Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Bettina von Arnim >

Goethes Briefwechsel mit einem Kinde

Bettina von Arnim: Goethes Briefwechsel mit einem Kinde - Kapitel 40
Quellenangabe
typeletter
booktitleGoethes Briefwechsel mit einem Kinde
authorBettine von Arnim
year1984
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32467-4
titleGoethes Briefwechsel mit einem Kinde
pages5
created20000619
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1835
Schließen

Navigation:


An Goethe.

Was mich so lange gefangen hielt, war die Musik, ungeschnittne Federn, schlechtes Papier, dicke Tinte, es treffen immer viel Umstände zusammen.

Am 4. Dezember war kalt und schauerlich Wetter, es wechselte ab im Schneien, Regnen und Eisen – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – was hab' ich nun besseres zu tun, als Dein Herz warmzuhalten, die Unterweste hab' ich so schmeichelnd warm gemacht als mir nur möglich. Denk' an mich.

Ich habe des Fürsten Radziwill seine Musik aus dem »Faust« gehört, das Lied vom Schäfer ist so einzig lebendig darstellend, kurz, alle löbliche Eigenschaften besitzend, daß es gewiß nimmermehr so trefflich kann komponiert werden. Das Chor: »Drinnen sitzt einer gefangen«, es geht einem durch Mark und Bein. Das Chor der Geister, wo Faust einschlummert, herrlich! Man hört den Polen durch, ein Deutscher hätt' es nicht so angefangen, um so reizender. Es muß so leicht vorgetragen werden wie fliegende Spinnweb' in den Sommerabenden.

Zelter ist manchmal bei uns, ich suche herauszubringen, was er ist. Ungeschliffen ist er zwar, recht und unrecht hat er auch, Dich liebzuhaben behauptet er auch, er möchte der Welt dienen und führt Klage, daß sie sich's nicht will gefallen lassen, und daß er alle Weisheit für sich behalten muß. Einen Standpunkt hat er sich erwählt, von dem aus er sie von oben herab beschaut. Und der Welt ist's einerlei, daß er mit den Krähen auf der Zinne sitzt und sie sich auf ihren Gemeinplätzen tummeln sieht. An der Liedertafel ist er Cäsar und freut sich seiner Siege, in der Singakademie ist er Napoleon und jagt durch sein Machtwort alles in Schrecken, und seine Truppen gehen mit Zuversicht durch dick und dünn; zum Glück ist gesungen nicht gehauen und gestochen. Seine Leibgarde, der Baß, hat den Katarrh. In der Welt, in der Gesellschaft und auf Reisen, da ist er Goethe, und zwar ein recht menschlicher, voll herablassender Güte, er wandelt, er steht, wirft ein kurzes Wort hin, nickt freundlich zu unbedeutenden Dingen, hält die Hände auf den Rücken, das macht sich alles; nur zuweilen speit er aus, und zwar herzhaft, das trifft nicht, da geht die ganze Illusion zum Teufel.

Die Verwirrung, die das Magische in jeder Kunst bei den Philistern veranlaßt, ist bei der Musik auf den höchsten Grad gestiegen; Zelter zum Beispiel läßt nichts die Maut passieren, was er nicht schon versteht, und eigentlich ist das doch nur Musik, was grade da beginnt, wo der Verstand nicht mehr ausreicht, und die ewig vernichtenden Quergeister, die es so gut meinen, wenn sie zuvörderst das Verständliche in der Kunst fordern: daß die nicht begreifen, daß sie das höchste Element einer göttlichen Sprache herabwürdigen, wenn sie es nur mit dem ausfüllen, was sie verstehen, indem sie ja doch nur das Gemeine verstehen und daß sie höhere Offenbarung nie erfahren, wenn sie ewig gescheiter sein wollen, wie ihre Botschafter, die Phantasie und die Begeistrung. Obschon in der Musik die Zauberformeln ewig lebendig sind, so spricht sie der Philister, vor Schreck sie nicht zu verstehen, oft nur halb, oft rückwärts aus, und nun stehen die sonst so beweglichen, blitzenden, naßkalt, langwierig, beschwerlich und freilich unverständlich im Weg.

