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Goethes Briefwechsel mit einem Kinde

Bettina von Arnim: Goethes Briefwechsel mit einem Kinde - Kapitel 37
Quellenangabe
typeletter
booktitleGoethes Briefwechsel mit einem Kinde
authorBettine von Arnim
year1984
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32467-4
titleGoethes Briefwechsel mit einem Kinde
pages5
created20000619
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1835
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An Goethe.

Berlin, am 17. Oktober.

Beschuldige mich nicht, daß ich so viel mit mir fortgenommen habe; denn wahrlich, ich fühle mich so verarmt, daß ich mich nach allen Seiten umsehe nach etwas, an das ich mich halten kann; gib mir etwas zu tun, wozu ich kein Tageslicht brauche, kein Zusammensein mit den Menschen, und was mir Mut gibt, allein zu sein. Dieser Ort gefällt mir nicht, hier sind keine Höhen, von denen man in die Ferne schauen könnte.

*

Am 18.

Ich stieg einmal auf einen Berg. – Ach! – was mein Herz beschwert? – sind Kleinigkeiten, sagen die Menschen. – Zusammenhängend schreiben? Ich könnte meiner Lebtag' die Wahrheit nicht hervorbringen; seitdem wir in Töplitz zusammengesessen haben, was soll ich Dir noch lang' schreiben, was der Tag mit sich bringt, das Leben ist nur schön, wenn ich mit Dir bin. – Nein, ich kann Dir nichts Zusammenhängendes erzählen, buchstabier' Dich durch wie damals durch mein Geschwätz. Schreib' ich denn nicht immer, was ich schon hunderttausendmal gesagt habe? – Die da von Dresden kamen, erzählten mir viel von Deinen Wegen und Stegen, grad' als wollten sie sagen: »Dein Hausgott war auf andrer Leute Herd zu Gast und hat sich da gefallen.« Z... hat Dein Bild überkommen und hat es wider ein graubraunes Konterfei gestützt; ich seh' in die Welt, und in diesem tausendfältigen Narrenspiegel seh' ich häufig Dein Bild, das von Narren geliebkost wird. Du kannst doch wohl denken, daß dies mir nicht erfreulich ist. Du und Schiller, Ihr wart Freunde, und Eure Freundschaft hatte eine Basis im Geisterreich; aber Goethe, diese nachkömmlichen Bündnisse, die gemahnen mich grad' wie die Trauerschleppe einer erhabenen vergangenen Zeit, die durch allen Schmutz des gemeinen Lebens nachschleppt. – Wenn ich mich bereite, Dir zu schreiben, und denke so in mich hinein, da fallen mir allemal die einzelnen Momente meines Lebens ein, die so ruhig, so auffaßlich in mich hereingeklungen haben, wie allenfalls einem Maler ähnliche Momente in der Natur wieder erscheinen, wenn er mit Lust etwas malt; so gedenke ich jetzt der Abenddämmerung im heißen Monat August, wie Du am Fenster saßest und ich vor Dir stand, und wie wir die Rede wechselten, ich hatte meinen Blick wie ein Pfeil scharf Dir ins Auge gedrückt, und so blieb ich drin haften und bohrte mich immer tiefer und tiefer ein, und wir waren beide stille, und Du zogst meine aufgelösten Haare durch die Finger. Ach, Goethe, da fragtest Du, ob ich künftig Deiner gedenken werde beim Licht der Sterne, und ich hab' es Dir versprochen; jetzt haben wir Mitte Oktober, und schon oft hab' ich nach den Sternen gesehen und habe Deiner gedacht, es überläuft mich kalter Schauer, und Du, der meinen Blick dahin gebannt hat, denke doch, wie oft ich noch hinaufblicken werde, so schreib es denn auch täglich neu in die Sterne, daß Du mich liebst, damit ich nicht verzweifeln muß, sondern daß mir Trost von den Sternen niederleuchtet, jetzt, wo wir nicht beieinander sind. Vorm Jahr um diese Zeit, da ging ich an einem Tag weit spazieren und blieb auf einem Berg sitzen, da oben spielte ich mit dem glitzernden Sand, den die Sonne beschien und knipste den Samen aus den verdorrten Stäudchen, bei mit Nebel kämpfender Abendröte ging ich und übersah alle Lande, ich war frei im Herzen; denn meine Liebe zu Dir macht mich frei. – So was beengt mich zuweilen, wie damals die erfrischende Luft mich kräftig, ja beinah' gescheut machte, daß ich nicht immer geh', immer wandre unter freiem Himmel und mit der Natur spreche. Ein Sturmwind nimmt in größter Schnelle ganze Täler ein, alles berührt er, alles bewegt er, und der es empfindet, wird von Begeistrung ergriffen. Die gewaltige Natur läßt keinen Raum und bedarf keinen Raum, was sie mit ihrem Zauberkreis umschlingt, das ist hereingebannt. O Goethe, Du bist auch hineingebannt, in keinem Wort, in keinem Hauch Deiner Gedichte läßt sie Dich los. – Und wieder muß ich vor dieser Menschwerdung niederknien und muß Dich lieben und begehren wie alle Natur. –

