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Goethes Briefwechsel mit einem Kinde

Bettina von Arnim: Goethes Briefwechsel mit einem Kinde - Kapitel 35
Quellenangabe
typeletter
booktitleGoethes Briefwechsel mit einem Kinde
authorBettine von Arnim
year1984
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32467-4
titleGoethes Briefwechsel mit einem Kinde
pages5
created20000619
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1835
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An Bettine.

Dein Brief, herzlich geliebtes Kind, ist zur glücklichen Stunde an mich gelangt, Du hast Dich brav zusammengenommen, um mir eine große und schöne Natur in ihren Leistungen wie in ihrem Streben, in ihren Bedürfnissen, wie in dem Überfluß ihrer Begabtheit darzustellen, es hat mir großes Vergnügen gemacht, dies Bild eines wahrhaft genialen Geistes in mich aufzunehmen, ohne ihn klassifizieren zu wollen, gehört doch ein psychologisches Rechnungskunststück dazu, um das wahre Fazit der Übereinstimmung da herauszuziehen, indessen fühle ich keinen Widerspruch gegen das, was sich von Deiner raschen Explosion erfassen läßt; im Gegenteil möchte ich Dir für einen innern Zusammenhang meiner Natur, mit dem, was sich aus diesen mannigfaltigen Äußerungen erkennen läßt, einstweilen einstehen, der gewöhnliche Menschenverstand würde vielleicht Widersprüche darin finden, was aber ein solcher vom Dämon Besessener ausspricht, davor muß ein Laie Ehrfurcht haben, und es muß gleichviel gelten, ob er aus Gefühl oder aus Erkenntnis spricht; denn hier walten die Götter und streuen Samen zu künftiger Einsicht, von der nur zu wünschen ist, daß sie zu ungestörter Ausbildung gedeihen möge; bis sie indessen allgemein werde, da müssen die Nebel vor dem menschlichen Geist sich erst teilen. Sage Beethoven das Herzlichste von mir, und daß ich gern Opfer bringen würde, um seine persönliche Bekanntschaft zu haben, wo denn ein Austausch von Gedanken und Empfindungen gewiß den schönsten Vorteil brächte, vielleicht vermagst Du so viel über ihn, daß er sich zu einer Reise nach Karlsbad bestimmen läßt, wo ich doch beinah' jedes Jahr hinkomme und die beste Muße haben würde, von ihm zu hören und zu lernen; ihn belehren zu wollen, wäre wohl selbst von Einsichtigern als ich Frevel, da ihm sein Genie vorleuchtet und ihm oft wie durch einen Blitz Hellung gibt, wo wir im Dunkel sitzen und kaum ahnen, von welcher Seite der Tag anbrechen werde.

Sehr viel Freude würde es mir machen, wenn Beethoven mir die beiden komponierten Lieder von mir schicken wollte, aber hübsch deutlich geschrieben, ich bin sehr begierig sie zu hören, es gehört mit zu meinen erfreulichsten Genüssen, für die ich sehr dankbar bin, wenn ein solches Gedicht früherer Stimmung mir durch eine Melodie (wie Beethoven ganz richtig erwähnt) wieder aufs neue versinnlicht wird.

Schließlich sage ich Dir noch einmal den innigsten Dank für Deine Mitteilungen und Deine Art mir wohlzutun, da Dir alles so schön gelingt, da Dir alles zu belehrendem, freudigem Genuß wird, welche Wünsche könnten da noch hinzugefügt werden, als daß es ewig so fortwähren möge; ewig auch in Beziehung auf mich, der den Vorteil nicht verkennt, zu Deinen Freunden gezählt zu werden. Bleibe mir daher, was Du mit so großer Treue warst, sooft Du auch den Platz wechseltest und sich die Gegenstände um Dich her veränderten und verschönerten.

Auch der Herzog grüßt Dich und wünscht, nicht ganz von Dir vergessen zu sein. Ich erhalte wohl noch Nachricht von Dir in meinem Karlsbader Aufenthalt bei den drei Mohren.