Dagegen ist der Begeisterte ein anderer: mit heimlicher Zuversicht lauscht er und wird eine Welt gewahr, sie läßt sich nicht definieren, sie kann dem Gemüt wohl ihre Wirkung, aber nicht ihren Ursprung mitteilen, daher die plötzliche reife Erscheinung des Genies, das lang in ungebundner Selbstbeschauung zerstreut war, nun, in sich selbst erhöht, hervorbricht ans Tageslicht, unbekümmert, ob die Ungeweihten es verstehen, da es mit Gott spricht (Beethoven). So steht's mit der Musik, das Genie kann nicht offenbar werden, weil die Philister nichts anerkennen, als was sie verstehen. – Wenn ich mir da meinen Beethoven denke, der, den eignen Geist fühlend, freudig ausruft: »Ich bin elektrischer Natur, und darum mache ich so herrliche Musik!«

Viele Sinne zu einer Erscheinung des Geistes. Stetes lebhaftes Wirken des Geistes auf die Sinne (Menschen), ohne welche kein Geist, keine Musik.

Wollust, ins Vergangene zu schauen wie durch Kristall, Einsicht der Beherrschung, der Tragung, der Erregung des Geistes; – nimmermehr in der Musik, was verklungen ist, hatte seinen eignen Tempel. Der ist mit ihm versunken, Musik kann nur ewig neu erstehen.

Sonderbares Schicksal der Musiksprache, nicht verstanden zu werden. Daher immer die Wut gegen das, was noch nicht gehört war, daher der Ausdruck: »Unerhört.« Dem Genie in der Musik steht der Gelehrte in der Musik allemal als ein Holzbock gegenüber (Zelter muß vermeiden, dem Beethoven gegenüberzustehen), das Bekannte verträgt er, nicht weil er es begreift, sondern weil er es gewohnt ist wie der Esel den täglichen Weg. Was kann einer noch, wenn er auch alles wollte, solang er nicht mit dem Genius sein eignes Leben führt, da er nicht Rechenschaft zu geben hat und die Gelehrsamkeit ihm nicht hineinpfuschen darf. Die Gelehrsamkeit versteht ja doch nur höchstens, was schon da war, aber nicht, was da kommen soll, er kann die Geister nicht lösen vom Buchstaben, vom Gesetz. Jede Kunst steht eigenmächtig da, den Tod zu verdrängen, den Menschen in den Himmel zu führen; aber wo sie die Philister bewachen und als Meister lossprechen, da steht sie mit geschornem Haupt, beschämt, was freier Wille, freies Leben sein soll, ist Uhrwerk. Und da mag nun einer zuhören, glauben und hoffen, es wird doch nichts draus. Nur durch Wege konnte man dazu gelangen, die dem Philister verschüttet sind, Gebet, Verschwiegenheit des Herzens im stillen Vertrauen auf die ewige Weisheit, auch in dem Unbegreiflichen. – Da stehen wir an den unübersteiglichen Bergen, und doch: da oben nur lernt man die Wollust des Atmens verstehen.

Der Frau das kleine Andenken mit meinem Glückwunsch zum neuen Jahr. Dem Hrn. R. die ungemachte Weste, seine Vollkommenheit hat mich in Töplitz zu sehr geblendet, als daß ich mir das rechte Maß hätte denken können, die Vorstecknadeln seien hier zu geschmacklos, als daß ich ihm eine hätte schicken mögen, aber lauter und lauter Vergißmeinnicht in der Weste! – Er mag nicht wenig stolz darauf sein. Sollte sein Geschmack noch nicht soweit gebildet sein, dies schön zu finden, so soll er nur auf mein Wort glauben, daß ihn alle Menschen darum beneiden werden; noch muß ich erinnern, daß sie als Unterweste getragen wird. Nun, er wird mir gewiß schreiben und wird sich bedanken. – Und Du? – hm.

Du Einziger, der mir den Tod bitter macht! –

Bettine.

 

Grüß doch die Frau recht herzlich von mir, – es ist ihr doch niemand so von Herzen gut wie ich.

