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Goethes Briefwechsel mit einem Kinde

Bettina von Arnim: Goethes Briefwechsel mit einem Kinde - Kapitel 41
Quellenangabe
typeletter
booktitleGoethes Briefwechsel mit einem Kinde
authorBettine von Arnim
year1984
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32467-4
titleGoethes Briefwechsel mit einem Kinde
pages5
created20000619
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1835
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An Goethe.

Weimar, den 29. Oktober 1821.

Mit Dir hab' ich zu sprechen! – Nicht mit dem, der mich von sich gestoßen, der Tränen nicht geachtet und karg keinen Fluch wie keinen Segen zu spenden hat, vor dem weichen die Gedanken zurück. Mit Dir Genius! Hüter und Entzünder! Der mit gewaltigen Schwingen oft die Flamme aus der versunknen Asche wieder emporwehte, mit Dir, der es mit heimlichem Entzücken genoß, wenn der jugendliche Quell brausend, empörend über Gefels sich den Weg suchte zur ruhigen Bucht zu Deinen Füßen, da es mir genügte, Deine Knie zu umfassen.

Aug' in Aug'! Einzig Leben! Keine Begeistrung, die über Dich geht! – Die Seligkeit, gesehen zu sein und Dich zu sehen!

Ob ich Dich liebte? – Das fragst Du? – Macht Ihr es aus über unsern Häuptern, Ihr Schwingenbegabte. – Glaub' an mich! – Glaub' an einen heißen Trieb, – Lebenstrieb will ich ihn nennen, – so sing' ich Deinem träumenden Busen vor. – Du träumst, Du schläfst! Und ich träume mit.

Ja, die damalige Zeit ist jetzt ein Traum, der Blitz der Begeistrung hatte schnell Dein irdisch Gewand verzehrt, und ich sah Dich, wie Du bist, ein Sohn der Schönheit, jetzt ist's ein Traum.

Ich hatte mich selbst, ein ernstes stilles schauerliches Geheimnis Dir opfernd zu Füßen zu legen, still und tief verborgen wie der unreife Same in seiner Hülle. An Dir, an Deiner vergehenden Liebe sollte er reifen; jeden unwillkürlichen Fehl, jede Sünde wollt' ich eingestehn, ich wollte sie wegsaugen aus Deinen Augen mit meinem tränenbeladenen Blick, mit meinem Lächeln; aus Deinem Bewußtsein mit der Glut meines Herzens, die Du nicht zum zweitenmal findest, – aber dies alles ist nun ein Traum.

Zehn Jahre der Einsamkeit haben sich über meinem Herzen aufgebaut, haben mich getrennt von dem Quell, aus dem ich Leben schöpfte, keiner Worte hab' ich mich seitdem wieder bedient, alles war versunken, was ich gefühlt und geahnt hatte. Mein letzter Gedanke war: »Es wird wieder eine Zeit kommen, in der ich sein werde, denn für diesmal haben sie meine Sinne begraben und mein Herz verhüllt.«

Diese zukünftige Zeit, o Freund! schwebt über mir hin gleich den Winden der Wüste, die so manches Dasein mit leichtem Flugsand verscharren, und es wird mich keine Stimme wieder erwecken, außer der Deinen, – und das bleibt wohl auch nur ein Traum? –

Damals betete ich oft um das einzige, daß ich Deinen letzten Atemzug küssen dürfe, denn ich wollte gern Deine auffliegende Seele mit meinen Lippen berühren; ja Goethe! – Zeiten, die ihr vorüber seid, wendet euch am fernen Horizont noch einmal nach mir her, ihr tragt das Bild meiner Jugendzeit in dichte Schleier gehüllt.

Nein! Du kannst doch nicht sein, was Du jetzt bist: hart und kalt wie Stein! – Sei es immer für diese Welt, für diese verrinnende Zeiten, aber dort, wo die Gewölke sich in triumphierenden Fahnen aufrollen, unter denen Deine Lieder zu dem Thron aufsteigen, wo Du ihr Schöpfer, und Schöpfer Deiner Welt, ruhest, nachdem Du das Werk Deiner Tage geschaffen, zum Leben geschaffen; da laß mich mit Dir sein um meiner Liebe willen, die mir von geschäftigen Geistern jener höheren Welt zugetragen ward, wie der Honig dem wilden Fruchtbaum in den hohlen Stamm von tausend geschäftigen Bienen eingeimpft wird, der dann, ob auch nicht aus sich selber, dennoch einen köstlicheren Schatz in sich bewahrt als der Baum, der edle Früchte trägt. Ja, laß das wilde Reis seine Wurzeln mit den Deinen verstricken, verzehre es, wenn Du es nicht dulden magst.

