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Goethes Briefwechsel mit einem Kinde

Bettina von Arnim: Goethes Briefwechsel mit einem Kinde - Kapitel 39
Quellenangabe
typeletter
booktitleGoethes Briefwechsel mit einem Kinde
authorBettine von Arnim
year1984
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32467-4
titleGoethes Briefwechsel mit einem Kinde
pages5
created20000619
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1835
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An Goethe.

Ich weiß, daß Du alles, was ich Dir von Dir erzähle, nicht wirst brauchen können, ich hab' in einer einsamen Zeit über diesen einzelnen Momenten geschwebt wie der Tau auf den Blumen, der im Sonnenschein ihre Farben spiegelt. Noch immer seh' ich Dich so verherrlicht, aber mir ist's unmöglich, es Dir darstellend zu beweisen, Du bist bescheiden und wirst's auf sich beruhen lassen, Du wirst mir's gönnen, daß Deine Erscheinung grade mich anstrahlte; ich war die Einsame, die durch Zufall oder vielmehr durch bewußtlosen Trieb zu Deinen Füßen sich einfand. Es kostet mir Mühe, und ich kann nur ungenügend darlegen, was so eng mit meinem Herzen verbunden ist, das doch einmal in meiner Brust wohnt und sich nicht so ganz ablöst. – Indessen bedurft' es nur ein Wort von Dir, daß ich diese Kleinodien rauh und ungeglättet, wie ich sie empfing, wieder in Deinen ungeheueren Reichtum hereinwerfe; was in die Stirn, die liebendes Denken geründet hat, in meinen Blick, der mit Begeistrung auf Dich gerichtet war, in die Lippen, die von diesem Liebesgeist gerührt zu Dir sprachen, hierdurch eingeprägt ward, das kann ich nicht wiedergeben, es entschwebt, wie der Ton der Musik entschwebt und für sich besteht in dem Augenblick, da sie aufgeführt wird.

Jeder Anekdote, die ich hinschreibe, möchte ich ein Lebewohl zurufen; – die Blumen sollen abgebrochen werden, damit sie noch in ihrer Blüte ins Herbarium kommen. So hab' ich mir's nicht gedacht, da ich Dir in meinem vorletzten Brief meinen Garten so freundlich anbot, lächelst Du? – Du wirst doch alles überflüssige Laub absondern und des Tau's noch des Sonnenscheins nicht mehr achten, der außer meinem Territorium nicht mehr drauf ruht. – Der Schütze wird nicht müde, tausend und tausend Pfeile zu versenden, der nach der Liebe zielt. Er spannt abermals zieht die Senne bis ans Aug' heran, blickt scharf und zielt scharf; und Du! Sieh diese verschoßnen Pfeile, die zu Deinen Füßen hinsinken, gnädig an und denke, daß ich mich nicht zurückhalten kann, Dir ewig dasselbe zu sagen. Und berührt Dich ein solcher Pfeil niemals, auch nur ein kleines wenig? –

