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Goethes Briefwechsel mit einem Kinde

Bettina von Arnim: Goethes Briefwechsel mit einem Kinde - Kapitel 36
Quellenangabe
typeletter
booktitleGoethes Briefwechsel mit einem Kinde
authorBettine von Arnim
year1984
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32467-4
titleGoethes Briefwechsel mit einem Kinde
pages5
created20000619
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1835
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An Bettine.

Da Du in der Fülle interessanter Begebenheiten und Zerstreuungen der volkreichsten Stadt nicht versäumt hast, mir so reichhaltige Berichte zu senden, so wäre es unbillig, wenn ich jetzt in Deinen verborgnen Schlupfwinkel Dir nicht auch ein Zeichen meines Lebens und meiner Liebe dahinüber schickte. Wo steckst Du denn? – Weit kann es nicht sein; die eingestreuten Lavendelblüten in Deinem Brief ohne Datum waren noch nicht welk, da ich ihn erhielt, sie deuten an, daß wir einander vielleicht näher sind, als wir ahnen konnten. Versäume ja nicht bei Deinen allseitigen Treiben und wunderlichen Versuchen, der Göttin Gelegenheit einen Tempel aus gemachten Backsteinen zu errichten, und erinnere Dich dabei, daß man sie ganz kühn bei den drei goldnen Haaren ergreifen muß, um sich ihrer Gunst zu versichern. Eigentlich hab' ich Dich schon hier, in Deinen Briefen, in Deinen Andenken und lieblichen Melodien und vor allem in Deinem Tagebuch, mit dem ich mich täglich beschäftige, um mehr und mehr Deiner reichen erhabenen Phantasie mächtig zu werden, doch möchte ich Dir auch mündlich sagen können, wie Du mir wert bist.

Deine Weissagungen über Menschen und Dinge, über Vergangenheit und Zukunft sind mir lieb und nützlich, und ich verdiene auch, daß Du mir das Beste gönnst. – Treues, liebevolles Andenken hat vielleicht einen bessern Einfluß auf Geschick und Geist als die Gunst der Sterne selbst, von denen wir ja doch nicht wissen, ob wir sie nicht den Beschwörungen schöner Liebe zu danken haben.

Von der Mutter schreib alles auf, es ist mir wichtig; sie hatte Kopf und Herz zur Tat wie zum Gefühl.

Was Du auf Deiner Reise gesehen und erfahren hast, schreib mir alles, lasse Dich die Einsamkeit nicht böslich anfallen, Du hast Kraft, ihr das Beste abzugewinnen.

Schön wär's, wenn das liebe Böhmer Gebirg' nun auch Deine liebe Erscheinung mir bescherte. Lebe wohl, liebstes Kind, fahre fort, mit mir zu leben, und lasse mich Deine lieben ausführlichen Briefe nicht missen.

Goethe.


An Goethe.

Dein Brief war ganz rasch da, ich glaubte, Deinen Atem noch darin zu erhaschen, noch eh' ich ihn gelesen hatte, hab' ich dem eine Falle gestellt, an der Landkarte bin ich auch gewesen. Wenn ich heute von hier abreiste, so läg' ich morgen früh zu Deinen Füßen; und wie ich an der weichen Molltonart Deines Schreibens erkenne, so würdest Du mich nicht lange da schmachten lassen, Du würdest mich bald ans Herz ziehen, und in stürmender Freude würde gleich Zimbeln und Pauken mit raschem Wirbelschlag ein durch Mark und Bein dringendes Finale der süßen Ruhe vorangehen, die mich in Deiner Gegenwart beglückt. Wem entdeck' ich's? Die kleine Reise zu Dir? – Ach, nein, ich sag's nicht, es versteht's doch keiner, wie selig es mich machen könnte, und dann ist es ja auch so allgemein, die Freude der Begeistrung zu verdammen, sie nennen es Wahnsinn und Verkehrtheit. – Glaub' nicht, daß ich sagen dürfte, wie lieb ich Dich habe, was man nicht begreift, das findet man leicht toll, ich muß schweigen. Aber der herrlichen Göttin, die mit den Philistern ihr Spiel treibt, hab' ich nach Deinem Wink und um meiner Ungeduld zu steuern, mit selbstgemachten Backsteinen schon den Grund zum Tempelchen gelegt. Hier male ich Dir den Grundriß: eine viereckige Halle in der Mitte ihrer vier Wände, Türen klein und schmal, innerhalb derselben eine zweite auf Stufen erhaben, die auch in der Mitte jeder Wand eine Tür hat; dieser Raum steht aber quer, also, daß die Ecken auf die vier Türen der äußeren Halle gerichtet sind; in diesem ein dritter viereckiger Raum, der auf Stufen erhöht liegt, nur eine Tür hat und wieder mit dem äußersten Raum gleich steht, die drei Ecken, welche sich durch den innersten Raum in dem zweiten abschneiden und durch große Öffnungen sich an denselben anschließen, während die vierte Ecke den Eingang zur Tür bildet, stellen die Gärten der Hesperiden dar, in der Mitte auf weichgepolstertem Thron die Göttin; nachlässig hingelehnt, schießt sie ohne Wahl nur spielend nach den goldnen Äpfeln der Hesperiden, die mit Jammer zusehen müssen, wie die vom Pfeil zufällig durchschoßnen Äpfel über die umwachte Grenze hinausfliegen. – O Goethe! Wer nun von außen die rechte Tür wählt und ohne langes Besinnen durch die Vorhalle grade zum innersten Tempel gelangt, den Apfel am fliegenden Pfeil kühn erhascht, wie glücklich ist der!