Jawohl! Ich bin zu heftig, siehe da, der Damm ist verschüttet, welchen Gewohnheit baut, und Ungewohntes überströmt Herz und Papier. Ja, ungewohnte Tränen, ihr überströmt mein Gesicht, das heute die Sonne sucht und vor Tränen nicht sieht, und auch nicht, weil sie mir heute nicht scheinen will.

*

Den 23. November.

Alle Blumen, die noch im Garten stehen, einsammeln, Rosen und frische Trauben noch in der späten Jahreszeit zusammenbringen, ist kein unsittlich Geschäft und verdient nicht den Zorn dessen, dem sie angeboten sind. Warum soll ich mich fürchten vor Dir? – Daß Du mich zurückgestoßen hast mit der Hand, die ich küssen wollte, das ist schon lange her, und heut' bist Du anders gesinnt. – Dem Becher, aus dem Du heute getrunken, sei dieser Strauß in den Kelch gepflanzt, er übernachte diese letzte Blumen, er sei ein Grab diesen Blumen, morgen wirf den Strauß weg und fülle den Becher nach Gewohnheit. – So hast Du mir's auch gemacht, Du hast mich weggeworfen aus dem Gefäß, das Du an die Lippen zu setzen gewohnt bist.

*

Den 24.

Eine Zeitlang flattert die Seele am Boden, aber bald schwebt sie aufwärts in den kühlenden Äther. Schönheit ist Äther! – Sie kühlt, – nicht entflammt. – Die Schönheit erkennen, das ist die wahre Handlung der Liebe. Liebe ist kein Irrtum, aber ach! der Wahn, der sie verfolgt. – Du siehst, ich will einen Eingang suchen mit Dir zu sprechen, aber wenn ich auch auf Kothurnen schreite, – der Leib ist zu schwach, den Geist zu tragen, – beladne Äste schleifen die Früchte am Boden. Ach! Bald werden diese Träume ausgeflammt haben.

*

Den 29. Juni 1822.

Du siehst an diesem Papier, daß es schon alt ist, und daß ich's schon lang mit mir herumtrage, ich schrieb's im vorigen Jahr gleich, nachdem ich Dich verlassen hatte. Es war mir plötzlich, als wollen alle Gedanken mit mir zusammenbrechen, ich mußte aufhören zu schreiben; doch ruft von Zeit zu Zeit eine Stimme, daß ich Dir noch alles sagen soll. Ich geh' aufs Land, da will ich womöglich den Blick über dies Erdenleben hinaustragen, ich will ihn in Nebel hüllen, daß er nichts gewahr werde außer Dir. – Außer der Sonne, die den Tautropfen in sich fasset, soll er nichts fassen. Jede Blüte, die sich dem Lichte öffnet, fasset einen Tautropfen, der das Bild der wärmenden belebenden Kraft aufnimmt; aber Stamm und Wurzel sind belastet mit der finsteren, festen Erde; und wenn die Blüte keine Wurzel hätte, so hätte sie wohl Flügel. –

Heute ist so warm, heute sei ergeben in die Gedanken, die Dir dies Papier bringt. Zeit und Raum laß weichen zwischen unsern Herzen, und wenn's so ist, dann hab' ich keine Bitte mehr, denn da muß das Herz verstummen.

Bettine.

 

Von Goethes Hand auf diesen Brief geschrieben: »Empfangen den 4. Juli 1822.«


An Goethe.

Schon oft hab' ich mich im Geist vorbereitet, Dir zu schreiben, aber Gedanken und Empfindungen, wie die Sprache sie nicht ausdrücken kann, erfüllen die Seele, und sie vermag nicht, ihr Schweigen zu brechen.