Adieu Magnetberg. – Wollt' ich auch da- und dorthin die Fahrt lenken, an Dir würden alle Schiffe scheitern.

Adieu einzig Erbteil meiner Mutter.

Adieu Brunnen, aus dem ich trinke.


An Bettine.

Du erscheinst von Zeit zu Zeit, liebe Bettine, als ein wohltätiger Genius, bald persönlich, bald mit guten Gaben. Auch diesmal hast Du viel Freude angerichtet, wofür Dir der schönste Dank von allen abgetragen wird – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –

Daß Du mit Zeltern manchmal zusammen bist, ist mir lieb, ich hoffe immer noch, Du wirst Dich noch besser in ihn finden, es könnte mir viel Freude machen. Du bist vielseitig genug, aber auch manchmal ein recht beschränkter Eigensinn, und besonders, was die Musik betrifft, hast Du wunderliche Grillen in Deinem Köpfchen erstarren lassen, die mir insofern lieb sind, weil sie Dein gehören, deswegen ich Dich auch keineswegs deshalb meistern noch quälen will; im Gegenteil, wenn ich Dir ein unverhohlnes Bekenntnis machen soll; so wünsch' ich Deine Gedanken über Kunst überhaupt wie über die Musik mir zugewendet. In einsamen Stunden kannst Du nichts Bessers tun als Deinem lieben Eigensinn nachhängen und ihn mir trauen, ich will Dir auch nicht verhehlen, daß Deine Ansichten trotz allem Absonderlichen einen gewissen Anklang in mir haben, und so manches, was ich in früherer Zeit wohl auch in feinem Herzen getragen, wieder anregen, was mir denn in diesem Augenblick sehr zustatten kommt; bei Dir wäre sehr zu wünschen, was die Weltweisen als die wesentlichste Bedingung der Unsterblichkeit fordern, daß nämlich der ganze Mensch aus sich heraustreten müsse ans Licht. Ich muß Dir doch auf's dringendste anempfehlen, diesen weisen Rat so viel wie möglich nachzukommen, denn obschon ich nicht glaube, daß hierdurch alles Unverstandne und Rätselhafte genügend gelöst würde, so wären doch wohl die erfreulichsten Resultate davon zu erwarten.

Von den guten Musiksachen, die ich Dir verdanke, ist schon gar manches einstudiert und wird oft wiederholt. Überhaupt geht unsre kleine musikalische Anstalt diesen Winter recht ruhig und ordentlich fort.

Von mir kann ich Dir wenig sagen, als daß ich mich wohl befinde, welches denn auch sehr gut ist. Für lauter Äußerlichkeiten hat sich von innen nichts entwickeln können. Ich denke, das Frühjahr und einige Einsamkeit wird das Beste tun. Ich danke Dir zum schönsten für das Evangelium juventutis, wovon Du mir einige Perikopen gesendet hast. Fahre fort von Zeit zu Zeit, wie es Dir der Geist eingibt.

Und nun lebe wohl und habe nochmals Dank für die warme Glanzweste. Meine Frau grüßt und dankt zum schönsten. Riemer hat wohl schon selbst geschrieben. Jena, wo ich mich vierzehn Tage hinbegeben.

Den 11. Januar 1811. G.


An Goethe.

Also ist mein lieber Freund allein! – Das freut mich, daß Du allein bist, denke meiner! – Lege die Hand an die Stirne und denke meiner, daß ich auch allein bin. In beiliegenden Blättern der Beweis, daß meine Einsamkeit mit Dir erfüllt ist, ja, wie sollte ich anders zu solchen Anschauungen kommen, als indem ich mich in Deine Gegenwart denke.

Ich habe eine kalte Nacht verwacht, um meinen Gedanken nachzugehen, weil Du so freundlich alles zu wissen verlangst, ich hab' doch nicht alles aufschreiben können weil diese Gedanken zu flüchtig sind. Ach ja, Goethe, wenn ich alles aufschreiben wollte, wie wunderlich würde das sein. Nimm vorlieb, ergänze Dir alles in meinem Sinn, in dem Du ja doch zu Hause bist. Du und kein andrer hat mich je gemahnt, Dir meine Seele mitzuteilen, und ich möchte Dir nichts vorenthalten, darum möcht' ich aus mir heraus ans Licht treten, weil Du allein mich erleuchtest.