Da wollt' ich Dir noch viel sagen, ward abgerufen, und heute am 29. Oktober komme ich wieder zum Schreiben. – Es ist halt überall ruhig oder vielmehr öde. Daß die Wahrheit sei, dazu gehört nicht einer; aber daß die Wahrheit sich an ihnen bewähre, dazu gehören alle Menschen. Mann! Dessen Fleisch und Bein so von der Schönheit Deiner Seele durchdrungen ist, wie darf ich Leib und Seele so beisammen lieb haben! – Oft denk' ich bei mir, ich möchte besser und herrlicher sein, damit ich doch die Ansprüche an Dich rechtfertigen könnte, aber kann ich's? – Dann muß ich an Dich denken, Dich vor mir sehen und habe nichts, wenn mir die Liebe nicht als Verdienst gelten soll? – Solche Liebe ist nicht unfruchtbar. Und doch darf ich nicht nachdenken, ich könnte mir den Tod daran holen, ist was daran gelegen? – Jawohl! Ich hab' eine Wiege in Deinem Herzen, und wer mich da herausstiehlt, sei es Tod oder Leben, der raubt Dir ein Kind. Ein Kopfkissen möcht' ich mit Dir haben, aber ein hartes; sag' es niemand, daß ich so bei Dir liegen möchte, in tiefster Ruhe an Deiner Seite. Es gibt viele Auswege und Durchgänge in der Welt, einsame Wälder und Höhlen, die kein Ende haben, aber keiner ist so zum Schlaf, zum Wohlsein eingerichtet als nur der Schoß Gottes; ich denk' mir's da breit und behaglich, und daß einer mit dem Kopf auf des andern Brust ruhe, und daß ein warmer Atem am Herzen hinstreife, was ich mir so sehr wünsche zu fühlen, Deinen Atem.

Bettine.


An Bettine.

(Lücke in der Korrespondenz.)

Nun bin ich, liebe Bettine, wieder in Weimar ansässig und hätte Dir schon lange für Deine lieben Blätter danken sollen, die mir alle nach und nach zugekommen sind, besonders für Dein Andenken vom 28. August. Anstatt nun also Dir zu sagen, wie es mir geht, wovon nicht viel zu sagen ist, so bring' ich eine freundliche Bitte an Dich. Da Du doch nicht aufhören wirst, mir gern zu schreiben, und ich nicht aufhören werde, Dich gern zu lesen, so könntest Du mir noch nebenher einen Gefallen tun. Ich will Dir nämlich bekennen, daß ich im Begriff bin, meine Bekenntnisse zu schreiben, daraus mag nun ein Roman oder eine Geschichte werden, das läßt sich nicht voraussehen, aber in jedem Fall bedarf ich Deiner Beihilfe. Meine gute Mutter ist abgeschieden und so manche andre, die mir das Vergangne wieder hervorrufen könnten, das ich meistens vergessen habe. Nun hast Du eine schöne Zeit mit der teuern Mutter gelebt, hast ihre Märchen und Anekdoten wiederholt vernommen und trägst und hegst alles im frischen belebenden Gedächtnis. Setze Dich also nur gleich hin und schreibe nieder, was sich auf mich und die Meinigen bezieht, und Du wirst mich dadurch sehr erfreuen und verbinden. Schicke von Zeit zu Zeit etwas und sprich mir dabei von Dir und Deiner Umgebung. Liebe mich bis zum Wiedersehn.