Dein Großvater war ein Träumender und Traumdeuter, es ward ihm vieles über seine Familie durch Träume offenbar, einmal sagte er einen großen Brand, dann die unvermutete Ankunft des Kaisers voraus; dieses war zwar nicht beachtet worden, doch hatte es sich in der Stadt verbreitet und erregte allgemeines Staunen, da es eintraf. Heimlich vertraute er seiner Frau, ihm habe geträumt, daß einer der Schöffen ihm sehr verbindlicherweise seinen Platz angeboten habe, nicht lange darauf starb dieser am Schlag, seine Stelle wurde durch die goldne Kugel Deinem Großvater zuteil. Als der Schultheiß gestorben war, wurde noch in später Nacht durch den Ratsdiener auf den andern Morgen eine außerordentliche Ratsversammlung angezeigt, das Licht in seiner Laterne war abgebrannt, da rief der Großvater aus seinem Bette: »Gebt ihm ein neues Licht, denn der Mann hat ja doch die Mühe bloß für mich.« Kein Mensch hatte diese Worte beachtet, er selbst äußerte am andern Morgen nichts und schien es vergessen zu haben, seine älteste Tochter (Deine Mutter) hatte sich's gemerkt und hatte einen festen Glauben dran, wie nun der Vater ins Rathaus gegangen war, steckte sie sich nach ihrer eignen Aussage in einen unmenschlichen Staat und frisierte sich bis an den Himmel. In dieser Pracht setzte sie sich mit einem Buch in der Hand im Lehnsessel ans Fenster. Mutter und Schwestern glaubten, die Schwester Prinzeß (so wurde sie wegen ihrem Abscheu vor häuslicher Arbeit und Liebe zur Kleiderpracht und Lesen genannt) sei närrisch, sie aber versicherte ihnen, sie würden bald hinter die Bettvorhänge kriechen, wenn die Ratsherren kommen würden, ihnen wegen dem Vater, der heute zum Syndikus erwählt werde, zu gratulieren, da nun die Schwestern sie noch wegen ihrer Leichtgläubigkeit verlachten, sah sie vom hohen Sitz am Fenster den Vater im stattlichen Gefolge vieler Ratsherren daherkommen; »versteckt euch«, rief sie, »dort kommt er und alle Ratsherren mit«, keine wollt' es glauben, bis eine nach der andern den unfrisierten Kopf zum Fenster hinaus steckte und die feierliche Prozession daherschreiten sah, liefen alle davon und ließen die Prinzeß allein im Zimmer, um sie zu empfangen.

Diese Traumgabe schien auf die eine Schwester fortgeerbt zu haben, denn gleich nach Deines Großvaters Tod, da man in Verlegenheit war, das Testament zu finden, träumte ihr, es sei zwischen zwei Brettchen, im Pult des Vaters, zu finden, die durch ein geheimes Schloß verbunden waren, man untersuchte das Pult und fand alles richtig. Deine Mutter aber hatte das Talent nicht, sie meinte, es komme von ihrer heitern, sorglosen Stimmung und ihrer großen Zuversicht zu allem Guten, grade dies mag wohl ihre prophetische Gabe gewesen sein, denn sie sagte selbst, daß sie in dieser Beziehung sich nie getäuscht habe.

Deine Großmutter kam einst nach Mitternacht in die Schlafstube der Töchter und blieb da bis am Morgen, weil ihr etwas begegnet war, was sie vor Angst sich nicht zu sagen getraute, am andern Morgen erzählte sie, daß etwas im Zimmer geraschelt habe wie Papier, in der Meinung, das Fenster sei offen und der Wind jage die Papiere von des Vaters Schreibpult im anstoßenden Studierzimmer umher, sei sie aufgestanden, aber die Fenster seien geschlossen gewesen. Da sie wieder im Bett lag, rauschte es immer näher und näher heran mit ängstlichem Zusammenknittern von Papier, endlich seufzte es tief auf und noch einmal dicht an ihrem Angesicht, daß es sie kalt anwehte, darauf ist sie vor Angst zu den Kindern gelaufen; kurz hiernach ließ sich ein Fremder melden, da dieser nun auf die Hausfrau zuging und ein ganz zerknittertes Papier ihr darreichte, wandelte sie eine Ohnmacht an. Ein Freund von ihr, der in jener Nacht seinen herannahenden Tod gespürt, hatte nach Papier verlangt, um der Freundin in einer wichtigen Angelegenheit zu schreiben, aber noch ehe er fertig war, hatte er, vom Todeskrampf ergriffen, das Papier gepackt, zerknittert und damit auf der Bettdecke hin und her gefahren, endlich zweimal tief aufgeseufzt, und dann war er verschieden; obschon nun das, was auf dem Papiere geschrieben war, nichts Entscheidendes besagte, so konnte sich die Freundin doch vorstellen, was seine letzte Bitte gewesen, Dein edler Großvater nahm sich einer kleinen Waise jenes Freundes, die keine rechtlichen Ansprüche an sein Erbe hatte, an, ward ihr Vormund, legte eine Summe aus eignen Mitteln für sie an, die Deine Großmutter mit manchem kleinen Ersparnis mehrte.