Am 6. Juni 1810. G.


An Goethe

Liebster Freund! Dem Beethoven hab' ich Deinen schönen Brief mitgeteilt, soweit es ihn anging, er war voll Freude und rief: »Wenn ihm jemand Verstand über Musik beibringen kann, so bin ich's.« Die Idee, Dich im Karlsbad aufzusuchen, ergriff er mit Begeistrung, er schlug sich vor den Kopf und sagte: »Konnte ich das nicht schon früher getan haben? – Aber wahrhaftig, ich hab' schon daran gedacht, ich hab's aus Timidität unterlassen, die neckt mich manchmal, als ob ich kein rechter Mensch wär', aber vor dem Goethe fürchte ich mich nun nicht mehr.« – Rechne daher darauf, daß Du ihn im nächsten Jahr siehst.

Nun antworte ich nur noch auf die letzten Punkte Deines Briefs, aus denen ich Honig sammle: Die Gegenstände um mich her verändern sich zwar, aber sie verschönern sich nicht, das Schönste ist ja doch, daß ich von Dir weiß, und mich würde nichts freuen, wenn Du nicht wärst, vor dem ich es aussprechen dürfte; und zweifelst Du daran, so ist Dir auch daran gelegen, und bin ich auch glücklicher, als mich alle gezählten und ungezählten Freunde je machen können. Mein Wolfgang, Du zählst nicht mit unter den Freunden, lieber will ich gar keinen zählen.

Den Herzog grüße, leg' mich ihm zu Füßen, sag' ihm, daß ich ihn nicht vergessen habe, auch keine Minute, die ich dort mit ihm erlebt habe. – Daß er mir erlaubte, auf dem Schemel zu sitzen, worauf sein Fuß ruhte, daß er sich seine Zigarre von mir anrauchen ließ, daß er meine Haarflechte aus den Krallen des bösen Affen befreite und gar nicht lachte, obschon es sehr komisch war, das vergesse ich gar nicht, wie er dem Affen so bittend zuredete; dann der Abend beim Souper, wo er dem Ohrenschlüpfer den Pfirsich hinhielt, daß er sich darin verkriechen sollte, und wie jemand anders das Tierchen vom Tisch herunterwarf, um es tot zu treten; er wendete sich zu mir und sagte: »So böse sind Sie nicht, das hätten Sie nicht getan!« – Ich nahm mich zusammen in dieser kitzligen Affäre und sagte: »Ohrenschlüpfer soll man bei einem Fürsten nicht leiden«; er fragte: »Hat man auch die zu meiden, die es hinter den Ohren haben, so muß ich mich vor Ihnen hüten«; auch die Promenade zu den jungen ausgebrüteten Enten, die ich mit ihm zählte, wo Du dazu kamst und über unsere Geduld Dich schon lange gewundert hattest, ehe wir fertig waren, und so könnte ich Dir Zug für Zug jeden Moment wieder herbeirufen, der mir in seiner Nähe gegönnt war. Wer ihm nah sein darf, dem muß wohl werden, weil er jeden gewähren läßt und doch mit dabei ist und die schönste Freiheit gestattet und nicht unwillig ist um die Herrschaft des Geistes und dennoch sicher ist, einen jeden durch diese großartige Milde zu beherrschen. Das mag ins Große und Allgemeine gehen, so wie ich's im Kleinen und Einzelnen erfahren habe. Er ist groß, der Herzog, und wächst dennoch, er bleibt sich selber gleich, gibt jeglichen Beweis, daß er sich überbieten kann. So ist der Mensch, der einen hohen Genius hat, er gleicht ihm, er wächst so lange, bis er eins mit ihm wird.

Danke ihm in meinem Namen, daß er an mich denkt, beschreibe ihm meine zärtliche Ehrfurcht. Wenn mir wieder beschert ist, ihn zu sehen, dann werde ich von seiner Gnade den möglichsten Ertrag ziehen.