Beiliegende Blätter geschrieben in der Montagnacht.

Über Kunst. Ich hab' sie nicht studiert, weiß nichts von ihrer Entstehung, ihrer Geschichte, ihrem Standpunkt. Wie sie einwirkt, wie die Menschen sie verstehen, das scheint mir unecht.

Die Kunst ist Heiligung der sinnlichen Natur, hiermit sag' ich alles, was ich von ihr weiß. Was geliebt wird, das soll der Liebe dienen, der Geist ist das geliebte Kind Gottes, Gott erwählt ihn zum Dienst der sinnlichen Natur, das ist die Kunst. Offenbarung des Geistes in den Sinnen ist die Kunst. Was Du fühlst, das wird Gedanke und was Du denkst, was Du zu erdenken strebst, das wird sinnliches Gefühl. Was die Menschen in der Kunst zusammentragen, was sie hervorbringen, wie sie sich durcharbeiten, was sie zu viel oder zu wenig tun, das möchte manchen Widerspruch erdulden, aber immer ist es ein Buchstabieren des göttlichen Es werde.

Was kann uns ergreifen an der Darstellung einer Gestalt, die sich nicht regt, die den Moment ihrer geistigen Tendenz nicht zu entwickeln vermag? – Was kann uns durchdringen in einer gemalten Luftschicht, in welcher die Ahnung des steigenden Lichts nie erfüllt wird? – Was bewegt uns zu heimatlichem Sehnen in der gemalten Hütte sogar? Was zu dem vertraulichen Hinneigen zum nachgeahmten Tiere? – Wenn es nicht eine Sanktion des keimenden Geistes der Erzeugung ist!

Ach, was fragst Du nach der Kunst, ich kann Dir nichts Genügendes sagen? Frage nach der Liebe, die ist meine Kunst, in ihr soll ich darstellen, in ihr soll ich mich fassen und heiligen.

Ich fürchte mich vor Dir, ich fürchte mich vor dem Geist, den Du in mir aufstehen heißest, weil ich ihn nicht aussprechen kann. Du sagst in Deinem Brief, der ganze Mensch müsse aus sich heraustreten ans Licht; nie hat dies einfache untrügliche Gebot mir früher eingeleuchtet, jetzt aber, wo Deine Weisheit mich ans Licht fordert, was hab' ich da aufzuweisen, als nur Verschuldungen gegen diesen inneren Menschen; siehe da! Er war mißhandelt und unterdrückt. – Ist aber dieses Hervortreten des innern Menschen ans Licht nicht die Kunst? – Dieser innere Mensch, der ans Licht begehrt, daß ihm Gottes Finger die Zunge löse, das Gehör entbinde, alle Sinne erwecke, daß er empfange und ausgebe! – Und ist hier die Liebe nicht allein Meisterin und wir ihre Schüler in jedem Werke, das wir durch ihre Inspiration vollbringen?

Kunstwerke sind zwar allein das, was wir Kunst nennen, durch was wir die Kunst zu erkennen und zu genießen glauben. Aber soweit die Erzeugung Gottes in Herz und Geist erhaben ist über die Begriffe und Mitteilungen, die wir uns von ihm machen, über die Gesetze, die von ihm unter uns im zeitlichen Leben gelten sollen, ebenso erhaben ist die Kunst über das, was die Menschen unter sich von ihr geltend machen. Wer sie zu verstehen wähnt, der wird nicht mehr leisten, als was der Verstand beherrscht. Wessen Sinne aber ihrem Geist unterworfen sind, der hat die Offenbarung.

