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Goethes Briefwechsel mit einem Kinde

Bettina von Arnim: Goethes Briefwechsel mit einem Kinde - Kapitel 42
Quellenangabe
typeletter
booktitleGoethes Briefwechsel mit einem Kinde
authorBettine von Arnim
year1984
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32467-4
titleGoethes Briefwechsel mit einem Kinde
pages5
created20000619
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1835
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Goethes Briefwechsel mit einem Kinde

*

Seinem Denkmal

*

Dritter Teil
Tagebuch

Buch der Liebe

In dieses Buch möcht' ich gern schreiben von dem geheimnisvollen Denken einsamer Stunden der Nacht, von dem Reifen des Geistes an der Liebe wie an der Mittagssonne.

Die Wahrheit will ich suchen, und fordern will ich von ihr die Gegenwart des Geliebten, von dem ich wähnen könnte, er sei fern.

Die Liebe ist ein inniges Ineinandersein; ich bin nicht von Dir getrennt, wenn es wahr ist, daß ich liebe.

Diese Wellen, die mich längs dem Ufer begleiten, die reifende Fülle der Gelände, die sich im Fluß spiegelt, der junge Tag, die flüchtenden Nebel, die fernen Gipfel, die die Morgensonne entzündet, das alles seh' ich an, und wie die Biene den Honig sammelt aus frischen Blüten, so saugt mein Blick aus allem die Liebe und trägt sie heim und bewahrt sie im Herzen wie die Biene den Honig in der Zelle.

So dacht' ich am heutigen Morgen, da ich am Rhein hinfuhr und durch dies aufgeregte Leben der Natur mich drängte, fort, dem stillen einsamen Abend entgegen, weil es da ist, als sage mir eine Stimme, der Geliebte ist da; – und weil ich da die Erinnerungen des Tages wie Blumen vor ihm ausstreuen und weil ich da mich an die Erde legen kann und sie küssen Dir zu Lieb', diese schöne Erde, die den Geliebten trägt, daß ich mich hinfinden kann zu ihm.

*

Schwalbach, auf der Mooshütte.

Namen nennen Dich nicht!

Ich schweige und nenne Dich nicht, ob's auch süß wär', Dich bei Namen zu rufen.

O Freund! schlanker Mann! weicher hingegoßner Geberde, Schweigsamer! – Wie soll ich Dich umschreiben, daß mir Dein Name ersetzt sei? – Beim Namen rufen ist ein Zaubermittel, den Entfernten zur Erinnerung aufzuregen; hier auf der Höhe, wo die waldigen Schluchten siebenfaches Echo zurückgeben, wage ich nicht Deinen Namen preiszugeben; ich will nicht hören eine Stimme, die eben so heiß, so eindringend Dir ruft.

O Du! Du selbst! – Ich will Dir's nicht sagen, daß Du es selbst bist; drum will ich dem Buch Deinen Namen nicht vertrauen, wie ich dem Echo ihn nicht vertraue.

Ach, Deinen Namen berühre ich nicht! So ganz entblößt von irdischem Besitztum nenne ich Dich mein.

*

Ems.

Nicht schlafen gehen, ohne mit Dir zu sprechen – so müde wie ich auch bin! Die Augenlider sinken und trennen mich von Dir; mich trennen nicht die Berge und die Flüsse und nicht die Zeiten und nicht Deine eigne Kälte, und daß Du nichts weißt von mir, wie ich Dich liebe. – Und mich trennt der Schlaf? – Warum denn trennen? Ich wühle mich in Deinen Busen, diese Liebesflammen umzingeln Dein Herz, und so schlafe ich ein.

*

Nein, ich will Dich nicht nennen, Du, dem ich rufe: gib mir Gehör! Du hörst Dich ja gern beschwatzen – so hör' auch mir zu; nicht wie jene, die von Dir, über Dich schwätzen; zu Dir, in Deinem Anschauen sammeln sich meine Gedanken; wie der Quell, der das Gestein spaltet und niederrauscht durchs Schattental, Blume um Blume anhaucht; so hauch' ich Dich an, süßer Freund!

Er murmelt nur, der Bach; er plätschert, er lispelt, wenige Melodien wechseln seinen Lauf; aber vernimm's mit freundlichem Ohr, da wirst Du jauchzen hören, klagen, bitten und trotzen, und noch wirst Du hören und empfinden, Geheimnisse, feierliche, leuchtende, die nur der versteht, der die Liebe hat.