Morgen packen wir auf und gehen hin, wo lauter böhmische Dörfer sind. Wie oft hat mir Deine Mutter gesagt, wenn ich ihr allerlei Projekte machte: »Das sind lauter böhmische Dörfer«, nun bin ich begierig, ein böhmisches Dorf zu sehen. Beide Lieder von Beethoven sind hier beigelegt, die beiden andern sind von mir, Beethoven hat sie gesehen und mir viel Schönes darüber gesagt, daß wenn ich mich dieser Kunst gewidmet hätte, ich große Hoffnungen darauf bauen könnte; ich aber streife sie nur im Flug; denn meine Kunst ist Lachen und Seufzen in einem Säckelchen, und über die ist mir keine.

Adieu! Vieles hole ich noch nach im böhmischen Schloß Bukowan.

Bettine.


An Goethe.

Bukowan im Praginer Kreis: Juli.

Wie bequem ist's, wie lieblich an Dich zu denken unter diesem Dach von Tannen und Birken, die den heißen Mittag in hoher Ferne halten. Die schweren Tannzapfen glänzen und funkeln mit ihrem Harze, wie tausend kleine Tagsterne, machen's droben nur noch heißer und hier unten kühler. Der blaue Himmel deckt mein hohes enges Haus; ich messe rücklings seine Ferne, wie er unerreichbar scheint, doch trug mancher schon den Himmel in der Brust; ist mir doch, als hab' auch ich ihn in mir festgehalten einen Augenblick, diesen weitgedehnten über Berg und Tal hinziehenden: über alle Ströme Brücken; durch alle Felsen, Höhlen; über Stock und Stein in einem Strich fort, der Himmel über mir, bis dort an Dein Herz, da sinkt er mit mir zusammen.

Liegt es denn nur in der Jugend, daß sie so innig wolle, was sie will? – Bist Du nicht so? Begehrst nicht nach mir? – Möchtest Du nicht zuweilen bei mir sein? – Sehnsucht ist ja doch die rechte Fährte, sie weckt ein höheres Leben, gibt helle Ahnung noch unerkannter Wahrheiten, vernichtet allen Zweifel und ist sie die sicherste Prophetin seines Glückes.

Dir sind alle Reiche aufgetan, Natur, Wissenschaft und Kunst, aus allen sind den Fragen Deiner Sehnsucht göttliche Wahrheiten zugeströmt. – Was hab' ich? Ich habe Dich auf tausend Fragen.

Hier in der tiefen Felsschlucht denk' ich so allerlei; – ich hab' mich einen halsbrechenden Weg heruntergewagt, wie werd' ich wieder hinaufkommen an diesen glatten Felswänden, an denen ich vergeblich die Spur suche, wo ich herabgeglitten bin. Selbstvertrauen ist Vertrauen auf Gott, er wird mich doch nicht stecken lassen! – Ich lieg' hier unter frischen hohen Kräutern, die mir die heiße Brust kühlen, viele kleine Würmchen und Spinnen klettern über mich hinaus, alles wimmelt geschäftig um mich her. Die Eidechsen schlüpfen aus ihren feuchten Löchern und heben das Köpfchen und staunen mich an mit ihren klugen Augen und schlüpfen eilig zurück; sie sagen's einander, daß ich da bin; – ich der Liebling des Dichters – es kommen immer mehr und gucken.

Ach, schöner Sommernachmittag! Ich brauch' nicht zu denken, der Geist sieht müßig hinauf in die kristallne Luft. – Kein Witz, keine Tugend, nackt und bloß ist die Seele, in der Gott sein Ebenbild erkennt.

Die ganze Zeit war Regenwetter, heute brennt die Sonne wieder. Nun lieg' ich hier zwischen Steinen auf weichem Moos von vielen Frühlingen her, die jungen Tannen dampfen heißes Harz aus und rühren mit den Ästen meinen Kopf. Ich muß jedem Fröschchen nachgucken, mich gegen Heuschrecken und Hummeln wehren, dabei bin ich so faul – was soll ich mit Dir schwätzen, hier wo ein Hauch das Laub bewegt, durch das die Sonne auf meine geschloßnen Augenlider spielt? – Guter Meister! Hör' in diesem Lispeln, wie sehr Du meine Einsamkeit beglückst; der Du alles weißt und alles fühlst und weißt, wie wenig die Worte dem innern Sinn gehorchen. – Wann soll ich Dich wiedersehen? – Wann? – Daß ich mich nur ein klein wenig an Dich anlehnen möge und ausruhen, ich faules Kind.