Alles Erzeugnis der Kunst ist Symbol der Offenbarung, und da hat oft der auffassende Geist mehr teil an der Offenbarung als der erzeugende. Die Kunst ist Zeugnis, daß die Sprache einer höheren Welt deutlich in der unsern vernommen wird, und wenn wir sie auslegen zu wollen uns nicht vermessen, so wird sie selbst die Vorbereitung jenes höheren Geisteslebens in uns bewirken, von dem sie die Sprache ist. Es ist nicht nötig, daß wir sie verstehen, aber daß wir an sie glauben. Der Glaube ist der Same, durch den ihr Geist in uns aufgeht, so wie durch ihn alle Weisheit aufgeht, da er der Same ist einer unsterblichen Welt. Da das höchste Wunder wahr ist, so muß wohl alles, was dazwischen liegt, eine Annäherung zur Wahrheit sein, und nur der richtende Menschengeist führt in die Irre. Was kann und darf uns billiger Weise noch wundern als unsre eigne Kleinheit? – Alles ist Vater und Sohn und heiliger Geist; der irdischen Weisheit Grenze sind die sternebeschienenen Menschlein, die von ihrem Lichte fabeln. – Die Wärme Deines Blutes ist Weisheit, denn die Liebe gibt das Leben allein. Die Wärme Deines Geistes ist Weisheit, denn die Liebe belebt den Geist allein; wärme mein Herz durch Deinen Geist, den Du mir einhauchst, so hab' ich den Geist Gottes, der nur allein vermag's.

Diese kalte Nacht hab' ich zugebracht am Schreibtisch, um das Evangelium juventutis weiterzuführen, und habe viel gedacht, was ich nicht sagen kann.

Die Vorratskammer der Erfahrung hat Vorteile aufgespeichert, diese benützen zu können nach Bedürfnis, ist Meisterschaft; sie auf den Schüler überzutragen, ist Belehrung; hat der Schüler alles erfaßt und versteht er es anzuwenden, so wird er losgesprochen; dies ist die Schule, durch welche die Kunst sich fortpflanzt.

Ein so Losgesprochener ist einer, dem alle Irrwege zwar offen stehn, aber nicht der rechte. Aus der langgewohnten Herberge, in die die Lehre der Erfahrung ihn eingepfercht hatte, entlassen, ist die Wüste des Irrtums seine Welt, aus der er nicht herauszutreten vermag, jeder Weg, den er ergreift, ist ein einseitiger Pfad des Irrtums; des göttlichen Geistes bar, durch Vorurteile verleitet, sucht er seine Kunstgriffe in Anwendung zu bringen, hat er sie alle an seinem Gegenstand durchgesetzt, so hat er ein Kunstwerk hervorgebracht. Mehr hat noch nie das Bestreben eines durch die Kunstschule gebildeten Künstlers erworben. Wer je zu etwas gekommen ist in der Kunst, der hat seiner Kunstgriffe vergessen, dessen Fracht von Erfahrungen hat Schiffbruch gelitten, und die Verzweiflung hat ihn am rechten Ufer landen lassen. Was aus solcher gewaltsamen Epoche hervorgeht, ist zwar oft ergreifend, aber nicht überzeugend, weil der Maßstab des Urteils und des Begriffs immer nur jene Erfahrungen und Kunstgriffe sind, die nicht passen, wo das Erzeugnis nicht durch sie vermittelt ist; dann auch weil das Vorurteil der errungenen Meisterschaft nicht zuläßt, daß etwas sei, was nicht in ihm begriffen ist, und so die Ahnung einer höheren Welt ihm verschlossen bleibt. Die Erfindung dieser Meisterschaft wird gerechtfertigt durch den Grundsatz: »Es ist nichts neues, alles ist vor der Imagination erfunden.« Ihre Erzeugnisse teilen sich in den Mißbrauch des Erfundenen zu neuen Erfindungen, in das Scheinerfinden, wo das Kunstwerk nicht den Gedanken in sich trägt, sondern seine Entbehrung durch die Kunstgriffe und Erfahrung der Kunstschule vermittelt sind, und in die Erzeugungen, die so weit gehen, als dem Gedanken durch Bildung erlaubt ist, etwas zu fassen. Je klüger, je abwägender, je fehlerfreier, je sicherer, desto wohlverstandener, von und für die Menge, und dies nennen wir Kunstwerke.