So ist denn die Wahrheit eine Muse, die das Kunstgebilde ihrer Melodien zwar in dem, den sie durchschreitet, harmonisch begründet, nicht aber sie erklingen läßt. – Wenn alles irdische Bedürfnis schweigt, alles irdische Wissen verstummt, dann erst hebt sie ihrer Gesänge Schwingen. – Liebe! Trieb aller Begeistrung, erneut das Herz, macht die Seele kindlich und unbefleckt. Wie oft mein Herz unter der Schlummerdecke des Erdenlebens erwacht, begabt mit dieser mystischen Kraft, sich zu offenbaren; der Welt war ich erstorben, die Seele ein Mitlauter der Liebe, und daher mein Denken, mein Fühlen, ein Aufruf an Dich: Komm! Sei bei mir! Finde mich in diesem Dunkel! – Es ist mein Atem, der um Deine Lippen spielt, der Deine Brust anfliegt; – so dachte ich aus der Ferne zu Dir, und meine Briefe trugen Dir diese Melodien zu; es war mein einzig Begehren, daß Du meiner gedenken mögest, und so wie in Gedanken ich immer zu Deinen Füßen lag, Deine Knie umfassend, so wollte ich, daß Deine Hand segnend auf mir ruhe. Dies waren die Grundakkorde meines Geistes, die in Dir ihre Auflösung suchten. – Da war ich, was allein Seligkeit ist: ein Element von Gewalten höherer Natur durchdrungen, meine Füße gingen nicht, sie schwebten der Zukunftsfülle entgegen über die irdischen Pfade hinaus; meine Augen sahen nicht, sie erschufen die Bilder meiner seligsten Genüsse; und was meine Ohren von Dir vernahmen, das war Keim des ewigen Lebens, der vom Herzen aus mit fruchtender Wärme gehegt ward. Sieh, ich durcheile mit diesen Erinnerungen die Vergangenheit. Zurück! Von Klippe zu Klippe abwärts, ins Tal einsamer Jugend; hier Dich findend, das bewegte Herz an Deiner Brust beschwichtigend, fühl' ich mich zu dieser Begeistrung aufgeregt, mit der der Geist des Himmels in menschlicher Empfindung sich offenbart.

Dich auszusprechen wär' wohl das kräftigste Insiegel meiner Liebe, ja es bewiese als ein Erzeugnis göttlicher Natur meine Verwandtschaft mit Dir. Es wär' ein gelöstes Rätsel, gleich dem lange verschloßnen Bergstrom, der endlich zum Lichte sich drängt, den ungeheuren Sturz mit wollüstiger Begeistrung erleidend, in einem Lebensmoment, durch welchen, nach welchem ein höheres Dasein beginnt. – Du Vernichter, der Du den freien Willen von mir genommen, Du Erzeuger, der Du die Empfindung des Erwachens in mich geboren; mit tausend elektrischen Funken aus dem Reiche heiliger Natur mich durchzuckt. Durch Dich hab' ich das Gewinde der jungen Rebe lieben lernen, auf ihre bereiften Früchte fielen meiner Sehnsucht Tränen. Das junge Gras hab' ich um Deinetwillen geküßt, die off'ne Brust um Deinetwillen dem Tau geboten, um Deinetwillen hab' ich gelauscht, wenn der Schmetterling und die Biene mich umschwärmten. Denn Dich wollte ich empfinden in dem heiligsten Kreis Deiner Genüsse. O Du, im Verborgnen mit der Geliebten spielend! Mußte ich, die das Geheimnis erlauscht hatte, nicht liebetrunken werden?

Ahnest Du die Schauer, die mich durchbebten, wenn die Bäume ihren Duft und ihre Blüten auf mich schüttelten? Da ich dachte, empfand und fest glaubte, es sei Dein Kosen mit der Natur, Dein Genießen ihrer Schönheit, ihr Schmachten, ihr Hingeben an Dich, die diese Blüten von den bewegten Zweigen löse und sie leise niederwirble in meinen Schoß. O ihr Spiegelnächte des Mondes! Wie hat an euerm Himmelsbogen mein Geist sich ausgedehnt! Da entnahm der Traum das irdische Bewußtsein, und wieder erwachend war die Welt mir fremd. Im Herannahen der Gewitter ahnete ich den Freund. Das Herz empfand ihn, der Atem strömte ihm zu, freudig löste sich das gebundne Leben unter dem Kreuzen der Blitze und dem Rollen der Donner.

