ich meine Kindheit verspielte, mir in seinen kristallnen Wellen das Bild meines Geschickes gemalt, und damals hab' ich's schon betrauert, daß die mir sich nicht verwandt fühlten.

O komm nur und spiel' meine Kindertage noch einmal mit mir durch, Du bist mir's schuldig, daß Du meine Seufzer in Deine Melodien verhallen läßt, solange ich nicht weiter gehe, als meine kindliche Sehnsucht am Bach; die es auch geschehen lassen mußte, daß er sich losriß und sich energische Bahn brach in die Fremde. – In der Fremde, wo es gewiß war, daß mein Bild sich nicht mehr in ihm spiegelte.

*

Heute haben wir grünen Donnerstag, da hab' ich kleiner Tempeldiener viel zu tun; alle Blumen, die das frühe Jahr uns gönnt, werden abgemäht, Schneeglöckchen, Krokus, Maßlieb und das ganze Feld voll Hyazinthen schmücken den weißen Altar, und dann bring' ich die Chorhemdchen und zwölf Kinder mit aufgelösten Haaren werden damit bekleidet; sie stellen die Apostel vor. Nachdem wir mit brennenden, blumengeschmückten Kerzen den Altar umwandelt haben, lassen wir uns im Halbkreis nieder, und die alte Äbtissin mit ihrem hohen Stab von Silber, umwallt vom Schleier und langem, schleppendem Chormantel, kniet vor uns, um uns die Füße zu waschen, eine Nonne hält das silberne Becken und gießt das Wasser ein, die andre reicht die Linnen zum Abtrocknen; indessen läutet es mit allen Glocken, die Orgel ertönt, zwei Nonnen spielen die Violine, eine den Baß, zwei blasen die Posaune, eine wirbelt auf den Pauken, alle übrigen stimmen mit hohen Tönen die Litanei an: »Sankt Petrus, wir grüßen dich – du bist der Fels, auf den die Kirche baut.« Dann geht es zum Paulus, und so die Reihe durch werden alle Apostel begrüßt, bis alle Füße gewaschen sind. – Nun siehst Du, das ist ein Tag, auf den wir uns schon ein Vierteljahr lang halb selig gefreut haben. Die ganze Kirche war voll Menschen, sie drängten sich um unsere Prozession und weinten Tränen der Rührung über die lachenden, unschuldigen Apostel.

Von nun an ist der Garten wieder offen, der den Winter über unzugänglich war; jedes läuft an sein Blumengärtchen, da hat der Rosmarin gut überwintert, die Nelkenpflänzchen werden unter dem dürren Laub hervorgescharrt, und so manches junge Keimchen meldet den vergeßnen vorjährigen Blumenflor. Erdbeeren werden verpflanzt und die blühenden Veilchen sorgfältig herausgehoben und in Scherben versetzt; ich trage sie an mein Bett und lege den Kopf dicht an sie heran, damit ich ihren Duft die ganze Nacht ein- und ausatme.

*

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