*

Ich bin nicht mehr müde, ich will nicht mehr schlafen, der Mond ist aufgegangen mir gegenüber, Wolken jagen und decken ihn, immer wieder leuchtet er mich an.

Ich denke mir Dein Haus, die Treppe, daß die im Schatten liege, und daß ich an dieser Treppe sitze, und jenseits die Ebene vom Mond beleuchtet. Ich denke, daß die Zeiten jagen, eilen und mannigfach sich gestalten wie jene Wolken, daß der Mensch an der Zeit hängt und glaubt, mit ihr eile alles vorüber, und das reine Licht, das durch die Zeiten bricht, wie der Mond durch die fliehenden Wolken, das anerkennt er nicht. –

O ja doch! – Erkenne meine Liebe und denke, daß, da die Zeit vorübereilt, sie doch das eine hat, daß im flüchtigen Moment sich eine Ewigkeit erfassen lasse.

*

Schon lange ist Mitternacht vorüber, da lag ich im Fenster bis jetzt, und da ich mich umsehe, ist das Licht tief herabgebrannt.

Wo war ich so tief in Gedanken, – ich hab' gedacht, Du schläfst, und hab' über den Fluß gesehen, wo die Leute Feuer angezündet haben bei ihrem Linnen, das auf der Bleiche liegt, und hab' ihren Liedern zugehört, die sie singen, um wach zu bleiben; – ich wache auch und denke an Dich, es ist ein groß Geheimnis der Liebe, dies immerwährende Umfassen Deiner Seele mit meinem Geist, und es mag wohl manches daraus entstehen, was keiner ahnt.

Ja, Du schläfst! Träumst Du? Und ist es Dir wahr, was Du träumst? – Wie mir, wo ich zu Deinen Füßen sitze und sie im Schoß halte, und der Traum mir selbst die Zügel hält, daß ich nichts denke als nur dies, daß ich in Deiner Nähe bin?

*

Liebster! Gestern war ich tief bewegt und war sehnsüchtig, weil man viel über Dich gesprochen hat, was nicht wahr ist, da ich Dich besser kenne. Durch das Gewebe Deiner Tage zieht sich ein Faden, der sie mit dem Überirdischen verbindet. Nicht durch jedes Dasein schlingt sich ein solcher Faden, und jedes Dasein zerfällt ohne diesen.

Daß Dein Dasein nicht zerfalle, sondern daß alles ewige Wirklichkeit sei, das ist, wonach ich verlange; Du, der Du schön bist, und dessen Gebärden gleichfalls schön sind, weil sie Geist ausdrücken: Schönheit begreifen, heißt das nicht Dich lieben? Und hat die Liebe nicht die Sehnsucht, daß Du ewig sein mögest? Was kann ich vor Dir, als nur Dein geistig Bild in mich aufnehmen! – Ja sieh, das ist mein Tagwerk, und was ich anders noch beginne – es muß alles vor Dir weichen. Dir im Verborgnen dienen in meinem Denken, in meinem Treiben, Dir leben, mitten im Gewühl der Menschen oder in der Einsamkeit Dir gleich nahe stehen; eine heilige Richtung zu Dir haben, ungestört, ob Du mich aufnimmst oder verleugnest.

Die ganze Natur ist nur Symbol des Geistes; sie ist heilig, weil sie ihn ausspricht; der Mensch lernt durch sie den eignen Geist kennen, daß der auch der Liebe bedarf; daß er sich ansaugen will an den Geist, wie seine Lippe an den Mund des Geliebten. Wenn ich Dich auch hätte, und ich hätte Deinen Geist nicht, daß der mich empfände, gewiß das würde mich nie zu dem ersehnten Ziel meines Verlangens bringen.

Wie weit geht Liebe? Sie entfaltet ihre Fahnen, sie erobert ihre Reiche im Freudejauchzen, im Siegestoben eilt sie ihrem ewigen Erzeuger zu. – So weit geht Liebe, daß sie eingeht, von wo sie ausgegangen ist.

Und wo zwei ineinander übergehen, da hebt sich die Grenze des Endlichen zwischen ihnen auf. Aber soll ich klagen, wenn Du nicht wieder liebst? – Ist dies Feuer nicht in mir und wärmt mich? – Und ist sie nicht allumfassende Seligkeit, diese innere Glut? –

Und Wald, Gebirg und Strand am Fluß, sonnebeglänzt, lächeln mir entgegen, weil mein Herz, weil mein Geist ewigen Frühling ihnen entgegenhaucht.