Bettine.

*

Wie ich gestern aus meiner Faulheit erwachte und mich besann, da waren die Schatten schon lang geworden; ich mußte mich an den jungen Birkenstämmchen, die aus den Felsritzen wachsen, aus meiner Untiefe heraufschwingen, das Schloß Bukowan mit seinen roten Dächern und schönen Türmen sah ich nirgends, ich wußte nicht, welchen Weg ich einschlagen sollte, und entschloß mich kurz, ein paar Ziegen nachzugehen, die brachten mich wieder zu Menschen, mit denen sie in einer Hütte wohnen, ich machte diesen verständlich, daß ich nach Bukowan wolle, sie begleiteten mich, der Tag ging schlafen, der Mond ging auf, ich sang, weil ich doch nicht mit ihnen sprechen konnte, nachher sangen sie wieder, und so kam ich am späten Abend an, ein paarmal hatte ich Angst, die Leute könnten mich irreführen, und war recht froh, wie ich in meiner kleinen Turmstube saß.

Ich bin übrigens nicht ohne Beschäftigung, so einsam es auch ist, an einem Morgen hab' ich mehrere Hundert kleine Backsteine gemacht, das Bauen ist meine Freude, mein Bruder Christian ist ein wahres Genie, er kann alles, eben ist das Modell einer kleinen Schmiede fertig geworden, das nun auch gleich im großen ausgeführt werden soll. Die Erfindungsgabe dieses Bruders ist ein unversiegbarer Quell, und ich bin sein bester Handlanger, soweit meine Kräfte reichen, mehrere ideale Gebäude stehen in kleinen Modellen um uns her in einem großen Saal, und da sind der Aufgaben so viele, die ich zu lösen habe, daß ich abends oft ganz müde bin, es hindert mich jedoch nicht, morgens den Sonnenaufgang auf dem Pedeetsch zu erwarten, ein Berg, der rund ist wie ein Backofen und hiervon den Namen trägt (denn Pedeetsch heißt auf Böhmisch Backofen), etwas erhöht über hundert seinesgleichen, die wie ein großes Lager von Zelten ihn umgeben, da seh' ich und abermals und abermals die Welt dem Licht erwachen; alleine und einsam wie ich bin, kämpft's in meiner Seele, müßte ich länger hier bleiben, so schön es auch ist, ich könnt's nicht aushalten. Vor kurzem war ich noch in der großen Wienstadt, ein Treiben, ein Leben unter den Menschen, als ob es nie aufhören sollte, da wurden in Gemeinschaft die üppigen Frühlingstage verlebt, in schönen Kleidern ging man gesellig umher. Jeder Tag brachte neue Freude und jeder Genuß wurde eine Quelle interessanter Mitteilungen, über das alles hinaus ragte mir Beethoven, der große, übergeistige, der uns in eine unsichtbare Welt einführte, und der Lebenskraft einen Schwung gab, daß man das eigne beschränkte Selbst zu einem Geisteruniversum erweitert fühlte. Schade, daß er nicht hier ist in dieser Einsamkeit, daß ich über seinem Gespräch das ewige Zirpen jener Grille vergessen möchte, die nicht aufhört mich zu mahnen, daß nichts außer ihrem Ton die Einsamkeit unterbricht. – Heute habe ich mich eine ganze Stunde exerziert, einen Kranz von Rosen mit dem Stock auf ein hohes steinernes Kreuz zu schwingen, das am Fahrweg steht, es war vergebens, der Kranz entblätterte, ich setzte mich ermüdet auf die Bank darunter, bis der Abend kam, und dann ging ich nach Hause. Kannst Du glauben, daß es mich sehr traurig machte, so einsam nach Hause zu gehen, und daß es mir war, als hänge ich mit nichts zusammen in der Welt, und daß ich unterwegs an Deine Mutter dachte, wenn ich im Sommer zum Eschenheimer Tor hereinkam vom weiten Spaziergang, da lief ich zu ihr hinauf, ich warf Blumen und Kräuter, alles, was ich gesammelt hatte, mitten in die Stube und setzte mich dicht an sie heran und legte den Kopf ermüdet auf ihren Schoß; sie sagte: »Hast Du die Blumen so weit hergebracht und jetzt wirfst du sie alle weg«, da mußte ihr die Lieschen ein Gefäß bringen, und sie ordnete den Strauß selbst, über jede einzelne Blume hielt sie ihre Betrachtung und sagte vieles, was mir so wohltätig war, als schmeichle mir eine liebe Hand; sie freute sich, daß ich alles mitbrachte, Kornähren und Grassamen und Beeren am Aste, hohe Dolden, schöngeformte Blätter, Käfer, Moose, Samendolden, bunte Steine, sie nannte es eine Musterkarte der Natur und bewahrte es immer mehrere Tage; manchmal bracht' ich ihr auserlesene Früchte und verbot ihr, sie zu essen, weil sie zu schön waren, sie brach gleich einen schöngestreiften Pfirsich auf und sagte: »Man muß allem Ding seinen Willen tun, der Pfirsich läßt mir nun doch keine Ruh', bis er verzehrt ist.« In allem, was sie tat, glaubt' ich Dich zu erkennen, ihre Eigenheiten und Ansichten waren mir liebe Rätsel, in denen ich Dich erriet.