Weimar, am 25. Oktober 1810. G.

*

Am 4. November.

Du hast doch immer eine Ursache, mir zu schreiben, ich hab' aber nichts behalten, noch in Betracht gezogen als nur das Ende: »Liebe mich bis zum Wiedersehn.« Hättest Du diese letzten Worte nicht hingesetzt, so hätt' ich vielleicht noch Rücksicht genommen aufs Vorhergehende; diese einzige Freundlichkeit hat mich überschwemmt, hat mich gefangen gehalten in tausend süßen Gedanken von gestern abend an bis wieder heut' abend. Aus dem allen kannst Du schließen, daß mir Dein Brief ungefähr vor vierundzwanzig Stunden frische Luft ins Zimmer gebracht hat. Nun war ich aber seitdem wie ein Dachs, dem die Winterwelt zu schlecht ist, und habe mich in den warmen Boden meiner eignen Gedanken vergraben. Was Du verlangst, hat für mich immer den Wert, daß ich es der Gabe würdig achte; ich gebe daher die Nahrung, das Leben zweier regen Jahre gern in Dein Gewahrsam, es ist wenig in bezug auf viel, aber unendlich, weil es einzig ist; Du selber könntest Dich vielleicht wundern, daß ich Dinge in den Tempel eintrug und mein Dasein durch sie weihte, die man doch allerorten findet; an jeder Hecke kann man in der Frühlingszeit Blüten abbrechen; aber wie, lieber Herr! So unscheinbar die Blüte auch ist, wenn sie nun nach Jahren immer noch duftet und grünt? – Deine Mutter gebar Dich in ihrem siebzehnten Jahr, und im sechsundsiebzigsten konnte sie alles noch mitleben, was in Deinen ersten Jahren vorging, und sie besäte das junge Feld, das guten Boden, aber keine Blumen hatte, mit diesen ewigen Blüten; und so kann ich Dir wohl gefallen, da ich gleichsam ein duftender Garten dieser Erinnerungen bin, worunter Deiner Mutter Zärtlichkeit die schönste Blüte ist, und – darf ich's sagen? – meine Treue die gewaltigste. – Ich trug nun schon früher Sorge darum, daß, was bei der Mutter so kräftig Wurzeln schlug und bei mir Blüten trieb, endlich auch in süßer Frucht vom hohen Stamm an die Erde niederrollen möchte. Nun höre! – Da lernte ich in München einen jungen Arzt kennen, verbranntes, von Blattern zerrissenes Gesicht, arm wie Hiob, fremd mit allen, große ausgebreitete Natur, aber grade darum in sich fertig und geschlossen, konnte den Teufel nicht als das absolut Böse erfassen, aber wohl als einen Kerl mit zwei Hörnern und Bocksfüßen (natürlich an den Hörnern läßt sich einer packen, wenn man Courage hat), der Weg seiner Begeisterung ging nicht auf einer Himmels-, aber wohl auf einer Hühnerleiter in seine Kammer, allwo er auf eigne Kosten mit armen Kranken darbte und freudig das Seinige mit ihnen teilte, seine junge, enthusiastische Kunst an ihnen gedeihen machte; – er war stumm durch Krankheit bis in sein viertes Jahr, ein Donnerschlag löste ihm die Zunge, mit fünfzehn Jahren sollte er Soldat werden; dafür, daß er des Generals wildes Pferd zähmte, gab ihn dieser frei, dadurch, daß er einen Wahnwitzigen kurierte, bekam er eine kleine unbequeme Stelle in München, in dieser Lage lernte ich ihn kennen, bald ging er bei mir aus und ein, dieser gute Geist, reich an Edelmut, der außerdem nichts hatte als seine Einsamkeit; nach beschwerlicher Tageslast, aus hilfreicher Leidenschaft lief er oft noch abends spät meilenweite Strecken, um die gefangnen Tiroler zu begegnen und ihnen Geld zuzustecken, oder er begleitete mich auf den Schneckenturm, wo man die fernen Alpen sehen kann, da haben wir überlegt, wenn wir Nebel oder rötlichen Schein am Himmel bemerkten, ob's Feuer sein könnte, da hab' ich ihm auch oft meine Pläne mitgeteilt, daß ich hinüber möchte zu den Tirolern, da haben wir auf der Karte einen Weg ausstudiert, und ich sah es ihm auf dem Gesicht geschrieben, daß er nur meiner Befehle harre.