Die Gabe des Eros ist die einzige genialische Berührung, die den Genius weckt; aber die andern, die den Genius in sich entbehren, nennen sie Wahnsinn. Die Begabten aber entschwingen sich mit dem fern hintreffenden Pfeil dem Bogen des Gottes, und ihre Lust und ihre Liebe hat ihr Ziel erreicht, wenn sie mit solchem göttlichen Pfeil zu den Füßen des Geliebten niedersinkt. – Es halte einen solchen Pfeil heilig und bewahre ihn im Busen als ein Kleinod, wer zu seinen Füßen ihn findet, denn er ist ein Doppelgeschenk des Eros, da ein Leben, im Schwung solchen Pfeiles, ihm geweihet verglüht. Und nun sage ich auch Dir: achte mich als ein solches Geschenk, das Deiner Schönheit ein Gott geweihet habe, denn mein Leben ist für Dich einem höheren versöhnt, dem irdischen verglüht; und was ich Dir in diesem Leben noch sage, ist nur das Zeugnis, was der zu Deinen Füßen erstreckte Pfeil Dir gibt.

Was im Paradiese erquickender, der Himmelsbeseligung entsprechender sei: Ob Freunde wieder finden und umgebende Fülle seliger Geister, oder allein die Ruhe genießen, in welcher der Geist sich sammelt, in stiller Betrachtung schwebend über dem, was Liebe in ihm erzeugt habe, das ist mir keine Frage; denn ich eile unzerstreut an den einsamsten Ort, und dort das Antlitz in die betenden Hände verbergend, küsse ich die Erscheinung dessen, was mein Herz bewegt.

Ein König wandelte durch die Reihen des Volkes, und wie Ebbe und Flut es erheischen, so trug die Woge der Gemeinheit ihn höher, aber ein Kind, vom Strahl seiner Augen entzündet, ergriff den Saum seines Gewandes und begleitete ihn bis zu den Stufen des Thrones, dort aber drängte das berauschte Volk den unschuldigen, ungenannten, unberatnen Knaben zurück hinter der Philister aufgepflanzte Fahnenreihe. Jetzt harret er auf die einsame Stätte des Grabes, da wird er die Mauern um den Opferaltar hochbauen, daß kein Wind die Flamme verlösche, während sie, der Asche des Geliebten zu Ehren, die dargebrachten Blumen in Asche verwandelt. Aber Natur! Bist du es, die den Aufgelösten verbirgt? – Nein! nein! Denn die Töne, die der Leier entschweben, sind dem Lichte erzeugt und der Erde entnommen, und wie das Lied, entschwebt auch der geliebte Geist in die Freiheit höherer Regionen, und je unermeßlicher die Höhe, je endloser die Tiefe dessen, der liebend zurückbleibt, wenn nicht der befreite Geist ihn erkennt, ihn berührt, ihn weihet im Entfliehen.

Und so mir, o Goethe, wird die Verzweiflung den Busen durchschneiden, wenn, am einsamsten Orte verweilend, ich dem Genuß Deiner Betrachtung mich weihe, und die Natur um mich her wird ein Kerker, der mich allein umschließt, wenn Du ihm entschwebt bist, ohne daß Dein Geist, der Inhalt meiner Liebe mich berührt habe. O tue dem nicht also, sei nicht meiner Begeistrung früher erstorben, lasse das Geheimnis der Liebe noch einmal zwischen uns erblühen; ein ewiger Trieb ist außer den Grenzen der irdischen Zeit, und so ist meine Empfindung zu Dir ein Urquell der Jugend, der da erbrauset in seiner Kraft und sich fortreißt mit erneuten Lebensgluten bis an das Ende.