Hätt' ich die Mutter noch, so wüßt' ich, wo ich zu Hause wär', ich würde ihren Umgang allem andern vorziehen, sie machte mich sicher im Denken und Handeln, manchmal verbot sie mir etwas, wenn ich aber doch als meinem Eigensinn gefolgt war, verteidigte sie mich gegen alle, und da holte sie aus in ihrem Enthusiasmus wie der Schmied, der das glühende Eisen auf dem Ambos hat, sie sagte: »Wer der Stimme in seiner Brust folgt, der wird seine Bestimmung nicht verfehlen, dem wächst ein Baum aus der Seele, aus dem jede Tugend und jede Kraft blüht, und der die schönsten Eigenschaften wie köstliche Äpfel trägt, und Religion, die ihm nicht im Weg ist, sondern seiner Natur angemessen, wer aber dieser Stimme nicht horcht, der ist blind und taub und muß sich von andern hinführen lassen, wo ihre Vorurteile sie selbst hin verbannen. Ei«, sagte sie, »ich wollte ja lieber vor der Welt zuschanden werden, als daß ich mich von Philisterhand über einen gefährlichen Steig leiten ließ, am End' ist auch gar nichts gefährlich als nur die Furcht selber, die bringt einem um alles.« Grad' im letzten Jahr war sie am lebendigsten und sprach über alles, mit gleichem Anteil, aus den einfachsten Gesprächen entwickelten sich die feierlichsten und edelsten Wahrheiten, die einem für das ganze Leben ein Talisman sein konnten; sie sagte: »Der Mensch muß sich den besten Platz erwählen, und den muß er behaupten sein Leben lang und muß all seine Kräfte daran setzen, dann nur ist er edel und wahrhaft groß. Ich meine nicht einen äußern, sondern einen innern Ehrenplatz, auf den uns stets diese innere Stimme hinweist, könnten wir nur das Regiment führen in uns selbst, wie Napoleon das Regiment der Welt führt, da würde sich die Welt mit jeder Generation erneuern und über sich selbst hinausschwingen. So bleibt's immer beim Alten, weil's halt keiner in sich weiter treibt wie der vorige, und da langweilt man sich schon, wenn man auch eben erst angekommen ist, ja, man fühlt's gleich, wenn man's auch zum erstenmal hört, daß die Weisheit schon altes abgedroschnes Zeug ist.« – Ihre französische Einquartierung mußte ihr viel von Napoleon erzählen, da fühlte sie mit alle Schauer der Begeisterung; sie sagte: »Der ist der Rechte, der in allen Herzen widerhallt mit Entzücken, Höheres gibt es nichts, als daß sich der Mensch im Menschen fühlbar mache«, und so steigere sich die Seligkeit durch Menschen und Geister wie durch eine elektrische Kette, um zuletzt als Funken in das himmlische Reich überzuspringen. – Die Poesie sei dazu, um das Edle, Einfache, Große aus den Krallen des Philistertums zu retten, alles sei Poesie in seiner Urpsprünglichkeit, und der Dichter sei dazu, diese wieder hervorzurufen, weil alles nur als Poesie sich verewige; ihre Art zu denken hat sich mir so tief eingeprägt, ich kann mir in ihrem Sinn auf alles Antwort geben, sie war so entschieden, daß die allgemeine Meinung durchaus keinen Einfluß auf sie hatte, es kam eben alles aus so tiefem Gefühl, sie sagte mir oft, ihre Vorliebe für mich sei bloß aus der verkehrten Meinung andrer Leute entstanden, da habe sie gleich geahnet, daß sie mich besser verstehen werde. – Nun, ich werde mich noch auf alles besinnen; denn mein Gedächtnis wird mir doch nicht weniger treu sein wie mein Herz. Am Pfingstfest, in ihrem letzten Lebensjahr, da kam ich aus dem Rheingau, um sie zu besuchen, sie war freudig überrascht, wir fuhren ins Kirschenwäldchen; es war so schön Wetter, die Blüten wirbelten leise um uns herab wie Schnee, ich erzählte ihr von einem ähnlichen schönen Feiertag, wie ich erst dreizehn Jahr' alt gewesen, da hab' ich nachmittags allein auf einer Rasenbank gesessen, und da habe sich ein Kätzchen auf meinen Schoß in die Sonne gelegt und sei eingeschlafen, und ich bin sitzen geblieben, um sie nicht zu stören, bis die Sonne unterging, da sprang die Katze fort. Die Mutter lachte und sagte: »Damals hast du vom Wolfgang noch nichts gewußt, da hast du mit der Katze vorlieb genommen.«