Seit diesem Augenblick verschmähte Deine Mutter keine Vorbedeutungen noch Ähnliches, sie sagte: »Wenn man es auch nicht glaubt, so soll man es auch nicht leugnen oder gar verachten, das Herz werde durch dergleichen tief gerührt. Das ganze Schicksal entwickle sich oft an Begebenheiten, die so unbedeutend erscheinen, daß man ihrer gar nicht erwähne, und innerlich so gelenk und heimlich arbeiten, daß man es kaum empfinde; »noch täglich«, sagte sie, »erleb' ich Begebenheiten, die kein andrer Mensch beachten würde, aber sie sind meine Welt, mein Genuß und meine Herrlichkeit; wenn ich in einen Kreis von langweiligen Menschen trete, denen die aufgehende Sonne kein Wunder mehr ist, und die sich über alles hinaus glauben, was sie nicht verstehen, so denk' ich in meiner Seele, ja, meint nur, ihr hättet die Welt gefressen, wüßtet ihr, was die Frau Rat heute alles erlebt hat!« Sie sagte mir, daß sie sich in ihrem ganzen Leben nicht mit der ordinären Tagsweise habe begnügen können, daß ihr starker Geist auch wichtige und tüchtige Begebenheiten habe verdauen wollen, und daß ihr dies auch in vollem Maße begegnet sei, sie sei nicht allein um ihres Sohnes willen da, sondern der Sohn auch um ihrentwillen; und sie könne sich wohl ihres Anteils an Deinem Wirken und an Deinem Ruhm versichert halten, indem sich ja auch kein vollendeteres und erhabeneres Glück denken lasse, als um des Sohnes willen allgemein so geehrt zu werden; sie hatte recht, wer braucht das noch zu beleuchten, es versteht sich von selbst. So entfernt Du von ihr warst, so lange Zeit auch: Du warst nie besser verstanden als von ihr; während Gelehrte, Philosophen und Kritiker Dich und Deine Werke untersuchten, war sie ein lebendiges Beispiel, wie Du aufzunehmen seist. Sie sagte mir oft einzelne Stellen aus Deinen Büchern vor, so zu rechter Zeit, so mit herrlichem Blick und Ton, daß in diesen auch meine Welt anfing, lebendigere Farbe zu empfangen, und Geschwister und Freunde dagegen in die Schattenseite traten. Das Lied: »O laß mich scheinen, bis ich werde« legte sie herrlich aus, sie sagte, daß dies allein schon beweisen müsse, welche tiefe Religion in Dir sei, denn Du habest den Zustand darin beschrieben, in dem allein die Seele wieder sich zu Gott schwingen könne, nämlich ohne Vorurteile, ohne selbstische Verdienste aus reiner Sehnsucht zu ihrem Erzeuger; und daß die Tugenden, mit denen man glaube, den Himmel stürmen zu können, lauter Narrenspossen seien, und daß alles Verdienst vor der Zuversicht der Unschuld die Segel streichen müsse, diese sei der Born der Gnade, der alle Sünde abwasche, und jedem Menschen sei diese Unschuld eingeboren und sei das Urprinzip aller Sehnsucht nach einem göttlichen Leben; auch in dem verwirrtesten Gemüt vermittele sich ein tiefer Zusammenhang mit seinem Schöpfer, in jeder unschuldigen Liebe und Zuversicht, die sich trotz aller Verirrungen nicht ausrotten lasse, an diese solle man sich halten, denn es sei Gott selber im Menschen, der nicht wolle, daß er in Verzweiflung aus dieser Welt in jene übergehe, sondern mit Behagen und Geistesgegenwart, sonst würde der Geist wie ein Trunkenbold hinüberstolpern und die ewigen Freuden durch sein Lamento stören, und seine Albernheit würde da keinen großen Respekt einflößen, da man ihm erst den Kopf wieder müsse zurechtsetzen. Sie sagte von diesem Lied, es sei der Geist der Wahrheit mit dem kräftigen Leib der Natur angetan, und nannte es ihr Glaubensbekenntnis, die Melodien waren elend und unwahr gegen den Nachdruck ihres Vortrags und gegen das Gefühl, was in vollem Maße aus ihrer Stimme hervorklang. Nur wer die Sehnsucht kennt; ihr Auge ruhte dabei auf dem Knopf des Katharinenturms, der das letzte Ziel der Aussicht war, die sie vom Sitz an ihrem Fenster hatte, die Lippen bewegten sich herb, die sie am End' immer schmerzlich-ernst schloß, während ihr Blick in die Ferne verloren glühte, es war, als ob ihre Jugendsinne wieder anschwellen, dann drückte sie mir wohl die Hand und überraschte mich mit den Worten: »Du verstehst den Wolfgang und liebst ihn.