Und so ist es Mitternacht geworden bei dem Schreiben und Bedenken dieser letzten Zeilen, sie nennen es die Silvesternacht, in der die Menschen einen Augenblick das Fortrücken der Zeit wahrnehmen. Nun bei dieser Erschütterung, die dem Horn des Nachtwächters ein grüßendes Zeichen entlockt, beschwöre ich Dich: denke von diesen geschriebenen Blättern, daß sie wie alle Wahrheit wiederkehren aus vergangner Zeit. Es liegt hier nicht ein bloßes Erinnern, sondern eine innige Verbindung mit jener Zeit zum Grund. Wie der Zauberstab, der sich aus dem Strahl liebender Augen bildet und den Geliebten aus der Ferne berührt, so bricht sich der Lichtstrahl jener frühen Zeit an meiner Erinnerung und wird zum Zauberstab an meinem Geist. Eine Empfindung unmittelbarer Gewißheit, meines eigensten wahrhaftesten Lebens Ansicht, ist für mich diese Berührung aus der Vergangenheit; und während Schicksal und Welt nur wie Phantome im Hintergrund nie wahrhaften Einfluß auf mich hatten, so hat der Glaube, als sei ich Dir näher verwandt, als habe Dein Sehen, Dein Hören, Dein Fühlen einen Augenblick meinem Einfluß sich ergeben, allein mir zur Versicherung meiner selbst verholfen. Der Weg zu Dir ist die Erinnerung, durch sie wirke ich an einer Gemeinschaft mit Dir, sie ist mir Erscheinung und Gegenerscheinung; Geistergespräch, Mitteilung und Zuneigung, und was mir damals ein Rätsel war, daß ich bei zärtlichem Gespräch mehr den Bewegungen Deiner Züge lauschte, als Deinen Worten, daß ich Deine Pulsschläge, Dein Herzklopfen zählte, die Schwere und Tiefe Deines Atems berechnete, die Linien an den Falten Deiner Kleider betrachtete, ja den Schatten, den Deine Gestalt warf, mit Geisterliebe in mich einsog, das ist mir jetzt kein Rätsel mehr, sondern Offenbarung, durch die mir Deine Erscheinung um so fühlbarer wird und auch mein Herz bei der Erinnerung zum Klopfen und den Atem zum Seufzen bewegt.

Sieh! An den Stufen der Verklärung, wo sich alle willkürliche Tätigkeit des Geistes niederbeugen läßt von irdischer Schwere, keine Liebe, keine Bewunderung ihre Flügel versucht, um die Nebel zu durchdringen, in die der Scheidende sich einhüllt, und die zwischen hier und jenseits aufsteigen, bin ich in liebender Ahnung Dir schon vorangeeilt, und während Freunde, Kinder und Schützlinge, und das Volk, das Dich seinen Dichter nennt, die Seele zum Abschied bereitend, Dir in feierlichem Zug langsam nachschreitet, schreite, fliege, jauchze ich bewillkommend Dir entgegen, die Seele in den Duft der Wolken tauchend, die Deine Füße tragen, aufgelöst in die Atmosphäre Deiner Beseligung; ob wir uns in diesem Augenblick verstehen, mein Freund! Der noch den irdischen Leib trägt, dieser Leib, der seinen Geist, ein Urquell der Grazie, ausströmte über mich, mich heiligte, verwandelte, der mich anbeten lehrte die Schönheit im Gefühl, der diese Schönheit als einen schützenden Mantel über mich ausbreitete und mein Leben unter dieser Verhüllung in einen heiligen Geheimniszustand erhob, ob wir uns verstehen, will ich nicht fragen in diesem Augenblick tiefster Rührung. Sei bewegt, wie ich es bin; laß mich erst ausweinen, Deine Füße in meinen Schoß verbergend, dann ziehe mich herauf ans Herz, gib Deinem Arm noch einmal die Freiheit, mich zu umfassen, lege die segnende Hand auf das Haupt, das sich Dir geweihet hat, überströme mich mit Deinem Blick, nein, mehr, verdunkle, verberge Deinen Blick in meinem, und es wird mir nicht fehlen, daß Deine Lippen die Seele auf den meinen als Dein Eigentum besiegeln. Dies ist, was ich diesseits von Dir verlange.