Ja, hätte ich die Mutter noch! Mit ihr brauchte man nicht Großes zu erleben, ein Sonnenstrahl, ein Schneegestöber, der Schall eines Posthorns weckte Gefühle, Erinnerung und Gedanken. – Ich muß mich schämen vor Dir, daß ich so verzagt bin. Bist Du mir nicht gut und nimmst mich auf wie eine gute Gabe? – Und kann einer Gabe annehmen, der sich nicht hingibt der Gabe? – Und ist das Gabe, die nicht ganz und immerdar sich gibt? Geht auch ein Schritt vorwärts, der nicht in ein neues Leben geht ? – Geht einer rückwärts, der nicht mit dem ewigen Leben verfallen wäre? – Siehst Du, das ist ein sehr einfaches Rechenexempel, warum man nicht verzagen soll, weil das Ewige keine Grenze hat. Wer will der Liebe, wer kann dem Geist Grenzen setzen? – Wer hat je geliebt, der sich etwas vorbehalten habe? Vorbehalt ist Selbstliebe. Das irdische Leben ist Gefängnis, der Schlüssel zur Freiheit ist Liebe, sie führt aus dem irdischen Leben ins Himmlische. – Wer kann aus sich selbst erlöst werden ohne die Liebe? Die Flamme verzehrt das Irdische, um dem Geist grenzenlosen Raum zu gewinnen, der auffliegt zum Äther; der Seufzer, der sich in der Gottheit auflöst, hat keine Grenze. Nur der Geist hat ewige Wirkung, ewiges Leben, alles andre stirbt. Gute Nacht; gute Nacht, es ist um die Geisterstunde.

Dein Kind, das sich an Dich drängt aus
Furcht vor seinen eignen Gedanken.

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