Die Mutter sagte: alle schönen Empfindungen des Menschengeistes, wenn sie auch auf Erden nicht auszuführen seien, so wären sie dem Himmel, wo alles ohne Leib, nur im Geist da sei, doch nicht verloren. Gott habe gesagt, er werde, und habe dadurch die ganze schöne Welt erschaffen, ebenso sei dem Menschen diese Kraft eingeboren, was er im Geist erfinde, das werde durch diese Kraft im Himmel erschaffen. Denn der Mensch baue sich seinen Himmel selbst und seine herrlichen Erfindungen verzieren das ewige unendliche Jenseits; in diesem Sinne also baue ich unserer Göttin den schönen Tempel, ich bekleide seine Wände mit lieblichen Farben und Marmorbildern, ich lege den Boden aus mit bunten Steinen, ich schmücke ihn mit Blumen und erfülle durchwandelnd die Hallen mit dem Duft des Weihrauchs, auf den Zinnen aber bereite ich dem glückbringenden Storch ein bequemes Nest, und so vertreibe ich mir die ungeduldige Zeit, die mich aus einer Aufregung in die andere stürzt. – Ach, ich darf gar nicht hinhorchen in die Ferne wie sonst, wenn ich in der waldrauschenden Einsamkeit auf das Zwitschern der Vögel lauschte, um ihr Nestchen zu entdecken. Jetzt am hohen Mittag sitz' ich allein im Garten und möchte nur fühlen – nicht denken – was Du mir bist; da kommt leise der Wind, als käm' er von Dir; er legt sich so frisch ans Herz – er spielt mit dem Staub zu meinen Füßen und jagt unter die tanzenden Mückchen, er streift mir die heißen Wangen, hält schmeichelnd den Brand der Sonne auf; am unbeschnittnen Rebengeländer hebt er die Ranken und flüstert in den Blättern, dann streift er eilend über die Felder, über die neigenden Blumen. Brachte er Botschaft? Hab' ich ihn recht verstanden? – Ist's gewiß? Er soll mich tausendmal grüßen vom Freund, der gar nicht weit von hier meiner harrt, um mich tausendmal willkommen zu heißen? – Ach, könnt' ich noch einmal ihn fragen! – Er ist fort; laß ihn ziehen zu andern, die auch sich sehnen, ich wende mich zu ihm, der allein mein Herz ergreift, mein Leben erneut mit seinem Geist, mit dem Hauch seiner Worte.

*

Montag.