*

Ich will dich nicht verscherzen, schöne Nacht, wie gestern; ich will schlafen gehen in deinen Schoß; du wiegst mich dem Morgenlicht entgegen, und die frischgeweckten Blumen pflücke ich dann mir zur Erinnerung an die Träume der Nacht. So sind freundliche Küsse, wie diese halberschloßnen Rosen, so – leises Flüstern wie der Blütenregen, so wanken die Gedanken wie die bewegten Blumen im Gras; so träufelt Zähre auf Zähre, die das Auge füllen mit Übermaß vom Glück, wie die Regentropfen von den Ästen niederperlen, und so schlägt das sehnende Herz, wie die Nachtigall schlägt, vom Morgenrot begeistert; sie jubelt, weil sie liebt, sie seufzt aus Liebe, sie klagt um Liebe; drum süße Nacht: schlafen! Dem Morgenrot entgegen schlafen, das mir bringt die süßen Früchte all, die der Liebe reifen.

*

Freund! Sie ist nicht erfunden diese innere Welt, sie beruht auf Wissen und Geheimnis, sie beruht auf höherem Glauben; die Liebe ist der Weltgeist dieses Inneren, sie ist die Seele der Natur.

Gedanken sind in der geistigen Welt, was Empfindung in der sinnlichen Welt ist; es ist Sinnenlust meines Geistes, der mich an Dich fesselt, daß ich an Dich denke; es bewegt mich tief, daß Du bist, in diese sinnliche Welt geboren bist. Daß Deine sinnliche Erscheinung Zeugnis gibt von der Ahnung, von der Offenbarung, die ich von Dir habe.

Liebe ist Erkenntnis; ich kann Dich nur genießen im Denken, das Dich verstehen, empfinden lernt; wenn ich Dich aber einmal ganz verstehe, gehörst Du dann mein? – Kannst Du irgendwem gehören, der Dich nicht verstände? Ist Verstehen nicht süßes, sinnliches Übergehen in den Geliebten? – Eine einzige Grenze ist, sie trennt das Endliche vom Unendlichen; Verstehn hebt die Grenze auf; zwei, die einander verstehen, sind ineinander unendlich; – Verstehen ist lieben; was wir nicht lieben, das verstehen wir nicht; was wir nicht verstehen, ist nicht für uns da.

Da ich Dich aber haben möchte, so denke ich an Dich, weil Denken Dich verstehen lernt.

*

Wenn ich nicht ganz bin, wie Du mich lieben müßtest, so ist mein Bewußtsein von Dir vernichtet. Das aber fördert mich, bringt mich Dir näher, wenn auch mein sinnliches Handeln, mein äußeres Leben sich im Rhythmus der Liebe bewegt; wenn nichts Einfluß auf mich hat als das Gefühl, daß ich Dein gehöre, durch eignen freien Willen Dir gewidmet bin.

Ich hab' Dich nicht in diesem äußeren Leben; andere rühmen sich Deiner Treue, Deines Vertrauens, Deiner Hingebung; ergehen sich mit Dir im Labyrinth Deiner Brust; die Deines Besitzes gewiß sind, die Deiner Lust genügen.

Ich bin nichts, ich habe nichts, dessen Du begehrst; kein Morgen weckt Dich, um nach mir zu fragen; kein Abend leitet Dich heim zu mir; Du bist nicht bei mir daheim.

Aber Vertrauen und Hingebung hab' ich in dieser Innenwelt zu Dir; alle wunderbaren Wege meines Geistes führen zu Dir; ja sie sind durch Deine Vermittlung gebahnt.

*

Am frühsten Morgen auf dem Johannisberg. Das Sonnenlicht stiehlt sich durch diese Büsche in meinen Schoß und spielt unter dem Schatten der bewegten Blätter. Warum kam ich denn heute schon vor Tag hier herauf? Hier, wo die Ferne sich vor mir auftürmt und ins Unendliche verliert.

Ja, so geht es weiter und immer weiter; die Länder steigen hintereinander am Horizont auf, und wir glauben auf Bergeshöhen am Himmelsrand zu steigen; da breiten sich fruchtbeladne Tale vor uns aus, von dunklen Hügelwänden umschlossen, und die Lämmer weiden hier wie dort.

Und wie die Berge hintereinander aufsteigen, so die Tage, und keiner ist der letzte vor dem, der eine Ewigkeit entfaltet.

Wo ist der Tag, die Stunde, die mich aufnimmt, wie ich Dich, spielender Sonnenschein? – Wiedersehn, nimm mich auf! – Du! auf meines Lebens Höhen gelagert, von himmelreinen Lüften umwebt, nimm mich auf in Deinen Schoß; laß den Strahl der Liebe, der aus meinem Aug' hervorbricht, in Deinem Busen spielen, wie dieser Morgensonnenstrahl in meinem Aug'.