Wenn wir eines Helden Standbild machen, wir kennen seine Lebensverhältnisse, verbinden diese mit der Genugtuung der Ehre auf eine gebildete Weise, ein jeder einzelne Teil enthält einen harmonischen Begriff seiner Individualität, das Ganze entspricht dem Maße der Erfahrung im Schönen, so sind wir hinlänglich befriedigt. – Dies ist aber nicht die Aufgabe des Kunstwerks, die durch das Genie gefördert wird; dies ist nicht befriedigend, sondern überwältigend, sie ist nicht der Repräsentant einer Erscheinung, sondern die Offenbarung des Genies selbst, in der Erscheinung. Ihr werdet nicht sagen: »Dies ist das Bild eines Mannes der ein Held war«, sondern: »Dies ist die Offenbarung des Heldentums, das sich in diesem Kunstwerk verkörperte.« Zu solcher Aufgabe gehört nicht Berechnung, sondern Leidenschaft, oder vielmehr Erleiden einer göttlichen Gewalt. Und welcher Künstler das Heldentum (ich nehme es als Repräsentant jeder Tugend, denn jede Tugend ist lediglich Sieg) so darstellt, daß es die Begeistrung, die seine Erscheinung ist, mitteilt: der ist dieser Tugend nicht allein fähig, sondern sie ist schon in ihm wiedergeboren. In der bildenden Kunst steht der Gegenstand fest wie der Glaube, der Geist des Menschen umwandelt ihn wie der Begriff; Erkenntnis im Glauben bildet das Kunstwerk, welches erleuchtet.

In der Musik ist die Erzeugung selbst ein Wandeln der göttlichen Erkenntnis, die in den Menschen hereinleuchtet ohne Gegenstand, und der Mensch selbst ist die Empfängnis. – In allem ist ein Verein der Liebe, ein Ineinanderfügen geistiger Kräfte.

Jede Erregung wird Sprache, Aufforderung an den Geist; – er antwortet: – und dies ist Erfindung. Dies also ist die geheime Grundlage der Erfindung: das Vermögen des Geistes, auf eine Frage zu antworten, die nicht einen bestimmten Gegenstand zur Aufgabe hat, sondern die vielleicht bewußtlose Tendenz der Erzeugung ist.

Alle Regungen geistiger Ereignisse des Lebens nach außen haben einen solchen tief verborgnen Grund; so wie der Lebensatem sich in die Brust senkt, um aufs neue Atem zu schöpfen, so senkt sich der erzeugende Geist in die Seele, um aufs neue in die höhere Region ewiger Schöpfungskraft aufzusteigen.

Die Seele atmet durch den Geist, der Geist atmet durch die Inspiration, und die ist das Atmen der Gottheit.

Das Aufatmen des göttlichen Geistes ist Schöpfen, Erzeugen; das Senken des göttlichen Atems ist Gebären und Ernähren des Geistes, so erzeugt, gebärt und ernährt sich das Göttliche im Geist; so, durch den Geist in der Seele, so durch die Seele in dem Leib. Der Leib ist die Kunst, – sie ist die sinnliche Natur, ins Leben des Geistes erzeugt.

In der Künstlersprache heißt es: Es kann nichts neues erfunden werden, alles ist schon vorher dagewesen; ja! Wir können auch nur im Menschen erfinden, außer ihm gibt es nichts, denn da ist der Geist nicht, denn Gott selbst hat keine andere Herberge als den Geist des Menschen. Der Erfinder ist die Liebe. Da nur das Umfassen der Liebe das Dasein gründet, so liegt außer diesem Umfassen kein Dasein, kein Erfundenes. – Das Erfinden ist nur ein Gewahrwerden, wie der Geist der Liebe in dem von ihr begründeten Dasein waltet.

Der Mensch kann nicht erfinden, sondern nur sich selbst empfinden, nur auffassen, erkennen, was der Geist der Liebe zu ihm spricht, wie er sich in ihm nährt und ihn durch sich belehrt. – Außer diesem Gewahrwerden der göttlichen Liebe, in Sprache der Erkenntnis umsetzen: ist keine Erfindung.