So war's, da in Augsburg die pestartigen Lazarette sich häuften und in kurzer Zeit die Ärzte mit den Kranken wegrafften; mein junger Eisbrecher wanderte hin, um Last und Gefahr einem alten Lehrer abzunehmen, der Familienvater war, er ging mit schwerer Ahnung, ich gab ihm ein Sacktuch, alten Wein und das Versprechen, zu schreiben, zum Abschied. Da wurde denn überlegt und all des Guten gedacht, was sich während dieser kurzen Bekanntschaft ereignet hatte, und da wurde überdacht, daß meine Worte über Dich, mein liebendes Wissen von Dir und der Mutter, ein heiliger Schatz sei, der nicht verloren gehen solle, in der äußern Schale der Armut würde ein solches Kleinod am heiligsten bewahrt sein, und so kam's, daß meine Briefe mit den einzelnen Anekdoten Deiner Jugend erfüllt waren, deren eine jede wie Geister zu rechter Zeit eintrat und Laune und Verdruß verscheuchten. – Der Zufall, uns der geheiligte, trägt auf seinen tausendfach beladnen Schwingen auch diese Briefe, und vielleicht wird es so, daß, wenn Fülle und Üppigkeit einst sich wieder durch das mißhandelte Fruchtland empordrängen, auch er die goldne Frucht niederschüttelt ins allgemeine Wohl.

Manches habe ich schon in dermaliger Zeit mit wenig Worten gedeutet, mehr zu Dir darüber sprechend, da ich Dich noch nicht kannte, nicht gesehen hatte, oder auch war ich mit dem Senkblei tief in eignes Wohl und Weh eingedrungen. – Verstehst Du mich? – Da Du mich liebst? –

Willst Du so, daß ich Dir die ehemalige Zeit vortrage, wo, so wie mir Dein Geist erschien, ich mich meiner eignen Geistigkeit bemächtigte, um ihn zu fassen, zu lieben? – Und warum sollte ich nicht schwindeln vor Begeisterung, ist denn das mögliche Hinabstürzen so furchtbar? – Wie der Edelstein, vom einsamen Strahl berührt, tausendfache Farben ihm entgegenspiegelt, so wird auch Deine Schönheit vom Strahl der Begeisterung allein beleuchtet, tausendfach bereichert.