« – Ihr Gedächtnis war nicht allein merkwürdig, es war sehr herrlich; der Eindruck mächtiger Gefühle entwickelte sich in seiner vollen Gewalt bei ihren Erinnerungen, und hier will ich Dir die Geschichte, die ich Dir schon in München mitteilen wollte, und die so wunderbar mit ihrem Tode zusammenhing, als Beispiel ihres großen Herzens hinschreiben, so einfach wie sie mir selbst es erzählt hat. Eh' ich ins Rheingau reiste, kam ich, um Abschied zu nehmen, sie sagte, indem sich ein Posthorn auf der Straße hören ließ, daß ihr dieser Ton immer noch das Herz durchschneide, wie in ihrem siebenzehnten Jahre, damals war Karl VII., mit dem Zunamen der Unglückliche, in Frankfurt, alles war voll Begeisterung über seine große Schönheit, am Karfreitag sah sie ihn im langen schwarzen Mantel zu Fuß mit vielen Herren und schwarzgekleideten Pagen die Kirchen besuchen. »Himmel, was hatte der Mann für Augen; wie melancholisch blickte er unter den gesenkten Augenwimpern hervor! – Ich verließ ihn nicht, folgte ihm in alle Kirchen, überall kniete er auf der letzten Bank unter den Bettlern und legte sein Haupt eine Weile in die Hände, wenn er wieder emporsah, war mir's allemal wie ein Donnerschlag in der Brust; da ich nach Hause kam, fand ich mich nicht mehr in die alte Lebensweise, es war, als ob Bett, Stuhl und Tisch nicht mehr an dem gewohnten Ort ständen, es war Nacht geworden, man brachte Licht herein, ich ging ans Fenster und sah hinaus auf die dunklen Straßen, und wie ich die in der Stube von dem Kaiser sprechen hörte, da zitterte ich wie Espenlaub, am Abend in meiner Kammer legte ich mich vor meinem Bett auf die Knie und hielt meinen Kopf in den Händen wie er, es war nicht anders, wie wenn ein großes Tor in meiner Brust geöffnet wär'; meine Schwester, die ihn enthusiastisch pries, suchte jede Gelegenheit, ihn zu sehen, ich ging mit, ohne daß einer ahnte, wie tief es mir zu Herzen gehe, einmal, da der Kaiser vorüberfuhr, sprang sie auf einen Prallstein am Wege und rief ihm ein lautes Vivat zu, er sah heraus und winkte freundlich mit dem Schnupftuch, sie prahlte sich sehr, daß der Kaiser ihr so freundlich gewinkt habe, ich war aber heimlich überzeugt, daß der Gruß mir gegolten habe, denn im Vorüberfahren sah er noch einmal rückwärts nach mir; ja beinah jeden Tag, wo ich Gelegenheit hatte, ihn zu sehen, ereignete sich etwas, was ich mir als ein Zeichen seiner Gunst auslegen konnte, und am Abend, in meiner Schlafkammer, kniete ich allemal vor meinem Bett und hielt den Kopf in meinen Händen, wie ich von ihm am Karfreitag in der Kirche gesehen hatte, und dann überlegte ich, was mir alles mit ihm begegnet war, und so baute ich ein geheimes Liebeseinverständnis in meinem Herzen auf, von dem mir unmöglich war zu glauben, daß er nichts davon ahne, ich glaubte gewiß, er habe meine Wohnung erforscht, da er jetzt öfter durch unsere Gasse fuhr wie sonst und allemal heraufsah nach den Fenstern und mich grüßte. O, wie war ich den vollen Tag so selig, wo er mir am Morgen einen Gruß gespendet hatte; da kann ich wohl sagen, daß ich weinte vor Lust.