Wie könnte der Geist nun erfinden wollen, da nur er das Erfundene ist, da die Entfaltung seines Lebens nur die Entwicklung der Leidenschaft ist, die ihm einzuflößen der göttlichen Liebe Genuß und Nahrung ist, da sein Atem nur das Verzehren dieser Leidenschaft ist, und da seine Erzeugnisse nur das Verkörpern dieser Leidenschaft sind.

Also das Dasein ist das Umfassen der Liebe, das Geliebtsein. Das Erfinden, das Aussprechen ist das Einflößen ihrer Leidenschaft in den menschlichen Geist. Die Schönheit aber ist der Spiegel ihrer Seligkeit, die sie in der Befriedigung ihrer Leidenschaft hat. Die Seligkeit der Liebe spiegelt sich in dem Geist, den sie erzeugt, den sie mit Leidenschaft durchdringt, daß er sie begehre; dieses Begehren zu befriedigen, erzeugt ihren Genuß, dieses Mitgefühl ihres Genusses, ihrer Seligkeit, spricht der Geist durch Schönheit aus. Die Schönheit verkörpert sich durch den liebenden Geist, der die Form mit Leidenschaft durchdringt, so, wie die Liebe die selbsterschaffene Form des Geistes durchdringt. Dann spricht nachher die sinnliche Form die Schönheit des Geistes aus, wie der von Leidenschaft erfüllte Geist die Schönheit der Liebe ausspricht. – Und so ist die Schönheit der irdischen Form der Spiegel der Seligkeit des liebenden Geistes, wie die Schönheit der Seele der Spiegel der Seligkeit der liebenden Gottheit ist.

Mein Freund glaubt vielleicht, ich sei mondsüchtig, da wir heute Vollmond haben, ich glaub's auch.

*

Den 1. August 1817.

Nicht geahndet hab' ich es, daß ich je wieder so viel Herz fassen würde an Dich zu schreiben, bist Du es denn? oder ist es nur meine Erinnerung, die sich so in der Einsamkeit zu mir lagert und mich allein mit ihren offnen Augen anblickt? Ach, wie vielmal hab' ich in solchen Stunden Dir die Hand dargeboten, daß Du die Deinigen hineinlegen möchtest, daß ich sie beide an meine Lippen drücken könnte. – Ich fühl' es jetzt wohl, daß es nicht leicht war, mich in meiner Leidenschaftlichkeit zu ertragen, ja ich ertrage mich selbst nicht, und mit Schauder wende ich mich von all den Schmerzen, die die Betrachtung in mir aufwühlt.

Warum aber gerad' heute, nachdem Jahre vorüber sind, nachdem Stunden verwunden sind, wo ich mit Geistern zu kämpfen hatte, die mich zu Dir hin mahnten? Heute bedachte ich es, daß vielleicht auch Du nie eine Liebe erfahren habest, die bis ans End' gewährt habe, heute hatte ich die Haare in den Händen, die Deine Mutter sich abschnitt, um sie mir als ein Zeichen ihrer Liebe nach ihrem Tode reichen zu lassen, und da faßte ich Herz, einmal will ich Dich noch rufen, was kann mir widerfahren, wenn Du nicht hörst?

Die Leute gehen jetzt häufig in die Kirche, sie gehen zum Abendmahl, sie sprechen viel von ihrem Freund und Herrn, von dem Sohn Ihres Gottes; ich habe nicht einmal den Freund bewahrt, den ich mir selbst erwählte, mein Mund hat sich geschlossen über ihn, als ob ich ihn nicht kenne, ich habe das Richtschwert der Zunge über ihm blitzen sehen und hab' es nicht abgewehrt, siehst Du, so wenig Gutes ist in mir, da ich doch damals so gewiß besser sein wollte als alle, die so sind.