Nur erst, wenn alles begriffen ist, kann das Etwas seinen vollen Wert erweisen, und somit begreifst Du mich, wenn ich Dir erzähle, daß das Wochenbett Deiner Mutter, worin sie Dich zur Welt brachte, blaugewürfelte Vorhänge hatte. Sie war damals achtzehn Jahre alt und ein Jahr verheiratet, hier bemerkte sie, Du würdest wohl ewig jung bleiben und Dein Herz würde nie veralten, da Du die Jugend der Mutter mit in den Kauf habest. Drei Tage bedachtest Du Dich, eh' Du ans Weltlicht kamst und machtest der Mutter schwere Stunden. Aus Zorn, daß Dich die Not aus dem eingebornen Wohnort trieb und durch die Mißhandlung der Amme kamst Du ganz schwarz und ohne Lebenszeichen. Sie legten Dich in einen sogenannten Fleischarden und bäheten Dir die Herzgrube mit Wein, ganz an Deinem Leben verzweifelnd. Deine Großmutter stand hinter dem Bett, als Du zuerst die Augen aufschlugst, rief sie hervor: »Rätin, er lebt!« »Da erwachte mein mütterliches Herz und lebte seitdem in fortwährender Begeisterung bis zu dieser Stunde!« sagte sie mir in ihrem fünfundsiebzigsten Jahre. Dein Großvater, der der Stadt ein herrlicher Bürger und damals Syndikus war, wendete stets Zufall und Unfall zum Wohl der Stadt an, und so wurde auch Deine schwere Geburt die Veranlassung, daß man einen Geburtshelfer für die Armen einsetzte. »Schon in der Wiege war er den Menschen eine Wohltat«, sagte die Mutter, sie legte Dich an ihre Brust, allein Du warst nicht zum Saugen zu bringen, da wurde Dir eine Amme gegeben. An dieser hat er mit rechtem Appetit und Behagen getrunken, da es sich nun fand, sagte sie, daß ich keine Milch hatte, so merkten wir bald, daß er gescheiter gewesen war wie wir alle, da er nicht an mir trinken wollte.

Siehst Du, nun bist Du einmal geboren, nun kann ich schon immer ein wenig pausieren, nun bist Du einmal da, ein jeder Augenblick ist mir lieb genug, um dabei zu verweilen, ich mag den zweiten nicht herbei rufen, daß er mich vom ersten verdränge. – Wo Du bist, ist Lieb' und Güte, wo Du bist Natur! – Jetzt wart' ich's erst ab, daß Du mir wieder schreibst: »Nun erzähl' weiter.« Dann werd' ich erst fragen: Nun, wo sind wir denn geblieben? – Und dann werd' ich Dir erzählen von Deinen Großeltern, von Deinen Träumen Schönheit, Stolz, Liebe usw. Amen.

Rätin, er lebt! Das Wort ging mir immer durch Mark und Bein, so oft es die Mutter im erhöhten Freudenton vortrug.

Das Schwert der Gefahr
Hängt oft an einem Haar,
Aber der Segen einer Ewigkeit
Liegt oft in einem Blick der Gnade bereit

kann man bei Deiner Geburt wohl sagen

Bettine.

 

P.S.: Schreib' bald, Herzenskind, dann wirst Du auch bald wachsen, in die liebsten Jahre kommen, wo Dein Mutwille Dich allen gefährlich machte und über alle Gefahr hinweghob. – Soll ich Dir bekennen, daß dieses Geschäft mir Schmerzen macht, und daß die tausend Gedanken sich um mich herlagern, als wollten sie mich für ewig gefangennehmen?

Zelter läutet und bummelt mir Deine Lieder vor wie eine Glocke, die von einem faulen Küster angeläutet wird, es geht immer Bim und zu spät wieder Bam. Sie fallen alle übereinander her, Zelter über Reichard, dieser über Hummel, dieser über Righini und dieser wieder über den Zelter; es könnte ein jeder sich selbst ausprügeln, so hätte er immer dem andern einen größeren Gefallen getan, als wenn er ihn zum Konzert eingeladen hätte. Nur die Toten sollen sie mir ruhen lassen und den Beethoven, der gleich bei seiner Geburt auf ihr Erbteil Verzicht getan hat. Das gilt aber alles nichts... Lieber Freund! Wer Dich lieb hat wie ich, der singt Dich im tiefsten Herzen, das kann aber keiner mit so breiten Knochen und so langer Weste.