Wie er einmal offne Tafel hielt, drängte ich mich durch die Wachen und kam in den Saal, statt auf die Galerie. Es wurde in die Trompeten gestoßen, bei dem dritten Stoß erschien er in einem roten Sammetmantel, den ihm zwei Kammerherren abnahmen, er ging langsam mit etwas gebeugtem Haupt. Ich war ihm ganz nah und dachte an nichts, daß ich auf dem unrechten Platz wäre, seine Gesundheit wurde von allen anwesenden großen Herren getrunken, und die Trompeten schmetterten drein, da jauchzte ich laut mit, der Kaiser sah mich an, er nahm den Becher, um Bescheid zu tun und nickte mir, ja, da kam mir's vor, als hätte er den Becher mir bringen wollen, und ich muß noch heute daran glauben, es würde mir zuviel kosten, wenn ich diesen Gedanken, dem ich so viel Glückstränen geweint habe, aufgeben müßte; warum sollte er auch nicht, er mußte ja wohl die große Begeistrung in meinen Augen lesen; damals im Saal bei dem Geschmetter der Pauken und Trompeten, die den Trunk, womit er den Fürsten Bescheid tat, begleiteten, ward ich ganz elend und betäubt, so sehr nahm ich mir diese eingebildete Ehre zu Herzen, meine Schwester hatte Mühe, mich hinauszubringen an die frische Luft, sie schmälte mit mir, daß sie wegen meiner des Vergnügens verlustig war, den Kaiser speisen zu sehen, sie wollte auch, nachdem ich am Röhrbrunnen Wasser getrunken, versuchen, wieder hineinzukommen, aber eine geheime Stimme sagte mir, daß ich an dem, was mir heute beschert geworden, mir solle genügen lassen, und ging nicht wieder mit; nein, ich suchte meine einsame Schlafkammer auf und setzte mich auf den Stuhl am Bett und weinte dem Kaiser schmerzlich süße Tränen der heißesten Liebe, am andern Tag reiste er ab, ich lag früh morgens um vier Uhr in meinem Bett, der Tag fing eben an zu grauen, es war am 17. April, da hörte ich fünf Posthörner blasen, das war er, ich sprang aus dem Bett, vor übergroßer Eile fiel ich in die Mitte der Stube und tat mir weh, ich achtete es nicht und sprang ans Fenster, in dem Augenblick fuhr der Kaiser vorbei, er sah schon nach meinem Fenster, noch eh' ich es aufgerissen hatte, er warf mir Kußhände zu und winkte mir mit dem Schnupftuch, bis er die Gasse hinaus war. Von der Zeit an habe ich kein Posthorn blasen hören, ohne dieses Abschieds zu gedenken, und bis auf den heutigen Tag, wo ich den Lebensstrom seiner ganzen Länge nach durchschifft habe und eben im Begriff bin, zu landen, greift mich sein weitschallender Ton noch schmerzlich an, und wo so vieles, worauf die Menschen Wert legen, rund um mich versunken ist, ohne daß ich Kummer darum habe. Soll man da nicht wunderliche Glossen machen, wenn man erleben muß, daß eine Leidenschaft, die gleich im Entstehen eine Chimäre war, alles Wirkliche überdauert und sich in einem Herzen behauptet, dem längst solche Ansprüche als Narrheit verpönt sind? Ich hab' auch nie Lust gehabt, davon zu sprechen, es ist heute das erstemal. Bei dem Fall, den ich damals vor übergroßer Eile tat, hatte ich mir das Knie verwundet, an einem großen Brettnagel, der etwas hoch aus den Dielen hervorstand, hatte ich mir eine tiefe Wunde über dem rechten Knie geschlagen, der scharfgeschlagne Kopf des Nagels bildete die Narbe als einen sehr feinen regelmäßigen Stern, den ich oft darauf ansah während den vier Wochen, in denen bald darauf der Tod des Kaisers mit allen Glocken jeden Nachmittag eine ganze Stunde eingeläutet wurde, ach, was hab' ich da für schmerzliche Stunden gehabt, wenn der Dom anfing zu läuten mit der großen Glocke, es kamen erst so einzelne mächtige Schläge, als wanke er trostlos hin und her, nach und nach klang das Geläut der kleinern Glocken und der ferneren Kirchen mit, es war, als ob alle über den Trauerfall seufzten und weinten; und die Luft war so schauerlich, es war gleich bei Sonnenuntergang, da hörte es wieder auf zu läuten, eine Glocke nach der andern schwieg, bis der Dom, so wie er angefangen hatte zu klagen, auch die allerletzten Töne in die Nachtdämmerung seufzte; damals war die Narbe über meinem Knie noch ganz frisch, ich betrachtete sie jeden Tag und erinnerte mich dabei an alles.