Frag' nur nicht nach dem Datum, ich habe keinen Kalender, und ich muß Dir gestehen, es ist, als ob sich's nicht schicke für meine Liebe, daß ich mich um die Zeit bekümmere. Ach Goethe! Ich mag nicht hinter mich sehen und auch nicht vor mich. Dem himmlischen Augenblick ist die Zeit ein Scharfrichter, das scharfe Schwert, das sie über ihm schwingt, seh' ich mit scheuer Ahnung blitzen; nein, ich will nicht fragen nach der Zeit, wo ich fühle, daß die Ewigkeit mir den Genuß nicht über die Grenze des Augenblicks ausdehnen würde; aber doch, wenn Du wissen willst, über's Jahr vielleicht – oder in späterer Zeit, wann es doch war, daß mich die Sonne braun gebrannt hat und ich's nicht spürte vor tiefem Sinnen an Dich; so merk' es Dir, es ist grade, wo die Johannisbeeren reif sind, der spekulierende Geist des Bruders will sich in einem trefflichen Goose-beery vine versuchen, ich helfe keltern. Gesten abend im Mondlicht haben wir Traubenlese gehalten, da flogen unzählige Nachtfalter mir um den Kopf; wir haben eine ganze Welt träumerischer Geschöpfe aufgestört bei dieser nächtlichen Ernte, sie waren ganz irre geworden. Wie ich in mein Zimmer kam, fand ich unzählige, die das Licht umschwärmten, sie dauerten mich, ich wollte ihnen wieder hinaushelfen, ich hielt lange das Licht vors Fenster und habe die halbe Nacht mit zugebracht, es hat mich keine Mühe verdrossen. Goethe, habe doch auch Geduld mit mir, wenn ich Dich umschwärme und von den Strahlen Deines Glanzes mich nicht trennen will, da möchtest Du mir wohl auch gern nach Hause leuchten.

Bettine.

*

Dienstag.

Heute morgen hat der Christian, der auch Arzneiwissenschaft treibt, eine zahme Wachtel kuriert, die in meinem Zimmer herumläuft und krank war, er versuchte ihr einen Tropfen Opium einzuflößen, unversehens trat er auf sie, daß sie ganz platt und tot dalag. Er faßte sie rasch und ribbelte sie mit beiden Händen wieder rund, da lief sie hin, als wenn ihr nichts gefehlt hätte, und die Krankheit ist auch vorbei, sie macht sich gar nicht mehr dick, sie frißt, sie säuft, badet sich und singt, alles staunt die Wachtel an.

*

Mittwoch.

Heute gingen wir auf's Feld, um die Wirkung einer Maschine zu sehen, mit der Christian bei großer Dürre die Saaten wässern will; ein sich weit verbreitender Perlenregen spielte in der Sonne und machte uns viel Vergnügen. Mit diesem Bruder geh' ich gern spazieren, er schlendert so vor mir her und findet überall was Merkwürdiges; er kennt das Leben der kleinen Insekten und ihre Wohnungen, und wie sie sich nähren und mehren; alle Pflanzen nennt er und kennt ihre Abkunft und Eigenschaften, manchmal bleibt er den ganzen Tag auf einem Fleck liegen und simuliert, wer weiß, was er da alles denkt, in keiner Stadt gäb's so viel zu tun, als was seine Erfindsamkeit jeden Augenblick ausheckt; bald hab' ich beim Schmied, bald bei dem Zimmermann oder Maurer subtile Geschäfte für ihn, bei dem einen zieh' ich den Blasbalg, bei dem andern halte ich Schnur und Richtmaß. Mit der Nähnadel und Schere muß ich auch eingreifen; eine Reisemütze hat er erfunden, deren Zipfel sich in einen Sonnenschirm ausbreitet, und einen Reisewagen rund wie eine Pauke, mit Lämmerfell ausgeschlagen, der von selbst fährt; Gedichte macht er auch, ein Lustspiel hat er gemacht zum Lachen für Mund und Herz; auf der Flöte bläst er in die tiefe Nacht hinein selbstgemachte, sehr schöne brillante Variationen, die im ganzen Praginer Kreis widerhallen. Er lehrt mich reiten und das Pferd regieren wie ein Mann; er läßt mich ohne Sattel reiten und wundert sich, daß ich sitzen bleib' im Galopp. Der Gaul will mich nicht fallen lassen, er kneipt mich in den Fuß zum Scherz und daß ich Mut haben soll, er ist vielleicht ein verwünschter Prinz, dem ich gefall'. Fechten lehrt mich der Christian auch, mit der linken Hand und mit der rechten, und nach dem Ziel schießen nach einer großen Sonnenblume, das lern' ich alles mit Eifer, damit mein Leben doch nicht gar zu dumm wird, wenn's wieder Krieg gibt; heute abend waren wir auf der Jagd und haben Schmetterlinge geschossen, zwei hab' ich getroffen auf einen Schuß.