Schreib bald, schreib gleich, wenn Du wüßtest, wie in einem einzigen Wort von Dir oft ein schwerer Traum gelöst wird! – Ruf mir nur zu: »Kind, ich bin ja bei Dir!« Dann ist alles gut. Tu es.

Würde es Dich nicht interessieren, Briefe, die Du an Jugendfreunde geschrieben, wieder zu bekommen? – Schreib darüber, sie könnten Dich doch wohl um so lebhafter in die damalige Zeit versetzen, und derselben zum Teil habhaft zu werden, wäre doch auch nicht unmöglich, antworte mir, lieber Freund, unterdessen will ich keinen Tag vergehen lassen, ohne an Deiner Aufgabe zu arbeiten.


An Bettine.

Hier die Duette! In diesem Augenblick habe ich nicht mehr Fassung und Ruhe als Dir zu sagen: fahre fort, so lieb und anmutig zu sein. Laß mich nun bald taufen! Adieu.

12. November 1810. G.

*

Mein teuerster Freund! Ich kenne Dich nicht! Nein, ich kenne Dich nicht! Ich kann Deine Worte mißverstehen, ich kann mir Sorgen um Dich machen, da Du doch Freiheit hast über aller Sklaverei, da doch Dein Antlitz nie vom Unglück überschattet war, und ich kann Furcht haben bei dem edelsten Gastfreund des Glückes? – Die wahre Liebe hat kein Bekümmernis. Ich habe mir oft vorgenommen, daß ich Dich viel zu heilig halten will als elende Angst um Dich zu hegen, und daß Du in mir nur Trost und Freude hervorbringen sollst. Sei es, wie es mag, hab' ich Dich auch nicht, so hab' ich Dich doch, – und nicht wahr, in meinen Briefen, da fühlst Du, daß ich Wahrheit rede? Da hast Du mich, und ich? Weissagend verfolge ich die Züge Deiner Feder, die Hand, die mir gnädig ist, hat sie geführt, das Auge, das mir wohl will, hat sie übersehen, und der Geist, der so vieles, so Verschiednes umfängt, hat sich eine Minute lang ausschließlich zu mir gewendet – da hab' ich Dich, – soll ich Dir einen Kommentar hierzu machen? Ein Augenblick ist ein schicklicherer Raum für eine göttliche Erscheinung als eine halbe Stunde – der Augenblick, den Du mir schenkst, macht mich seliger als das ganze Leben.

Heute am 24. hab' ich die Duetten erhalten mit den wenigen Zeilen von Dir, die mich aufs Geratewohl irreführten, es war mir, als könntest Du krank sein, oder – ich weiß nicht, was ich mir alles dachte, aber daran dachte ich nicht, daß Du in jenem Augenblick, bloß, weil Dein Herz so voll war, so viel in wenig Worten ausdrücken könntest, und endlich, für Dich ist ja nichts zu fürchten, nichts zu zittern. Aber, wenn auch! – Weh mir, wenn ich Dir nicht freudig folgen könnte, wenn meine Liebe den Weg nicht fände, der Dir immer so nah ist, wie mein Herz dem Deinigen ist und war.

Bettine.

 

Hierbei schicke ich Dir Blätter mit allerlei Geschichten und Notizen aus Deinem und der Mutter Leben. Es ist die Frage, ob Du es wirst brauchen können, schreib' mir, ob Dir mehr erforderlich ist, in diesem Fall müßte ich das Notizbuch zurückerhalten, was ich hier mitschicke, ich glaub' aber gewiß, daß Du besser und mehr darin finden wirst, als ich noch hinzusetzen könnte. Verzeih' alles Überflüssige, wozu denn wohl am ersten die Tintenkleckse und ausgestrichenen Worte gehören.

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