Deine Mutter zeigte mir ihr Knie, über dem das Mal in Form eines sehr deutlichen regelmäßigen Sternes ausgebildet war, sie reichte mir die Hand zum Abschied und sagte mir noch in der Tür, sie habe niemals hiervon mit jemand gesprochen als nur mit mir; wie ich kaum im Rheingau war, schrieb ich mir aus der Erinnerung so viel wie möglich mit ihren eignen Worten alles auf, denn ich dachte gleich, daß Dich dies gewiß einmal interessieren müsse, nun hat aber der Mutter Tod dieser kindlichen Liebesgeschichte, von der ich mir denken kann, daß sie kein edles männliches Herz, viel weniger den Kaiser würde haben ungerührt gelassen, eine herrliche Krone aufgesetzt und sie zu etwas vollendet Schönem gestempelt. – Im September wurde mir ins Rheingau geschrieben, die Mutter sei nicht wohl, ich beeilte meine Rückkehr, mein erster Gang war zu ihr, der Arzt war grade bei ihr, sie sah sehr ernst aus, als er weg war, reichte sie mir lächelnd das Rezept hin und sagte: »Da lese, welche Vorbedeutung mag das haben, ein Umschlag von Wein, Myrrhen, Öl und Lorbeerblättern, um mein Knie zu stärken, das mich seit diesem Sommer anfing zu schmerzen, und endlich hat sich Wasser unter der Narbe gesammelt, du wirst aber sehen, es wird nichts helfen mit diesen kaiserlichen Spezialien von Lorbeer, Wein und Öl, womit die Kaiser bei der Krönung gesalbt werden. Ich seh das schon kommen, daß das Wasser sich nach dem Herzen ziehen wird, und da wird es gleich aus sein«; sie sagte mir Lebewohl und sie wolle mir sagen lassen, wenn ich wiederkommen solle; ein paar Tage darauf ließ sie mich rufen, sie lag zu Bett, sie sagte: »Heute lieg' ich wieder zu Bett wie damals, als ich kaum sechszehn Jahr alt war, an derselben Wunde«; ich lachte mit ihr hierüber und sagte ihr scherzweise viel, was sie rührte und erfreute; da sah sie mich noch einmal recht feurig an, sie drückte mir die Hand und sagte: »Du bist so recht geeignet, um mich in dieser Leidenszeit aufrecht zu halten, denn ich weiß wohl, daß es mit mir zu Ende geht.« Sie sprach noch ein paar Worte von Dir, daß ich nicht aufhören sollte, Dich zu lieben, und ihrem Enkel solle ich zu Weihnachten noch einmal die gewohnten Zuckerwerke in ihrem Namen senden, zwei Tage drauf, am Abend, wo ein Konzert in ihrer Nähe gegeben wurde, sagte sie: »Nun will ich im Einschlafen an die Musik denken, die mich bald im Himmel empfangen wird«, sie ließ sich auch noch Haare abschneiden und sagte, man solle sie mir nach ihrem Tode geben nebst einem Familienbild von Seekatz, worauf sie mit Deinem Vater, Deiner Schwester und Dir als Schäfer gekleidet in anmutiger Gegend abgemalt ist, am andern Morgen war sie nicht mehr, sie war nächtlich hinübergeschlummert.