So geht der Tag rasch vorüber, erst fürchtete ich vor Zeitüberfluß allzulange Briefe zu schreiben oder Dich mit spekulativen Gedanken über Gott und Religion zu behelligen, weil ich in Landshut viel in der Bibel gelesen habe und in Luthers Schriften. Jetzt ist mir alles so rund wie die Weltkugel, wo denn gar nichts zu bedenken ist, weil wir nirgendwo herunterfallen können. Deine Lieder singe ich im Gehen in der freien Natur, da finden sich die Melodien von selbst, die meiner Erfindung den rechten Rhythmus geben; in der Wildnis mach' ich bedeutende Fortschritte, das heißt, kühne Sätze von einer Klippe zur nächsten. Da hab' ich einen kleinen Tummelplatz von Eichhörnchen entdeckt, unter einem Baum lagen eine große Menge dreieckiger Nüsse, auf dem Baum saßen zum wenigsten ein Dutzend Eichhörnchen und warfen mir die Schalen auf den Kopf, ich blieb still unten liegen und sah durch die Zweige ihren Ballettsprüngen und mimischen Tanz zu, was man mit so großem Genuß verzehren sieht, das macht einem auch unwiderstehlichen Appetit, ich habe ein ganzes Tuch voll dieser Nüsse, die man Bucheckern nennt, gesammelt und die ganze Nacht daran geknuspert wie die Eichhhörnchen; wie schön speisen die Tiere des Waldes, wie anmutig bewegen sie sich dabei, und wie beschreibt sich in ihren Bewegungen der Charakter ihrer Nahrungsmittel. Man sieht der Ziege gleich an, daß sie gerne säuerliche Kräuter frißt, denn sie schmatzt. Die Menschen seh' ich nicht gerne essen, da fühl' ich mich beschämt. Der Geruch aus der Küche, wo allerlei bereitet wird, kränkt mich, da wird gesotten und gebraten und gespickt; Du weißt vielleicht nicht, was das ist? – Das ist eine gewaltig große Nähnadel, in die wird Speck eingefädelt, und damit wird das Fleisch der Tiere benäht, da setzen sich die vornehmen, gebildeten Männer, die den Staat regieren, an die Tafel und kauen in Gesellschaft. In Wien, wie sie den Tirolern Verzeihung für die Revolution ausgemacht haben, die sie doch selbst angezettelt hatten, und haben den Hofer an die Franzosen verkauft, das ist alles bei Tafel ausgemacht worden, mit trunknem Mut ließ sich das ohne sonderliche Gewissenbisse einrichten.

Die Diplomaten haben zwar die List des Teufels, der Teufel hat sie aber doch zum besten, das sieht man an ihren närrischen Gesichtern, auf denen der Teufel alle ihre Intrigen abmalt. In was liegt denn die höchste Würde als nur im Dienst der Menschheit, welche herrliche Aufgabe für den Landesherrn, daß alle Kinder kommen und flehen: »Gib uns unser täglich Brot!« – Und daß er sagen kann: »Da habt! Nehmt alles, denn ich bedarf nur, daß ihr versorgt seid«, ja wahrlich! Was kann einer für sich haben wollen als alles nur für andre zu haben, das wäre der beste Schuldentilger; aber den armen Tirolern haben sie doch ihre Schulden nicht bezahlt. Ach, was geht mich das alles an, der Bote geht ab, und nun hab' ich Dir nichts geschrieben von vielem, was ich Dir sagen wollte, ach, wenn es doch käme, daß ich Dir bald begegnete, was gewiß werden wird, ja, es muß wahr werden. Dann wollen wir alle Welthändel sein lassen und wollen jede Minute gewissenhaft verwenden.

Bettine.


An Bettine.

Töplitz.

Deine Briefe, allerliebste Bettine, sind von der Art, daß man jederzeit glaubt, der letzte sei der interessanteste. So ging mir's mit den Blättern, die Du mitgebracht hattest, und die ich am Morgen Deiner Abreise fleißig las und wieder las. Nun aber kam Dein letztes, das alle die andern übertrifft. Kannst Du so fortfahren, Dich selbst zu überbieten, so tue es, Du hast so viel mit Dir genommen, daß es wohl billig ist, etwas aus der Ferne zu senden. Gehe Dir's wohl!

Goethe.

Deinen nächsten Brief muß ich mir unter gegenüberstehender Adresse erbitten, wie ominös! O weh! Was wird er enthalten?

Durch Herrn Hauptmann von Verlohren in Dresden.

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