Im Schoße der Mitternacht, umlagert von den Prospekten meiner Jugend; das hingebendste Bekenntnis aller Sünden, deren Du mich zeihen willst im Hinterhalt, den Himmel der Versöhnung im Vordergrund, ergreife ich den Becher mit dem Nachttrunke und leere ihn auf Dein Wohl, indem ich bei dem dunkeln Erglühen des Weines auf kristallnem Rande der herrlichen Wölbung Deiner Augen gedenke.

*

Am 1. Januar.

Der herrlichen Wölbung Deiner Augen gedenkend auch heute am ersten Tag des Jahres, da ich so unwissend bin wie am ersten Tag meines Lebens, denn nichts hab' ich gelernt, und keine Künste hab' ich versucht, und keiner Weisheit bin ich mir bewußt; allein der Tag, an dem ich Dich gesehen habe, hat mich verständigt mit dem, was Schönheit ist. Nichts spricht überzeugender von Gott, als wenn er selbst aus der Schönheit spricht, so ist denn selig, wer da siehet, denn er glaubt; seit diesem Tag hab' ich nichts gelernt, wo ich nicht durch Erleuchtung belehrt wurde. Der Erwerb des Wissens und der Künste schien mir tot und nicht zu beneiden, Tugend, die nicht die höchste Wollust ist, währt nur kurz und mühselig, bald glaubt der Strebende sie zu erfassen, bald eilt er der Fliehenden nach, bald ist sie ihm entschwunden, und er ist's zufrieden, da er der Mühe überhoben wird, sie zu erwerben. So seh' ich denn auch die Künstler vergnügt mit der Geschicklichkeit, während der Genius entfliehet, sie messen einander und finden das Maß ihrer eignen Größe immer am höchsten und ahnen nicht, daß eine ungemeßne Begeistrung zum kleinsten Maßstab des Genies gehört. – Dies alles hab' ich bei Gelegenheit, da Deine Statue von Marmor soll verfertigt werden, recht sehr empfunden, die bedächtige vorsichtige Logik eines Bildhauers läßt keiner Begeistrung die Vorhand, er bildet einen toten Körper, der nicht einmal durch die rechtskräftige Macht des erfinderischen Geistes sanktioniert wird. Der erfundne Goethe konnte nur so dargestellt werden, daß er zugleich einen Adam, einen Abraham, einen Moses, einen Rechtsgelehrten oder auch einen Dichter bezeichnet; keine Individualität.