Mir träumte vor drei Jahren, ich erwache aus einem ruhigen Schlaf auf Deinen Knien sitzend, an einer langen gedeckten Tafel, Du zeigtest mir ein Licht, was tief herabgebrennt war und sagtest: »So lange hab' ich dich an meinem Herzen schlafen lassen, alle Gäste sind von der Tafel weggegangen, ich allein bin, um deine Ruhe nicht zu stören, sitzengeblieben, nun werfe mir nicht mehr vor, daß ich keine Geduld mit dir habe« – ja wahrlich, das träumte ich, ich wollte Dir damals schreiben, aber eine Bangigkeit, die mir bis in die Fingerspitzen ging, hielt mich davon ab; nun grüße ich Dich nochmals durch alle Nacht der Vergangenheit und drücke die Wunden wieder zu, die ich so lange nicht zu beschauen wagte, und warte ab, ob Du mich auch noch hören willst, eh' ich Dir mehr erzähle.

Bettine.

 

Den Tag, an dem ich dies geschrieben, geriet das Komödienhaus in Brand, ich ging nach dem Platz, wo Tausende mit mir dies unerhörte Schauspiel genossen, die wilden Flammendrachen rissen sich vom Dache los und ringelten sich nieder oder wurden von Windstößen zerrissen, die Hitze hatte die schon tröpfelnden Wolken verzehrt oder zerteilt, und man konnte durch die rote Glut ruhig ins Antlitz der Sonne sehen, der Rauch wurde zum rötlichen Schleier. Das Feuer senkte sich in die innern Gemächer und hüpfte von außen hier und dort auf dem Rand des Gebäudes umher, das Gebälke des Daches war in einem Nu in sich hereingestürzt, und das war herrlich; nun muß ich Dir auch erzählen, daß es währenddem in mir jubelte, ich glühte mit, der irdische Leib verzehrte sich, und der unechte Staat verzehrte sich mit, man sah durch die geöffnete Türe, durch die dunkeln toten Mauem alle Fenster schwarz, den Vorhang des Theaters brennend niederstürzen, nun war das Theater im Augenblick ein Feuermeer, jetzt ging ein leises Knistern durch alle Fenstern, und sie waren weg, ja, wenn die Geister solcher Elemente einmal die Flügel aus den Ketten los haben, dann machen sie es arg. In dieser andern Welt, in der ich nun stand, – dachte ich an Dich, den ich schon so lange verlassen hatte, Deine Lieder, die ich lange nicht gesungen hatte, zuckten auf meinen Lippen, ich allein vielleicht unter den Tausenden, die da standen, die schauderten, die jammerten, ich allein fühlte in seliger einsamer Begeisterung, wie feuerfest Du bist – ein Rätsel hatte sich gelöst, deutlicher und besser konnte der Schmerz, der oft in früheren Zeiten in meiner Brust wühlte, nicht erläutert werden, ja es war gut, mit diesem Haufen brannte ein dumpfes Gebäude nieder, frei und leicht ward's in meiner Seele, und die Vaterlandsluft wehte mich an, – noch eins will ich Dir davon erzählen: in den ersten Nachmittagsstunden schon hatte das Feuer seine Rolle im Innern ausgespielt, wie der Mond aufging, hüpften die kleinen Flammengeister spielend in die Fenstermauern, in den Verzierungen tanzend lichteten sie die geschwärzten Masken. Am dritten Tag schlug die Flamme aus den tiefgehöhlten Balkenlöchern. Gelt, mehr läßt sich nicht erwarten, willst Du mir nun über all diesen Schutt die Hand wieder reichen, willst Du bis ans End' mich warm und liebend für Dich wissen, so sag' ein Wort, aber bald, denn ich habe Durst.

Seit den langen Jahren hab' ich das Schreiben verlernt, die Gedanken arbeiten sich auf ungeebnetem Weg durch, und doch denk' ich mich noch wie den schäumenden Becher in Deiner Hand, aus dem Du gern nippen magst.

Wenn das beigefügte Blatt noch seine Farbe hat, so kannst Du sehen, welche Farbe meine Liebe zu Dir hat, denn immer kommt's mir vor, als ob's grad' so innig rot und so ruhig, und der goldne Samenstaub auch, so ist Dein Bett in meinem Herzen bereitet, verschmähe es nicht. Meine Adresse ist Georgen-Straße Nr. 17.

 << Kapitel 39  Kapitel 41 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.