Das ist die Geschichte, die ich Dir schon in München versprochen hatte, jetzt, wo sie niedergeschrieben ist, weiß ich nicht, wie Du sie aufnehmen wirst, mir war sie immer als etwas ganz Außerordentliches vorgekommen, und ich habe bei ihr so manche Gelübde getan.

Von Deinem Vater erzählte sie mir auch viel Schönes, er selbst war ein schöner Mann, sie heiratete ihn ohne bestimmte Neigung, sie wußte ihn auf mancherlei Weise zum Vorteil der Kinder zu lenken, denen er mit einer gewissen Strenge im Lernen zusetzte, doch muß er auch sehr freundlich gegen Dich gewesen sein, da er stundenlang mit Dir von zukünftigen Reisen sprach und Dir Deine Zukunft so glanzvoll wie möglich ausmalte, von einem großen Hausbau, den Dein Vater unternahm, erzählte die Mutter auch und wie sie Dich da als junges Kind oft mit großen Sorgen habe auf den Gerüsten herumklettern sehen. Als der Bau beendigt war, der Euer altes rumpeliges Haus mit Windeltreppen und ungleichen Etagen in eine schöne anmutige Wohnung umschuf, in denen wertvolle Kunstgegenstände mit Geschmack die Zimmer verzierten, da richtete der Vater mit großer Umständlichkeit eine Bibliothek ein, bei der Du beschäftigt wurdest. Über Deines Vaters Leidenschaft zum Reisen erzählte die Mutter sehr viel. Seine Zimmer waren mit Landkarten, Planen von großen Städten behängt, und während Du die Reisebeschreibung verlasest, spazierte er mit dem Finger darauf herum, um jeden Punkt aufzusuchen, dies sagte weder Deiner Ungeduld noch dem eilfertigen Temperament der Mutter zu, Ihr sehntet Euch nach Hindernissen solcher langweiligen Winterabende, die denn endlich auch durch die Einquartierung eines französischen Kommandanten in die Prachtstuben völlig unterbrochen wurden, hierdurch war nichts gebessert, der Vater war nicht zu trösten, daß seine kaum eingerichtete Wohnung, die ihm so manches Opfer gekostet hatte, der Einquartierung preisgegeben war, daraus erwuchs mancherlei Not, die Deine Mutter trefflich auszugleichen verstand; ein paar Blätter mit Notizen schicke ich noch mit, ich kann sie nicht besser ausmalen, Dir aber können sie wohl zur Wiederaufweckung von tausenderlei Dingen dienen, die Du dann auch wieder in ihrem Zusammenhang finden wirst, die Liebesgeschichten aus Offenbach mit einem gewissen Gretchen, die nächtlichen Spaziergänge und was dergleichen mehr, hat Deine Mutter nie im Zusammenhang erzählt, und Gott weiß, ich hab' mich auch gescheut, danach zu fragen.

Bettine.

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