*

Gestern hab' ich mich gesehnt; ich dachte jeden Augenblick, er sei mir verloren, weil ich Dich nicht hatte.

Dich haben einen Augenblick, wie selig könnte mich das machen.

Wie reich bist Du, da Du so beseligen kannst, Ewigkeiten hindurch mit jedem Augenblick!

Gestern war es früher Morgen, da ich Dir schrieb; ich hatte Buch und Schreibzeug mit und ging noch vor Tag das Tal entlang, das von beiden Seiten eng in Bergwände eingelagert ist; da rieseln die Bäche nieder ins sanfte Gras und lallen wie Wiegenliedchen. Was sollt' ich machen? Es war mir im Herzen, auf der Lippe und im tränenschwellenden Auge; ich mußte Dir's klagen, ich mußte Dir's wehmütig vorhalten, daß ich Dich nicht habe, und da war die Sonne so freundlich; da rauschte es, da bewegte sich's hinter mir; – war es ein Wild? War's ein Anklang aus der Ferne? Ich stieg rasch aufwärts, ich wollte Dich ereilen, und auf der Höhe da öffnete sich dem Blick die weite Ferne; die Nebel teilten sich, es war mir, als trätest Du meinen Bitten entgegen geheimnisvoll, schautest mich an und nähmst mich auf an Deinem mir unerforschten Busen.

Jeder ewige Trieb, er erwirbt und erreicht, er ist außer der Zeit. – Was hab' ich zu fürchten? Diese Sehnsucht, ist sie vergänglich, so wirst Du mit ihr verschwinden; ist sie es nicht, so wird sie erreichen, wonach sie strebt, und schon jetzt hab' ich ihr eine Innenwelt, mannigfaltig und eigentümlich, zu verdanken; Wahrnehmungen und Gedanken nähren mich, und ich fühle mich in einem innig lebendigen Einverständnis mit Deinem Geist.

Die Natur ist kindlich, sie will verstanden sein, und das ist ihre Weisheit, daß sie solche Bilder malt, die der Spiegel unserer inneren Welt sind, und wer sie anschaut, in ihre Tiefen eingeht, dem wird sie die Fragen innerer Rätsel lösen; wer sich ihr anschmiegt, der wird sich in ihr verstanden fühlen; sie sagt jedem die Wahrheit, dem Verzweifelnden wie dem Glücklichen. Sie beleuchtet die Seele und bietet ihren Reichtum dem Bedürftigen; sie reizt die Sinne und entzückt den Geist durch übereinstimmende Bedeutung.

Ich glaube auch von Dir, daß Du dies manchmal empfunden hast, wenn Du allein durch Wälder und Täler streifst; oder wenn Du vom Schattenlager die weite Ebene am Mittag überschaust, dann glaub' ich, daß Du die Sprache der Stille in der Natur verstehst; ich glaub', daß sie mit Dir Gedanken wechselt, daß Du in ihr Deine höhere Natur gespiegelt empfindest, und wenn auch schmerzlich oft durch sie erschüttert, so glaub' ich doch nicht, daß Du Dich vor ihr fürchtest wie andere Menschen.

Solang' wir Kinder sind im Gemüt, solang' übt die Natur Mutterpflege an uns; sie flößt Nahrung ein, von der der Geist wächst, dann entfaltet sie sich zum Genius; sie fordert auf zum Höchsten, zum Selbstverständnis, sie will Einsicht in die inneren Tiefen; und welcher Zwiespalt auch in diesem sein möchte, welcher Vernichtung auch preisgegeben, – das Vertrauen in die höhere Natur, als in unseren Genius, wird die ursprüngliche Schönheit wieder herstellen. Das sag' ich heute vorm Schlafengehen zu Dir; zu Dir spreche ich hier, getrennt durch Länder und Flüsse, getrennt, weil Du meiner nicht denkst; und jeder, der es wüßte, der würde es Wahnwitz nennen; und ich rede zu Dir aus meiner tiefsten Seele, und ob Du schon mit Deinen Sinnen mich nicht wahrnimmst, so dringt mein Geist darauf, Dir alles zu sagen, hier aus der Ferne rede ich mit Dir, und mein ganzes sinnliches Leben ist mir nichts gegen diese Geistersprache. Du bist inmitten meines Innern, es ist nicht mehr eins, es ist zu zweien in mir geworden.

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