Indessen wuchs mir die Sehnsucht, auch einmal nach dem heiligen Ideal meiner Begeistrung Dich auszusprechen; beifolgende Zeichnung gebe Dir einen Beweis von dem, was Inspiration vermag ohne Übung der Kunst, denn ich habe nie gezeichnet oder gemalt, sondern nur immer den Künstlern zugesehen und mich gewundert über ihre beharrliche Ausdauer in der Beschränkung, indem sie nur das achten, was einmal Sprachgebrauch in der Kunst geworden, und wohl das bekannte gedankenlose Wort achten, nie aber den Gedanken, der erst das Wort heiligen soll. Kein herkömmlicher Prozeß kann den Geist und den Propheten und den Gott in einem ewigen Frieden in dem Kunstwerk vereinen. Der Goethe, wie ich ihn hier mit zitternder Hand, aber mit feuriger mutiger Anschauung gezeichnet habe, weicht schon vom graden Weg der Bildhauer ab, denn er senkt sich unmerklich nach jener Seite, wo die im Augenblick der Begeistrung vernachlässigte Lorbeerkrone in der losen Hand ruht. Die Seele von höherer Macht beherrscht, die Muse in Liebesergüssen beschwörend, während die kindliche Psyche das Geheimnis seiner Seele durch die Leier ausspricht, ihr Füßchen findet keinen andern Platz, sie muß sich auf dem Deinen den höheren Standpunkt erklettern; die Brust bietet sich den Strahlen der Sonne, den Arm, dem der Kranz anvertraut ist, haben wir mit der Unterlage des Mantels weich gebettet. Der Geist steigt im Flammenhaar über dem Haupt empor, umringt von einer Inschrift, die Du verstehen wirst, wenn Du mich nicht mißverstehst; sie ist auf die verschiedenste Art ausgelegt worden und immer so, daß es Deinem Verhältnis zum Publikum entsprach, ich habe einesteils damit ausdrücken wollen: »Alles, was ihr mit euren leiblichen Augen nicht mehr erkennt, ist über das Irdische hinaus dem Himmlischen zuteil geworden«, ich habe noch was anders sagen wollen, was Du auch empfinden wirst, was sich nicht aussprechen läßt; kurz, diese Inschrift liegt mir wie Honig im Munde, so süß finde ich sie, so meiner Liebe ganz entsprechend. – Die kleinen Genien in den Nischen am Rande des Sessels, die aber mehr wie kleine ungeschickte Bengel geraten sind, haben ein jeder ein Geschäft für Dich, sie keltern Dir den Wein, sie zünden Dir Feuer an und bereiten das Opfer, sie gießen Öl auf die Lampe bei Deinem Nachtwachen, und der hinter Deinem Haupt lehrt auf der Schalmei die jungen Nachtigallen im Neste besser singen. Mignon an Deiner rechten Seite im Augenblick, wo sie entsagt (ach und ich mit ihr für diese Welt, mit so tausend Tränen so tausendmal dies Lied aussprechend und die immer wieder aufs neue erregte Seele wehmütig beschwichtigend), dies erlaube, daß ich dieser meiner Liebe zur Apotheose den Platz gegeben; jenseits, die meinen Namen trägt im Augenblick, wo sie sich überwerfen will, nicht gut geraten, ich hab' sie noch einmal gezeichnet, wo sie auf dem Köpfchen steht, da ist sie gut gelungen. Konntest Du diesseits so fromm sein, so dürftest Du jenseits wohl so naiv sein, es gehört zusammen. Unten am Sockel hab' ich, ein Frankfurter Kind wie Du, meiner guten Stadt Frankfurt Ehre erzeugt: an beiden Seiten des Sockels, die Du nicht siehst, sollen Deine Werke eingegraben werden, von leichtem, erhabnem Lorbeergesträuch überwachsen, der sich hinter den Pilastern hervordrängt und den Frankfurter Adler an der Vorderseite reichlich umgibt und krönt; hinten können die Namen und Wappen derjenigen eingegraben werden, die dieses Monument verfertigen lassen. Dies Monument, so wie ich's mir in einer schlaflosen Nacht erdacht habe, hat den Vorteil, daß es Dich darstellt und keinen andern, daß es in sich fertig ist, ohne Nebenwerke Deine Weihe aussprechend, daß es die Liebe der Frankfurter Bürger ausspricht und auch das, was ihnen durch Dich zuteil geworden; und dann liegt noch das Geheimnis der Verklärung, die Deine sinnliche, wie Deine geistige Natur, Dein ganzes Leben lang vor aller Gemeinheit bewahrt hat, darin. Gezeichnet mag es schlecht sein, und wie könnte es auch anders, da ich Dir nochmals versichern kann, daß ich nie gezeichnet habe, um so überzeugter wirst Du von der Wahrhaftigkeit meiner Inspiration sein, die es gewaltsam im Zornesfeuer gegen den Mangel an Beschaulichkeit in dem Künstler, der dies der Welt heilige Werk vollenden soll, hervorgebracht hat. Wenn überlegt würde, wie bedeutend die Vergangenheit die Zukunft durchstrahlen soll in einem solchen Monument, wie die Jugend einst, die Dich nicht selbst gesehen, mit feurigem Auge an diesem nachgebildeten Antlitz hängen wird, so würden die Künstler wohl den heiligen Geist auffordern, ihnen beizustehen, statt auf ihrem akademischen Eigensinn mit eitler Arroganz loszuhämmern. Ich zum wenigsten rufe den heiligen Geist an, daß er Zeugnis gebe, daß er mir hier beigestanden, und daß er Dir eingebe, es mit vorurteilslosem Blick, wo nicht von Güte gegen mich übervorteilt, zu beschauen. Ich habe eine Durchzeichnung an Bethmann geschickt, auf dessen Bitte ich es gewagt habe, die Erfindung, die ich bei seinem Hiersein gemacht, zu zeichnen. Ist es nicht zu viel gefordert, wenn ich Dich bitte, mir den Empfang des Bildes mit wenigen Worten anzuzeigen?

Am 11. Januar 1824. Bettine.
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